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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1953-07-01 · 7 (Julio, 1953) · p. Seite 13

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XV (1953)
Issue
7 (Julio, 1953)
Date
1953-07-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Julio, 1953 BOLETIN INFORMATIVO 13 i f Kafka und diese Zeit Am 3. Juni 1924 starb, kaum einundvierzig J^hie alt. der Dichter Franz Kafka in einem Sanatorium zu Kierling bei Wien. Er hmterliess einige schmalrueckige Bus eher, die er verfasst hatte, sowie gehaeufte Buendel von Manuskripten, diese mit der Weisung, sie au vernichten. Ihn betrauerte eine kleine Schar von Lesern, die in seinen Schriften den Schluessel zu einer neuen weit gefunden hatten und eine Handvoll Freunde, denen das erloschene Leben kostbarer gewesen war als die Dichtung, in der es sein Geheimnis kuendete. Franz Kafkas letzter Wille, die Vernichtung seiner noch unveroeffentlichten Arbeiten, war an den Freund gerichtet, der seine literarische Geltung daran gesetzt hatte, das Werk des bruederlich Geliebten bekannt zu machen. Max Brod war der Letzte, dem es zugemutet werden konnte, ein Werk zu zerstoeren, dessen Einzigartigkeit er vor allen Anderen erkannt und gepriesen hatte. So veroeffentlichte er mit dem letzten Willen und gleichsam im Widerspruch zu ihm den Nachlass des Freundes: die drei grossen epischen Fragmente •'Aerika”, “Das Schloss’’, “Der Prozess”, sowie eine Reihe kuerzerer Erzaehlungen und Aphorismen. Die Buecher gingen hinaus und uebten eine Wirkung, die zugleich geheim und ohne Grenzen war. Viele Menschen, und nicht nur im Bereich der deutschen Sprache, schienen sie erwartet zu haben. Sie suchten und fanden in den Buechern Franz Kafkas sich selbst. Hier war das Grauen des vereinsamten Menschen Gestalt geworden, des Verlassenen in einer Welt, da die Liebe gestorben und der natuerliche Zusammenhang des Glaubens und der Glaubensgemeinschaften zerbrochen war. Der Verlust der Liebe machte den Einzelnen zum wehrlosen Spielzeug seiner Regungen und Begierden. Da war kein Verband, dem er sich haette anschliessen, kein Gesetz, dem er haette folgen koennen. Glaubenslosigkeit jedoch zeigte ihn ausgesetzt jenseits aller Ordnungen, als ein Opfer von Systemen, die nur durch die Absicht zusammengehalten schienen, ihn, den einzelnen Menschen, aufzureiben . Franz Kafka wurde zum Gestalter der europaeischen Krise, ohne doch Trost oder Rat zu spenden. Eben dies, seine Unerbittlichkeit, zog die Leidenden an und lehrte die Klugen Demut. Er trat unter das Verhaengnis, er nahm sein Schicksalauf sich, damit es durch ihn sichtbar werde als eine allgemeine Verzweiflung; durch ihn erhielt das gestaltlos Drohende Umriss, das Entsetzliche Pathos, Er hob das Bruchwerk seiner Gegenwart auf in ein dauerndes Fragment und bannte die toedliche Gefahr, in die der Geist Europas geraten war, wie die fruehen Menschen reissende Tiere gebannt hatten, indem er sie zeichnete. Er sah, wie mancher Denker vor ihm, dass der moderne Mensch sich in einen Widerspruch verwickelt hatte, der unloesbar war in sich selbst Freiheit war Vogelfreiheit geworden, Bindung jedoch eine unertraegliche Fessel. Er versuchte nicht, dem Paradox zu entrinnen. Aber er enthielt sich dieses. Versuches nicht aus Schwaeche, sondern aus Kraft: mit der Kraft, die das Leben auf sich nimmt, ohne zu rechnen und ohne zu rech, ten, mit dem Anstand eines Menschen, der nur eine Niederlage kennt: die Flucht. So trug er sein Leben, so schuf er sein Werk: die Schultern gebeugt und ein Stoehnen zurueckhaltend hinter den Zaehnen. aber sein Mund laechelte. Das Schicksal, das der Dichter Kafka seinen ■ Helden bereitete, ist der literarische Niederschlag dessen, was der Mensch Kafka als das Verhaengnis seines eigenen Lebens erfuhr. Bald sind diese Helden unmuendig, ausgesetzt auf Landstrassen. Bald sind sie ohne Beruf, ein Vorwurf, den der Vater Kafkas dem Sohn nie erspart, bald Beamte, wie er, als er sich einem Broterwerb unterzog. Dann aber ist er, wie im “Prozess”-Fragment, ein Landvermesser, also einer, der den Boden nicht bestellt, sondern lediglich abschaetzt, der nicht teil hat an den Wandlungen der Natur, nicht einbezogen ist in Bluehen und Hinabwelken, nicht Hand anlegt bei Ernte und bei Saat, sondern einer, der bloss ueber die Strassen wandert und vorgibt, er koenne die kalten Masse der Rechnung an das ewig werdende legen, ohne zu beweisen, dass er selbst diesen abgezogenen und am Ende sinnlosen Beruf auch auszuueben versteht. Was mit diesem Landvermesser wie mit jeder anderen Gestalt Kafkas vor den Leser tritt, ist der Jedermann der Moderne; fremd der Erde, ferne der rechten Bahn des Lebens, heimatlos und unstet irrend durch eine zerruettete Zeit. Kafka, auch er, war ein Blutzeuge der europaeischen Krisis, aber er ist schon mehr als ausschliesslich ihr Produkt. Er erkannte sie und erkannte, dass sie religioesen Ursprungs sei. Glaeubig-unglaeubig, ein messianischer Mensch und ein moderner Kuenstler, sprach er sie aus und bannte sie, wie sie mit solchem Mute und in solcher Klarheit zwischen dem protestantischen Christen Soeren Kierkegaard und dem Juden Martin Buber von keinem erkannt und ausgesprochen worden war. Er trat ihr zudem nicht nur als Seher und Deuter, sondern auch als Bildner, Dichter Gestalter entgegen. Er erzaehlt, und indem er erzaehlt, ist Tragik, Groesse und Alltaeglichkeit, und dahinter, in kaum noch wahrnehmbarer Brechung, der Abschein der verheissenen Erloesung. HEINZ POLITZER F. Kafka: Biblisch .e Zwischen Himmel und Erde Er ist ein freier und gesicherter Buerger der Erde, denn er ist an eine Kette gelegt. die lang genug ist, um ihm alle irdischen Raeume freizugeben, und doch nur so lang, dass nichts ihn ueber die Grenzen der Erde reissen kann. Gleichzeitig ist er aber auch ein freier und gesicherter Buerger des Himmels, denn er ist auch an eine aehlich berechnete Himmelskette gelegt. Will er nun auf die Erde, drosselt ihn das Halsband des Himmels, will er in den Himmel, jenes der Erde. Und trotzdem hat er alle Moeglichkeiten und fuehlt es. Schuldig Befunden (Ein Forschungsreisender, dazu bestimmt, das Gerichtsverfahren in allen Laendern zu ueberpruefen, kommt in eine Strafkolonie, wo ihm vom Exekutionsoffizier ein kompliziertes Marterinstrument erklaert wird). Der Offizier zog eine kleine Ledermappe hervor und sagte: “Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteil. i ten wird das Gebot, das er uebertreten hat, mit der ‘Egge’ auf den Leib geschrieben. Diesem Verurteilten zum Beispiel” —der Offizier zeigte auf den Mann “wird auf den Leib geschrieben werden: Ehre deinen Vorgesetzten!” Der Reisende sah fluechtig auf den Mann hin; er hielt, als der Offizier auf ihn gezeigt hatte, den Kopf gesenkt und schien alle Kraft des Gehoers anzuspannen, um etwas zu erfahren. Der Reisende hatte verschiedenes fragen wollen, fragte aber im Anblick des Mannes nur: “Kennt er sein Urteil?” “Nein, “sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklaerungen des Strafinstrumentes, der “E g g e”, fortfahren, aber der Reisende unterbrach ihn: “Er kennt sein eigenes Urteil nicht?” “Nein”, sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine naehere Begruendung seiner Frage, und sagte dann: “Es waere nutzlos, es ihm zu verkuenden. Er erfaehrt es ja auf seinem Leib”. Der Reisende wollte schon verstummen, da fuehlte er wie der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er den geschilderten Vorgang billigen koenne. Darum beugte sich der Reisende, der sich bereits zurueckgelehnt hatte, wieder vor und fragte noch: “Aber dass er ueberhaupt verurteilt wurde, das weiss er doch?” “Auch nicht”, sagte der Offizier und laeei Wann? Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht noetig sein wird, er wird erst ein Tag nach seiner Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen sondern am allerletzten. Der Turmbau Wenn es moeglich gewesen waere, den Türm von Babel zu erbauen ohne ihn zu erklettern, es waere erlaubt worden. o r (Aus der gleichnamigen Novelle) chelte den Reisenden ar. “Nein?” sagte der Reisende und strich sich ueber die Stirn hin, “dann weiss also der Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?” “Er hat keine Gelgenheit, gehabt, sich zu verteidigen”, sagte der Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den Reisenden durch Erzaehlung dieser ihm selbst. verstaendlichen Dinge nicht beschaemen. “Er muss doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen”, sagte der Reisende und stand vom Sessel auf. Der Offizier erkannte, dass er in Gefahr war, in der Erklaerung des Apparates fuer lange zeit aufgehalten zu werden: er ging daher zum Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn gerichtet war, stramm aufstellte —auch zog der Wachtsoldat die Kette an—, und sagte: “Die Sach verhaelt sich folgendermassen. Ich bin hier in der Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte koennen diesen Grundsatz nicht befolgen, denn sie sind vielkoepfig und haben auch noch hoehere Gerichte ueber sich. Das ist hier nicht der Fall oder war es wenigstens nicht beim frueheren Kommandanten, Der neue hat allerdings schon Lust gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher gelungen, ihn abzuwehren, und wird mir auch weiter gelingen. Sie wollten diesen Fall erklaert haben; er ist so einfach wie alle. Ein Haupmann hat heute morgen die Anzeige erstattet, dass diese* Mann, der ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner Tuere schlaeft, den Dienst verschlafen hat. Er hat naemlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag auf- Der Suendenfall Gott sagte, dass Adam am Tage, da er vom Baume der Erkenntnis essen werde, sterben muesse. Nach Gott sollte die augenblickliche Folge des Essens vom Baume der Erkenntnis der Tod sein, nach der Schlange die goettliche Gleichwerdung. Beides war in aehnlicher Weise unrichtig. Die Menschen starben nicht, sondern wurden sterblich, sie wurden nich Gott gleich, aber erhielten eine unentbehrliche Faehigkeit, es zu werden. Beides war auch in aehnlicher Weise richtig. Nicht der Mensch starb, aber der paradiesische Mensch, sie wurden nicht Gott, aber das goettliche Erkennen. Sancta Simplicitas Abrahams geistige Armut und die Schwerbeweglichkeit dieser Armut ist ein Vorteil, sie erleichtert ihm die Konzentration oder vielmehr sie ist schon Konzentration, wodurch er allerdings den Vorteil verliert, der in der Anwendung der Konzentrationskraft liegt. zustehen und vor der Tuer des Hauptmanns zu salutieren. Gewiss keine schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erfuelle. Er oeffnete Schlag zwei Uhr seine Tuer und fand ihn zusammengekruemmt schlafen. Er holte die Reitpeitsche und schlug ihm ueber das Gesicht. Statt nun aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, fasste der Mann seinen Herrn bei den Beinen, schuettelte ihn und rief ‘Wirf die Peitsche weg oder ich fresse dich!’ Das ist der Sachverhalt. Der Hauptmann kam vor einer Stunde zu mir. ich schrieb seine Angaben auf und anschliessend gleich das Urteil. Dann liess ich dem Mann die Ketten anlegen”. Wir Kommen Wieder (Der Offizier verstrickt sich spaeter in die eigene furchtbare Maschine; unter einem neuen Kommandanten wird das Strafsystem etwas gemildert. Doch der Mythos der alten heroischen Grausamkeit lebt unter den Anhaengern des alten Regime fort, wie die versteckte Grabinschrift beweist, die der Forschungsreisenae auf dem Grabstein findet:) Hier ruht der alte Kommandant. Seine Anhaenger, die jetzt keinen Namen tragen duerfen, haben ihm das Grab gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht eine Prophezeiung dass der Kommandant nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auferstehen und aus diesem Hause seine Anhaenger zur Wiedereroberung der Kolonie fuehren wird. Glaubet und wartet!

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