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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1954-09-01 · 11 (Noviembre, 1954) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVI (1954)
Issue
11 (Noviembre, 1954)
Date
1954-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Noviembre, 1954 BOLETIN INFORMATIVO 5 ZUR JAHRZEIT CHAJIM WEIZMANNS Wenn grosse Maenner sterben, dann steigt ans eines Volkes Klage ein maeektiger Name und ein bitterer Scbrei (Griechische Trageodie) Weizmanns Charisma FRUEHES UND SPAETES WORT Bern, Dezember 1903. “Der Zionismus hat vor lueufig keine Antwort auf die Gegenwartssorgen des juedischen Volkes; fuer uns ist er eine volle Weltanschauung, die alle Seiten unseres Lebens umfasst. Das juedische Volk sitzt auf einem Vulkan; dieser Zustand wird dauern, bis eine furchtbare Katastrophe kommt und die Judenfrage zu einer Lcesung treiben wird, zu eben dieser einzigen und besonderen Loesung, die der Zionismus gibt: die Renaissance Israels in seinem historischen Lande. Zion gegen einen anderen Staat einzutauschen, ist fuer uns unmoeglich, weil Zion mit unserer Geschichte verwoben ist, und nur dort kann sich auch fuer uns die alte Geschichte von dem Riesen erfuellen, der durch die Beruehrung mit den Boden seine Kraft zurueckgewann. Wenn das juedische Volk zum zweiten Mai seinen Boden beruehrt, wird es wieder ein ewiges Volk werden, wie es vor Zeiten war”. Beim Nuernberger Prozess wurde ohne den Schatten eines Zweifels erwiesen, dass sechs Millionen Juden vernichtet wurden, und dabei moechte ich einen Augenblick verweilen: nicht nur bei der Frage, was ein solcher Verlust an Leben fuer ein Volk von 17 Millionen bedeutet — wir haben mehr als ein Drittel verloren —, sondern auch bei der Frage, was dieser Verlust fuer die Menschheit bedeutet Wir sind heute nicht nur physisch, sondern auch geistig verarmt. Unsere intellektuelle Kraft hat vor allem zwei Quellen: die ungebrochene Tradition von Jahrtausenden, eine Tradition des Lernens, des Forschens. Ich will nicht die grossen Maenner aufzaehlen, die, cb^chon in das Studium ihrer juedischen Religion vertieft, dennoch der Philosoohie und Religion der Nichtiuden ihren Stemoel aufgedrueckt haben. Unsere grosse intellektuelle Tradition brachte eine Anzahl von Menschen hervor, die an den Universitaeten von Oxford und Cambridge, von Berlin, Paris oder anderen Zentren der westlichen Zivilisation endeten, und diese grosse Tradition hat Maenner wie Ehrlich. Einstein, Bergscn, Freud hervorgebracht — und so fort, eine ganze, glaenzende Milchstras-e. Die Wiege dieser Maenner ist jetzt zerstoert. Wir hoffen, sie in diesem Land einigermassen wieder anfbauen zu koennen, wir hoffen, dass man auch in Amerika daran bauen wird— aber es wird lange Jahre dauern, und der Verlust fuer die Menschheit in der Zwischenzeit ist unberechenbar. Jeder gebildete Mensch weiss, Wir kommen dem Wesensgrande Weizmanns naeher. wenn wir uns des bekannten Ausdrucks bedienen, den fuer derartige Erscheinungen Max Weber gepraegt (oder, genauer gesagt, aus dem Neuen Testament umgepraegt) hat: des Begriffs vom Charisma des Fuehrers, eine33 Begriffs, der in sich die juedische Auffassung von der Auserwaehltheit und der Sendung vereinigt. Wer nur immer mit Weizmann in Beruehrung kam — und die Beruehrung musste garnicht e’nmal eine besonders enge sein, es genuegte, ihn in einer Versammlung, in einer Konferenz zu hoeren — hatte das Gefuehl: hier steht ein Mann mit einer Sendung — nicht der Abgesandte einer Institution, und es genuegt wohl welchen Einfluss allein diese d r e, i Maenner, Einstein. Freud und Bergson, gehabt haben. Als ich den ersten halb-offiziellen Bericht der amerikanischen-Regierung ueber “Nuklearohysik” las — ich will nicht “Atombombe” sagen, ich hoffe,, das wird bald vergessen sein — stellte ich fest, dass er mit den Saetzen begann, mit denen Einstein vierzig Jahre vorher die Auswertung der Atomenergie fuer friedliche Zwerke vorausgesagt hatte. Die Verdienste der anderen muss ich nicht hervorheben — ich weiss nicht, wie viele Einsteins, wie viele Freuds in den Verbrennungsoefen von Auschfitz und Majdanek vernichtet worden sind. Ich weiss nur eines: wenn wir es verhindern koennen. darf es nie wieder geschehen. Das ist das Ziel, das sich das juedische Volk gesetzt hat! (Die Aussage von Dr. Chaim Weizmann vor dem angloamerikanlsc.hen Untersuchungsausschuss fuer Palaestina, 1946) lichkeit wachsen und besonhoechster historischer Senauch nicht, wenn wir nur sagen, der Abgesandte des Volkes. Die Sendung kam ihm, so hatte man das Gefuehl, vcn noch hoeherer Stelle. Aus dieser Berufung erwaechst der besondere Einfluss des Traegers einer Sendung: eine besondere, unerklaerliche Wirkung geht von seinen Worten aus, wenn er sie selbst au^spricht, selbst wenn wir oft bei kuehler Analyse danach feststellen koennen, dass er eigentlich nicht mehr gesagt hat als andere vor ihm: se:n Charm, das ist nicht der Charm, dem wir bei vielen Menschen begegnen; es geschieht, dass man beim Zusammentreffen mit dem Traeger der Sendung das Gefuehl hat, man hoere Fluegelschlag aus ganz anderen Sphaeren, man befinde sich in einem besonderen Strahlungsfeld. * * » Berufung von wem? Sendung welcher Art? Viele Namen hat man dafuer gegeben — und wir, ein Geschlecht Verirrter, das keinen Glauben hat und kaum allgemein anerkannte Werte, koennen nur schwer zu einer Antwort kommen. Vielleicht treten wir keiner Wertungsart zu nahe, wenn wir vorsichtig formulieren: eine geschichtliche Sendung. Wenn wir die Groesse histo^ rischer Persoenlichkeiten abschaetzen wollen, stehen wir immer vor dem Problem, mit welchem Masstab wir messen -ollen. Mit der Ethik? Dem Erfolg? Der Eigengesetzttchkeit? der Konsequenz? Und welchen Platz im Gesamtbilde weisen wir den kleinen Zuegen an, dem Menschlichen und “Allzumenschlichen”, die wir doch bei allen Persoenlichkeiten finden und die oft im graden Verhältnis zur Groesse der Persoen ders den ihr Nahestehenden bekannt sind — jenen dunklen Seiten, die vielleicht dem Betrachter aus der Ferne wie der Schatten erscheinen, der noetig ist, um uns die Gestalt plastisch und lebensvoll erscheinen zu lassen. M i r scheint, wenn wir mit dem Masstab der Sendung und Berufung, des Charisma, messen, loesen sich die inneren Widerspreche in den Charakterzuegen der Persoenlichkeit. verkleinern sich oder verschwinden die Gegensaetze in den Meinungen um sie und sogar die Unterschiede in den Enochen. Dem Traeger des Charisma gegenueber souert auch der Gegner: hier ereignet sich etwas Ausserordentliches, etwas Einmaliges im Leben des Menschen, des Volkes, der Epoche, Als historische Persoenlichkeiten ersten Ranges darf man, meiner - Ansicht nach, nur die bezeichnen, die einer Epoche den Namen geben. Alle andern so bedeutend ihre Gestalt, so wichtig ihre Werke sein moegen, sind nicht eines Ranges mit ihnen. Eine solche Persoenlichkeit war H°rzl. Eine solche Persoenlichkeit war Weizmann. Menschen dieser seltenen Art verkoernern in sich das Wesen der Epoche, durch sie kommt — im Hegelschen Sinne — die Epoche zur Selbsterkenntnis, zum Aufdruck und zur Verwirklichung. Sie sind die hoechsten Werkzeuge der Geschichte. Herzl wandte auf sich den Spruch an: Gott zerbricht d i e Werkzeuge, nachdem sie ihren Dienst getan haben... So betrachtet gibt es nichts Zufaelliges im Leben der hi'3-' torischen Persoenlichkeit. Es wird zum Gleichnis und Svmbol: eine Bewegung, ein Volk, eine Zeit werden mit dem Namen und der Gestalt der Persoenlichkeit identifiziert. . So gesehen, sinkt in ihrer Bedeutung auch die oft gestellte Frage, die in ihrem Widerstreit auch Weizmann selbst nicht wenig beruehrte: wer war groesser, Herzl oder Weizmann? Persoenlichkeiten Die Beisetzung Dr. Chaim Weizmanns WAV. •xm. düng soll man nicht gegeneinander werten. Jeder Traeger einer solchen Sendung wurde fuer seine Zeit und seine Aufgabe berufen. Herzl: der Erwecker, der Begruender der zionistischen Ideologie, der Organisator des juedischen Volkes auf seinem Wege nach Selbsterkenntnis und selbstaendigem Leben in seinem Staate, er hat auch die Grundlagen fuer die Erneuerung der Politik des juedischen Volkes gelegt, das selbstaendige Politik nicht mehr gekannt hatte. Weizmann: Er hat systematisch die neue juedische Politik auf- und ausgebaut, die basiert ist auf einer kuehlen Abschaetzung der politischen Wirklichkeit, auf Schaffung einer neuen Wirklichkeit im Lande, auf dem Aufbau Stein auf Stein, auf die Ausnuetzung der Politik fuer den Aufbau und die Ausnuetzung der durch den Aufbau geschaffenen neuen Wirklichkeit fuer die Fortfuehrung der Politik. Weizmann hat keine neue zionistische Ideologie geschaffen— auch der Gedanke des < “synthetischen Zionismus” war eigentlich nur eine glueckliche Formulierung dessen, was vor ihm andere, und insbesondere Menachem Ussischkin, in “Unser Programm” gefordert hatten, eine Formulierung, die ins Volk drang, weil sie schlagwortartig ausdrueckte, was noetig war und ■— weil sie vom Traeger der Sendung ausgesprochen wurde. Die Kraft und eigentliche Sendung Weizmanns, der in seinem Leben und Werk die EDOche der zionistischen Grundlegung mit der Epoche der Staatsgruendung verbindet, liegen in der Verwirklichung dieser Politik: mit unendlicher Geduld, mit- Geschmeidigkeit, mit Wissen, mit dem Bewusstsein von der Zielrichtung, auch wenn der Weg sich kruemmte und zuweilen ohne Ausgang erschien, mit dem unerschuetterlichen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache und an den Sieg der Gerechtigkeit trotz allem — mit dem steten Bewusstsein (von dem ersten Moment an, als er auf der Buehne der Zionisten-Kongresse erschien) von der Notwendigkeit der Aufgabe und der Sendung, die er zu erfuellen habe, oh er wolle oder nicht, weil diese Sendung ihm auferlegt sei. weil ihr Feuer in ihm brannte. / Die Bibel zeichnet zwei Typen Vcn Traegern einer Sendung. Der eine ist der Prophet Jona, der sich durch Flucht von der ihm auferlegten goettlichen Sendung zu entziehen sucht. Ihm gegenueber steht die Gestalt des P r o p h e ten Jirmij ahu. Er weiss, dass man der Sendung nicht entfliehen kann, weil er u. die Sendung eins sind, weil er und das Volk eins sind, er weiss, dass es nur einen Auswepgibt: sich voellig mit dem Volk zu identifizieren und mit der Sendung an das Volk und fuer das Volk. Die Groesse Weizmanns war es, dass er seiner Sendung treu blieb von dem Augenblik an, da er sie erkannte. Als einer der Gipfel unter den Grossen des juedischen Volkes, als Vollstrecker und Verkoerperer einer grossen und schweren Epoche in unserer Geschichte, als symbolischer Ausdruck des Volkes ln dieser EDOche wird die Erinnerung an ihn fortleben im Gedenken des Volkes. ALEX BEIN

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