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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1955-04-01 · 4 (Abril, 1955) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVII (1955)
Issue
4 (Abril, 1955)
Date
1955-04-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Abril, 1955 BOLETIN INFORMATIVO 9 Der Praesident Israels VON GERSON AGRON Amerikanische Zionisten der vorigen Generation werden sich erinnern, dass 1916, als der erste Weltkrieg tobte, zwei junge Maenner aus Palaestina nach New York kamen. Einer war Jizchak Ben Zwi und der andere David Ben Gurion. Alphabetisch kam Ben Gurion vor Ben Zwi, aber in ihrer Teilhaberschaft war es umgekehrt; da hiess es Ben Zwi und Ben IGurion. Sie kamen a 1 s Fluechtlinge aus jener kleinen Ecke des Ottomanischen Reiches, die Jamal Pascha, Oberkommandierender an der suedsyrischen Front, mit eiserner Hand regierte. Dass sie Palaestina verlassen durften, war einer der seltenen Gnadenakte Jamals. Als das kleine Tel Aviv, evakuiert wurde, weil Jaffa so nahe an der Front lag, wurden viele Fuehrer nach Damaskus verbannt, wo einige in tuerkischen Gefaengnissen umkamen. Damals erhielten diese beiden Arbeiterzionisten die Erlaubnis zur Ausreise, allerdings unter der Bedingung, niemals zurueckzukehren. In New York kannte man die beiden jungen Maenner — der aeltere war 32 Jahre, der andere zwei Jahre juenger — nur unter ganz wenigen Zionisten, deren Kontakt mit der winzigen Arbeiterpartei Palaestinas auch recht gering war. Man kannte sie in der Arbeiterpartei Poale Zion, die sie als Organisatoren der Arbeit in Palaestina und als deren Theoretiker verehrten. Vor 37 Jahren wusste man in Amerika so gut wie nichts von Chaluziut, und die beiden jungen Maenner begannen eine Hechaluz-Bewegung zu organisieren. Als Pinchas Rutenberg aus Russland zum Juedischen Kongress kam, standen die beiden an seiner Seite und elektrisierten die jiddischsprechende Abteilung der amerikanischen Judenheit zugunsten der Bewegung, um den Grund fuer die juedische Sache auf der Friedenskosnferenz vorzubereiten. Ein Fond fuer Chaluziut wurde geschaffen mit der neuen und seltsamen Idee, die Juden sollten den Englaendern helfen. Palaestina von den Tuerken zu befreien. So wird die Juedische Legion geboren, die 5000 Mann aus USA und Kanada rekrutierte und an Allenbys Sieg teilnahm. Dies waren die Tage des provisorischen Exekutivcomites fuer zionistische Angelegenheiten unter der Leitung von Louis D. Brandeis, mit Schmarjahu Levin als dem beredten Vermittler zwischen Ost und West — East Side und Washington. Schmarjahu Levin kannte die “Ben’s” und wusste, was sie wert seien; New York East Side kannte sie weniger gut. Die jiddische Presse war damals nicht zionistisch, und die sympathisierenden Zeitungen erwaehnten den Arbeiter-Zionismus nur kurz. Ben Zwi und Ben Gurion brachten es unter anderem fertig, eine historische Geographie des Heiligen Landes zu verfassen. Wahrscheinlich war es die erste ihrer Art. Die beiden Exilierten gossen in das Buch all ihre Kenntnisse und all ihre Sehnsucht nach Israel, Jamal Paschas “Niemals” war so kurz, wie viele andere “Niemals” in der Geschichte, Ben Zwi und Ben Guriön kehrten 1918 zurueck als Teil der vierten Abteilung der amerikanisch-juedischen Legion. Meine eigene Abteilung war innen ein oder zwei Monate nach England vorausgegangen, wo wir fuer die Palaestinafront eingeuebt wurden. In einer kalten Nacht wanderten einige von uns Veteranen die wenigen Meilen von Egg Buckland Camp zur Eisenbahnstation von Ply. Nachtpatrouille Jedem Fremden, der nach Jerusalem kommt, wird es bald auffallen, dass er weder bei Tag noch bei Nacht — von ein paar berittenen Verkehrspolizisten abgesehen — einen Polizisten auf der Strasse sieht. Dies haengt aber keineswegs damit zusammen, dass Jerusalem eine der solidesten Grosstaedte der Welt ist, wo man nach neun Uhr abends die Passanten an fuenf Fingern abzaehlen kann, sondern damit, dass hier der Sicherheitsdienst ausschliesslich von den Tag und Nacht patrouillierenden Streifenwagen der Polizei auf rechterhalten wird. Diese, aeusserlich nur durch die Nummerntafeln erkennbaren Autos stehen mit der Zentrale in staendiger Funkverbindung. Jeder Wagen hoert nicht nur die an ihn, sondern auch die an alle anderen Patrouillen gerichteten Befehle, so dass saemtliche Streifenwagen jederzeit ueber alles, was in der Stadt vorfaellt, unterrichtet, sind, wie andererseits die Zentrale in jedem Augenblick weiss, wo sich die einzelnen Wagen befinden. Sie kann also derart ueber ihn disponieren, dass spaete. stens fuenf Minuten nach einer Meldung eine Patrouille am Tatort eintrifft. Im allgemeinen ist dieser Dienst Routinearbeit, da ja, wie gesagt, Jerusalem nicht nur eine heilige, sondern auch eine ein wenig schlaefrL *»-• WS# ge Stadt ist, in der es selbst die Diebe zumeist vorziehen, bei Nacht zu schlafen. Da sie aber hart an der arabischen Grenze liegt, aendert sich das Bild dennoch ein wenig, nachdem die Sonne untergegangen ist. Bei Nacht kommen naemlich die Banden aus dem arabischen Gebiet herueber, um zu stehlen und wenn es ihnen notwendig erscheint, auch zu schiessen. Wir, der Fotograf und ich, nahmen nun einige Male an derartigen Patrouillenfahrten teil, um ein Bild dieser nicht ganz leichten Polizeiarbeit zu bekommen. mouth, um die eben Angekommenen zu begruessen und mit ihnen gemeinsam zurueck zumaschieren. Da waren sie, die beiden Ben’s, in ihrer schlecht gefuetterten Kaki- Jacke, die sie bekommen hatten, nachdem sie des “Koenigs Schilling” in Neüschottland, Kanada, genommen hatten — da waren sie als britische Soldaten. Einer war schmal, karg und irgendwie schlottrig. Das war Ben Zwi. Der andere war Ben Gurion— kurz, breit, gespannt in seiner Ungeduld und nur halb resigniert gegenueber dem “Militarismus”, und der Zeit, die er abwarten musste, um nach Palaestina zu kommen. Heute, 36 Jahre spaeter, wurden 21 Kanonenschuesse in Jerusalem abgegeben, als Premierminister Ben Gurion den Kandidaten seiner Wahl abholte, um ihn in sein Amt als Praesident Israels als Nachfolger von Chaim Weizmann einzufuehren. Die Ereignisse hatten die Partnerschaft der beiden Maenner unterbrochen, ohne ihnen die Freundschaft zu nehmen. Viele Jahre lang war das “Team” B6n Gurion-Ben Zwi nun entfernt von seinem Vor. gaenger Ben Zwi-Ben Gurion. Der eine Mann wurde von der Logik der Ereignisse erst zum Wir fuhren langsam durch die stillen Strassen und Gassen der Stadt, rauchten eine Zigarette nach der anderen und konnten vorerst keinen Unterschied zwischen dieser und der Fahrt in einem gewoehnlichen Auto feststellen, es sei denn, dass das Funkgeraet alle Augenblicke irgendwelche, uns zuerst unverstaendliche Mitteilungen machte. Ploetzlich aber kam der Befehl, nach einem weit draussen im Gebirge liegenden Vorort zu fahren, wo eine etwas unklare Angelegenheit zu untersuchen sei. Wir fuhren durch das Bergland, um — an Ort und Stelle konstatieren zu koennen, dass es sich um einen Familienstreii handelte. Ein aus dem Kurdistan stammender Gentleman wollte einen Streit zwischen seinen beiden Frauen schlichten, die aber augenblicklich gegen ihn gemeinsame Front machten und ihm die Nase blutig schlugen Nachdem der Polizeioffizier eine halbe Stunde dem Wortschwall der Beteiligten und aller Nachbarn standgehalten hatte, gelang es ihm, den Familienfrieden wiederherzustellen. Als wir wieder abfahren wollten, stuerzte ein Mann aus dem Nebenhaus und beschwor uns, seine von Geburtswehen ergriffene Frau ins Spital zu bringen. Da das Radio keinen dringenden Fall meldete, sausten wir mit der Woechnerin ins Spital, wo es sich natuerlich herausstellte, dass sie ganz gut noch einen Tag haette warten koennen. Langsam fahren wir weiter. Gelegentlich wird da und dort ein Passant zur Ausweisleistung angehalten, da in gewissen Vierteln der Stadt, wo man gewohnt ist, um neun Uhr schlafen zu gehen, jede Bewegung nach dieser Stunde verdaechtig ist, Ploetzlich meldet das Radio, dass im'Suedwesten der Stadt Schuesse gehoert würden und schon rasen wir in die angegebene ‘ Richtung. Ehe wir aber noch die Stadtgrenze erreicht haben, kommt Gegenbefehl: eine Raeuberbande hat einen Steinbruch im Gebirge angegriffen und die Polizei der Dorfdistrikte hat die Sache uebernommen. Der Fo- Leiter der Arbeiterbewegung bestimmt und dann zu dem des Staates; der andere verschwand ein wenig von der Oberflaeche, reserviert, mehr bereit zu hoeren als gehoert zu werden. Ben Zwi konnte, wenn die Notwendigkeit bestand gestossen werden, er konnte die Aufgaben ausfuehren, die man ihm auftrug, aber er war immer gern bereit, sich zu seinen Forschungen in das Holzhaeuschen zurueckzuziehen, das sein Heim war, auf einer ven Jerusalems aristokratischsten Strassen, um dort etwa einem Stein die Geheimnisse seiner Herkunft oder seiner Geschichte abzulauschen oder einem seltenen semitischen Wort auf seinen Ursprung zu kommen. Der Mann, der heute der zweite Prae-ident von Israel ist, war einige siebzehn Jahre lang Chef des Nationalrates der palaestinensischen Juden. Vorher war er mit David Yellln vom Jischuw als einer der beiden Maenner gewaehlt worden, die im Beirat des britischen Hochkommissars sassen. In den fruehen zwanziger Jahren, als sich die juedischen M i t gl i e d e r im Protest gegen die Anti-Einwanderungspolitik der Regierung befanden, uebernahm k, / * .tv |¡gi¡§í§ i '," *£■-; tograf seufzt bedauernd auf. Da aber schnell darauf eine Meldung kommt, dass das Auto eines Diplomaten vor einem Hotel im Stadtzentrum gestohlen wurde, werden wir wieder etwas hoffnungsvoller. Und richtig: wir kommen gerade zur richtigen Zeit, um eine Polizeiaktion zu fotografieren. Das Auto war naemlich nicht gestohlen worden und der Photograph hat Gelegenheit, den Fachmann fuer Fingerabdruecke bei der Arbeit aufzunehmen. Die Diebe waren naemlich im letzten Moment verscheucht worden und hatten Fingerabdruecke zurueckgelassen. (Sie wurden uebrigens am naechsten Tag gefasst). Wir fahren wieder durch die weiten Steinfelder in einen Vorort hinaus — unterwegs werden die Wachen vor dem Haus des Staats- und Ministerpraesidenten inspiziert und dann meldet die Zentrale, dass irgendwo drei Kuehe von einer Bande gestohlen wurden, was aber einen anderen Patrouillenwagen angeht. Irgendwo in der Ferne ein paar Schuesse, aber da das Radio darueber nichts sagt, ist anzunehmen, dass irgendwo Waechter voreilig geschossen haben. So . fahren wir allmaehlich in den Morgen hinein. Ben Zwi fuer einige Jahre die Repraesentanz Jerusalems in der Exekutive der Histadruth. Es war fuer ihn natuerlich, als Mann aus Jerusalem, dem Stadtrat in der britischen Epoche anzugeheeren. Und der Stadtrat, der heute Jerusalem als Landeshauptstadt verwaltet, uebertrug ihm die aeusserst seltene Ehre der Ehrenbuergerschaft nach Weizmann und Ben Gurion. Um eines Tages Praesident von Israel und Ehrenbuerger von Jerusalem zu werden, hat Ben Zwi, der heute 68 Jahre alt ist, alle Meilensteine seines Lebens zwangsiaeufig durchlaufen muessen. Dennoch duerfte Ben Zwi der Ue. berraschteste in Israel gewesen sein, dass es so ist. Denn fuer Ben Zwi gilt, was Plinius von einem zeitgenoessischen Redner sagte: “Sein einziger Fehler ist, dass er keinen hat”. Niemals waere es ihm eingefallen, die Praesidentschaft zu suchen. Seine Art, seinem Volk zu dienen oder seinem Land, seiner Stadt, seiner Partei, hat nichts mit Beamtentum zu tun. Ein Mann der Haganah von den äruehesten Tagen in seiner Heimat Poltawa an waere es Ben Zwi genug gewesen, sich mit der Haganah eins zu wissen, wie jeder Jude es in Momenten der Gefahr tut. Seine Zuflucht zur Forschung ist zum Teil der Ausdruck der Abwehr gegen das Parteileben und Parteiüaempfe, fuer die er sich selbst wenig geeignet wusste. Aber Liebe zu Buechern kam ganz selbstverstaendlich zu einem Mann, der seine Abstammung bis auf einen grossen Raschi zurueckfuehren kann, einem grundlegenden Kommentator; und so kam einer der Gruender der Poale Ziom zum gedrueckten Wort in vielen Sprachen, um zu forschen, zusammenzustellen und zu schreiben. Ben Zwi wurde als ein Waechter Jerusalems beschrieben. Das ist er — und mehr. — Er ist zusammen mit seiner Frau Rachel Janait ein Gruender des Haschomer, aus dem die Haganah entstand, die Israel verteidigte. Aber Jerusalem brauchte eben immer Hilfe und Schutz; seine Strassen enden entweder nirgendwo oder zwischen Feinden. Dies vergass die Frau des heutigen Praesidenten niemals. Ihre Hauptaufgabe war, Plaetze juedischer Siedlung zu verteidigen und solche Plaetze aufzurichten. Ich sah diese bemerkenswerte Frau zuerst in Tel ei Kebir in der aegyptischen Wueste, wo 1918 unser Regiment stand, bevor wir an die Front kamen. Die Verbindungen zwischen Aegypten und Palaestina waren eingeschraenkt worden. Wir waren noch nicht zwei Wochen in Tel ei Kebir, als Rachel Janait ankam, um ihren Verlebten Ben Zwi zu begruessen. Sie kam als Repraesentantin des Soldaten- Hilfs -Comités aus Tel Aviv. Der Praesident Israels hat unter der augenblicklichen Verfassung wenig Macht. Ob das Land fordern wird, er solle mehr haben, kann erst die Zukunft lehren; Weizmann brachte in sein Amt ein Prestige, wie kein anderer es hatte. Ben Zwi bringt die Sicherheit, die er auf einem geraden Wege erworben hat, auf dem er mehr als fuenfzig Jahre geschritten ist; echte Demut; hoechste Dankbarkeit, dass man ihm dieses Amt uebertrug — als Teil des Wunders, das sein Volk begruesste.

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