Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIV (1952)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1952)
- Date
- 1952-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Septiembre, 1952 BOLETIN INFORMATIVO 9 EPILOG DES AUERBACH-DRAMAS “Mein Blut auf das Haupt der Meineidigen!” “Ich bin unschuldig verurteilt!” — Ein neuer Fall Dreyfus? — Stimmen zum muenchner Urteil und zum Selbstmord Philipp Auerbachs '“Der Bund”, Bern: ANTISEMITISMUS ZUTAGE GETRETEN .. .Ins Masslose uebertriebene Anschuldigungen stellten sich Schritt um Schritt als unhaltbar heraus, und was uebrigblieb, waren kleinere Vergehen, wie solche vielen Beamten (so auch dem frueheren bayrischen Justizminister Dr. Josef Mueller) nachgewiesen werden, ohne dass sie, wie die “Neue Zeitung” schrieb, einer “i>iffa. mierungskampagne” ausgesetzt sind. Die naechste Zukunft wird nun zu klaeren haben, wer die ungeheuerlichen Beschuldigungen gegen den langjaehrigen KZ-Insas. sen Philipp Auerbach, der 1946 von der bayrischen Regierung als Staatskommissar fuer die Verfolgten des Naziregimes nach Muenchen berufen worden war, und der als Jude im Kampf gegen die Nutzniesser des Dritten Reiches von vornherein den schwersten Stand hatte, erfunden und in Szene gesetzt hat. Denn die oeffentliche Meinung in Bayern geht heute dahin, dass Auerbach zwar zu jener Nachkriegsgarnitur gehoert habe, die zufolge des erlittenen Schadens an Leib und Seele die Masstaebe fuer recht und billig vielfach eingebuesst hat, dass die eigentlichen Schuldigen im Hintergrund aber nicht vor den Gerichtshof zitiert worden seien. Vor allem ist der da und dort noch immer latente Antisemitismus durch die Aufbauschung des Falles Auerbach deutlich zutage getreten; das Gericht hat es, hauptsaechlich zu Beginn, nicht verstanden, die Prozessfuehrung auf die inkriminierten Tatbestaende zu beschraenken... Der Prozess wurde ueber Nacht zur Tragoedie. Es ist anzunehmen, dass mit der Grablegung des Hauptangeklagten der letzte Vorhang noch nicht gefallen ist. Opfer und Intrigant Ex.Praesident des LEA: Philipp Auerbach Ex. Justizminister JoseflMueller Die SPD klagt an: UNERHOERT HARTES URTEIL Von massgebender sozialdemokratischer Seite in Bonn wurde zum Tod Auerbachs erklaert, dieser verzweifelte Schritt sei der letzte Beweis fuer die Ernsthaftigkeit, mit der Auerbach den Auftrag aufgefasst habe, der ihn seinerzeit zum Praesidenten des Landesentschaedigungsamtes in Bayern machte. Er habe keinen anderen Ausweg aus der Situation gewusst, in die ihn das “unerhoert harte Urteil” gebracht habe. Auerbach, der viele Jahre im KZ zubrachte, habe vor einem Gericht gestanden, dessen Vorsitzender Mitglied der NSDAP war. “Auch wenn man das Bemuehen des Gerichts um Objektivitaet nicht bestreitet, darf man doch Zweifel aeussern, ob es sich, zumindest was einige seiner Mitglieder anbelangt, vollkommen von alten Vorurteilen freimachen konnte. Das ist eine Sache, ueber die die Betreffenden selbst Rechenschaft vor ihrem Gewissen ablegen muessen”. In dem Prozess sei mit Masstaeben gearbeitet worden, die fuer einen normalen Rechtzustand angebracht seien. Ein solcher Zustand habe aber zu der Zeit, in die Auerbachs Vergehen fallen, nicht bestanden. Es sei eine Illusion anzunehmen, das Urteil werde — vor allem im Ausland — hingenommen, ohne dass es irgendwie zu der Tatsache in Beziehung gesetzt wird, dass Auerbach Jude war. Auch sei es eine Taeuschung zu glauben, man werde sich dabei nicht der Millionen von Juden erinnern, die in der Zeit dés Nationalsozialismus erwordet wurden, ohne dass sie eine andere Schuld auf sich geladen hatten als eben die, Juden zu sein. Der SPD-Vorsitzende Dr. Schumacher —der bekanntlich wenige Tage, darauf einem Herzschlag erlag— hat der Witwe Auerbachs folgendes Beileidstelegramm gesandt: “Mit tiefer Trauer hoere ich vom Tode Philipp Auerbachs. Meine Freunde und ich halten ihn fuer eine lautere Persoenlichkeit, die von groesster Hilfsbereitschaft fuer seine Leidensgenossen aus der Zeit der Hitler-Diktatur erfuellt war und die in dieser Hilfe ihre Lebensaufgabe gesehen hat. Seine Persoenlichkeit und seine Taetigkeit werden bei uns immer ein -ehrendes Andenken behalten”. LETZTE WORTE In seinem Abschiedsbrief an seine Frau aeusserte der ehemalige Praesident des Landesentschaedigungs. amtes, er handelte “weder aus Feigheit noch aus einem Schuldbekenntnis heraus”, sondern weil “ein Glaube an das Recht fuer mich nicht mehr besteht und ich meinen Freunden und meiner Familie nicht mehr zur Last fallen will”. Er koenne ueber das Urteil niemals hinwegkommen, seine Ehre sei vernichtet. Er beteuert seine Unschuld und schliesst mit dem Satz: “Ich habe bis zuletzt gekaempft, es war umsonst. Mein Blut komme auf das Haupt der Meineidigen”. “National-Zeitung”, Basel: SKANDAL DES RECHTSGEDANKENS Die gross aufgezogene und von den Gegnern des unungluecklichen Angeklagten als Riesenskandal ausposaunte Affaere des frueheren Praesidenten des bayrischen Wiedergutmachungsamtes hat ein duesteres, und fuer die Urheber des bemuehenden Prozesses ueberaus klaegli. ches Ende genommen. Der fuer sein Amt, zweifellos schon durch seine geistige Labilitaet und durch seine schwer geschaedigte Gesundheit — er war mehrere Jahre im Konzentrationslager — wenig geeignete Philipp Auerbach ist zwar in einigen nebensaechlichen Anklagepunkten haengen geblieben und hat auch menschlich nicht durchweg einen ueberlegenen Eindruck gemacht, schon weil er sich in toerichter Ambition nachweislich falscher Titel bediente. Aber die Grosszahl der Anklagen, die auf einen riesenhaften und verbrecherischen Bestechungs. und Bereicherungsskandal hinausliefen, sind kuemmerlich zusammengebrochen. Denn vor allem die anruechige und schmutzige Bereicherungsabsicht, die man von Seiten der geheimen nazistischen und antisemitischen Gegner jeder Wiedergutmachung der Hitlerverbrechen dem unbeliebten und uebereifrigen Juden anhaengen wollte, ist durch den Prozess und seinen Ausgang schlagend widerlegt worden und recht eigentlich in sich zusammen gefallen. Auerbach ist besitzlos gestorben, nachdem er erwiesenermassen doch zahllosen Opfern des Hitlerschen Raub, und Mordregi mes, wenn auch oft auf nicht korrekte Weise, zu ihrem Recht verhalf und ueber Millionen zu verfuegen hatte. Er mag dabei ungeschickt, taktlos und wichtigtuerisch vorgegangen sein, aber er hat nicht in den eigenen Sack geschafft, und als Motiv kann ihm hoechstens Geltungssucht, Rechthaberei und vielleicht das begreifliche leidenschaftliche Ressentiment von seinen selbst ausgestandenen Leiden her zur Last gelegt werden. Anderseits hat sich wiederum aus dem Prozess selbst ergeben, dass beispielsweise einer seiner erbittertsten Gegner, der fruehere bayrische Justizminister Dr. Joseph Mueller, der die Strafverfolgung gegen Auerbach eingeleitet hat, aufs bedenklichste belastet erscheint. Er konnte ueber die Verwendung betraechtlicher Summen, die ihm durch Auerbach vom Wiedergutmachungsamt nach weislich ueberwiesen worden waren, keinerlei beweiskraertige Auskunft geben und musste deshalb noch waeh. rend des Prozesses zum Ruecktritt von seiner Ministerstellung genoetigt werden. Die Affaere hat sich also fuer ihn als verhaengnisvoller Bumerang erwiesen, und der starrsinnige Mann, der nicht umsonst im Volks. mund mit dem Uebernamen “Ochsensepp” bezeichnet wird, mag vermutlich heute sich hinterher ziemlich toericht Vorkommen, dass er sich durch die Rankuene gegen den ihm missliebigen Angeklagten zur Entfesselung der Affaere verleiten liess. Gegenueber dem duerftigen Ergebnis des Prozesses und dem krassen Kontrast zwischen dem Fehlen einer Bereicherung des Angeklagten einerseits, und der immerhin recht gravierenden Blosstellung von Zustaenden und Persoenlichkeiten an der Spitze der verfolgenden Justizbehoerde, erscheint tatsaechlich das vom Gericht verhaengte Strafmass von zweieinhalb Jahren Gefaengnis fuer die wenigen nebensaechlichen Anklagepunkte, in denen Auerbach schuldig befunden wurde, empoerend hart und geradezu tenden. zioes. Das Urteil macht den Eindruck, dass das Gericht durch das exzessive Strafmass die blamable Wirkung des Prozesses zu verwischen und die masslos aufgeblasene Hetze gegen den verhassten Mann und sein missliebiges Amt, doch noch nachtraeglich zu legitimieren suchte. Dieser Eindruck wirkt um so abstossender, da es sich um einen schwer kranken Mann handelte, fuer den als Opfer der grauenhaften hitlerschen Judenverfolgung wahrhaftig mildernde Umstaende, selbst bei schwererer Schuld, gelten konnten, und anderseits im Gericht fruehere Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei sassen. Es ist mehr als grotesk, dass ein Mann, der seinen erschuetterten Gesundheitszustand, und damit auch seine nervoese Labilitaet, diesen grausigen Willkuererfahrungen zu verdanken hat, sich bezueglich der Strafwuerdigkeit seiner administrativen Ungeschicklichkeiten vor Richtern verantworten musste, die als Mitglieder der Partei dem an seiner Misshandlung schuldigen Verbrecherregime Treue geschworen hatten. Die Schockwirkung seines makabren Freitods besteht gerade darin, dass dieser wirkliche Skandal der Auerbachaffaere, der ein Skandal des Rechtsgedankens ist, durch diese Verzweiflungstat erst einem weiteren Publikum voll zum Bewusstsein zu kommen scheint. Naemlich die ungenuegende Gesinnungs. saeuberung des Richterstandes. Es ist unausweichlich, dass Maenner, die der “Partei” angehoert haben, gegenueber Opfern und Gegnern des von ihnen, wenn auch passiv mitgetragenen Willkuersystems, sich in einer see. lischen Abwehrhaltung befinden, die ihre Unbefangenheit beeintraechtigt. Sie sind aus der Solidaritaet des schlechten Gewissens heraus zur Milde und Entschuldigung geneigt in der Beurteilung der frueheren Ausschreitungen der vergangenen Gewaltherrschaft, weil sie sich dadurch mitentschuldigt fuehlen. Und sie werden ebenso, mit einer gewissen Genugtuung zu unnachsicht. licher Strenge neigen, wenn es gilt, Fehler von Widersachern und Opfern des Regimes zu beurteilen und Zeugenaussagen zu deren Lasten zu bewerten. ZUSAMMENSTOESSE BEI DER BEISETZUNG Muenchen, 18. August. —Eine vieltausendkoep. f i g e Menschenmenge hatte sich am Montag auf dem juedischen Friedhof in Muenchen eingefunden, um an der feierlichen Beisetzung Philipp Auerbachs teilzunehmen. Vor den Tue. ren der Friedhofshalle kam es zu erregten Szenen, da die Halle nicht alle Trauergaeste aufnehmen konnte. Trotz der Absperrmassnahmen wurden Tueren und Fensterscheiben einge. drueckt. Unter den zahlreichen Kraenzen und Blumen befanden sich Kranzspenden von den Gewerkschaften, der SPD. und amerikanischer Hilfsorganisationen. Nach der Beerdigung Auerbachs kam es unweit des Friedhofes zu Zusammenstoessen zwischen der Muenchner Polizei und juedischen Demonstranten. Als ein Kriminalbeamter in Zivil ein Transparent beschlagnahmen wollte, wurde er in eine Schlaegerei verwickelt. Einige Minuten spaeter rueckten zwei Hundertschaften der Polizei mit Wasserwerfern an und besetzten voruebergehend den Friedhof. Einige Demonstranten wurden verhaftet.