Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XV (1953)
- Issue
- 8 (Agosto, 1953)
- Date
- 1953-08-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Agosto, 1953 BOLETIN INFORMATIVO 13 W/t re/reet, /tétete, /órete.. V Max Liebermann wird operiert Aus den Memoiren des verstorbenen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch Eines Nachts drang alarmierend bei uns die Hausklingel durch die Stille. Jemand kam an die Tuer meines Schlafzimmers und rief mir durch die Tuer zu: “Herr Professor Liebermann ist ploetzlich und schwer erkrankt. Frau Liebermann bittet den Herrn Geheimrat, eilig zu erscheinen“. Ich warf mir Kleider ueber, lief ins benachbarte Haus, fand ihn im Bett und bereits zwei Aerzte bemueht, ihm zu helfen, ein Leistenbruch an dem der Maler seit langer Zeit litt, hatte sich ploetzlich erheblich vergroessert. Ich erschrak sehr. Liebermann war ueber achtzig Jahre alt. Ich ueberpruefte seinen Zustand und bat meine Kollegen, von allen Versuchen, den eingeklemmten Bruch wieder zurueckzubringen, abzusehen. Liebermann musste sofort ins Krankenhaus, der Bruch war offensichtlich irreponibel. Die weinende Frau, der ihr Mann alles bedeutete, was sie auf Erden liebte — ich habe niemals wieder eine so gute Ehe gesehen —, war voellig verzweifelt. Sie nahm mich beiseite und fragte zitternd: “Muss er sterben?” Ich troestete, sie und liess einen Krankenwagen kommen. Im Morgengrauen fuhren wir in die Stadt. Ich auf dem schmalen Sitz des Kranken. waerters neben ihm. Nach Dieffenbach soll man ueber einem eingeklemmten Bruch nicht die Sonne untergehen lassen. Wir hatten kein Bett frei. Deshalb liess ich den Freund in meinem Arbeitszimmer in der Charité auf die breite Liegestatt legen, und kaum hatten wir ihn gebettet und ich mich ueber ihn gebeugt, sah er mich mit merkwuerdigem Ausdruck an und fluesterte: “Mensch, Sauerbruch, hab’n Sie eene Visage!” "Was?” fragte ich verdutzt. “Was habe ich?” Liebermann: “So eene Visage wie die hab ick noch nie jesehn! Det is die vertrackteste Visage uff der Welt. Die Visage muss ick zeichnen. Jeben Se mir Papier und Bleistift” “Lieber Meister”, sagte ich, “wir wollen uns erst einmal um Ihren Bruch kuemmern...”. “Jeben Se ma erst mal wat zum Zeichnen!”. Da man gegen Patienten nachgiebig sein soll, liess ich kommen, was er verlangt hatte. Ich musste mich neben ihn setzen. Er zeichnete. Nach einer Weile legte er das Blatt weg und sagte: “Nu hab ick Ihre Visage im Jroebsten fest- KONZERT im Gemeindehaus am Sonntag, den 23. August, nachm. 6 Uhr. Unter liebenswuerdiger, ehrenhalber Mitwirkung der folgenden Künstler: Rose Dahl, Ruth Weissenberg, Oberkantor Ruschin, Cellist Hans Loewe, Goldstein, Kowalski, Juedisches Kammer — Orchester unter Dirigent Herper, sowie weiterer Solisten und Chor. Aus dem Programm: I. — TEIL 1. —Psalm N.o 19. 2. —Bruch: Kolnidre: Cello—Solo mit Begleitung. Eli — Eli idem 3. —Zwei Israeli-Lieder 4. —Engel: Kammermusik — Werk 5. —Orchester—Werk II. — TEIL Mendelssohn: Oratorium “Elias”: a) Duett: “Zion streckt seine Haende aus b) Arie: “Sei stille dem Herrn”. c) Arie: “So ihr mich vom ganzen Herzen liebet”. d) Doppel-Quartett: “Denn er hat seinen Engeln befohlen” Haendel: Arie: “Dank sei Dir Herr” Beethoven: Cello-Variationes ueber ein Thema aus “Judas Maccabaeus” Haendel: Judas Maccabaeus: “Seht er kommet preis sieggekroent” fuer Solis, Chor, Orchester. Fluegel und Konzert-—Harmonium werden vom Piano- Pablo Gallyas kostenlos zur Verfuegung gestellt. Eintritt: EINTRITTSPREIS $ 50.— und -Haus jehalten”. Dann kam ihm wohl zum Bewusstsein, weshalb er in die Charité gebracht worden war, und er fragte: “Wat jeschieht nu mit mein’ Bruch? Wat machen Se denn so mit Bruechen?”. Als ich etwas weitschweifig ausholte und einen Satz mit "dem heutigen stand der Wissenschaft” begann, wehrte er ab. “Wat hat man denn frueher mit so ‘nem Bruch jemacht?” wollte er wissen. “Im Mittelalter“, dozierte ich, "ging man mit dem Patienten schonungslos um. In Ihrem Falle wuerde man Sie an den Beinen aufgehaengt haben”. “Mensch, Jeheimrat”, rief er, “det is ‘ne Idee! Da rutscht det alles von alleene wieder rin. Det seh ick ein! Det is jrossartig! Also haengen Se mir an de Beene uff!” Ich wehrte ab. Er gab nicht nach. Ich holte meinen Orthopae. den Biedermann. Kaum sah Liebermann ihn, schrie er: "Nu man los! Ihr sollt ma an de Beene uffhaeg’n! Mein Herz war voll Sorge. Liebermann war ueber achtzig. Waehrend wir ihn auf der Bahre in den Operationssaal brachten und ich neben ihm herschritt, fluesterte er noch einmal: “Mensch, Jeheimrat, Ihre Visage! So wie jetzt ha’ ick Ihre Visage noch nie jesehn!”. Und dann hingen wir ihn an den Beinen auf, und ich stand mit klopfendem Herzen daneben und beobachtete sein Gesicht. Auf einmal schrie er freudig: "Mensch, Jeheimrat, Sie merken ooch jar nischt!” “Was?” fragte Ich. “Was soll ich merken?”. “Es ist alles wieder rinjerutscht” rief er. Wir nahmen ihn ab, bandagierten ihn, und ich rief Frau Liebermann an, sie moege sich keine Sorgen machen, ihr Liebermann sei wieder in schoenster Ordnung. Einige Zeit lag Liebermann in der Charité, dann nahm ich ihn eines Tages mit in meinem Wagen nach Haus, als ich zum Mittagessen fuhr. Ich setzte ihn vor seinem Haus ab. Einige Stunden spaeter wurde ich zu Hause geweckt: Frau Liebermann habe angerufen. Sie wollte wissen, wie es ihren Mann gehe. Ich rief bei ihr an, und sie fragte mich, wo ihr Mann sei. Ich sagte: “Bei Ihnen”. Sie hielt diese beiden Worte fuer einen schlechten Scherz und begann zu schluchzen. Vergeblich versuchte ich sie zu beruhigen. “Mein Mann kann doch nicht verschwunden sein”, sagte sie. "Ihm muss etwas passiert sein, und Sie versuchen, es mir zu verschweigen”. Schliesslich fuhr ich zu ihr und war auch be- Aus der bekannten evangelischen Wochenzeitschrift “Christ und Welt”: "Scharfschueizen der Deutschen Moral" Da geht man also her, reckt den Arm — und zielt mit kaltem Auge auf den schwarzen Punkt im Gewissen des Gegners: Dresden, Hamburg, die Mordorgien der Tschechen, die Schlaechtereien des Maquis, die Hungerlager von 1945... “Das sind sie: die anderen, die ueber uns Gericht sassen und noch sitzen. Sind sie besser?”. So stehen sie da, so reden sie, diese Scharfschuetzen dei “deutschen Moral” — weit entfernt davon, auch nur eine Regung von Schuld zu spueren. Sie klagen an! Leute, die gestern noch gleich muetig die Schultern hoben, wenn ihnen hinterbracht wurde, was im Warschauer Getto, in Auschwitz, in Maidanek geschah und bestenfalls etwas von den Spaenen murmelten, die fallen muessten, wenn gehobelt wuerde— genau diese Leute ficht heute nichts an, mit dem Pathos des Spiessers nach Menschlichkeit z u rufen, wenn die Moerder von gestern ihre Strafen empfangen. “Seht ihr: die anderen. ..”. Es ist schlimm genug, dass unser deutsches Volk Tausende von Menschen beherbergte, deren taegliches Geschaeft Mord, war, Schlimmer und bedrueckender nahezu Ist jenes verhaertete Pharisaeertum, das auf die Frage fcach unserer Schuld keine andere Antwort weiss als— mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die “anderen” zu deuten: “Die Rechnung geht auf!”. Sie geht nicht auf. Weil mit Menschenseelen nicht Mark gleich Mark gewirtschaftet werden kann, weil es fuer Schuld und Unrecht und beschaedigte Gewissen keine konvertierbare Waehrung und kein internacionales Verrechnungskonto gibt. Das aber, genau das will man uns weismachen. Es ist bestuerzend, sorgt. Ich konnte mir nicht erklaeren, was vorgefaller war. Frau Liebermann erwartete mich zitternd. Ich erklaerte, ihr Mann muesse hiei sein. Ich haette ihn selbst vor wenigen Stunden hierherge. bracht. Wir gingen ins Haus. Ob ei nirgendwo sein koenne? Frai Liebermann schuettelte der Kopf. “Und im Atelier?” fragte ich. “Ausgeschlossen, icl muesste ihn ja auch gehoerl haben!” Aber ich ¡hatte ploetzlich das Gefuehl, icl AUGUST ZU FAMILIEN - FESTLICHKEITEN Telegramme, Blumen-Abloesungsspenden, Baeume, Goldenes Buen, Bar-Mlzwali-Buch, Klnder-Buch des KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Telefonische Bestellungen: 33096 (Gemeinde) oder 87707 (Federación Sionista, Depto. del K.K.L.) zu beobachten, dass auch Deutsche, die mit den nazistischen Verbrechen nichts gemein haben oder doch nichts gemein haben muessten, sich auf Gleichungen dieser Art einlassen, sich neben und hinter Moerder stellen und damit die Theorie von der “Kollektivschuld” auf fatalen Umwegen erst jetzt Wirklichkeit werden lassen. Denn wer die Verbrechen oder auch nur die Verbrecher des Dritten Reiches zu rechtfertigen trachtet, macht sich mitschuldig! Da hilft uns auch keine Schuld der “anderen”. Was hatte die Vergasung der Juden mit den “Notwendigkeiten des Krieges” zu tun? Und die Dezimierung der polnischen Intelligenz? Und das Todesurteil gegen einen Ukrainer, der mit einer deutschen Bauernmagd Freunschaft schloss? Und Qradour? Und wann wurden denn die ersten hunderttausend Juden und Demokraten in das KZ getrieben? Wenn wir uns recht erinnern, doch 1933! Was nachher geschah, war nichts anderes als die “eherne Konsequenz” des Begonnenen. Und eben in dieser Konsequenz musste es zu den “Racheorgien” der anderen, der jahrelang Unterdrueckten und Gepeinigten kommen. —Wir haben nichts von den Gasoefen gewusst. Richtig. Aber wir wussten von den Judengesetzen, den KZs, dem Mord an Geisteskranken! Genuegt das nicht! Wurden nicht in der “Reichskristallnacht” vor den Augen des ganzen Volkes aber Tausende Juden ausgepluendert und Hunderte erschlagen? Haben wir es schon vergessen? Die Rechnung geht nicht auf, Nur mit einer Mathematik der Gewissenlosigkeit laesst sich eine Bilanz aufmachen, die das Resultat der “‘Kollektivunschuld” ergibt. Wer unserem Volk diese Kollektivunschuld aufreden will, setzt es mit nazistischen Moerdern gleich und zwingt es damit in die Kollektivschuld. Das waere das letzte und infamste Verbrechen, das man an Deutschland begehen koennte. sollte doch oben nachsehen. Ich stand vor der Ateliertuer, Frau Liebermann hinter mir. Man hoerte .nichts. Ich drueckte auf die Klinke. Die Tuer war verschlossen. Die gute Frau Liebermann sah mich an. Ich klopfte. Nichts. Ich klopfte wieder. — Eine Stimme knurrte: “Ich will nicht gestoert werden”. Schliesslich oeffnete er. Er hatte an meiner Visage gearbeitet. Seine Frau liess er nicht in das Atelier, wenn er malte. Sie sah mich flehend an. Da hatte ich einen Einfall: “Sie haben vergessen, dass Sie mich zum Essen eingeladen haben. Wir wollten doch feiern, dass Sie wieder zu Hause sind”. Da blieb ihm ja nun nichts anderes uebrig. Wir sassen sehr lange und unterhielten uns. Ich fing manch dankbaren Blick der Frau auf. Einige Tage spaeter erklaerte er mir, ich muesse ihm jetzt sitzen. Das tat ich auch, aber dann nahm es mir zuviel Zeit weg, und ich murrte. Er jedoch meinte: “Et jeht ja mal nich anders. Wenn Sie ‘n Fehler machen dann deckt ih anderntags der jriene Rasen. Aber ‘n Fehler von mir sieht man ueber hundert Jahre an de Wand haeng’n”.