Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIV (1952)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1952)
- Date
- 1952-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8553624-8556124-9192763--0995-8556299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Noviembre, 1952 BOLETJN INFOBMATIVO 9 Der Fall . von Berlin» ■ * A "Bbfefkûatm f Liebe Gemeindemitglieder! Wir legen groessten Wert auf aktive Mitarbeit am Gemeindeblatt seitens aller unserer Leser, die ja auch —wie wir freudig feststellen wollen— bereits gute Fortschritte gemacht hat. Jede Anregung und Kritik, Lob und Gedanke koennen zumindest hier in dieser Spalte zur Kenntnisnahme der Oeffentlichkeit gebracht werden. Ihre Zeilen brauchen keine Anrede und Einleitung und nicht aufs sorgfältigste stilisiert werden; wir drucken gerne das Wesentliche ab. unter Wahrung des Pseudonyms — soweit uns nur Name und Person bekannt ist. Einsendungen an die Gemeindeadresse (Casilla 2487) unter ‘Briefkasten’! Die RED. BANKETT UND DEMOKRATIE “...fand ich den von A.Mi.Go geschriebenen Abschied von Dr. Hirschberg besonders gut. Er hat in kurzen Worten den Eindruck wohl fast aller Gemeindemitglieder wiedergegeben. Besonders leid tat es mir aber —und das sei ln diesem Zusammenhang gesagt—, dass meine Familie nicht am Abschiedsessen teilnehmen konnte— aus finanziellen Gruenden. OTRO AMIGO” Fuer einen Freund sei kein Opfer zu gross, so es unvermeidlich ist. Die RED. PRIVATE WIEDERGUTMACHUNG “Das deutsch-israelische Abkommen besitzt gewiss ‘historische Tragweite’, wie Ihr ‘Monatsspiegel’ schreibt. Wie steht es aber mit der Entschaedigung an Privatpersonen?! Skeptiker”. Sie finden in dieser Nummer des ‘Boletin’ eine Ihre Anfrage betreffende Mitteilung des Comité Representatlvo. Die RED. Der Radio —Film— und Zeitungspropagandafeldzug den Amerikaner und Russen gegenseitig fuehren, entbehrt manchmal nicht einer gewissen Komik fuer den “unparteiischen” Beobachter, voraus gesetzt, dass er nicht daran denkt, dass diese Propaganda Pistole eines Tages los gehen kann und wird und auch die Zuschauer dabei ums Leben kommen. Wer sehr optimistisch ist, mag sich mit dem Gedanken troesten dass es auch unter Atombomben Blindgaen ger geben wird. Immerhin ist man in USA immer noch fair genug, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Was den Film anbetrifft, so hat sich der russische in einem Theater zwischen Broadway und 7th Avenue niedergelassen. Wer fuer Moskau schwa. ermt kann sich dort die letzten russischen Wochenschauen, Kultur-und Spielfilme ansehen. Es ist klar, dass ich mir eine solche Gelegenheit, einen Blick hinter den “eisernen Vorhang” zu werfen, ohne dabei groessere Risiken einzugehen als den Verlust von einem Dollar, nicht entgehen lasse, umsomehr, als es sich um den weidlich propagierten Film “Der Fall von Berlin” handelt. Der Fall von Berlin aus oestlicher Perspektive gesehen, wie sieht das nun aus? Die Sache faengt friedlich genug an. Sonne liegt ueber den russischen Feldern im heissen August 1939, man sieht badende und Blumen pflueckende Kinder. Diese werden ln Ihrer durchaus vernuenftlgen Hundstag —Beschaeftigung durch den Ruf ihrer Lehrerin gestoert, die einen Sonntags— ausflug vorschlaegt. Wo geht es nun hin? In die Berge, an die See? Hein, ln das nahgelegene Stahlwerk. denn womit koennite man unseren 9-Jaehrigen groessere Freude an heissenTagen machen. Im Stahlwerk steht ein herkulisch gebauter Vorarbeiter, nennen wir ihn Ivan Ivanovitsch und als er gefragt wird, wieviel Tonnen er heute geschafft habe, sagt er bescheiden: Elf. “Elf Tonnen", murmein die sachverstaendlgen Kinder voller Hochachtung, die insofern verstaendllch Ist als er der einzige Arbeiter lm Werk zu sein scheint; dafuer Ist das schon eine Leistung. “11 Tonnen Stahl für Muetterchen Russland”, sagt auch die Lehrerin und dann laecheln beide bloede vor sich hin wie das eben bei schlichten Leuten ueblich ist. Man merkt sofort: Liebe auf den ersten Blick. Dann zeigt der Film wie die Nachricht durch alle Bueros geht, vom Betrlebschef zum Direktor, vom Direktor zum Kreisleiter, vom Kreislelter an das Polltbuero in Moskau und von dort direkt ln den Kreml auf Vaeterchen Stalins Schreibtisch. Ein neuer Held der Arbeit Ist geboren. Er wird natuerllch nach Moskau geladen und man bringt ihn gleich zum Kreml. Leider ist vom Kreml nicht viel zu sehen, denn man sieht nur einen grossen Garten und als unser Stahlheld so fuerbass schreitet, wen sieht er da sorgsam fruchtbaren Humus auf ein zartes Birkenbaeumchen schaufeln? Vaeterchen Stalin in persona angetan in blendend weisser Marschalluniform was man eben so im Garten gerade anzieht. Jetzt kommt eine Sache, die sehr, sehr interessant ist, Unser Stahlheld erschrickt toedlich, will sich verbergen, zittert am ganzen, Leib und Stalin rettet die Situation indem er Ihm unbefangen die Hanede entgegenstreckt und ihn auf beide Wangen kuesst. Wer weiss, wie unbefangen amerl. kanische Arbeiter ihrem Praesidenten entgegentreten, wie sie mit ihm sprechen und wie respektlos das manchmal anmutet, der muss sich wundern, dass lm Paradies der Arbeiter und der vollkommenen Gleichheit ein Arbeiter derart verlegen ist. Unser Arbeitsheld wird zu Tisch geladen, zu einem zwanglosen Mittagessen mit Stalin und Molotov. Als er schliesslich in seine Fabrik zurueckkommt, schmettert er 12 Tonnen Stahl. Ploetzlich erscheinen deutsche Flieger, das Dorf wird in Grund und Boden geschossen und dann sieht man ca, eine halbe Stunde ueblichen Kriegfilm. Unser Held wird getroffen und verschwindet im Lazarett, unsere Lehrerin wird' nach Deutschland verschleppt. In Moskau ist Kriegsrat. Ein General verlangt von Stalin 150 Kanonen und 50 Tanks. Stalin sagt: Du bekommst 20 Kanonen und keine Tanks. Und damit war es der General auch zufrieden. Inzwischen ruecken die Deutschen weiter Wir sehen die erste Tagung der Alliierten. Roosevelt sieht einigermassen aus, aber Churchill hat man einen Kopf gemacht, der eine gelungene Mischung eines Wasserspeiers von Notre Dame und einem Teufel darstellt. Natuerlich wehrt sich Churchill energisch gegen die Zumutung einer zweiten Front. Die Sache scheint verloren, da findet man zum Glueck unseren Ivan ln einem Lazarett. Man erzaehit Ihm, dass seine Braut ln Deutschland festgehalten wind. Er schwoert, dass er sie hole. Damit wendet sich sofort das Kriegsglueck, denn er geht an die Spitze der Truppe und man sieht nun eine halbe Stunde unter seiner Fuehrung russische Regimenter ln Richtung Berlin vorstuermen. Schliesslich sehen wir die zweite Zusammenkunft der Alliierten; die zweite Front ist Wirklichkeit geworden. Ein Datum wird festgesetzt fuer den Vormarsch auf Berlin, aber man haelt die Russen wieder hin. Da aber bekommt der Kreml ploetzlich die Nachricht, dass die Englaender geschlagen sind und die Amerikaner eingekesselt und zum Untergang verurteilt. Nach einem kurzen Kriegsrat beschliesst man, endgueltig auf Berlin loszugehen um auf diese Weise den Druck auf die Verbündeten zu mindern und die Amerikaner aus ihrer hoffnungslosen Lage zu befreien. Wie wir alle wissen ist diesem altruistischem Vorgehen Erfolg beschieden gewesen und die Amerikaner und Englaender gerettet worden. Man sieht auch Hitler, der in einer phantastischen Maske als Halbirrer durch den letzten Teil des Films geht. Dieser heiratet schnell und wir sehen ihn im bombensicheren Keller der Reichskanzlei mit Eva und seinen Getreuen beim Hochzeitsmahl. Eva nimmt kleine Pillen aus einer Phiole, die sie aus ihrem praechtig modellierten Ausschnitt zieht, aber misstrauisch wie sie nun mal ist gibt sie erst eine Pille dem Schaeferhund, der ruhig zu Ihren Fuessen lag. Das Tier wedelt freundlich mit dem Schwanz und Ist auch sonst das einzige Lebewesen, das sich in diesem Film normal bewegt. Welcher Staatsschauspieler den Schaeferhund darstellt war im Vorspann nicht gesagt, aber vielleicht war es auch ein richtiger Schaeferhund. Dann nahmen Adolf und Eva ihre Pillen und den'Rest kennt man. Die Russen brechen ein, kommen gerade noch zurecht um zu sehen wie die Leichen verbrannt werden. Am Schluss findet unser Ivan seine Lehrerin gerade als er begeistert “Hoch Stalin" ruft. Berlin geht ln Flammen auf, aber Stalin reitet auf seinem Schimmel durch die Strassen, laesst sich die Haende kuessen. Jetzt wenigstens weiss man, wie sich das Ganze zugetragen hat. ARO Alles schon dagewesen An diese Worte, die Uriel da Costa in Gutzkows Drama als von Rabbi Akiba stammend, sagt, wurde ich erinnert, als ich die interessanten Auszehrungen von Dr. Hayim Greenberg, dem Leiter der Abteilung fuer Erziehung und Kultur der “Jewish Agency”, die unter dem Titel “Kein Israel ohne Diaspora” im Boletin Informative im Juni dieses Jahres erschienen sind, zu Gesicht bekam. Und wieder musste ich an die alte Wahrheit denken, dass Geschichte nur aus dem Geiste ihrer Zeit verstanden werden kann. So wird z.B. die Regeneration Israels nur dann richtig erfasst und gewuerdigt wer. den, wenn man sie im Ganzen ergruendet und erforscht, ohne sich durch ideologische Vorei ngenommenheit und Ressentiments beeinflussen zu lassen. Dr. Hayim Greenberg meint z. B., dass ein gewisser Grad von Assimilation unvermeidlich sei und schreibt unter anderem: “Wo immer Juden in Laendern mit hochstehendem Kultur-Standard leben ist es unvermeidlich, dass sie sich in einem gewissen Grade dort auch kulturell assimilieren und jede Beurteilung einer solchen ganz natuerli. chen Situation als ‘normal’ oder ‘anormal’ ist abwegig. Natuerlich birgt kulturelle Integration, von der ich sprach, gewisse betraechtliche Assimilations-Gefahren in sich, aber in der Galuth wird eine solche Gefahr stets existieren”. Um dann spaeter fortzufahren: “Wir stehen also in den westlichen Laendern nicht etwa dem Problem gegenueber, Assimilation als Staats-Verdikt oder inoffizielle staatliche Anordnung zu bekaempfen, nicht eimal als eine juedi. sche Ideologie. Die hauptsaechliche Gefahr besteht darin, dass die meisten Juden in den westlichen Laendern der Tatsache, dass sie Juden sind, gleichgueltig gegenue. berstehen. Auch der Zionismus oder vielmehr der platonische Zionismus —‘der dadurch nicht weniger platonisch wird, wenn er aus der Ferne dem Staat Israel hilft— ist nicht genug, um dem Willen der Juden, ausserhalb Israels als Juden zu leben, juedisches Leben zu wollen und Gefallen daran zu finden, rechten Auftrieb zu geben. Wer immer an dem Weiterleben des juedischen Volkes und an der Zugehoerigkeit zur juedischen Gemeinschaft interessiert ist, muss auch zugleich mit dem Gehalt und den Werten juedischer Kultur, juedischer Geistigkeit vertraut werden”. Heisst das nicht mit anderen Worten dasselbe anzustreben, was der im Jahre 1893 gegruendete Centralverein Deutscher Staatsbürger juedischen Glaubens im ersten Paragraphen seiner Satzungen bereits sagt: “Der Centralverein Deutscher Staatsbuerger juedischen Glaubens E.V. bezweckt die deutschen Staatsbuerger juedischen Glaubens ohne Unterschied der religioesen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkraeftigen Wahrung ihrer staatsbuergerlichen und ge. sellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung ¿u bestaerken”. Man hat die deutschen Juden von Nordamerika aus stark angegriffen und unberechtigte Vorwuerfe gegen sie erhoben, wobei man vor den unleugbaren Verdiensten der deutschen Zionisten nicht halt machte. Der kürzlich verstorbene Dr. med. Max Mainzer, als einer der prominentesten C. V. Fuehrer sagte im Januar 1946: “Als der Centralverein, 1893, lange vor dem Aufkommen des modernen Zionismus und mehr als 50 Jahre vor der Gruendung des American Council for Judaism gegruendet wurde, war die Lage der Juden in der ganzen Welt voellig verschieden von der heutigen. Das juedische Leben in Deutschland von der Taetigkeit der Religionsgemeinden abgesehen, lag schwer danieder. Die antisemitischen Parteien hatten es zum ersten Male zu einer nennenswerten Mandatszahl im Reichstag gebracht, ihre Hetze fuehrte einerseits in gewissen Bezirken zu Einschuechterung der bodenstaendigen juedischen Bevoelkerung, auf der anderen Seite zu einer starken Zunahme der Taufen in bestimmten Kreisen. Damals erschien es als eine Tat, dass eine juedische Organisation geschaffen wurde, die Ehre des Judentums und der Juden zu verteidigen, ihr Selbstbewusstsein zu staerken und geistige und materielle Mittel zum Kampf gegen den Juden, hass und Abfall zu schaffen. Dass bis nach dem ersten Weltkrieg die Zahl der auf ihr juedenfeindliches Programm hin gewaehlten Antisemiten nicht ueber 3% der Gesamtabgeordnetenzahl des Reichstags hinausging, war das Verdienst des Centraiver. eins. Es war kein Vergnuegen und es gehoerte Mut dazu den Herren Liebermann von Sonnenberg, Hennigsen, Professor Werner-Giessen und Konsorten in ihren eigenen Versamm lungen entgegen zu treten, die Maenner des C. V. brachten den Mut oft genug auf. Es war auch nicht immer einfach, in den zahlreichen, von ihm selbst einberufenen oeffentlichen Versammlungen der erschienenen Antisemiten Herr zu werden. Dass den Gegnern der Antisemiten das erforderliche Tatsachenmaterial zur Verfuegung stand, war das Verdienst des C. V. und dass gleichzeitig alles getan wurde, das juedische Selbstbewusstsein zu heben, den Stolz auf die geschichtlichen Leistungen des Judentums im eigenen Kreise zu wecken, weiss jeder, der lm juedischen Leben stand. Die Schaffung einer Literatur, die sich keineswegs auf Abwehr beschraenkte, (es sei hier nur auf den “Morgen” verwiesen» und die zu diesem Zweck erfolgte Gruendug des Philoverlags war ein anderes Verdienst des C. V.". Wenn der Schreiber dieser Zeilen schon wiederholt auf die geschichtliche Entwicklung des deutschen Judentums hinweist, so geschieht es nicht, Verdienste besonders herauszustellen, sondern um daran mitzuwirken, dass das was unsere Vorfahren geleistet haben, nicht in Vergessenheit geraet. Dies umsomehr, als die Auffassungen, welche europaeische Juden nach Suedaemerika bringen, von den bereits hier ansaes. sigen Juden nicht immer verstanden werden. Uns europaeischen Juden deutscher Zunge erwaechst die Pflicht im gleichen Geiste, mit derselben Dynamik und mit Uneigennuetzigkeit das kulturelle Werk fortzusetzen, das unsere. Vaeter begannen. Das liegt nicht nur im Interesse unseres Ansehens, sondern kann auch nur dem Gesamt-Judentum zu gute kommen. K. G.