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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1952-03-01 · 3 (Marzo, 1952) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIV (1952)
Issue
3 (Marzo, 1952)
Date
1952-03-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Marso, 1952 BOLETIN INFORMATIVO 7 r Konsulate, Paesse, Visa und einiges mehr ' Von HANS KAUFMANN Am Montag, den 18. Februar veruebte der estnische -Staatsbürger Richard Pallas ein Bombenattentat auf das Buero des nordamerikanischen Konsuls in Santiago und nahm sich im Anschluss daran das Leben, indem er vom 7. Stockwerk auf die Strasse sprang. Das Begebnis nahm einen breiten Raum in der Tagespresse ein und soweit waren sich auch alle Zeitungen einig. Ein Fall von symbolischer Bedeutung 4p In Bezug auf die Beweggruende der aufsehenerregenden Tat wichen jedoch die Versionen merklich auseinander. “El Mercurio’’ fuehrte sie darauf zurueck, dass der Attentaeter die Absicht hatte, sich nach U.S.A. zu begeben, allwo seine dort gebuertige Frau lebt und dass ihm der Konsul das Visum verweigert habe. “El Diario Ilustrado” stellte ihn als ein “typisches Opfer der kommunistischen Verfolgung” hin; fuer “Las Noticias Gráficas” war er ganz im Gegenteil ein Symbol im anti - imperialistischen Kampf und das kommunistische Blatt “Democracia” ging sogar soweit, zu unterstellen, dass Pallas ein "“Agent des nordamerikanischen F. B. I. gewesen sei und dass ihn der Konsul nach einer Diskussion aus dem Fenster gestuerzt haben koennte. Nun, was Fensterstuerze anbetrifft, so kann man den Kommunisten eine gewisse Sachkenntnis nicht absprechen, wenn diese auch nicht aus Anno 1618 datiert, sondern von 1949. Vielleicht werden die ganzen Hintergruende dieses doppelten Attentats auf fremdes und eigenes Leben nie aufgeklaert werden. Es sind da eine ganze Reihe von Unterlagen, die schwer zu reimen sind: die Flucht aus Sowjet- Estland auf einem winzigen Boot, der Aufenthalt in U.S.A., die Abfahrt nach der Heirat, der kanadische Pass, die von den Behoerden bezahlte Schiffspassage, die Verweigerung der Rueckwanderung ln Anbetracht seiner angeblichen Taetigkeit als kommunistischer Agent und vie’e andere Kapital, ueber welche die Tagespresse lang und breit informiert und jeweils ihre eigenen Rueckschluesse zieht. Wir wollen auch unsere Rueckschluesse ziehen, aber wir brauchen dazu nicht die Details des hektischen curri culum vitae Richard Pallas zu studieren. Wer sich zum Kri. minalisten berufen fuehlt mag die einander widersprechenden Indizien zu sensationellen Schlussfolgerungen verdichten; wer auf politischen Dogmen Hohe Schule reiten will, mag die verschiedenen Aussagen in die ihm passend erscheinende Livree kleiden. Fuer uns ist der Fall weder vom kriminalistischen Standpunkt aus sensationell, noch vom politischen aus besonders interessant als Argument pro oder kontra. Er ist nur typisch. Typisch fuer ein Menschenschicksal, das Menschen. Schicksal unserer Zeit; nein fuer unsere Zeit schlechthin. i Versperrte Tore f Der Tod dieses durch aeussere oder innere Umstaende zum hysterischen Abenteurer degradierten Balten wirft ein grelles Schlaglicht auf eines der aergsten Marterinstrumente dieses mittelalterlichen 20. Jahrhunderts: die Visa- Stempel der Konsulate. Niemand, der den verzweifelten Ansturm auf die europaeischen und ueberseeischen Konsulate in Nazi-Deutschland mitgemacht hat, wird je vergessen koennen, dass die Position dieses Stempels, wie einst im kaiserlichen Rom der Daumen des Imperators, meist ueber Leben und Tod entschied. Der bekannte Publizist Robert Weltsch kommentierte vor einigen Monaten den im Vorjahr uraufgefuehrten Opernwelterfolg des beruehmten italo - amerikanischen Komponisten Gian-Carlo Me. notti “Der Konsul” in einer Besprechung, der wir den folgenden Absatz entnehmen: “Was den Menschen von 1051 fesselt, Ist das ergreifende Drama des Menschen, der ln einer Zelt grausamer Verfolgung und Erniedrigung hilflos anrennt gegen das anonyme und schoenredncrlsehe Unmenschentum des Buerokratlsmus und der Papierwelt. Die Konfrontierung des Menschen mit dieser undurchdringlichen Welt wird in einer an Kafka erinnernden weise dargestellt: das Amt, ln dessen (flaenden die Entscheidung ueber das Schicksal liegt, wird symbolisiert durch den unsichtbaren Konsul, und fuer den vergeblich gegen die Wand von Papier Anrennenden verwandelt sich die ganze Situation allmaehlich ln eine Art Traumwelt, deren Gestalten zwischen WirkUchkelt und -Phantasie schweben. Ein politisch verfolgter, mit der Gastapo auf den Fersen, verbirgt sich, und seine Frau versucht die Ausreise und Flucht zu ermoeglichen durch Erlangung eines Visums ln das Land: der Freiheit. Aber die sanfte Sekretaerln sagt Immer "morgen”, und “Dokumente”, und der Konsul ist nicht zu sehen. Schliesslich revoltiert die Frau mitten ln dem Amt (odei vielleicht nur in ihrer eigenen Phantasie) und verflucht diese Welt der Unmenschlichkeit. Inzwischen stirbt das Kind, stirbt die Mutter, der Mann kehrt a.", dem Versteck zurueck und faellt der Polizei ln die Haende. Die arme Frau oeffnet den Gashahn, und ln ihrem Todeskampf umtanzen sie —ln freundlicher Er- 'lassunc — all die Gestalten des Dramas” <* Kein Geringerer als Dante haette das Textbuch fuer eine solche Oper schreiben sollen, wenngleich auch kein Raum fuer die kuenstlerische Symbiose der Florenzer Wirklichkeit mit der Fiktion der Hoelle waere, denn all dies war Wirklichkeit. Aufgabe aller derer, die trotz dieses Konsuls entkamen, ist es, diese Erkenntnis wach zu halten und sich zu fragen: r Und wie steht es heute? Gewiss, die Versuchung ist gross, diese Probleme im Plusquamperfektum zu behandeln. Wie lange scheint es doch manchmal schon her zu sein! Ein Krieg, der angeblich gegen diese Hoelle auf Erden gefuehrt wurde, ward gewonnen; die Atlantik-Charter, mit ihrer spezifischen Garantie fuer Reisen und Freiheit der Meere, von allen Siegerstaaten ratifiziert und die Verfolgungen gegen die juezigen oder unmittelbar am dische Minderheit eingestellt. Und trotzdem stehen wir heute, wenn auch in veraenderter' Form, wenn auch nicht unbedingt WIR die einvor einer aehnlichen Situaschlimmsten Betroffenen sind, tion. Und wehe uns, wenn wir glauben sollten, dass ein Minderheiten—, Fluechtlings — oder Staatrechtsproblem uns nur deswegen nichts angeht, weil wir nicht direkt davon betroffen sind. Der Rechtsschutz ist ebenso unteilbar wie es der Frieden ist oder die Freiheit. Jede Betrachtung der —nennen wir sie einmal:— Situation der Bewegungsfreiheit muss von der Tatsache ausgehen, dass das beruehmte Sechstel der Erdoberflaeche, das mit * der Einverleibung Chinas wohl heute ein Fuenftel ausmacht und an Bevoelkerungszahl fast ein Drittel, einfach in der Praxis niemanden hinein noch heraus laesst. Das Schlagwort vom “Eisernen Vorhang’’ ist bereits so in den allgemeinen Sprachgebrauch uebergegangen, dass man sich schon lange nicht mehr genug an der furchtbaren Bedeutung dieser Tatsache aufhaelt. Fuer das juedische Volk bedeutet sie so ganz nebenbei, d.h. wirklich nur als zufälliges Opfer von Tendenzen, die eigentlich in eine ganz andere Richtung zielen, dass wir ln der nationalen, kulturellen, familiaeren und jeder anderen Ebene von der Haelfte aller Juden abgeschnitten sind und diese auch wohl, wenn nicht bald revolutionae. re Dinge geschehen, fuer das Judentum verloren sein duerften. Wenden wir nun unseren Blick zum Gegenpol: die Ver. einigten Staaten von Nordamerika. Da muessen wir nun einmal in erster Linie anerkennen, dass die U.S.A. waeh. rend der Nazizeit mehr verfolgte Juden aufgenommen ha ben als jedes andere Land, der Erde — mit Ausnahme von Erez Israel. Und wir muessen mit Bedauern und vorwurfsvoll einschraenkend hinzufuegen, dass sie viel mehr Menschenleben oder vielleicht alle haetten retten koennen, wenn nicht eine reaktionaere Verwaltung und Kongress mit Hinweis auf veraltete und fuer den damaligen Moment moerderische Einwanderungsgesetze diese Aufnahme gestoppt haetten. Roosevelts Fi. nanzsekretaer Morgenthau hat im- Zusammenhang mit diesem Skandal seinerzeit sensationelle Enthuellungen ge macht, die noch in aller Erinnerung sind. Dann kam das Kriegsende, die Flitterwochen der Optimisten und die jetzige Ost- West-Krise, die nun schon sechs Jahre die Welt in atemloser Spannung haelt. Welcher Art ist der Einfluss der Weltkrise auf Nordamerikas Behandlung der internationalen Bewegungsfreiheit? Um es in einem Wort zu sagen: katastrophal. Katastrophal fuer alle Fluechtlinge, fuer alle wandernden Gruppen, fuer alle Verfolgten, fuer viele Touristen, katastrophal vor allem fuer Demokratie, Liberalismus (im herkoemmlichen Sinn des Wortes) und Menschenrechte, das heisst, fuer all jene Ideen und Ideale, deren Verteidigung Nordamerika auf die Sterne und Streifen seines Banners ge. schrieben hat. Sie stehen im Verdacht, irgendwann —in ihrer Studen. tenzeit vielleicht— mit den “Roten” sympathisiert zu haben? Ersparen Sie sich den Gang zum Konsulat. Sie haben sich seinerzeit in der Presse darueber ausgelassen, dass die faschistische Gefahr groesser ist als die kommunistische? Ersparen Sie... Sie betrachteten die Regierung Tschiang Kai Schek als korrupt? Bemuehen Sie sich gar niehf; erst... I Der Fall WoUhelm Hand in Hand mit dieser durchaus undemokratischen -Behandlung des Wanderungsproblems seitens der Administration geht die Einstellung der Justiz, die heute in der Praxis einer Aufhebung des “habeas corpus” gleichkommt. Illustrieren wir diese Tatsache einmal mit dem “Fall Wollheim”, soweit er uns durch private Informationen bekannt ist: Norbert Wollheim ist ein Ueberlebender aus Auschwitz, der in der Nachkriegszeit fuehrend in den juedischen Gemeinden Westdeutschlands taetig war. Mit Muehe und Not erhielt er Ende vorigen Jahres seine Einreiseerlaubnis nach U.S.A., um —wie dies des oeftern vorkommt— sodann laengere Zeit in Ellis Island festgehalten zu werden. Dann gelang es seinem Anwalt, ihn und seine Familie frei zu bekommen — mit dem Erfolg, dass sie alle nach wenigen Tagen wieder nach Ellis Island gebracht wurden. Nun steht er dort unter einer Anklage, die man ihm nach den augenblicklich herrschenden Gesetzen nicht bekanntzugeben braucht, gegen die er sich folglich auch nicht verteidigen kann (elementare Grundbedingung jeder demokratischen Justiz!) und wird hoechstwahrscheinlich wieder nach Deutschland deportiert werden! Was uns an diesem Fall in erster Linie interessiert, ist vielleicht, dass, der Betroffene ein Jude —und noch dazu ein prominenter Jude— ist. Aber nicht darauf kommt es in diesem Zusammenhang an. Die katastrophale Behandlung der Frage der Bewegungsfreiheit seitens der U.S.A. — Behoerden ist ganz bestimmt nicht auf antisemitische Motive zurueckzufuehren. Wenn Juden zu Opfern dieser Politik werden, dann ist es wieder einmal nur aus Gruenden akzidentaler und nicht inzidentaler Natur, also sozusagen nur zufaellig und nebenbei. Aber schon aus diesem Grund koennen wir nicht indifferent sein. Die Juden sind aus geschichtlichen Gruenden ein Volk, das auf Wanderung ist und solange nicht die grosse Mehrheit die letzte Wanderung nach Israel antritt, sind wir vital an allen Migrationsfragen interessiert. Wir sind es aber auch als Menschen schlechthin, als Demokraten und aus der Erfahrung heraus, dass eine Welt mit versperrten Toren eine gefahrenschwangere Welt ist. Und die Welt von heute zerfaellt in, zwei Haelften, deren repraesentative Sektoren die U. d. S. S. R. und U. S. A. sind, mit je einem eisernen und einem papiernen Vorhang. I ln unserer naechsten Ausgabe werden wir* die Betrachtungen “Konsulate, Paesse, Vlsan...” mit einer Behandlung der Situation in Chile abschllesscn. Gleichberechtigte oder Schutzbefohlene?... (Von Seite I) Israel, ist diese Doktrin so. wohl laecherlich als beleidi. gend: Wir koennen gewiss sein, dass ihre Anwendung auf Lateinamerika nichts anders bedeutet als den allerletzten fieberhaften Versuch einer absterbenden Weltanschauung, ihre Existenz zu rechtfertigen. Als der Juedische Weltkongress vor fuenfzehn Jahren gegruendet wurde, sahen sich seine Leiter und Gruender nicht nur kritisiert, sondern geschmaeht. Es fehlte nicht an Warnungen, dass sie die so schwer errungenen Rechte der Juden in den demokrati. sehen Laendern untergraben und ihre staatsbuergerliche Loyalitaet in Frage stellen wuerden. Das war 1936. Zehn Jahre spaeter haben die Ver. einigten Nationen selbst diese Streitfrage ein fuer alle mal entschieden, da sie in ihre Verfassung den Grundsatz der offiziellen Anerkennung fuer internationale private Vereinigungen aufnahmen, sofern diese gewissen Kriterien entsprachen. Der Ameri. kaner, der diese Klausel in die Verfassung schrieb, sagte in San Francisco dem Autor dieser Zeilen, dass der Juedische Weltkongress eine der Organisationen war, welche I die Urheber des Artikels 71 im Sinne hatten, als dieser Grundsatz angenommen wurde. Heute ist es kein Problem mehr, ob juedische Gemeinschaften da mitwirken sollen. Das einzige Problem heute ist vielmehr lediglich, ob diese Mitwirkung den Makel einer Schutzherrschaft von Juden ueber Juden tragen oder auf der stolzen und selbstbewussten Bekraeftigung der Gleichberechtigung aller Juden und juedischen Ge. meinschaften beruhen soll. Die amerikanische Regierung hat immer und immer wieder die Doktrin der Kolonialherr, schaff, und der Politik der Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Laend'er zurueckgewiesen und darauf beruht die Staerke des moralischen Einflusses der Vereinigten Staaten inner, halb der Organisation der amerikanischen Staaten. Ge. wisse juedische Vereinigungen koennen sich nicht genug daran tun, immer und immer wieder ihre voellige Hingabe an die Ideale des Amerikanismus zu betonen. Wie lange wird es noch dauern, bis sie aufhoeren werden, eine ganz andere Po. litik als die ihrer eigenen Re. gierung zu verfolgen?

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