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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1954-04-01 · 4 (Abril, 1954) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVI (1954)
Issue
4 (Abril, 1954)
Date
1954-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Äfcrfl. Î9S* BO LE TIN I NF Oftli'flYO _• -• - ';|T - - r v... /„«• n^.-r ■ .—.. i DIE STIRNE SIND ZEUGEN Jem Buch Bernard Goldsteins, des Fuehrers der juedischsozialistischen Bewegung ln Polen, entnommen. Sein Bericht vom Kampf der Warschauer Ghettojuden gehoert zu dem Erschuetterndsten, was ueber die Tragoedie unserer Zeit veroeffentlicht wurde. Tag und Nacht wurde gekaempft. Wir erlitten schwere Verluste. Wir besassen ja nicht die Waffen, um uns mit einem Feind zu messen, der. yon Kopf bis Fuss in der modernsten Kriegsausrustung steckte Die Deutschen legten Zeitbomben in Tanks, die sie; scheinbar aufgegeben auf der j Strasse stehenliessen. Eifrig I stuerzten sich die Aufstaendij sehen auf solche Tanks und i brachten sie oft hinter die eij genen Linien, wo sie dann j mit furchtbarer Sprengkraft : explodierten. Die Deutschen | liessen automatisch angetriej bene Torpedos los, die die | Waende durchbohrten und j innerhalb der Gebaeude aus- | einandersprengten. Das eri barmungslose Artilleriefeuer verschlang unzaehlige Opfer. Die Toten lagen tagelang auf den Strassen, Unter dem unaufhoerlichen Hagel der | Geschosse war es schwierig, sie zu bergen... Einige Wochen nach Ausbruch des Aufstandes machten die Deutschen ueber das i Rote Kreuz das Anerbieten, I dass Frauen, Kinder und Kampfunfaehige frei aus der Stadt abziehen sollten. Die Aufstaendischen nahmen das Angebot eines kurzen Waffenstillstandes an. Lange Reihen von Kranken und Greisen, von weinenden Frauen und Kindern auf ihren Armen zogen aus der Stadt. Nach der Evakuierung intensivierten die Deutschen das Artilleriebombardement. Als die Lage zunehmend schlechter wurde, verbitterte der Gedanke die zurückgebliebenen Kaempfer, dass sich ihre Angehoevigen nun weit hinter der deutschen Frontiinie befanden... Unter den Genossen, die wir kurz vor der Warschauer Erhebung aus den Waeldern in die Stadt gebracht hatten, waren Hanna Krischtal und Jan Bilak. Hannas Mann, Ga briseh Frischdorf, war in einem heroischen Abwehrkämpf im Wisehkow-Wald gefallen, Hanna, eine 22jaehn>e F»*au. war zu dieser Zeit lm neunten Monat ihrer Schwangerschaft, Hanna, Jan und Frau Papierna, eine Poale Zionistin, wurden von '■ MH mim k pH ¡t§n üüiii M#: I« WW#*: M& mm Das geschaeftige Warschauer Judenviertel in Vorkriegszeit (oben), Handelshof und Nalevkes, eines der wichtigsten Handelszentren von Polen. Unten: Nelavkes nach der Zerstoerung den Deutschen gefasst und in das Gestapo-Hauptquartier gebracht. Jan Bilak wurde sofort erschossen. Hanna, Frau Pauierua und mehrere andere Frauen mussten eine Kolonne bilden und deutsche i Gefallene von den Strassen j unter Feuer wegholen, Bei I dieser Gelegenheit flohen Hanna und Frau Papierna, sie liefen unter Geschosshagel auf die andere Seite der Barrikaden. Hanna war von diesem Erlebnis natürlicherweise stark mitgenommen. Wir konnten sie zeitweise in einem Heim fuer alte Frauen unterbringen, mussten sie aber kurz vor der zu erwartenden Geburt ihres Kindes wieder herausschaffen. Zusammen mit anderen Woechnerinnen brachten wir sie in einem Keller unter. Waehrend ueberall die Kaempfe tobten, hatte niemand Zeit und Geduld, sich um die Frauen im Wochenbett zu kuemmern. Ich rannte umher, um die allernotwendigsten Dinge fuer die Frau und das zur Welt kommende Kind aufzutreiben. Es liess mir keine Ruhe. Ich kannte Hanna, als tie selber noch ein kleines Kind war. Nun lag sie in Wehen in einem dunklen Keller, ein zartes, junges Geschoepf, brennend vor Hunger und Durst, waehrend um sie herum die Welt in Flammen stand und ihrer Not keine Beachtung schenken konnte. Es war ein Wunder, dass ihr Knaeblein lebend geboren wurde. Wir nannten es Gabrisch. nach seinem als Held gefallenen Vater. Die Verbindung mit den verschiedenen S t a d 11 e ilen wurde hauptsaechlich durch die Abwaesserkanaele aufrechterhalten. Aber auch dieser Weg wurde schliesslich unterbrochen, als die Deutschen Giftgas in die Kanalisation pumpten und dabei Hunderte •von. Menschen toe* teten. Leichen haeuften sich in den Strassen. Sie zu verbrennen lohnte nicht laenger die Muehe und die Gefahr. Die Aufstaendischen mussten sparsam mit ihren dahinschwindenden Kraeften haus halten.. Warschau brannte an allen Ecken. Alle Hoffnung auf Hilfe war dahin. Unsere physischen Kraefte waren erschoepft. Erbittert, enttaeuscht, hungrig und abgekaempft waren die Aufstaendischen nunmehr gezwungen, angesichts der uebermaechtigen Staerke des Feindes zu kapitulieren... Nach 63 Tagen und Naechten heroischen Kampfes gegen eine hoffnungslose Ueb-ermacht ging der Warshauer Aufstand zu Ende. Ein Maikaefer im April Von Siegfried Einstein Haette ich ihn nicht mit kaltem Wasser abgerieben, so waere er niemals auf die Welt gekommen, mein MO kaefer. Madame schenkte ihn mir, als ich Schreibpapier kaufte und 20 Briefumschlaege. Haben Sie Kinder? fragte sie mich laechelnd. Nein? wie schade!, sagte Madame mitfuenlend, da haben Sie natu erlich keine Verwendung fuer Abziehbildchen. Abziehbildchen?, wiederholte ich begeistert, doch, dafuer hab’ ich immer Verwendung... Der kleine Junge meines Bruders... Sie verstehen? Natuerlich, Ihr Neffe... Ganz richtig, mein Neffe... Madame kannte sich in Verwandtschaftsfragen zweifellos besser aus als ich. Kein Wunder, wenn man bedenkt. dass mein Bruder nicht verheiratet ist und folglich auch keinen Sohn hat. Ich habe mir einfach einen Neffen erfunden, weil ich es doch nicht uebers Herz brachte. Madame zu verraten, dass ich fuers Leben gern selbst einmal wieder Bildchen abziehen wollte. Ich rannte die Treppe zu meinem Zimmer empor. Hast du Geld gewonnen? rief mir Maria nach, die im Hof stand und den Teppichklopfer zum ersten Schlag bereit hielt. Nein, kein Geld. Warum hast du es dann so eilig? Weil ich einen ganzen Bog e n Abziehbildchen geschenkt bekam! Ich habe dreierlei Papier in meiner Schublade: Papier fuer einen Brief an den Herrn Bundespraesidenten, Papier fuer einen Brief an den Hernn Redakteur Papier fuer ein Maedchen, das mir einmal schrieb, dass es gluecklich waere, von meiner Hand ein Zeichen zu erhalten. Auf dem Papier, das dem Herrn Bundespraesidenten uigedacht war, werde ich die Bildchen abziehen, denen Madame noch ihren ganz besonderen Segenswunsch mit auf den Weg gegeben hat. Sagen Sie Ihrem Neffen, er soll vorsichtig damit umgehen, dass alle recht schoen herauskommen! hatte sie mir nachgerufen. Ich habe mich bereits daran gemacht, die 12 Bildchen aus dem Bogen herauszuschneiden. In eine Porzellanschale aus Grossmutters Tagen habe ich Wasser geschoepft. Das Werkzeug ist vorhanden. Dia Arbeit kann beginnen. - Im Dezember war’s, am Fenster bluehten die eisigen Blumen des Winters. Onkel Bugen hatte einen Abziehbilderbogen mitgebracht. Onkel Eugen kam direkt aus Berlin. Es war viel, groesser als Laupheim, wenn man dem Onkel glauben durfte. Und warum sollte man daran zweifeln? Wenn in Berlin ein kleiner Junge wie ich mit dem Radelrutsch um die Stadt herumfahren wollte, so wuerde er genau acht Tage dazu brauchen, hatte Onkel Eugen versichert. Mein Gott, musste das eine Stadt sein! Um einmal unser Staedtchen zu umfahren, brauchte Ich genau eine Stunde. Ich hatte tfs doch schon ausprobiert. Als ich Vater vor dem Einschlafen erzaehlte, dass man acht Tage brauche, um einmal um Berlin herumzufahren, schuettelte dieser den Kopf und meinte missbilligend Onkel Eugen uebertreibt immer. Vier Tage braucht man —und keine Stunde mehr!... Das enttaeuschte mich natuerlich sehe. Ich * haette es doch Onkel Eugen so gern geglaubt. Und nun hatte er mich angelogen. Genau vier Tage hatte: er hin* zugeschwindelt. Das war gewiss nicht schoen von ihm. Am folgenden Nachmittag zog ich die Bildchen ab, die Onkel Eugen mitgebracht. Ein Reiter mit goldenem Helm sass auf einem herrlichen Schimmel. Die Strasse saeumten hurtige Buben und Maedchen. In aer Ferne erkannte man das Blau eines Fiusses. Das weiss ich noch ganz genau. Ueberhaupt werde ich nichts mehr vergessen von dem Wunderbaren, o Und nun reibe ich mit dem rechten Zeigefinger, r e ib e schon mehr als zwei Minuten und bin noch immer nicht fertig. Ein grosser Ball ist mir bereits in der Mitte geplatzt. Eine karminrote Haelfte habe ich zur Linken, eine goldgelbe zur Rechten. Wenn Onkel Eugen noch lebte, so koennte ich ihm mein Leid klagen... Aber inzwischen hat man die Menschen in Gaskammern getrieben —und Berlin ist auch nicht mehr so schoen und grösa wie damals, als Onkel Eugen Jaecheind uebertrieb—. Was jetzt herauskommen soll (ich kann es bereits erkennen), ist ein Maikaefer. Wir schreiben April —und ich bringe einen Maikaefer zur We.t. Das sollte ich den Zeitungen mitteilen; die koennten eventuell etwas damit anfangen. Der Maikaefer ist geboren. Er hat das rechte Hinterbein bei dieser heiklen Prozedur verloren, auch der linke Fuehler ist nicht mehr so, wie er sein sollte..., doch was macht das, wenn man als Fruehgeburt im April zur Welt kommt? Da koennten noch ganz andere Dinge fehlen! Man denke zum Beispiel, wie gefaehriieh es waere, wenn man den ganzen Kopf unterschlagen haette bei dieser schwierigen Geburt! Ein Maikaefer, der im April ohne Kopf zur Welt kommt! Waere das nicht ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Maikaefer? Wenn Onkel Eugen nicht vergast worden waere, wuerde ich ihm nun einen Brief schreiben. Ich wuerde > zum Beispiel beginnen: Mein lieber Onkel Eugen! Ich bin in ganz seltenen Stunden noch immer Dein kleiner Neffe. Heute habe ich Erschrecke nicht, Onkelchen, ich habe ehr Abziehbildchen bekommen, Madame hat es mir geschenkt, Madame aus dem kleinen Laden gegenueber. Meinem Maikaefer fehlen einige Gliedmassen, aber sonst ist er (yohlauf und praechtig 'anzuschauen. Weisst du noch, Onkelchen, wie das war, als Du mir erzaehltest, man brauche genau acht Tage, mit meinem Radelrutsch Berlin zu umfahren? Ach, war das noch eine gute Zeit, als man Berlin mit einem Radelrutsch umfahren kennte! So ungefaehr wuerde ich meinen Brief an Onkel Eugen beginnen... Mein kleiner Maikaefer im April hat mir seltsame Gedanken in die Stube geflogen. Man sollte die Abziehbilder unabgezogen lassen —es waere besser fuer die Maikaefer und fuer die Toten, denen man ploetzlich begegnet, wenn der Zeigefinger dem Koerperchen eines AhziehimUitea»' fexa nachiaehrt.,,

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