Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XV (1953)
- Issue
- 6 (Junio, 1953)
- Date
- 1953-06-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Junio, 1958 ¡ BOLETIN INFORMATIVO /ft empento - S/t¿e#e¿ 13 r Der Hamburger Grosskaufmann Erich Lueth gehoert zu den Wenigen, die es zu unternehmen wagen, ihre edlen — daher einzelgaengerischen —Anschauungen in edle —daher unpopulaere— Taten umzusetzen. Seit Jahren ist dies e r bewunderungswuerdige Mann darum bemueht, dass deutsche Gewissen wachzuruetteln, zu einem Eingestaendnis der eigenen Schuld gegenueber den Juden, zu bringen, und auf dieser Basis zu einer Aussoehnung zwischen den beiden Voelkern zu gelangen. Er gehoert zu den aktivsten Vorkaempfern des Wiedergutmachung sabkommens zwischen Deutschland und Israel: er veranlasste Tausende von Mitbuergern eine nationale Schulderklaerung zu unterzeichnen; er begann im Rahmen der von ihm geleiteten ‘Friede-mit-Israel’ Aktion ein Werbezug unter Schulkindern zur Pflanzung eines Olivenhains in. Israel. Das und noch Vieles in dieser Richtung, tut Erich Lueth, nur von Gezaehlten verstanden und unterstuetzt, von Vielen verhoehnt oder bekaempft, von den breiten Massen in stumpfer Gleichgueltigkeit uebersehen. Doch dies kann den Israel-Lueth’, wie man ihn nennt, nicht schrecken. Im vergangenen Monat begab er sich selbst nach Israel, um Land und Leute kennen zu lernen. Generalmajor Hans Speidel, heute fuehrender Militaerber a t e r im geheimnisvollen ‘Blank-Buero’ dem embryonisehen Kriegsministerium Westdeutschlands, war unter dem Hitler-Regime ein williger Soldat. Er war Rommels rechte Hand im Afrika-Feldzug und kam vom Nazismus —genau wie sein Vorgesetzter —nicht deshalb ab, weil jener unmenschliche Grausamkeiten, sondern weil er strategische Fehler beging. Herr Speidel wird wohl versuchen, diese Fehler zu vermeiden, wenn er in den naechsten Krieg, zu dem er bereits deutsche Soldaten auszuheben beginnt, ziehen wird. Inzwischen faehrt er erst einmal nach England, um dort die neuesten Infanterie - Waffen in Augenschein zu nehmen. Die trueben Wasser-des Nils (Zwei Koeiiige 1 und ein Ass Die Rolle, welche die USA im Mitteieren Osten spielen wird ist wesentlich vonder der Englaender verschieden, deren 70 jaehrige Vorherrschaft sich jetzt ihrem Ende zuneigt. Amerika will weder die nationalen Aspirationen der Voelker zwischen Indus und Nil verhindern noch dieses Gebiet direkt kontrollieren. Vielmehr will es durch unsichtbare aber feste Bande — Geld und Waffen — erreichen, dass es in diesen Laendern mit Regierungen zu tun habe, auf die es sich im kalten und etwaigen heissen Krieg verlassen kann. Der amerikanische Sekretaer des Aeusseren, Foster Dulles, wird sich bei seinem Besuch in Is. rael von neuem ueberzeugt haben koennen, das das Regime in Israel diese Bedingung erfuellt. Dass Israel andrerseits allein nicht stark genug ist, den militaerischen Erfordernisssen der Amerikaner zu genuegen, liegt auf der Hand. Es ist also nur natuer. lich, dass Herr Foster Dulles sich auch in weiteren Laendern des Orients umsah und ihre politische Reife und Zuverlaessigkeit untersuchte. Bei den arabischen Laendern nun zeigte sich wieder einmal, dass von ihren Regierungen, um der inneren Gaerung Herr zu werden, an Stelle eindeutiger internationaler Stellungnahme nur hypernationalistisches Saebelrasseln zu erreichen ist. Waehrend man in Syrien zu Ehren des nordamerikanischen Besuchers geharnischte Erklaerungen gegen Israel vom Stapel liess, zeigte sich Aegypten wieder einmal in seiner sturen Unnachgiebigkeit in der Frage einiger englischer Restpositio. nen am Suez und der Interpretation des anglo-aegyptischen Sudan-Abkommens. Der Streit zwischen Eng. taendem und Aegyptem dreht Aovm i BtSBNiW «tttIA REDAKTIONSSCHLUSS AM 15. sich seit sehr langer Zeit um die zwei Achsen: Suez. Sudan. Die strategische Wichtigkeit des Kanals und daher an Ihm liegenden Haefen und Stellungen ist offensichtlich, Bei dem Sudán muss man daran denken, dass das am Unterlauf des Nils liegende Aegypten vom Sudán, der ihm die befruchtenden Schlammfluten abdrehen kann, abhaengig ist; (Sudan selbst ist allerdings Uganda und Abessynien gegenueber in derselben Situation!) Aegypten befuerchtet, dass der Sudan eine Revision der gegenwaertigen Wasserverteilung fordern koennte, nach dem Aegypten in der Trockenzeit 98% (!) des Nilwassers erhaelt. Alles uebrige Interesse am negroiden Sudan seitens der Aegypter ist nichts weiter als politische Heuchelei; im Verein mit den Tuerken betrieben die Aegypter seit 1821 derart brutale Jagden nach Sklaven und Elfenbein im Sudan, sie legten der dortigen Bevoelkerung so drueckende Strafen und Steuern auf, dass sie sich fuer die Dauer von Generationen verhasst machten. Der sudanesische Nationalismus, mit seinen zahlreichen nichtarabischen und nichtmohammedan ischen Traegern, hat oft eine ausgepraegte pro-englische Faerbung, und waere einem Anschluss an das Britische Weltreich nicht abgeneigt. Wenn General Naguib nun diese Moeglichkeit durch die enge Interpretation der ‘voelligen Unabhaengigkeit des Sudans’ im anglo.aegyptischen Vertrag verhueten will, so einzig und allein, um weiterhin ungestoert im trueben Wasser des Nils fischen zu koennen. Im vergangenen Monat bestiegen zwei 18 jaehrige Juenglinge die etwas wackelig gewordenen Throne, welche die Englaender einst fuer ihre Grossvaeter nach dem ersten Weltkrieg hingestellt hatten: Hussein Ibn Talal Ihn Abdullah wurde der dritte Koenig. Jordan-Transjordaniens, Feisal der dritte Koenig des Irak. Beide erhielten ihre Erziehung in England, Beide kamen durch Familien-Tragoedien auf den | Thron. Husseins Vater Talal I wurde der Thron wegen geistiger Unzureehnungsfaehigkeit abgesprochen, Feisals Vater Ghazi kam in einem Autounfall um. Die beiden Reiche aber, die die jungen Maenner uebernehmen, sind grundlegend verschieden. Das gluecklichere Irak hat nicht nur fruchtbaren Boden und Bewaesserungsmoeglichkeiten sondern verdient jedes Jahr ueber 100 Millionen Dollar Konzessionsgelder fuer das von auslaendischen Gesellschaften gewonnene Petro - 1 e u m; Jordans groessere Haelfte hingegen besteht aus Wueste, es besitzt kein Erdoel oder andere Bodenschaetze und vermag kaum seiner durch Palaestinafluechtlinge vermehrten Bevoelkerung ein Existenz - Minimum zu ermoeglichen. Die soziale Unruhe macht sich jedoch nicht nur in diesem,;on den Englaendern kuenstlich konstruiertem Staat bemerkbar; auch im Irak bleibt der Reichtum auf eine kleine Oberschicht beschraenkt, unter den 90% Analphabeten und Landlosen gaert eine Unzufriedenheit, die von geschickten Agitatoren, roter und schwarzer Faerbung, geflissentlich geschuert wird, was kann innerhalb der Umwaelzung im Mittleren Osten die Macht zweier Koenige ausrichten? Jeden Tag kann ein “Starker Mann” aufstehen und gegen sie ein rotes oder schwarzes Ass ausspielen. BEN. Welcher von den beiden Reii senden incognito faehrt? Und welcher mit offiziellen Ehren empfangen wird? Nun, wir haben das Jahr 1953 und so ist es nicht schwer zu erraten: Erich Lueth reist —von Israeli - Beamten allerdings freundschaftlichst aufgenommen und geleitet — aus Gruenden seiner persoenlichen Sicherheit als Erich Hamburger getarnt durchs Land, damit einige wildgewordene, nein, wildgebliebene Faschisten ihre Drohungen gegen ihn nicht ausfuehren koennen. Herr Speidel hingegen darf seine Wehrspionage in englischen Ruestungsfabriken in aller Offenheit betreiben; keine Hand ruehrt sich gegen ihn. Der Krieg reist in offizieller Mission. Menschlichkeit aber muss sich vorsichtshalber verbergen. 1! Begegnung mit einem Rathenau * Moerder Von Herbert Freeden Vor zehn Jahren ging eine kleine Nachricht durch die Presse, dass ein gewisser Ernest Tessier, Adjudant bei der franzoesischen Fremdenlegion, vierundzwanzig Nazis des Rommelschen Afrikakorps gefangen genommen hatte, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern —lediglich indem er ihnen Orders in deutscher Sprache zurief. Rabbi Ely E. Pilchnik, der als Chaplain bei der amerikanischen Armee gedient hatte, berichtet ueber jenen Mann, der gross, hager und damals ungefaehr 39 Jahre war, mit einem brutalen Kinn, aber einer sanften Stimme. Er sprach deutsch und franzoesisch ohne den merklichsten Akzent. In Tessiers Kompanie gab es eine Reihe von mitteleuropaeischen Juden, die den Nazis entkommen konnten und in die Fremdenlegion eintraten. Seltsamerweise beschaeftigte sich Tessier gerade mit ihnen besonders. Eines Abends befahl er vier von ihnen, sich bei ihm im Buero zu melden. Sie kamen mit klopfendem Herzen, denn sie dachten, es handelte sich um eine Strafaktion, aber er bot ihnen Platz an sagte ihnen, dass die Juden die einzigen zivilisierten Leute waeren, die er in der Hoelle der Sahara getroffen habe. „Ich glaube, dass die Juden zu den besten und begabtesten Voelkern der Welt gehoeren”, stellte er fest und sprach mit grosser Kenntnis von juedischer Geschichte und juedischer Religion. Jene Gespraeche wurden an vielen Abenden fortgesetzt, über fuer die juedischen Soldaten wurde Tessier immer geheimnisvoller. Eines Abends, als sie wieder beisammensassen, wurde die Unterhaltung unterbrochen. Ein neuer Rekrut meldete sich beim Adjudanten. „Legionaire Rathenau, mon adjundent - chef”, salutierte der Neuankoemmling. Tessier sprang von seinem Stuhl auf. „Rathenau, sagten Sie? Sind Sie etwa mit Walter Rathenau verwandt, dem ermordeten deutschen Aussenminister?”. „Sein Neffe”, antwortete der Rekrut. Adjudant Ernest Tessier schwieg ein paar Augenblicke, und sein ledernes Gesicht schien bleicher äls sonst. Dann sagte er: „Rathenau, ich bin einer der vier, die Ihren Onkel ermordet haben, damals am 24. Juni 1922 im Grunewald. Mein wirklicher Name ist Ernst Werner Techow”. Dann zog er aus seiner Tasche ein zerknittertes Stueck Papier, glaettete es sorgfaeltig und gab es dem Rekruten. Es war ein Brief an Techows Mutter, datiert ein paar Tage nach dem Mord: „In unsaeglichem Schmerz reiche ich Ihnen meine Hand, Ihnen, der aermsten aller Muetter. Haette Ihr Sohn meinen Sohn gekannt, er haette eher die Waffe gegen sich selbst gerichtet als gegen ihn, den edelsten aller Soehne... Moege Ihr Sohn vor dem Irdischen Richter bekennen und vor dem goettlichen bereuen". Der Brief war gezeichnet „Mathilde Rathenau”. Zwanzig Jahre spaeter, an jenem Abend in der Sahara, schrie Techow beinahe: „Sie verstehen, Rathenau, dieser Brief ist mein wertvollster Besitz. Er hat eine neue Welt fuer mich erschlossen. In den fuenf Jahren im Gefaengnis las ich jedes wort, das Walter Rathenau geschrieben hatte, jedes seiner Buecher, jeden seiner Artikel. Dann begann ich juedische Geschichte zu studieren. Und ich wollte zu den Quellen vorstossen und mich nicht auf Uebersetzungen verlassen. So lernte ich Hebraeisch. Und waehrend der letzten fuenf zehn Jahre versuchte ich mich selbst zu bezwingen, wie die Mutter Rathenaus sich bezwang, als sie jenen Brief schrieb. Wo immer ich konnte, habe ich versucht den Juden zu helfen”. Und er erzaehlte —was sich als wahr herausstellte— wie er 1941, als Hafenarbeiter angezogen, in Marseille 700 Juden aus dem besetzten Frankreich herausschmuggelte und sie nach Casablanca brachte. Techow war einer der vier Rathenau-Moerder, Zwei andere Kern und Fischer, nahmen sich vor der Festnahme das Leben. Jedes Jahr an ihrem Todestag trafen sich Techow und der vierte. Ernst von Salomon, Romancier, Film-Autor, Lektor bei Rowohlt und jetzt Verfasser des bestseller „Der Fragebogen”. Im „Fragebogen” erzaehlt er ueber Techow: Waehrend des sogenanten .Stennes-Putsches’, der Meuterei der Berliner SA gegen Goebbels, traf Techow im Gebaeude In der Hedemanstrasse, wo sich der ganze Krach abspielte, mit Goebbels zusammen und haute ihm eine Ohrfeige herunter mit den Worten: .Wegen Euch Schweinenhunden haben wir Rathenau nicht erschossen!' Dann verschwand er”. Wie wir jetzt wissen— in die Fremdenlegion.