Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVI (1954)
- Issue
- 6 (Junio, 1954)
- Date
- 1954-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Junio, 1954 BOLETIN INFORMATIVO 3 EHRUNG DEM VERSTORBENEN Fuer uns opferte er die besten Jah re seines Lebens GEDAECHTNISREDE GE HALTEN IN DER B’NE BRISS Unseren so frueh dahingeschiedenen Bruder Dr. Josef Hirschberg habe ich seit etwa 34 Jahren gekannt. Viele Erinnerungen aus der - Jugend, aus der Studentenzeit an gemeinsam verlebte schoene Stunden, aber auch an gemeinsame Arbeit fuer unsere damaligen Ideale verknuepfen mich mit ihm Wohl aus diesem Grunde bin ich gebeten worden heute hier einige Worte des Gedenkens fuer unseren verewigten Bruder zu sprechen, obwohl ich in unsere B’ne Brith Pacifico erst aufgenommen worden bin, als Josef Hirschberg bereits seine Alijah angetreten hatte und ich daher aus eigener Kenntnis nichts ueber sein Wirken in unserem Bruderkreise berichten kann. Wenn ich Ihnen nunmehr in kurzen Zuegen aus meinen persoenlichen Erinnerungen ein knappes Bild vom Leben und Werden unseres dahinge gangen en Biruders gebe und wir dieses Bild kritisch analysieren, dann steht vor unseren Augen der Weg den das deutsche Judentum in der Zeit von etwa 1913 bis heute naturnotwendig gehen musste, und den die Reste dieses deutschen Judentums, soweit sie die Verbrennungsoefen der nazistischen Vernichtungslager verschont haben, tatsaechlich auch zum grossen Teil gegangen sind, den Weg von der Assimilation zum Zionismus. Unser Bruder Josef Hirschberg stammte aus einem streng orthodoxen Hause. Sein Vater, Justizrat Félix Hirschberg, ein bekannter hochangesehener Rechtsanwalt und Notar, ein Mann von einer ungewoehnlich umfassenden Allgemeinbildung, war einer der Fuehrer des konservativen Judentums in meiner Heimatgemeinde Bres lau. Trotz seiner tief religioesen konservativen Einstellung stand Justizrat Hirschberg stets verstaendnisvoll anderen Anschauungen gegenueber und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er immer wieder fast 20 Jahre lang zum Vorsitzenden der Repraesentantenversammlung unserer Gemeinde gewaehlt wurde. Zugleich war er auch mehr als ein Jahrzehnt Vorsitzender der bei uns ausserordentlich grossen OrtsgruDpe des Zentralvereins. Als Sohn eines solchen Vaters wuchs Josef Hirschberg heran in einem Milieu, in dem die in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg so sehr erstrebte Synthese zwischen Judentum und Deutschtum auf das Glueklichste verwirklicht zu sein schien in dem sich paarte edelster deutscher Humanismus mit unseren altjuedirahen Traditionen. Schon fruehzeitig wurde Josef Hirschberg von seinem Vater und snaeter von dem damaligen Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal, einem weit be- (ruehmten Talmudgelehrten und anerkannten Fuehrer des orthodoxen Rabbinderverban des in juedischer Geschichte und in der Lehre unserer Vaeter unterwiesen. Diesen beiden Maennern verdankte Bruder Hirschberg die Grundlage seines juedischen Wissens und Koennens, das er snaeter Zeit seines Lebens durch eigene gruendliche Studien immer weiter vertieft hat, sodass schliesslich hier in unserer Gemeinde seine Meinung in allen Fragen des Kultus ausschlaggebende Bedeutung hatte. Waehrend Josef Hirschberg noch das Elisabethgymnasium in Breslau besuchte, wandte er sich der juedischen Jugendbewegung zu. Mit anderen gleichgesinnten Altersgenossen gruendete er etwa 1913 die “Kameraden”, eine Organisation, die den Gegenpol zu den zionistischen Jugendbuenden “Blauweiss’’ darstellte und ausserordentlichen Zulauf hatte. Dort konnte er zum ersten Mal sein grosses Organisationstalent entfalten, das wir spaeter hier in Santiago in solch hohem Masse kennen lernen seilten. Bei den “Kameraden” lernte er uebrigens noch als Schueler seine spaetere Lebensgefaehrtin kennen. Anfang 1915 bestand er sein Abitur, studierte einige Seme- 'ster Medizin an der Breslauer Universitaet bis zu seiner Einberufung zum Kriegsdienst im Jahre 1917. Anfang 1918 geriet er als Sanitaetsunteröffizier in englische Gefangenschaft, aus der er 1919 wiederkehrte. Er setzte sodann seine Studien weiter fort, um sie im Jahre 1922 mit dem Staatsexamen zu beenden. Bereits in seinem ersten Semester trat er in die Breslauer Studentenverbindung im KC Thuringia ein. Wie stets, wenn es sich um juedische Belange handelte, stellte er sich mit der ganzen hohen Begeisterung und Hingabe, deren er schon als junger Mensch faehig war, dem KC zur Verfuegung. Sein grosses juedisches Wissen befaehigte ihn, die juengeren Bundesbrueder, zu denen auch ich im Jahre 1921 gehoerte, in allen Fragen des juedischen Lebens zu unterrichten. In fesselnder Weise brachte er uns jungen Burschen von 18 Jahren die damaligen Gegenwartsprobleme des Judentums nahe, schilderte uns die Emanzination der Juden in Deutschland und fuehrte uns ein in die Probleme des Zionismus, dem wir damals in diesem Kreise ablehnend gegenueber standen. Diesem seinem studentischen Verband hielt er sein ganzes Leben lang die Treue auch snaeter hier in Chile und drueben in Israel. Mit welcher Herzlichkeit und Freude nahm er vor jenen 16 Jahren jeden neu angekommenen Bundesbruder, jeden alten Freund bei sich auf, wie kuemmerte er sich um jeden, lief mit ihm herum, um ihn der damaligen juedischen Prominenz vorzustellen. Wie beglueckt waren wir damals hier jemanden zu haben, der sich wirklich um uns kuemmerte und uns beratend zur Seite stand. Unvergesslich werden fuer mich und meine Familie jene herrlichen Sederabende bleiben, die manchmal mehr als draissig Personen an seinem Tisch vereinten, und die er in so wundervoller Weise abhielt. Aber ich bin hier etwas vorweg geeilt, lassen Sie mich das Rad der Zeit noch einmal 32 Jahre zurueck drehen. Bald nach beendigtem Staatsexamen heiratete Jo- '■ef Hirschberg im August 1922 seine Jugendkameradin VON DR. HANS REICH Lotte Krieg, Tochter unseres vor einigen Jahren verstorbenen Bruders Krieg, die ihm eine gute und treue Kameradin in guten und schlechten Tagen war. Dann machte er sein praktisches Jahr an der Breslauer Inneren Universitaetsklinik unter Geheimrat Minkowski, uebte zunaechst kurze Zeit Praxis als praktischer Arzt in Breslau aus und liess sich schliesslich im Jahre 1924 in Bad Landeck in Schlesien nieder. Dort blieb er etwa 3 Jahre. In diesem etwas unmodernen Mittelstandsbade waren weder aerztliehe noch pekuniaere Lorbeeren zu ernten. Etwa 1927 siedelte er dann nach dem ebenfalls in der Grafschaft Glatz gelegenen Herzheilbad Altheide ueber. Dort wurde er bald einer der gesuchtesten Aerzte, uebte seine Praxis im Kurhaus selbst aus und war beim Publikum ausserordentlich beliebt. Etwa sieben Monate im Jahre wohnte er mit seiner Familie in Altheide — noch waehrend seines Aufenthaltes in Landeck wurde die aelteste Tochter, in Altheide die beiden anderen Kinder geboren — den Rest des Jahres verbrachte er in Breslau, wo er sich an der Universitaetsklinik weiter fortbildete. Im Jahre 1924 wurde Bruder Hirschberg in die Heinrich Graetz-Loge eingefuehrt. Er beteiligte sich sehr rege an deren Arbeiten waehrend seinen Aufenthaltes in Breslau in den Wintermonaten. In den letzten Jahren seines Aufenthaltes in Altheide, etwa Anfang 1932, aenderte unser verstorbener Bruder voellig seine politische Einstellung in juedischen Dingen. Seine eingehenden Studien ueber die Lage und die Aussichten der Juden in Deutschland hatten ihn zu der Ueberzeugung gebracht, dass unser bisheriger Weg falsch war, dass eine Loesung des juedischen Problems einzig und allein in Palaestina zu suchen sei. Konsequent wie er war, trat er als erster aus unserem Kreise der zionistischen Vereinigung fuer Deutschland bei. Dies trug ihm viele Angriffe seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen ein, die sich noch verstaerkten, als er Anfang 1933 in Glatz eine zionistische Ortsgrunne gruendete, deren erster Vorsitzender er wurde. Unbeirrt von allen diesen Angriffen ging er aber, so wie snaeter auch hier, weiter den Weg, den er nunmehr als den richtigen ansah. wurde ein Vorkaemnfer des Zionismus. ein Wegbereiter fuer Medinath Israel, so wie wir ihn alle kennen. Es kam Hitler. In den Jahren 1933 und 1934 konnte er seine Praxis in Altheide noch mit gutem Erfolge ausueben. Als ihm aber die Badeverwaltung seine Praxisraeume im Kuthaus im Jahre 1935 kuendigte und ihm Schwierigkeiten aller Art gemacht, wurden, fasste er den Entschluss, au°zuwandern. Sein Wunsch, nach Palaestina zu gehen, liess sich leider nicht verwirklichen. So wandte er sich mit, seiner Familie und seinem Schwager nach Chile. Hier gelang es ihm nach anfaenglichen Schwierigkeiten sich eine gesicherte Existenz aufzubauen. Als die Ver- PROTOKOLL Der Sitzung des Direktoriums vom 15. April 1954. Anwesend saemtliche Herren des Direktoriums mit Ausnahme von Herrn Hofmann, der entschuldigt war. Ausserdem nahmen die Herren Rabbiner Loewenstein und Lubliner an der Sitzung teil. Herr Dr. Landau gedenkt in warmen und herzlichen Worten des frueheren, langjaehrigen Praesidenten und Ehrenpraesidenten der SCI. Herrn Dr. Josef Hirschberg, dessen ploetzliches in Israel erfolgtes Ableben die Sociedad Cultural Israelita “B’ne Jisroel” in tiefe Trauer versetzt hat. Die Anwesenden haben sich zu Ehren des Verstorbenen von ihren Plaetzen erhoben. Das Direktorium fasst folgende Beschluesse: 1. ) ein Kabel an Frau Lotte Hirschberg zu senden und ausserdem ihn und den anderen Familienmitgliedern schriftlich die Anteilnahme der SCI, auszusprechen, sowie Frau Hirschberg die Beschluesse der heutigen Sitzung mitzuteilen. 2. ) eine Todesanzeige im ’’Mercurio” zu veröffentlichen. 3. ) eine Gedenkstunde am Dienstag, den 27, April 1954, abens 9 Uhr, mit folgendem Programm: abzuhalten. haeltnisse in Deutschland immer unhaltbarer wurden, liess er seine gesamten Angehoerigen, seine Mutter, seine beiden Schwestern und seinen einzigen Bruder nachkommen. Auch so manchem alten Freunde aus der Heimat verhalf er zur Einwanderung nach Chile, alle diese Menschen gedenken heute seiner dankbarst als des Mannes, der sie vor den Gaskammern bewahrt hat. Bald stuerzt sich unser Bruder hier in Chile in die juedische Arbeit. Comité Representativo, Federación Sionista, K. K. L. und Keren Hayessoth zaehlten ihn zu ihren hervorragendsten Mitarbeitern, meist an fuehrender Stelle. Aber seine grossen Leistungen in all diesen Organisationen verblassen neben dem, wass er fuer unsere Gemeinschaft deutschsprachiger Juden geleistet hat. Unser Bruder Dr. Landau hat uns gestern bei der so ueberaus wuerdigen Gedenkfeier der Gemeinde eingehend geschildert, wie er mit unermuedlicher Tatkraft aus dem Nichts in jahrelangen Muehen diese stolze Gemeinschaft S. C. I. B’ne Israel geschaffen hat. Ich moechte Sie hier nicht ermueden mit einer Aufzaehlung der einzelnen Etappen des Werdeganges der Gemeinde, nur eines muss auch ich besonders hervorheben, naemlich die eiserne Energie mit :der Bruder (Hirschberg daran ging, nach dem Brande des Jahres 1944, fuer die Gemeinde ein eigenes Heim auf eigenem Grund und Boden zu schaffen. Ungeheure Schwierigkeiten jeder Art waren zu ueberwinden, Schwierigkeiten, die jeden anderen, der nicht eine so dynamische und zielbewusste Persoenlichkeit war, entmutigt haetten, bis a. ) Harmonium-Vorspiel b. ) Enosch K’chazir c. ) Psalm d. ) Ansprache des Praesidenten Dr. S. Landau. e. ) Duo f. ) Gedenkrede des Herrn Rabbiner Lubliner g. ) El mole rachamim h. ) Kaddisch i. ) Harmonium - Nachspiel. (Herr Erwin Herper). (gesungen von dem Damenchor der SCI., gegruendet von Herrn Dr. Josef Hirsch berg). (Rabbiner Loewenstein). (Cello: Herr Adolf Hirschmann, Klavier: Frau Lotte Hirschmann). (Kantor Oscar Ruschin). (Herr Heimann Abramczyk). (Herr Erwin Herper). 4. ) Zu dieser Gedenkstunde die hiesigen Familienangehoerigen des Verstorbenen sowie die Direktorien der hiesigen juedischen Organisationen einzuladen. 5. ) In der Mai-Nummer des Boletin Informativo, das bereits im Druck ist, .. . und die Juni- Nummer als Gedenknummer zu veroeffentlichen. 6. ) Ein Bild des Verstorbenen im Praesidenten-Zimmer anzubringen. 7. ) Saemtliche kulturellen und sozialen Veranstaltungen der SCI fuer die Dauer von 30 Tagen zu suspendieren. 8. ) Die Sitzung zum Zeichen der Trauer aufzuheben. schliesslich dieser Bau eingeweiht wurde, in dem wir seither so viele schoene, aber leider auch manch traurige Stunde wie heute verlebt haben. Als die Bne Briss im Januar 1937 gegruendet werden sollte, gehoerte Josef Hirschberg zu den Bruedern, die mit den Bruedern aus Argentinien verhandelten. Sein Name steht auf der Gruendungsurkunde der Bne Briss, er war einer ihrer ersten Finanzsecretaere. Spaeter hielt er wiederholt in der Bne Briss Vortraege, die immer wieder sein grosses Wissen und seine hinreissende Rednergabe unter Beweis stellten. In den letzten Jahren konnte er an der Kulturarbeit nicht mehr haeufig teilnehmen, infolge seiner Ueberlastung mit Arbeiten fuer die Gemeinde. Stets hat er aber versucht, unsere Mitbrueder fuer eine produktive Mitarbeit an der Gemeinde zu interessieren. Ein Mann, der sich so vollkommen einer Idee verschrieben hatte und so aufging in zielbewusster Arbeit fuer sein Volk und fuer unsere Gemeinde wie unser verstorbener Bruder, hatte selbstverstaendlich auch Kritiker und Gegner. Aber auch der eifrigste Kritiker, der schaerrste Gegner muss anerkennen, was Josef Hirschberg fuer unsere Gemeinschaft geleistet hat, der er die besten Jahre seines Lebens geopfert hat. Sein Name wird daher unvergessen sein hier in der Gemeinschaft deutschprachiger Juden, seiner Arbeit fuer uns wird immer ehrend gedacht werden, dieser Arbeit durch die er sich ein Denkmal geschaffen hat, wie der roemische Dichter sagt, aere perenius, das dauernder ist als ein Denkmal aus Erz und Stein.