Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVI (1954)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1954)
- Date
- 1954-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8553624-8556560-9194063--1426-8556709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Septiembre, 1954 BOLETIN INFORMATIVO 11 David Wolíísohn zum Gedenken Vor einigen Monaten verwirklichten der Staat Israel und die Zionistische Weltorganisation aen letzten Wunsch von David Wolffsohn, des Nachfolgers Theodor Herzl’s in der Praesidentschaft der Zionistiscnen Organisation, seine irdische Huelle nach Eretz Jisrael zu ueberfuehren. Von Koeln - Deutz, aus der Ruhetiaette mit dem Grabstein, in welchen diese letzte vermegung eingemeisselt worden war, erfolgte nach fast vierzig Jahren die Erfuellung eines dem juedischen Volke heiligen Willens. Und nun, am 15. September, der damals, kurz nach Ausbruch des Weltkrieges, auf den 24. Elul getanen war, sind vierzig Jahre seit dem Ableben die;es Grossen in Israel vergangen, worin lag die Groesse Wolfsohn’s. * David Wolffsohn ist einer der allerersten Juden gewesen, auf die Herzt’s “Judenstaat” einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte. Alles, was er im Tiefsten seiner Seele empfunden, das, was ihn schon 1893, als drei Jahre zuvor, bewegen hatte, mit Max Bodenheimer gemein-am einen Verein von “Zionsfreunden” in Koeln zu begruenden, sah er in Herzl’s Schrift ausgedrueckt. Er war damals nach Wien geeilt, um den ihm ihm bis dahin nicht bekanntgewesenen Verfasser kennenzulernen. Jene Begegnung de fuer beide Maenner zu einer unvergesslichen Stunde; eine Freundschaft fuer das Leben war entstanden, die sich wunderbar bewaehren sollte, und vielleicht darf man von einer “Sternstunde” fuer das juedische Volk sprechen von diesem Augenblick, da Herzl und Wolffsohn sich fanden. Beinern “Daade”, wie Herzl den um vier Jahre aelteren Freund zu nennen pflegte und dem er in der Figur des “David Littwak in Alt-Neuland” ein wuerdiges Denkmal In dessen Leibe bringt er “drei Tage und drei Naechte” zu. Wie bringt er sie zu? Darueber weiss die Schrift nichts zu berichten, der Midrasch aber, der seiner Technik getreu ihre Luecken ausfuellt, weiss mehr. Vor allem: noch betet Jona nicht. Noch setzt er seine Flucht fort, noch hinaus ueber die scheinbar endgueltige Station die des Todes, die er freilich durch Gottes strafende Gnade verfehlt hat. Es gibt noch eine siebente Station dieser Flucht, jenseits vom Tode. Die midraschische Deutung knuepft an die Texteigentuemlichkeit an, dass das hebraeische Wert fuer “Fisch” aunaechst in der maennlichen Form (“dag”) und spaeter in der weiblichen (“daga”) erscheint. Dieser grammatische Unterschied wird vom Midrasch gleichsam dramatisiert. Jona wird zunaechst von einem maennlichen Fisch aufgenommen, in dessen Leibe er reichlich Platz hat und sich nicht beengt fuehlt. Die Leuchtaugen des Seetieres dienen ihm als Fenster in die unterirdische Welt. Er sieht die Geheimnisse der Schoepgesetzt hatte, waren die Gedanken und Hoffnungen Herzl’s vertraut gewesen wie keinem zweiten. Ihm wurde in einem der letzten Briefe des Totgeweihten, im Mai 1904, noch einmal ans Herz gelegt, das Erbe, die zionistische Bewegung, treu zu hueten. “Macht keine Dummheiten, waehrend ich tot bin”, heisst es dort, was man nicht ohne Erschuetterung lesen kann. Es haette dieser aus unendlicher Liebe zu seinem Volke begreiflichen Mahnung Herzl’s eigentlich nicht bedurft, denn, man machte keine Dummheiten. Nichts, als die Arbeit Herzl’s fortzusetzen weiterzufuehren, war der Wunsch Wolffsohn’s. Er, der kein Gelehrter, kein Rabbiner kein Journalist, nur ein schlichter Kaufmann gewesen ist, ein Mann des Volkes, der praktischen Sinn besass und von seinem frommen Elternhause in Littauen her ein tiefes Verstaendnis fuer die Noete seines juedischen Volkes mitgebracht hatte, war in der tragischen Stunde, da die Bewegung verwaist schien und die Gegner des Zionismus seinen Zusammenbruch prophezeiten, dazu ausersehen worden, die Bewegung aus der Krise herauszufuehren, treuer Hueter des Erbes zu sein. Sieben Jahre lang, von 1904 bis 1911 hat Wolffsohn als Praesident an der Spitze der Zionistischen Weltorganisation gestanden. Er bemuehte sich, die Politik Herzl’s fortzusetzen; gleich ihm reiste er nach Konstantinopei und in andere Hauptstaedte, um die Regierungen fuer den “Charter”, fuer eine politische Form zu gewinnen, durch welche sich das “Basler Programm”, die Errichtung einer oeffentlichrechtlieh gesicherten Heimstaette in Palaestina fuer das juedische Volk realisieren lassen koennte. Und neben die pofung, so “den grossen Fluss, aus dem die Wasser des Ozeans herauskommen; die Pfade des Schilfmeeres, durch das die Kinder Israels zogen; die sieben Berge, auf denen Jerusalem steht; den Eckstein der Welt, auf dem die Soehne Korachs stehen und beten”. Diese grossartigen Visionen des Midrasch weisen auf die siebente Fluchtstation des Menschen, der vor Gott davonlaeuft. Er sucht sich in die metaphysische Neugier zu retten, in das Anstarren der mythologischen Vorwelt, in die Nichtverantwortung gegenüber seinem Glauben und Tun, die sogar den Tod hinter sich gebracht hat, ohne doch den Glauben vor sich zu haben. Dort, auf dem “Eckstein der Welt”, stehen die Soehne jenes Rebellen Korach, die einst die Erde verschlungen hat wie nun den Fluechtling Jona das Meer, und —beten. Jetzt erdlich betet auch er, aber es sind nach dem Midrasch, vorerst nicht die richtigen Gebete. Wie seine Flucht ihn von Station zu Station tiefer fallen liess, so kann auch seine Umkehr nicht im Sprunge, sondern litische Aktivitaet, die vorerst keine sichtbaren Erfolge zeitigen sollte, fiel in Wolffsohn’s Amtszeit der Beginn der praktischen Arbeit in Erez Jisrael, die Errichtung des Palaestina—Amtes in Jaffa, die Schaffung der ersten zionistischen Kolonien im Lande. Ben Schemen, Migdal, Daganiah, etc., nachdem der Keren Kajemeth Lejisrael gnuegend Kapital beisammen hatte, um den Bodenkauf zu realisieren. Damals wurden die ersten Baeume im Herzl- Wald gepflanzt; aus den kleinen Siedlungen entwickelten sich spaeter die grossen Kwuzoth und Moschweh Owdim. In jene Epoche gehoeren die Kunstgewerbeschule “Bezalel” und das Hebraeische Gymnasium, die erste landwirtschaftliche Versuchsstation; es begannen die praktischen Arbeiten der Anglo Falestine Company und anderer Finanzinstrumente. Auch Wolffsohn fand, aehnlich Herzl, viel Opposition im eigenen Lager; auch er rieb sich in der Arbeit auf, und sein Herz ermuedete. Sein Volk hat ihn fast noch mehr geliebt als Herzl, vielleicht deshalb, weil er aus dem kleinen Judenstaedtchen des Ostens gekommen war und in der Seele des einfachen Juden noch besser zu lesen verstand als Herzl. Und so wurde die Wolffsohn’sche Epoche eine gute und segensreiche fuer die Bewegung, weil sie das Vermaechtnis wahrte und die Einheit, trotz aller Widerstaende, zusammenhielt Der Beruf hatte Wolffsohn zu einem vermeegenden Manne gemacht, der seinen Besitz der zionistischen Organisation vermachte. Auch die Nationalbibliothek auf dem Scopusberge, heute leider nicht benutzbar, stammt aus einem von ihm begruendeten Fond. Als er 1911 von der Leitung zuruecktrat, konnte er diese einem wuerdigen Nachfolger. Prof. Otto Warburg, uebergeben, dessen irdische (Jeberreste ebenfalls aus Deutschland —sie ruhen zu Berlin - weissensee - einmal nach Israel ueberfuehrt werden sollen. nur stufenweise aufwaerts gehen. Eine streng architektonische Bewegung gliedert das Buch Jona und seine midraschische Deutung in die beiden Gegenbewegungen des Falls und der Erhebung, der Flucht und der Umkehr. Jonas Umkehr beginnt, immer noch nach dem Midrasch, mit dem Gebet aus dem 139. Psalm: “Wohin soll ich vor deinem Geiste gehen? Wohin vor deinem Antlitz entlaufen? Ob ich den Himmel erkloemme. Du bist dort bettete ich mir das Gruftreich da bist Du. Erhuebe ich Fluegel des Morgenrots, naehme Wohnung am hintersten Meer, dort auch leitete mich Deine Hand. Deine Rechte fasste mich an (Uebersetzung M. Buber). So sehr auch dieses Gebet auf Jonas eigene Erfahrung gegruendet zu sein scheint: es genuegt Gott nicht. Das theoretische Bekenntnis dei misslungenen Flucht vor Ihm ist keine Umkehr. So versucht es Jana zum zweiten Male. In einem langen Hymnus preist er Gottes Allwissenheit. Er sagt, oder singt unter anderem: “Die Wege der ganzen Erde erforschst Du, und die Herzen verstehst Du: die Gedanken jedes Menschen sind bei Dir gedacht, und alle Geheimnisse sind Dir offenbar”. Aber auch dieses Gebet ist umsonst und erreicht sein Ziel nicht. Wenig scheint Gott an theoretischem Lobe zu liegen, selbst wenn dies die wahre Einsicht enthaelt, dass Gottesgedanken jeder menschlichen Erfindung vorangehen und sie erst ermoeglichen, Jona muss noch besser beten lernen Der Midrasch laesst es ihn zum dritten Male versuchen, und diesmal mit den Worten der Hannah aus dem 2. Kapitel des ersten Buches Samuel. Unser religioeser Brauch stellt ja das zunaechst unartikulierte Gebet der einfachen frommen Frau, die um einen Sohn fleht —„nur ihre Lippen bewegen sich, ihre Stimme aber ward nicht gehoert” — als Prophetenabschnitt des ersten Neujahrstages an die Spitze des heiligen Kalenders. Wir lassen das Seelengebet der Hannah Jahr um Jahr ueber die Seelentaubheit und das Unverstaendnis des bestall ten Oberpriesters Eli siegen, der den Glaubensgehalt nur in den ihm vertrauten Formen erkennt und die ins Gebet Ausbrechende als eine Betrunkene verkennt. So ist uns die religioese Revolution gegen das Zeremoniell wiederum zum Zeremoniell geworden: ein kuehnes Wagnis, das immer wieder gewagt werden und immer wieder scheitern muss. Auch Jona scheitert an ihm. Der Midrasch laesst ihn mit Hannahs Worten beten, aber gleich auch auf sie pochen, da sie ja nun einmal festgelegt und kanonisiert sind: “Ein Toetender und Wiederbelebender wirst du genannt —siehe meine Seele glangte bis zum Tode— belebe mich!”. Nun ist Jona dem echten Gebet ganz nahe, aber er verfehlt es gerade in der Gefahr dieser Naehe, deren Anhauch er nicht standhaelt. Er sagt nun, ganz legitim: ich Er spricht nun endlich von der eigenen Not, dem eigenen Tod. Das mag genug fuer den Menschen sein, der niemals vor Gott fluechtete; fuer Jona taugt es noch nicht. Noch i-t in ihm die falsche Sicherheit des gefallenen Propheten, der Gottes Wort wie ein menschliches Eigentum zu verwalten glaubt. Auch auf Seine Barmherzigkeit und Gnade hat der Mensch kein Recht. Noch besser muss Jona beten lernen. Sein viertes Gebet im Midrasch ist identisch mit dem Schlussvers seines biblischen Gebetes im zweiten Kapitel des Jonabueb.es. Nun erst sagt er: Mit der Stimme des Dankes will ich opfern Dir; was ich gelobte, bezahlen”. Nach Jonas drei vorlaeufigen Gebeten, seiner Anerkennung der misslungenen Flucht, dem theoretischen Preise Gottes, dem Pochen auf Gottes verbuergte Gnade, die alle immerhin wieder Stufen nach oben waren, erfolgt nun der Durchbruch in das Gebet der Umkehr: das Versprechen taetigen Gehorsams. In diesem Versprechen findet Jona zum ersten Male wieder die Gottesliebe: er spricht vom Dank. Jetzt erst sind wir vorbereitet. die vorhin erwaehnte erste Frage des Midrasch zu verstehen, die wir zu unserer zweiten gemacht haben: ‘Warum fleht Jona?’ Wiederum sind die Antworten des Midrasch lehrreich, wenn auch nicht endgueltig. Die Unheilsverheissung ueber Ninive sei die dritte Prophezeiung gewe sen, die Jona aufgetragen wurde. Vorher hat er sich einmal als erfolgreicher Heilsprophet und ein anderes Mal als erfolgloser Unheilsprophet betaetigt, beide Male Jerusalem gegenueber, das ihn nun als einen Luegenpropheten ansieht. Der Midrasch laesst Jona seine Rechnung mit sich selbst machen: “Nicht genug, dass mich Jisrael einen Luegenpropheten nennt; auch die Voelker der Welt werden mich einen Luegenpropheten nennen”. Wenn andere Propheten vor dem goettlichen Auftrag fliehen, wie Elia, oder ihn nicht annehmen wollen, wie Jeremiahu, so fuerchten sie den Misserfolg ihrer Sendung; Jona aber, als einziger, fuerchtet den Erfolg. Welchen Erfolg? Den der Bussepredigt, die Gottes Gnade hervorrufen wird. Jena flieht vor Gottes Gnade in Gottes Strenge. Daher straft ihn Gott nicht mit seiner Strenge, die ihn ja bestaetigen wuerde, sondern mit seiner Gnade, die ihm unrecht gibt und zur Umkehr zwingt. Der Midrasch unterstreicht das wieder in seiner grossartig naiven sinnenhaftigkeit. Der zweite Fisch, in den Jona endlich geraet und in dem er sich so beengt fuehlt, dass er nun zum echten Gebet kommt, jene weibliche daga, wimmelt von muetterlichen Leben, von tausenden kleinen Fischkreaturen, die sich um den gefangenen Propheten draengen. Der Gottesfluechtling in den Tod und in die metaphysische Neugier die noch hinter den Tod langt wird von der Fruchtbarkeit des kreaturlichen Lebens bedraengt und durch sie zur Umkehr gezwungen. Diese aber kann der Mensch immer nur in einzelnen grossen Hoehepunkten verwirklichen. Ein zweites Mal ergeht Gottes Auftrag an Jona, ein drittes Mal hoert er Jenes “Steh auf!”, diesmal wiederum von Gott, aber er geht eine volle Tagesreise in die Stadt hinein, ehe er seinen Auftrag endlich ausfuehrt. Wir duerfen dieses erneute Schweigen der biblischen Er. zaehlung vielleicht als einen bewussten Aufschub deuten. Denn Jona will in den langen Stunden, Tagen und Jahren der Nichtumkehr eben jene Sicherheit, die nur Gottes Strenge den Menschen liefern kann. Das Kennwort von Gottes Barmherzigkeit und Liebe aber lautet: “Vielleicht”. Wir erinnern uns nun, dass schon die Heiden auf dem Schiffe es Jona vergeblich zu lehren versuchten: “Vielleicht bedenkt sich unseretwegen der Gott”. So sagen auch die Menschen von Ninive: “Wer weiss, umkehren moechte Gott, es moechte ihn geleiden, und er kehrt sich ab vom Flammen seines Zorn -, und wir schwinden nicht”. (Uebersetzung M. Buber) Nur die Gottesliebe kann Gott selber die Umkehr gestatten. Wer Gott nur fuerchtet, verbietet sie ihm und macht sie sich selbst unmoeglich. Das wusste Arnos, wahrscheinlich ein Zeitgenosse des historischen Jona, dem unser Buch zugeschrieben ist, Amcs, der weder vor dem Hohepriester noch vor Gott fluechtete, und der uns gelehrt hat: “Hasset das Arge! Liebet das Gute! Das Recht setzt im Tore ein! Gunst schenkt dann vielleicht Er, der umscharte Gott, dem Ueberreste Josephs”. CURT WILK JONA FLIEHT VOR GOTT (Schluss)