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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1955-06-01 · 6 (Junio, 1955) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVII (1955)
Issue
6 (Junio, 1955)
Date
1955-06-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 Junio, 1956 BOLETIN INFORMATIVO Â!/ Im Sammelbuch “Pamaljah”, findet sich neben vielen anderen bemerkenswerten dichterischen Sehoepfungen in Prosa und Poesie als Beitrag des heute 28-jaehrigen Mila Ohel eine Erzaehlung “Avelim” (“Die Trauernden”), der die nachfolgenden Bruchstuecke mit Kuerzungen entnommen sind. Ohel kam als Zehnjaehriger aus seiner Heimatstadt Wilna mit seinen Eltern im Jahre 1935, ins Land, absolvierte ein Gymnasium in Petach Tikwah, war noch in der Mandatszeit in der Haganah und als Ililfspolizisit taetig, nahm als Funker in der britischen Kriegsmarine am zweiten Weltkrieg teil und ging in einen Kibbuz, nachdem er in unserem Befreiungskrieg an der Front gekaempft hatte. Heute ist er Lehrer in Tivoli. In den hebraeischen Tageszeitungen und Zeitschriften ist er mit einer ganzen Reihe von Arbeiten hervorgetreten, die gelegentlich preisgekroent wor. den sind. Die Trauernden Von MILA OHEL DER SOHN Ich wusste es schon laengst. Mich ueberrascht es nicht, dies Schicksal. Oder, um es ‘genauer zu sagen —ich war der Meinung, mir koenne nichts widerfahren, was mich ueberraschte. Immer wieder sagte ich mir in diesen letzten Jahren: Vater hat zwei Herzattacken hinter sich, und die dritte steht bevor... ich wusste es. Aber jetzt sehe ich, zum Teufel, dass das satanische Schicksal gleich zwei giftige Pfeile fuer mich im Koecher hatte, nicht nur den tueckischen Schlag selbst, sondern auch die Stunde, da er mich ueberkam. Und damit hatte ich nicht gerechnet... Am Mittwoch hatte ich nicht gerechnet... Am Mittwoch hatte ich mich mit ihnen in der Kommando - Zentrale veruneinigt. Ich hatte ihnen erkleart, dass ich Ende der Woche in Urlaub gehen werde, komme, was da kommen wolle, und diesen Beschluss durchzu. fuehren, war ich um jeden Preis entschlossen. Donnerstagabend war es, dass mich die Depesche mit der Aufforderung erreichte, unverzüglich zur Formation zurueckzukehren. Ich sagte: “Sollen sie zur Hoelle fahren!” und schmiss das Telegramm in den Papierkorb, Freitag frueh als wir am Tisch sassen, erklaerte ich dem Vater: “Hoer mal, ich komme mit Dir mit, ich will mal sehen, wie sich’s in Deinem neuen Jeer faehrt”. Und er: “Bleib heute zu Hause, pass auf Mutter auf, bei mir im Buero ist nichts zu sehen, komm ein andermal, es wird schon Gelegenheit sein! Ich fuegte mich. Und mittags war es, dass ich die Leiche aus dem Jeep herausholte... DIE CROSSE TOCHTER Sagt mir nichts! Nein, ich hoere mit dem Zigarettenrauchen nicht auf. Wie kann ichs Euch deutlich machen, dass ich ihn nur sehe, wenn der Rauch der Zigarette aufsteigt. Verzieht sich der Rauch, entschwindet auch sein Bild. Denkt ueber mich, was Ihr wollt: sie ist verrueckt, sie ist versnobt, sie ist versnobt, sie weiss sich nicht zu helfen — ist mir gleichgueltig. Denkt was Ihr wollt, aber lasst mich in Ruhe, denn sonst... sonst explodiere ich! Mutters wegen halte ich an mich — ich will mich nicht mehr als sie gehen lassen, Schon tausendmal war es, und die Traenen stiegen mir auf, und ich schluckte sie herunter. Ach, Vater, Vater — vielleicht lebst Du noch, und all das, was uns widerfahren ist, ist nichts als ein boeser, schrecklicher Traum, Aber diesmal wirst Du mir nichts weissmachen, auch wenn Du mir wieder den Kose - Namen Lubotschka gibst, den Du so geliebt hast. Ich bin erwachsen, Vater: mich kannst Du mit einer Zaertlichkeit, einem Kuss, mit-Bonbons nicht mehr in die Irre fuehren, Versuch nicht wieder, und leg es nicht darauf an, mich mit D e in e r so eindringlichen Stimme weich zu machen, und mit den Worten: “Dummerchen, was kommts schon drauf an? Eine Stunde vor, oder eine Stunde spaeter...” Versuch das nicht mehr, Vater! Es wuerde nichts helfen. Ich weiss mit Psychologie ganz gut Bescheid: mir ist klar, worauf Du abzielst, oder abzieltest, mir macht es nicht aus. Und dann pflegtest Du zu sagen: “Oho, mein kleines, grosses Maedchen, Du willst mir also den Kopf verdrehen? Geweint hast Du, erzuernt! hast Du mich, vor Schmerz hast Du geschrieen, und meinen Jeep hast Du gehasst — so ists? Und hast Du vergessen, wie es anfangs war?” “Ich habe nicht vergessen. Vater, und es stimmt, dass ich Deinen Wagen anfangs nicht nur nicht gehasst habe, sondern geliebt”. “Aber, Lubotschka also habe ich nicht bedacht, dass Du Dein Gymnasium absolviert hast und Lehrerin bist, und eine Meisterin im Polemisieren? Sieh mal, wir, die Vaeter, hatten es so schwer, uns damit abzufinden wie Ihr Kinder heranwachst”. “Brauchst Dich nicht zu entschuldigen, Papa! Weiss Gott, dazu liegt keine Notwendigkeit vor — und ich wusste wirklich nicht, ob es einen zweiten so verstaendnisvollen, so wunderbaren Vater wie Dich jemals gegeben hat. Weist Du denn nicht, was ich fuer Dich empfinde? Hoer auf mit diesen Entschuldigungen!” “Und nun uebertreibst Du, mein Kind. Wie damals, als Du noch klein warst, gehst Du auch jetzt ins Extreme, was mich betrifft... Aber ich spuere, Du hast irgendetwas mit Recht -gegen mich einzuwenden. Sags mir jetzt, ehe es zu spaet ist...”. “Was redest Du, um Gottes willen? Was heisst das; ehe es zu spaet ist?” “Nun fuer jeden Menschen kommt die letzte Stunde. Was tust Du so, Kind, als ob Du nicht verstuendest, was ich meine? Ihr, meine Lieben, wisst doch, will es mir scheinen, mit meiner Krankheit besser als ich Bescheid...” .. .Warum schweigst Du, Vater, warum antwortest Du nicht? Sprich, Liebster! Was ist los?” “Ach, eigentlich gar nichts. Ich dachte nur daran wie es gestern war, als mein wagen vor dem Haus hielt und ich gerade noch in der Lage war, die Hand zu heben, um dem Chauffeuer zu zeigen, wo ich wohne. Und dann fiel ich um... Und ploetzlich denke ich daran, wie es war, und Du fehltest, als alle züsammenliefen, und der Chauffeur entsetzt aufschrie. Du warst nicht da, aund das tut mir weh, ein bisschen... “Hab mich also verspaetet, Vater — wie schrecklich ist 6S 1M. ‘‘Lubotschka, reg Dich darueber nicht auf. Es ist nicht so wichtig, wie Du denkst. Denn ich hatte ja,.. nun, wie nennt man das... ich hatte das Bewusstsein ja schon verloren. .. ” DIE Bin ich noch ein kleines Kind? Ich bin es noch, wenn ich davon ausgehe, wie sie alle mich behandeln, die Erwachsenen und sogar Mama. Sie lassen mich-allein, ich muss beiseite stehen. Und ich draenge mich nicht auf, ich tue so, als merke ich nichts, auch wenn Mutter mit meinem Bruder und meiner grossen Schwester zusammensitzt. Nein, ich bin darueber gewiss nicht ausser mir. Sie meinen es gut, ich weiss es. Sie wollen mich nicht aufregen, sie wollen verhindern, dass es wirr in meinem Herzen zugeht — ich weiss es und nehme es ihnen nicht uebel. Sie lassen es damit genug sein, dass ich mich am Hals meiner kleinen Freundinnen ausweine, und sie-meinen, mich so in meiner Unwissenheit festhalten zu koennen. Aber — aber gestern frueh, als Vater zur Arbeit fuhr, setzte er uns an der Schule ab, winkte mit der Hand und rief: “Wenn Ihr nach Hause kommt, helft Mutter, denn i nicht wahr, heute ist Dein Geburtstag, Kleine!” Ach, was fuer ein Geburtstag! Heute haette er also stattfinden muessen. Und alle Kuchen . waren da, und alle Leeker- I reien... Und wie sie mich, die Kleine, nach Hause brachten, war meine erste Frage (meinten sie) natuerlich nach diesem Geburtstag | Ich laufe weg, weit weg! Ich, “die Kleine”, die erst nach einem Tag oder zweien (meinen sie) fragen wird, wo Vater geblieben ist, und nichts verstehen wird! Mama, und wie wirst Du es mir dann erklaeren? Wirst Du Deinem Toechterlein sagen, er ist weggefahren, er ist im Himmel? Und wird das dumme Nesthaeckchen so was glauben? Ich beneide Dich nicht, Mutter! Aber Moment, Moment, Woher weiss man wirklich, dass er tot ist? Woher? Vielleicht ist er nur ohnmaechtig geworden, Jeder Mensch kann ohnmechtig werden, sogar Vater, so stark er ist. Warum hat man ihn gleich weggebracht — und wuesste ich nur wohin! — und nicht ins Haus? Vielleicht ruht er sich irgendwo nur aus, wie er es manchmal tut. Mir hat niemand verraten, wo er ist, aber ich glaube zu wissen: irgendwo liegt er in einem einsamen Zimmer auf einem Bett oder einer Bahre und sie wollten ihn nur deshalb nicht im Hause haben, damit Mutter nicht noch ungluecklicher ist. Hoert mal, Ihr Erwachsenen — aber so geht es doch nicht! So macht man das doch nicht! Einen Menschen, der die Besinnung verloren hat, laesst man doch nicht allein! Aber dann muss er doch sterben! Ich muss es ihnen sagen, den Erwachsenen. Immer denken sie, sie wissen alles besser, und dabei machen sie lauter Unsinn... Sie muessten... Moment, Moment! Und die DIE FRAU, UND DIE “Es ist so lange her, dass wir zusammengessen haben! Vielleicht ist es schon Jahre her, dass Ihr beide mich nicht von beiden Seiten, so umarmt habt! Ein ander Mal haette mich diese Zaertlichkeit gewiss zu Traenen der Freude geruehrt!” “Mutter... ” “Und erinnert Ihr Euch noch, wie es vor einem Jahr war, genau vor einem Jahr? Damals feierten wir Silber hochzeit, nicht wahr?” “Ja, aber sprich nicht davon, Mutter”. “Damals waren wir sechs, und jetzt sind wir nur noch fuenf. Und werden immer fuenf bleiben. Nein! Wir werden immer weniger werden. So liegt es in der Natur — von der Spitze gehts wieder abwaerts’. Mutter, bitte!” “Ihr habt recht, Kinder. Ich verbittere Euch das Leben und das sollte ich nicht tun, Ihr habt ein besseres Los verdient.” “Du verbitterst uns das Leben nicht. Dir selbst machst Du es nur noch schwerer, das ist alles”. "Und ist das so wichtig? Mir scheint, jetzt ist nichts mehr so schwer, dass es nicht zu tragen waere. Wenn man so wie er weggeht, ist es, als wenn die Bruecken hinter einem verbrannt werden, oder etwa nicht? “Sprich nur, Mutter, wenn Du so meinst”. “Ja?” “Ganz gewiss”. “Aber es hat doch keinen Zweck”. “Doch, Du solltest...” “Vielleicht. Mir ist zumute, als muesste ich jetzt ohne Grenzen auf Euch hoeren. Es gibt Augenblicke, in denen ich mir wie ein Kind vorkomme, so, als ob jeder kleine Ratschlag ueber Tod und Leben fuer mich bestimmt... Glaubst Du nicht, wenn Du darauf bestanden haettest, ihn morgens zu begleiten, lieber Junge...” “Was haette das geändert?” “Vielleicht waere nichts passiert”. "Unsinn, Mutter!” “Sag das nicht. Es schmerzt Aerzte? Gibt es denn keine Aerzte in der Welt mehr? Hat man sofort einen Arzt fuer ihn aufgetrieben? Und was, wenn der Arzt gesagt hat: es ist zu Ende. Was heisst denn das: zu Ende?! Ich verstehe nichts. Dazu braucht man Aerzte? Das soll eine Kunst sein, jemandem in den Hals zu sehen, oder ihm eine Salbe auf den Ruecken zu streichen, oder ihm einen Verband anzulegen! Ich will meinen Vater zurueckhaben! Ja! Sie sollen ihn nicht sterben lassen! Warum muss er sterben? Er ist noch so jung, so stark, ein so guter Mensch, hat niemandem was Boeses getan, sorgt fuer uns alle — nein, er darf nicht sterben! Viel aeltere Leute als er gehen durch die Strassen und leben — wo ist Gerechtigkeit? Warum passen die Aerzte nicht besser auf? Ein wirklicher Arzt muesste aufpassen, dass junge Menschen nicht ploetzlich sterben! Und sagt jetzt nicht, dass ich lauter Unsinn rede; ich weiss, was ich rede. Ich bin kein Kind mehr, das an Geburtstage denkt, wenn Vater stirbt! DER SOHN TOCHTER mich, dies Wort Unsinn”. “Sei nicht boese, Mutter, ich meinte es nicht so”. “Ich weiss... Aber schon morgens fuehlte er sich nicht wohl. Und wenn Du bei ihm gewesen waerst, haettest Du ihn sofort nach Hause gebracht” . “Ich haette ihn nicht nach Hause gebracht”. “Warum?” “Weil er nicht nach Hause gekommen waere. Kennst Du Vater so schlecht?” “Ja, das stimmt”. “Ueberhaupt wundere ich mich, dass er nachher einen Chauffeur nahm und ihn bat, ihn nach Hause zu bringen. Vater, ein Mann wie er, und zeigt den anderen, dass es ihm nicht gut geht! Erstaunlich!” “Ich glaube, Kinder er fuerchtete, allein am Steuer wuerde er nicht bis nach Hause kommen. Und er wollte nach Hause, seht Ihr? Darum nahm er einen Chauffeur. ..” ... Mutter, wusste Vater, wie es um ihn stand?” “Nein, ich habe es ihm nicht gesagt. Vielleicht hatte er so ein Gefuehl, aber wir haben nie darueber gespro. chen”. “Das war nur richtig, Mutter”. “Wirklich, meint Ihr? ...Ich habe auf jede Art und Weise veruscht, ihm verstaendlich zu machen, in welcher Gefahr er war, aber er liess sich nicht beeinflussen, und am Ende erinnerte ich mich an ein schreckliches Wort, das Du mir einmal vorgehalten hast: Mach aus Vater keinen toten Mann, solange er lebt!” “Es tut mir leid, Mutter.” “Es braucht Dir nicht leid zu tun. Und wenn ich Tag und Nacht vor ihm auf den Knieen gelegen haette, haette ich ihn doch nicht beeinflussen koennen.” “Mutter, versuch, damit fertig zu werden, Sei stark wie ein Felsen!” "Ich werde es sein, Kinder. Wenn Ihr es fertig bringt, werde auch ich es fertig bringen. ich... verspreche... es... Euch.” C3D

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