Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XV (1953)
- Issue
- 7 (Julio, 1953)
- Date
- 1953-07-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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< Julio, 1953 BOLETIN INFORMATIVO Neuhebraeische Literatur Der Vorhang Von Jemimah Tschernowitz Ich weiss .nicht, warum ich den Chauffeur bat, anzuhalten. So sehr hatte ich geplant, den Weg fortzusetzen und das vorgesehene Programm in vollem Umfang mit allen seinen Einzelheiten bis zum Abend durchzufuehren. Aber in jener Daemmerstunde, die die Landschaft umfing wie etwas Verhaltenes, beinahe Unerlaubtes und wir alle wissen doch, dass es hier keine Daemmerung gibt — in jener verzauberten Stunde, fuehlte ich, nachdem ich auf der Landstrasse stehen geblieben war und das Auto sich langsam von mir entfernte, dass irgendwelche von diesen geheimnisvollen, verborgenen Kraeften um uns her mir nahe waren und mich bewegten. Von diesem Augenblick an glich ich einer Holzfigur, einer Marionette, die ein Spielleiter an einem Faden haelt und davon fuehrt. Ohne zu ueberiegen wandte ich mich zu jenem Scheidewege, an dem ueber Nacht die kleine Gruppe der Holzhaeuser emporgewachsen war. Es sah aus, als ob ein Engel von oben her einen Sack voller Baracken ueber den Weg ausgeschuettet haette, die nun ganz willkuerlich, links und rechts ueber die Strasse verstreut, standen. Sie glichen ein wenig Einbeinigen, denen es an Festigkeit, an Sicherheit mangelt, wenn sie lange stehen. Ruhig und unbeirrt ging ich an ihnen vorbei wie zu einer im vorhinein angesetzten Besprechung an einer bestimmten Stelle. Meinen Kopf wandte ich nach keiner Seite und das um mich her pulsierende Leben nahm ich nicht wahr. So kam ich direkt zu einer kleinen Holzhuette, die etwas abseits lag und aussah. als waere sie von den anderen beiseite gestossen worden. Es war eine jener armseligen Baracken, ueber die man schon oeffentlich diskutiert hatte, da man anzweifelte, dass sie ueberhaupt noch einen Winter ueberstehen koennten. Es gab nur ein einziges Fenster; in seinem Rahmen stand eine Frau und ich wusste sofort, dass sie es war, zu der meine Schritte mich zogen. Ihretwegen hatte ich meine Fahrt unterbrochen zu ihr ging ich; denn sie war es, so fuehlte ich, die mich gerufen hatte. Niemals hatte ich sie gesehen und doch war mir ihr Antlitz vertraut. Verschoent war es durch einen inneren Glanz, der wie ein Leuchten auf ihm lag. Ja. jetzt fiel es mir ein, diese Seligkeit, die von ihr ausstrahlte, erinnerte an den Ausdruck, den Muetter auf ihren Gesichtern haben, wenn sie ihre Saeuglinge zum ersten Mal stillen. Ihr ganzes Wesen wirkte wie in Glueck getaucht, eine seltene Art von Schoenheit, wofuer sich schwerlich Worte finden lassen. Der duenrne Vorhang, der zu beiden Seiten des Fensters herunterhing, schmiegte sich um ihren Kopf wie ein zartes Tuch. So aehnelte sie einer Braut im Schleier. Ohne Befremden oder Verwunderung blickte sie mich an, als haette sie mich gerade jetzt, zu dieser Zeit, erwartet. Und schon begann sie zu reden: “Du kommst zur mir in meiner gluecklichsten Stunde. Uebervoll ist mein Herz, darum kann ich nicht, schweigen und muss zu Dir sprechen. Soeben habe ich diesen Vorhang vor meinem Fenster aufgehaengt. Das ist ein grosser Augenblick, in meinem Leben. Du machst ein erstauntes Gesicht und denkst: —Jede Frau haengt Vorhaen stecken kann, um frische Luft zu schoepfen, um in der Nacht das Funkeln der Sterne zu betrachten; wenn man nicht einmal, waehrehd man auf den Liebsten wartet, seine Stirn an das Fensterglas lehnen kann, um Ausschau in die Ferne zu halten. Ich fuerchte, Du wirst mich nicht verstehen; denn jedes Zimmer, so denkst Du vermutlich, hat doch ein Fenster und wir wohnten schliesslich in einem Zimmer. Aber, so begreife doch, wir wohnten in einem grossen Raum, den wir mit lo anderen Familien in einem Fluechtlingslager teilten. Ich befand mich zwischen langen Schlafdecken, die um mich herum von allen Seiten aufgehaengtwaren: das war mein Zimmer. Ja, ich erinnere mich noch an unsere Hochzeitsnacht. Wahrscheinlich findest Du es wunderlich, dass wir uns inmitten dieses menschlichen Gewimmels, das um uns herum herrschte, entdeckten, “Braucht denn Liebe Palaeste. Kirschbaeume und Rosenstraeucher?’’ so pflegte er zu mir zu sagen. Und vielleicht hatte er recht; denn in jenen grossen, kahlen Hoefen, die zwischen den Baracken lagen, wo man unter Hunderten in einem Winkel lebte und der Mensch keinen Platz hatte, um fuer sich allein zu seih, gerade dort wurde unsere Liebe geboren. Alles schien so einfach; man baute uns einen Trauhimmel auf, fuehrte uns darunter, beglueckwuen. schte uns mit froehlichen Rufen und dann stellte man uns das Eckchen zwischen den Decken als eheliches Schlafzimmer zur Verfuegung. Ja, ich erinnere mich, das war unsere Brauntnacht. Wie eine Saite war ich gespannt und ich fluesterte: Augen sehe ich um mich her, lauschende Ohren spuere ich - -ach, sage mir keine Liebesworte —in der Weite dieses Saales werden sie verfliegen und alle diese Menschen hier werden ihren Traeumen murmelten. Wie eine Schildkroete verschloss ich mich in meinem Innersten und leise betete ich: “Herr der Welt, gib’’ mir vier Waende und ein Fenster, ein Fenster fuer mich allein, an dem ich stehen darf zu Jeder Zeit, ein Fenster mit einem Vorhang, der uns verbirgt vor den Augen der Welt, dass sie uns nicht sehe! Gib uns einen kleinen Raum nur fuer uns, damit wir ganz fuer uns allein sein koennen! Und es gab Naechte, in denen ich glaubte , ich lebte nicht mehr, so erstickt fuehlte ich mich zwischen jenen Decken. “Du liebst mich nicht”, fluesterte er mir dann \ bitter zu, —“wenn Du mich I liebtest, wuerdest Du die Men-! sehen um uns herum nicht I beachten; denn Liebe sieht ihre Umgebung nicht!”. “Ach, ich konnte es ihm j nicht erklaeren. Aber Du, Du | bist doch auch eine Frau, Du; wirst verstehen, was ich empfand”. ' Fuer eine Weile verstummte sie. Vorsichtig strichen ihre : Finger ueber den Vorhang,; liebevoll umfassste ihr Blick | das Fenster, es war, als wollte sie sich von Neuem dieser , grossartigen Wirklichkeit verj gewissem. Und mit einem j Laecheln, das ihr ganzes Gej sicht ueberzog, fuhr sie fort: ‘Und dann kamen wir in das Land und wieder lebten wir in einem Lagerdieses Mal war es ein Zelt, das wir mit vielen Familien teilten. Und wieder konnte ich aus meinem Panzer nicht heraus, bis man uns diese Baracke gab. Stosse Dich nicht daran, dass sie eng ist und klein. Uns gehoeren vier Waende und ein Fenster. Ich kann hinausschauen, kann meine Lungen fuellen mit frischer Luft,—ich kann am Fenster stehen und warten —und jetzt habe ich auch einen Vorhang—, jetzt koennen wir unsere Welt vor den Augen der anderen verdecken. Sieh’ nur, dort kommt mein Liebster schon und darum schliesse ich jetzt das Fenster; denn nun werden wir beide hier allein sein, allein mit unserer Liebe! Noch waehrend sie sprach, zog sie an der Schnur, der Vorhang schloss sich und bedeckte das Fenster. Ich wandte mich zum Wege und ich sah einen kraeftigen jungen Menschen, beladen mit Arbeitsgeraeten, naeherkommen Seine strahlenden Blicke waren auf die kleine Baracke gerichtet (Uebertragen von Justa) ABRAHAM SHLONSKI: AUS DEM BUCH: UNTERM RAD (BAG ALGAL) Arbeit Arbeit Kleide mich, geliebte Mutter, in jenen praechtig ge (faerbten Rock Und in der Daemmerung noch fuehre mich hin zur Arbeit! Siehe, in Licht gehuellt ist mein Land wie in einen Tallitb, Die Haeuser spiegeln seine Helle wieder. Gleich Tfillimriemen senken sich die Wege —geformt von eunseren Haenden, Die liebliche Vorstadt singt ihrem Schoepfer den Morgensalm— Und unter den Arbeitern ist Dein Sohn — Abraham, Der Dichtersfrassenbauer in Israel. Kehrt der Vater des Abends von seinem Werk zurueck. So sagt er in seinem Dankgebet: Das ist Abraham, mein lieber Sohn, Nichts als Haut und Sehnen. Knochen und Kraft Dank und Lob, o, Hallelujah! Ja, huelle mich, geliebte Mutter, in jenen herrlichen Rock Und in der Daemmerung noch fuehre mich hin zur Arbeit! UEBERTRAGEN VON JUSTA. Misionaere in Kibbuz ge an ihre Fenster uhd was i sie hoeren. Aber er lachte liegt daran? Ist das etwas Be sonderes? , Ach, lass’ Dir sagen, wir j hier sind nicht wie die an- ■ deren Frauen. Gewiss weisst j Du nicht, was es bedeutet, oh- , ne ein Fenster zu sein. Und i sicher kannst Du Dir nicht nur und sprach: “Mein Dummerchen, so ist die Welt. Wir sind doch nicht die Einzigen in unserer Liebe”. Doch diese Liebe zwischen den beweglichen waenden aus duennen Decken ertrug ich nicht. Um uns herum vorstellen, wie man lebt, wenn j spuerte man die schlafenden ™an nicht einmal den Kopf | schnarchenden Menschen, durch die Fensteroeffnung von denen manche noch in KIBBUZ-KINDER Micah, 3 Jahre, aus Mishmar Haemek, faehrt zum ersten Male im Autobus. Ihm gegenueber sitzt eine Dame mit bemalten Lippen. “Oh, was ist Ihnen passiert?”, fragt er besorgt die Dame. “Ihre Lippen bluten”. “Das ist kein Bilut”, antwortet ihm einer der Passagiere”. Die Dame hnt Erdbeeren gegessen”. “Oh, wie komisch! Schon so ein grosses Maedchen und! hat sich nicht den Mund abgewischt nach dem Mittagessen”, antwortet das Kind. 00O00 Die Kinder eines Dorfes fragten ein neuerdings eingewandertes kleines Maedel aus. “Woher bist du?” “Aus Polen, “erwiderte sie”. Hoer mal, ist es wahr, dass die Araber in Polen polnisch sprechen?”. Mishmar Haemek hat Gaeste, auf die es mit Recht stolz sein kann. Nicht nur gereicht es dem Kibbuz zur Ehre, von einem unvoreingenommenen Beobachter zur Wahlheimat gemacht worden zu sein —auch die Chawerim der Siedlung koennen mit ihren Gaesten paradieren. Hoch oben auf einem noch vor kurzem ‘wuesten Huegel. den ich mit Geroell und Bioecken und Bauresten besäet in Erinnerung habe, steht jetzt ein kleines praefabriziertes Haeuschen, und hinunter bis zum naechsten Haus ist der steile Berg terrassiert! Alle Terrasen sind gruen, mit Blumen eingefasst, mit Gruppen junger Baeume und bluehenden Straeuchern verziert. In eineinhalb Jahren haben die Chapmans, die hier wohnen, ein kleines Paradies geschaffen. Im Englischen sagt man von einem Menschen, der eine glueckliche Hand mit Pflanzen hat, er habe “gruene Finger”. B.B. Chapman hat die Bioecke weggerollt u. die Terrassen gebaut, aber Elischeva hat sie zum groessten Teil mit ihren kleinen “gruenen” Fingerchen bepflanzt, und was sie angreift, gedeiht. Ihre Chrysanthemen sind in einem Jahr zu fuenfmal groesseren Bueschen angewachsen als meine in der doppelten Zeit, jedes ihrer Pfefferbaeumchen traegt hunderte Beeren, wenn meine kaum ein Dutzend zie-! ren. Ihre Veilchen bluehen i schon im Oktober und ihre I Verbenen noch im Dezember. B.B. Chapman ebnet gra-; de die letzten Schuetzengrae-; ben unten beim Speisesaal i ein. Er ist 65 Jahre alt, aber; er nimmt es noch mit jedem j Jungen auf. Die zierliche, | weisshaarige Frau, die ihm nur bis zur Schulter reicht, ist ein ebensolcher Arbeitsteufel wie er. Sie geht morgens mit den Jungen bei Tagesanbruch zur Arbeit, und erst nachmittags kommt ihr “eigener” Garten dran. Sind es Gerim, die sich mit solchem Eifer in die Arbeit fuer die neue Heimat stuerzen, trotz Alter und Sprachschwierigkeiten und fremder Umgebung? — Nein. Die Chapmans sind gute Chris- | ten. Sie haben mehr als dreis- I sig Jahre ihres Lebens in Chi- | na, Indien und Japan als Mis- | sionaere verbracht — meist; als Lehrer. B.B. Chapman ist ein beruehmter Mann, Professor der Klimatologie, der an der christlichen Universitaet Nanking viele Jahre unterrichtet hat und dort mit Dr. Lowdermilk und L. Buck befreundet wurde. Professor Buck fuehrte seinerzeit ein grandioses Werk in China durch* d. Land Utdlisation Survey”, und Benyamin Chapman machte den klimatologischen Teil. Er ist M. A, dreier Universitaeten (Perth in Australien — Columbia, USA — und Cambridge, England) und kennt ausser Suedamerika die ganze Welt. Er hat Klettertouren in den Dolomiten gemacht, er weiss jedes grosse Bauwerk in Italien zu beschreiben, kalifornische Canyons und neuseeiaen. dische Geyser sind ihm wohlvertraut. Frau Chapman (Professor der Soziologie) weiss auf das Amuesanteste von Menschen in all den fremden Laendern zu erzaehlen. B.B. Chapman war schon lange Philo-Zionist — er sagt: Zionist — und wirkte besonders in Australien fuer die Bewegung und gegen den Antisemitismus. Als er vor drei Jahren in Pension ging, machte er eine Reise nach dem neuen Jisrael. Er kam, sah Mischmar Haemek — und der Kibbuz siegte. Von allen Flecken der schoenen weiten Welt waehlten diese alten Leute diesen Winkel unseres ' Landes, um hier einige Jahre zu verbringen. Warum? Die Chapmans nennen in aller Einfachheit ihre Gruende. Erstens ist es die soziale Gleichheit, die sie anzieht, und die sie in solcher Form nirgends sonst auf der Welt gefunden haben. Zweitens finden sie, jeder Christ sei eigentlich den Juden etwas schuldig fuer das Jahrhunderte waehrende Unrecht, das d. christliche Kirche den Juden antat. “Wie koennten wir besser zeigen, dass wir uns dieser Verfolgung schaemen und tun wollen, was an uns liegt, um wenigstes etwas wieder gut zu machen? So sehen sie denn zu, dass ein Stueckchen Jisrael unter ihrer Haenden gruent und blueht, sie wirken fuer ein Experiment in sozialer Gerechtigkeit, das ihnen imponiert — und das alles aus reinem Herzen, mit reinen Haenden, ohne Lohn und Vorteil. Es sind gesellige, humorvolle Menschen, durchaus keine Fanatiker, und erstaunlich jung geblieben. Wir koennen mit solchem Zuwachs wohl zufrieden sein. PAULA ARNOLD. Tel-Aviv