Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1952-04-01 · 4 (Abril, 1952) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIV (1952)
Issue
4 (Abril, 1952)
Date
1952-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/8553624-8556124-9192745--0881-8556189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Abril, 1952 BOLETIN INFORMATIVO 1. PESSACH UNTER PFIRSICHBLUETEN Aus PEARL S. BUCK 'Teony" (Alfred Scherz-Verlag, Bern) SPAET ZOG DER FRUEHling in die Staat K’aiicng, in der nordchincsischen Provinz Honan. In den Hoefen hinter den Stadtmauern bluehten die Pfirsichoaeume frueher als draussen auf der Ebene; aber se.bst an diesen geschuetzien Orten trugen sie zur Zeit des Passahfestes erst rosige Knospen. In den Hoefen des Hauses von Ezra ben Israel hatte man die Pfirsichzweige schon vor einigen Tagen abgeschmt. ten una ihr Wachstum mit kuensthcher waerme beschleunigt, damit sie bis zum Festtag voll erbluehten. Jeden Fruehling sorgte Peony, die chinesische Leibs igene, auf diese Weise fuer den Bluetenschmuck der grossen Halle. Jedes Jahr auch wuerdigten Ezra, ihr Herr, und Madame Ezra, ihre Herrin, Peonys Werk. “Sieh nur, was unsere kleine Peony gezaubert hat!” rief Ezra aus und deutete mit seiner schweren Hand auf die Blueten. Madame Ezra blieb bewundernd stehen. Ihr strenger Blick wurde milde: “Sehr huebsch, mein Kind”, sagte sie zu Peony. Wie es sich gehoerte, stand Peony schweigend mit gekreuzten Armen vor ihnen. Sie wich mit dem Blick aus, als sie Davids belustigten Augen begegnete, aber Leahs warmes Laecheln erwiderte sie dankbar mit einem leichten Zucken der Lippen. Der alte Rabbi aeusserte nichts denn er war blind. Und zu seinem Sohn Aaron blickte Peony nicht hinueber. Sie nahmen alle ihre Plaetze am runden Tisch ein, den man in die Mitte der Hai/ gerueckt hatte, und Peony begann in ihrer lautlosen und anmutigen Art das Aufträgen der Speisen zu leiten. Vier Diener standen unter ihrer Aufsicht, und Wang Ma, die alte Dienerin, schenkte den T66 ein. Seit sie sich nur erinnern konnte, hatte Peony im Fruehling diesen Festabend im Hause Ezras miterlebt. Sie hatte u eberwacht, wie der Tisch gedeckt wurde, und die Dienstboten gehorchten ihr, weil sie genau wusste, wo alles zu finden war und wie es angeordnet werden musste. Das ganze Jahr wurde das Geschirr unbenuetzt aufbewahrt und nur an diesem Vorabend des Passahfestes hervorgeholt. Die silbernen Loeffel und Esstaebch°n, die grossen siebenarmigen Leuchter, alles schimmerte im Licht der Laternen, die an den roten Deckenbalken hingen. Auf einem gewaltigen Silbertablett hatte sie selbst die symbolischen Dinge angeordnet. die sie jedes Jahr zubereitete, ohne deren Be. deutung zu kennen: ein hartgekochtes Ei, Bitterkraut, Aepfel, Nuesse und Wein. Das waren hie seltsamen Braeuche einer fremden Religion. Ten ranzen Tag herrschte eine s°itsame Stimmung. Ob. woh’ die Riten Peony g-laeu. fig warnn. wunderte sie sich jeden Fruehling von neuem. Dieses Suchen im ganzen Haus rach g»saniertem Brot! Wie lieblich hatte der Hausherr heute morgen selbst gesucht und lachend gefragt, waehrend er unachtsam herumging, ob das alles sei. Ezra hatte ihr die Stuecke zu zaehlen befohlen, damit er wisse, wann er alle gefunden habe. Er machte einen Scherz daraus, als schaemte er sich ein bisschen vor den Dienstboten. Als Kinder hatten Peony und David unba endig ueber das Suchen gelacht und ausgelassen daran teilgenommen. Aber damals hatte sie noch nicht gewusst, dass sie nur eine Leibeigene war. Jetzt wusste sie es. Waehrend das Essen seinen Gang nahm, sah sie mit stiller Aufmerksamkeit zu. David war ihr am vertrautesten. Seinetwegen hatte man sie in einem Jahr der Hungersnot gekauft, als der Gelbe Fluss die Daemme durchbrochen und -ias flache Land ueberflutet hatte. Sie bemitleidete sich nicht; sie war sich durchaus des Glueckes bewusst, in diesem freundlichen juedischen ren voll und rot. Waehrend sie neoen ihrem Vater sass, immer bereit, ihm auf das leiseste Zeichen hin behilf ich zu sein, erhellte sie die ganze Tafelrunde mit Festfreude, obwohl sie nur selten etwas sagte. Vielleicht trug auch ihr Vater dazu bei. Der hochgewachsene, hagere Rabbi hatte et- .was, von der Art eines Heiligen an sich, als truege er ein Lichtgewand. Vor Jahren war er von einer Augenkrankheit befallen worden, an der viele Chinesen litten und gegen welche es kein Heilverfahren gab. Als Fremder hatte er geringere Widerstandskraefte gehabt und war rasch voellig erblindet. Sein Haar, das bald nach seiner Erblindung schneeweiss geworden war, umrahmte sein bleiches, schoenes Gesicht. Ueber seinem langen weissen Bart wirkten die tiefliegenden Augen und die schmale Nase stolz und ruhig. f Haushalt leben zu duerfen. Ezra ben Israel, das Familienoberhaupt, war ein beleibter Kaufmann von heiterem Gemuet. Wenn er seinen Vollbart abnehmen Hesse, dachte Peony oft, saehe er wie ein Chinese aus, denn er hatte eine chinesische Mutter. Das war Madame Ezras geheimer Kummer, von dem niemand sprach. Sie troestete sich damit, dass ihr Sohn David ihr aehnlicher sah als seinem Vater. Saemtliche Hausbewohner fuerchteten Madame Ezra, obwohl jeder ihr irgend etwas zu verdanken hatte; denn ihre grosse Guete konnte unversehens in heftigen Zorn Umschlägen. b*e war Ende vierzig, gross und stattlich, und auch huebsch zu nennen, falls man ihre etwas kraeftige Nase und die roetliche Gesichtsfarbe nicht als Fehler empfand. Bei aller Warmherzigkeit war ihr eine gewisse Starrheit der Ansichten und Gewohnheiten eigen, die sich durch nichts er. schuettern liess. So hatte sie wie ueblich zum Passahfest den Rabbiner mit seinen beiden Kindern Aaron und Leah eingeladen. Aaron war ein hinterhaeltiger junger Mann, den Peony wegen seines blassen, fleckigen Gesichtes und seiner Verdorbenheit verabscheute. Leah aber war anders. Leah war gut; sie gehoerte zu jenen seltenen Menschen, denen Schoenheit und Guete zugleich verliehen sind. In einem weinroten Gewand mit goldenem Gusrtelband wirkte Leah an diesem Abend bezaubernd schoen; hoechstens war sie vielleicht etwas zu gross. Die Chinesen schaetzen grosse Frauen nicht. Aber Leahs milchweisse Haut und ihre grossen, dunklen Augen, die unter langen Wimpern gluehten, wogen diesen Nachteil auf, und ihre Lippen wa. So sassen sie an der festlichen Tafel; Peony entging keine Bewegung und, kein Laecheln. Sie sah, wie David zu Leah hinueberschaute und den Blick wieder abwandte und fuehlte einen Stich im Herzen. Er war ebenso gross wie Leah und in Peonys Augen noch schoener als sie. Mit seinen neunzehn Jahren naehert-e sich David ben Ezra der Biuete seiner jungen Maennüchkeit. Die juedi-1 sehen Gewaender standen Ihm gut; das musste Peony zugeben, obwohl sie eine Abneigung dagegen fuehlte, weil sie ihn fremd erscheinen Hessen. Im Alltag ging er chinesisch gekleidet, was er bequemer fand. Heute aber trug er ein blaugcldenes Gewand, und auf seinen kurzgelockten schwarzen Haaren sass ein rundes Kaeppchen aus blauer Seide. Ihre Augen kehrten immer wieder zu ihm zurueck; einmal begegnete er ihrem Blick und laechelte ihr zu. Sie schlug sofort die Augen nieder. Unterdessen trug Wang Ma mit andern Bedienten Schalen, Wasserkruege und Tuecher fuer die Zeremonie des Haendewaschens herein. Anstatt jedoch den wein zu segnen, erhob sich Ezra von den auf seinem Stuhl aufgetuermten Kissen unnd fuellte das Glas des Rabbis. “Segne den Wein fuer uns, Vater”, bat er. Der Rabbi stand auf, hob sein Glas und segnete den Wein, worauf alle aufstanden und tranken. Als sie sich wieder gesetzt hatten, goss Wang Ma mit den Dienerinnen Wasser in di» silbernen Schalen. Alle wuschen und trockneten sich die Haende, tauchten dann ein Bitterkraut in Salz und assen es. Diese Handlungen waren den chinesischen Dienstboten laengst vertraut und blieben ihnen doch immer fremd. Sie standen schweigend in der rief Madame Ezra und wisch- Halle und sahen mit ihren te sich die Augen, dunklen Augen staunend und! “Moege er oald kommen”, andaechtig zu. Ezra war vor! wiederholte Leah feierlich, diesen Zuschauern etwas beJ Doch Ezra und David fangen, als er die Riten fort-j schwiegen. fu££rte- , „ . , . Waehrend der langen Er- David, mein Sohn, Leah zaehlung hatte Peony den ist juenger als du; ro soll sie Dienstboten viermal ein Zeiheute die vier Fragen stel-; chen gegeben, die Glaeser len’, sagte er. neu zu fuelien, und viermal Und Leah, in deren Wantranken alle im Gedenken an gen eine leichte Roete stieg, etwas Unbekanntes; sie wusswiederholte viermal mit lhte nur, dass der Wein eingerer tiefen, seelenvollen, noch schenkt werden musste. Selbst etwas kindlich klingenden die Bedeutung des Wortes Stimme die Frage: ¡“Jude” kannte Peony nicht, “Worin unterscheidet sich so wenig wie die andern Chi. diese Nacht von andern nesen. Sie alle erfassten nur Naechten? [die Tatsache, dass diese Frem- Viermal fragte sie und vier, den, die in der reichen Stadt mal antworteten die andern, so wohl gediehen, vor langer wobei die starke feierliche zeit aus einem fernen Land Stimme des Rabbi alle uebergekommen waren, aus Judaea toente: ¡oder dem Land der Juden, In allen andern Naechwie man es nannte. Durch ten duerfen wir gesaeuertes Persien und Indien waren sid Brot essen, in dieser Nacht ueber Land und Meer nach jedoch nur ungesaeuertes”. [China gezogen. Im Laufe der “In allen Naechten duerfen Geschichte hatte eine Generation nach der andern staendig eine gewisse Anzahl von Kaufleuten und Haendlern nach China entsandt. Von Zeit zu Zeit aber kamen sie zu Hunderten, mit ihren Familien und Priestern. So wahren vor langer Zeit auch Ezras Vorfahren mit siebzig andern Familien auf dem Weg durch Indien eingewandert wir andere Kraeuter essen, in' und hatten Baumwollwaren dieser Nacht jedoch nur Bit-; mitgebracht, was fuer die terkraut”. Chinesen, die sich nur auf “In allen andern Naechten die Herstellung von Seide ver. tauchsn wir die Kraeuter standen, eine grosse Kostbarkein einziges Mal ein, in die- Reit bedeutete. Mit diesem ser Nacht jedoch zweimal”. ¡Geschenk gewannen sie die “In allen andern Naechten Gunst des damaligen Kaisers; sitzen wir aufrecht beim Eser verlieh ihnen den chinesisen heute abend aber duersehen Familiennamen Chao, fen wir uns anlehnen”. unter welchem EZra in der Nachdem die vier Fragen Stadt K aifeng bekannt war. gestellt und beantwortet wa. Die chinesischen Einwohren sagte Ezra: “Erzaehle ner der Stadt nahmen diese uns’ nun die Geschichte aus kleinen Invasionen wohlwoL der Haggadah, Vater”.! lend auf Die Juden waren An dieser Stelle jedoch geschickte Leute mit Energie warf Madame Ezra tadelnd « n d Unternehmungslust; ein- “Ezra, du selbst solltest mancher Chinese, der unter doch als Familienoberhaupt dem Einfluss des Wohlstands Geschichte erzaehlen! Ich des traege geworden war, be. glaube wirklich, dass du sie «raute einen Juden mit der vergessen hast; jedes Jahr Leitung seines Geschaeftes. willst du dich entziehen. Fast ebenso haeufig gab er Wenn du nur Hebraeisch ledann seine zweite oder dritsen koenntest, dann koenn-'J® Tochter dem Juden zur test du sie uns vorlesen”. frtau> aber niemals verheira. “Dazu haette ich vor dem teten die Juden ihre Toech- Rabbi nicht den Mut”, erwi- «dt Chinesen, derte Ezra lachend. ■ Schnell, Alter, fluesterte Hpr ---p.-p Wang Ma jetzt Wang zu, als zu sich der Rabbi wieder setzte. Rabbi die alte Geschichte zu **D*.t—ji_ viori erzaehlen, wie einstmals ihr, örmg me werl Frueher, als Wang Ma noch jung und huebsch gewesen war, hatte auch sie in der Naehe des Tisches die Aufsicht gefuehrt, so wie es Haupt, bis zu dem Tag, an dem wir in unser Land zu rueckkehren”. Als die Eier verzehrt waren klatschte Ezra in die Haende. “So”, rief er. “nun lasst Moege er bald kommen!” uns feiern!” Volk in einem fremden Land in Leibeigenschaft gelebt hatte, wie einer unter ihnen, Moses genannt, sich zu ihrer Befreiung erhob, wie er seinem Volk befahl, augenblicklich Peony jetzt tat. Sie war zu ungesaeuertes Brot zu backen,' gutmuetig und zu alt, um auf ein Lamm zu schlachten und Peony neidisch zu sein, aber die Tuerpfosten mit dessen manchmal machte sie ihr Blute zu bezeichnen: wie doch den Rang streitig, nach vielen Leiden das letzte Der alte Wang stuerzte zur ueber ihre Herrscher herein- Tuere und rief etwas, worauf brach, so dass in jeder Famizwei Dienstboten mit Schueslie der erstgeborene Sohn sein voller Eier hereinkamen, sterben musste, und wie enddie in Salzwasser hartgelich d°r Koenig jenes Landes!kocht und geschaelt waren, sie gehen hiess. Daher wur- Jeder Gast nahm sich ein Ei de dieser Tag des Jahres fuer und ass es schweigend, immer zu ihrem Feiertag der! “Sinnbild unserer Traenen Freiheit. und unserer Hoffnung”, mur- “Bis zu dem Tag”, schloss melte der alte Rabbi mit seider Rabbi mit hocherhobenem; her tiefen Stimme.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.