Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVI (1954)
- Issue
- 10 (Octubre, 1954)
- Date
- 1954-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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REDACCION. S.C. I. B’NE JISROEL AV. PORTUGAL 8ÍO. TEL. 33096 CASILLA 2487. SANTIAGO «CHILE BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT | SOCIEDAD CULTURAL ISRAELITA "B ’NE JISROEL" 1 Año XVI — N.o 10 SANTIAGO DE CHILE Octubre, 1954 DER HEBRÄEISCHE HUMANISMUS Von SCHALOM BEN-CHORIN WARUM LERNEN WIR HEBRAEISCH? Die erste und einfachste Antwort ist natuerlich: weil Hebraeisch die Sprache Israels ist und es zu den Aufgaben und Zielen eines Zicnüiten fcweifellos gehoert, sich sprachlich auf seine Alija nach Israel vorzubereiten und — weiterhin! — seine Kinder zu kuenftigen (potentiellen) Buergern Israels zu erziehen, die auch schon in der Gola die Sprache Israels sozusagen als eine zweite Muttersprache erlernen sollen. Indessen darf man vor der Wirklichkeit nicht die Augen verschlies^en und muss mit dem Faktum rechnen,' dass es heute Zionisten gibt, die aus,den verschiedensten Gruenden vorerst nicht zur persoenlichen Alija gelangen und auch nicht immer willens oder in der Lage sind, die Alija ihrer Kinder in der naeehsten Zukunft zu realisieren. Und mit diesem Hinweis geben wir der Frage: Warrum lernen wir Hebraeisch (oder, vielleicht, besser und realistischer: warum sollen wir hebraeisch lernen?) eine andere Wendung. Nicht nur als die Umgangssprache des heutigen Israel hat Hebraeisch fuer uns eine ueberragende Bedeutung, sondern auch als die Kultursprache des juedischen Volkes. HEBRAEISCH ALS TOTE SPRACHE? Hieraus koennte man den Schluss ziehen, dass diejenigen unter uns, die sich heute noch nicht zur eigenen Alija und zur Alija ihrer Kinder entschliessen koennen, also Hebraeisch als “tote Sprache” im Sinne christlicher Theologen treiben sollen, die ebenso, wie sie das Lateinische als Sprache der Kirche und das Griechische als Sprache des Neuen Testamentes studieren. Hebraeisch als Sprache des Alten Testamentes lernen. Wenn auch fuer uns das Studium des Tenach (Bibel), unabhaengig von unserer religioesen Einstellung, eine zentrale Position einnehmen muss, denn es kann keine Kenntnis des Hebraeischen ohne wirkliche Kenntnis des masoretischen Bibeltextes geben, leben doch, um mit Chajim Nachman Bialik zu sprechen, im Hintergründe unserer Sprache die „unsichtbaren Bibelverse”, so ist unsere Beziehung zu der klassischen hebraeischen Sprache doch eine voellig andere, als die eines christlichen Theologen zu diesem Sprachgut. Wir finden uns selbst, wenn wir in den “tiefen Brunnen der Vergangenheit” hinabsteigen, denn es ist ja unsere Vergangenheit, die Geschichte unseres Volkes, die wir erleben, wenn wir das heilige Buch der Menschheit, die Bibel, im Urtext lesen. Was anderen Voelkern Beispiel und Gleichnis ist —fuer uns wird es zu einem getreuen Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen. Das klassische Hebraeisch ist so fuer uns, selbst wenn wir es in der Gola nicht oder nur selten sprechen, ein lebendiges Sprachengut. ner Behauptung: es gibt kein Neuhebraeisch, sondern es gibt nur eine Erneuerung der alten, klassischen hebraeischen Sprache, wie sie aus Bibel und Mischna zu uns spricht. Am Vergleich mit anderen Sprachen wird dies deutlich, Wer Latein gelernt hat, der versteht wchl etwas Italienisch, aber er wird es nicht sprechen koennen und der italienische Bauer versteht in seiner Kirche den lateinischen Text der Messe keineswegs. Wer im Gymnasium eriechisch gelernt bat und dann nach Cypern ode- Griechenland kommt, versteht das Neugriechische kaum. Die britische Bibelgesellschaft liess fuer Griechenland eine ..ja OW'Vilf-ri f Ig.C.' 's s ral mí i--;? «s»**» iW ** :<«&:< Graphikunterricht in der Bezalel-Schule ES GIBT KEIN NEU¬ HEBRAEISCH Wer das alte, das klassische Hebraeisch der Bibel und, darueber hinaus auch der Mischna sich zu eigen macht, der taucht unter im lebendigen Strom der Sprache, denn es gibt eigentlich kein Neuhebraeisch. Was soll das heissen? werden manche fragen. Spricht man in Israel nicht ein '‘Iwrith medubereth”, ein Tageshebraeisch, zeigen nicht internationale Firmen, wie Lingua 'hone - Sprachkurse auf Platten, ausdruecklich “Neu-Hebraeisch” an? Gewiss ist dies so — und dennoch bleibe ich bei meineugriechische Uebersetzung des Neuen Testaments hersteilen, denn der durchschnittliche Grieche versteht das helleni tische Griechisch des Evangeliums, heute nicht mehr. Es waere aber voellig sinnlos, die hebraeische Bibel ins Neuhebraeische uebersetzen zu wollen, denn die Sprache der Bibel ist unsere Snrache, wenngleich gewisse Formen des biblischen Stils heute kaum mehr gebraeuchlich rind. Aber nun zu unserer Behauptung: es gibt kein Neuhepraeisch! Das darf natuerlich nicht so verstanden werden, als ob man mit dem Sprachschatz der Bibel und der Mischna, unter Hinzuziehung der aramaeisch-talmudischen Sprachelemente allein kuskaeme. Selbstverstaendlich haben sich internationale Fremdworte, wie Auto, Radio, Atom, aber auch Philosophie oder Mathematik im gesprochenen Hebraeisch eoenso eingebuergert, wie wir schon in der Zeit des 2. Tempels eine Menge griechischer Lehenswoerter im Hebraeischen haben. Und weiter: viele neue Begriffe wurden im modernen Hebraeisch gebildet, aber aus den alten Elementen der Sprache. Zusammenfassend laesst sieh sagen: das moderne Heibraeisch ist das klassische, aber erweitert und durch abigewandelte Begriffe und Woerter bereichert und —gesprochen— naturgemaess oft vereinfacht. HEBRAEISCHER HUMANISMUS Keine Kultursprache kann man beherrschen, ohne mit der Litertaur dieser Sprache vertraut zu sein und damit wohl auch mit Geschichte und Kultur des Volkes, das diese Snrache spricht. In ganz besonderem Masse aber gilt dies vom Hebraeischen, weil es eben, wie wir zu zeigen versuchten, wesensmaessig ncch heute die Sprache der Propheten und Psalmisten, der biblischen Chronik und der Gesetzeslehre des Zweiten Tempels ist. Wer also' zur hebraeischen Gegenwart ein Verhaeltnis gewinnen will, der muss sich in die hebraeische Vergangenheit vertiefen. Hier liegen Wurzeln und Aufgaben des “Hebraeischen Humanismus”. Er ist der legitime Erbe jenes Lernens um seineT selbst willen, von dem wir erkennen: das Lernen der Lehre wiegt alles uebrige auf. EIN KETZERISCHER VORSCHLAG Ich moechte hier einen ketzerischen Vorschlag machen. Es wird oft viele Jahre dauern, bis ein Mensch, gerade in einer voellig nichthebraeischen Umgebung, der nur wenige Stunden in der Woche dem Studium unserer Sprache widmen kann, so weit gelangt, dass sich ihm der Sesam der hebraeischen Literatur wirklich oeffnet. Soll er so lange warten? Nein! Durchaus nicht: man lese die Bibel in (juedischenj Uebersetzungen, man nehme die grossartige Talmuduebersetzung von Lazarus Goldschmidt zur Hand. Man studiere das kabbalistische Buch Schar in der Uebersetzung von Ernst Mueller und vertraue sich auch diesem Uebersetzer bei der ersten Lektuere der Gedichte Bialiks an. Man lese die Aggada, ehe man zum Sepher Haagadda von Bialik und Ravnitzki gelangt, in den “Sagen der Juden” von J. Bin Gorion indeutscher Uebersetzung und man lerne die moderne hebraeische Literatur in Uebersetzung kennen, ehe man sich an die Originale heran wagen kann. Mit anderen Worten: man lerne die Inhalte der hebraeischen Kultur kennen, noch ehe man die Gestalt sich aanz zu eigen machen kann. (Beispiel: wie viele von uns haben Tolstoi oder Dostojewski im Original gelesen? Und doch wurden sie uns zu Le~ bensfuehrern — in Uebersetzung. Wer kennt Dante im Original — und doch wurden wir vcn der Gewalt seines geschlossenen Weltbildes fasziniert. Und —wie viele Millionen Menschen leben, mit der Bibel, ohne je mals einen hebraeischen Buchstaben gesehen zu haben?). Wohlverstanden: Uebersetzungen sollen uns nicht Ersetzungen werden — aber Bruecke und Vorhalle zum Tempel des Hebraeischen. Oft ist es ja so, dass die Schoenheiten und Weisheiten, die wir aus den Uebersetzungen erkennen, gerade die Anregung dazu geben, nun die Originale kennen zu lernen. ERZIEHUNGSZIEL Der hebraeische Humanist ist das grosse Erziehungsziel eines zionistisch ausgerichteten Juden. Er ist nicht Jude und Mensch, sondern das Menschliche, das Humane findet fuer ihn seine ihm arteigene Form in der hebräischen Kultur, die er sich zum (innersten Besitze machen muss. Kann das nicht ein “Ersatz- Ziel sein? Kann es nicht diesen hebraeischen Humanisten auch mit dauerndem Aufenthalt in der Gola geben? Freilich gab es in der Gola den Typus des hebraeischen Humanisten und dennoch gilt jenes Wort, das vom Verstaendnis des Dichters gesagt wurde, auch, und in erhoehtem Masse, vom Verstaendnis der Urquelle o der hebraeischen Bildung, der Bibel: Wer die Bibel will verstehn Muss ins Land der Bibel gehn.