Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXIV (1972)
- Issue
- 4 (4.1972)
- Date
- 1972-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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ABRIL 1972 21 Werner Nachmann: Juden in der Bundesrepublik, Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten Der Vorsitzende des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland, Werner Nachmann, hat bei dem 30jährigen Gedenktreffen der AMERICAN FEDERATION OF JEWS FRDM CENTRAE EUROPE, INC. eine Rede zu dem Thema “Die Jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945” gehalten. In einem Gespräch mit dem Herausgeber der “deutechland-berichte” beantwortete er einige Fragen zu dem gleichen Thema. Frage: Jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik. Wie sehen Sie die Stellung dieser Gemeinschaft zum Staat, zur Gesellschaft? Antwort: Ich bin der Meinung, dass die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland heute auf allen Gebieten die gleiche Stellung einnimmt wie die anderen Religionsgemeinschaften, da wir die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten haben. Die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland — und das sollte man nicht vergessen — hat seit ihrer Wiedergründung nach 1945 mitgeholfen, nach den schrecklichen Jahren der NS- Herrsehaft, diese Bundesrepublik in das Lager der freien demokratischen Staaten der Welt zu bringen. Rückblickend kann man sagen, dass der Zentralrat und all diejenigen, die daran mitgewirkt haben, viel dazu beigetragen haben, dass die Bundesrepublik Deutschland wieder Anschluss an die befreundeten Nationen bekam. Das gab die Voraussetzung, dass die früheren Feinde Deutschlands zu Freunden und Alliierten geworden sind. Frage: Herr Nachmann, “Zentralrat der Juden in Deutschland”, das führt im Ausland immer wieder zu der Frage: Sitzt die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland heute noch “auf gepackten Koffern” oder ist sie ein Teil der Bevölkerung dieser Bundesrepublik? Antwort: Die Jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik sitzt meiner Meinung nach nicht mehr auf “gepackten Koffern”. Das beweist allein schon ihr Vorhandensein und die Erziehung ihrer Kinder in den deutschen Schulen und in der deutschen Umgebung. Es ist zu bemerken, dass ein Teil der jüdischen Bevölkerung nicht deutsche Staatsbürger sind, sondern hier als Ausländer lebt; aber der Teil der jüdischen Bevölkerung hierzulande, der wieder deutscher Staatsbürger geworden ist und diejenigen, die deutsche Pässe besitzen, d.h. diejenigen, die trotz der damaligen Ausbürgerung wieder die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben, fühlen sich als Teil der hiesigen Bevölkerung. Das beweist auch der sehr starke Anteil am Geschehen der deutschen Politik und das starke Engagement, das gerade die Repräsentation des Zentralrats immer wieder, vor allem auch bei Konferenzen im Ausland, für die deutschen Belange auf sich nimmt. Frage: Herr Nachmann, Sie haben bei der Tagung der AMERICAN FEDERA¬ TION OF JEWS FROM CEN¬ TRAL EUROPE, INC. also der nach Amerika eingewanderten jüdischen Familien gesprochen und haben dort diese Gedanken in einer ausführlichen Rede zum Ausdruck gebracht. Wie wurde Ihre Reise aufgenommen, was sagt man in Amerika zu den heutigen jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland? Antwort: Es ist bekannt — ich habe das in meiner Rede in New York auch zum Ausdruck gebracht —, dass das Problem “Juden in Deutschland”in der Bundesrepublik bis vor kurzem tabu war. Ich glaube, dass das nach all dem, was geshehen ist, viele jüdische Mitglieder den Wunsch aufgebracht haben, doch wieder mitzuhelfen, dieses Deutschland aufzubauen. Ich habe auch darüber gesprochen, dass gerade diese Menschen früher einmal, vor der Nazizeit, hervorragende deutsche Bürger waren, dass sie mitverantwortlich waren für die grossen Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Wirtschaft, aber auch in der Politik Deutschlands, dass auch eine solche Vergangenheit trotz der Greueltaten, die begangen wurden, nicht vergessen werden kann. Ich habe die Hoffnung ausgesprochen, dass gerade dieser Kreis — und ich lege grossen Wert darauf — von Menschen sich hat immer wieder überzeugen lassen, dass das heutige Deutschland in seiner überwältigenden Mehrheit der Freiheit und der Demokratie eng verbunden ist. Ich bin der Meinung, dass die heutige deutsche Jugend überhaupt keinen anderen politischen Gedanken hat wie den der Freiheit und der Demokratie, indem sie jeden Menschen nach seiner Art, nach seiner Facon leben und glücklich werden lässt. Ich habe auch betont, das möchte ich hier noch einmal sagen, dass die Gtedanken von rechts und links gerade in Deutschland nie unterstützt werden dürfen. Wir müssen alle gemeinsam, Juden und Christen, diejenigen, die die Demokratie verteidigen wollen, jeden Tag sehr aufmerksam sein, damit nicht durch irgendein Geschehnis, durch irgendein Tagesereignis diese Kräfte wieder Boden gewinnen können. Was dann geschehen könnte, haben wir ja schon einmal erlebt. Es sollte unsere gemeinsame Aufgabe sein, diese junge Demokratie immer wieder vor den Extremisten zu verteidigen. Das war ungefähr der Inhalt meiner Rede in New York. Frage: Herr Nachmann, worin besteht für den Zentralrat heute die Hauptaufgabe? Antwort: Wir müssen, wie wir das ja schon mehr als 20 Jahre tun, versuchen, allen unseren hiesigen Bürgern die Möglichkeit zu geben, ihren religiösen Pflichten nachzukommen, d.h. wir sind verpflichtet, den Gemeinden immer wieder zu helfen, damit sie ihre Synagogen und ihre jüdischen Institutionen aufrechterhalten können. Wir haben ausserhalb des Zentralrats — das ist auch bekannt — eine zentrale Wohlfahrtsstelle, die die Sozialbetreuung übernommen hat. Der Zentralrat sieht heute seine Hauptaufgabe darin, mit der jüdischen Jugend einen sehr engen Kontakt zu halten. Gerade diese Jugend muss darauf vorbereitet werden, in absehbarer Zeit unsere Positionen zu übernehmen. Sie muss von der jüdischen Tradition ein Grundwissen haben und sie muss bereit sein — wie wir das waren —, die jüdische Tradition in unseren Organisationen fortzusetzen und gemeinsam mit ihrer Umwelt das Augenmerk auf die Demokratie und die Freiheit zu lenken Frage: Herr Nachmann, eine letzte Frage zur Erziehung jüdischer Jugendlicher in der Bundesrepublik. Sie betonten eben die Erziehung zum Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten, auch zur Wehrpflicht? Antwort: Zu dieser Frage muss etwas weiter ausgeholt werden. Es ist ganz klar, dass die Verbindungen der Juden hier in Deutschland mit dem jungen Staat Israel sehr eng sind. Ich glaube, ich brauche auf die Gründe dieser Verbindungen gar nicht einzugehen, weil sie heute jeder kennt. So haben wir hier in Deutschland die Möglichkeit, der Jugend die Wahl zu stellen, ob sie, wenn sie den politischen Wunsch hat, wenn sie den religiösen Wunsch oder den sentimentalen Wunsch hat, nach Israel zu gehen und dort zu leben, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Der Teil der jüdischen Jugend, der hier in Deutschland seine Zukunft sieht, muss nach meiner Meinung selbstverständlich alle Rechte eines deutschen Staatsbürgers haben, aber auch — und dessen sollten sie sich gewiss bewusst sein — die Pflichten eines deutschen Staatsbürgers, ganz gleich welcher Art, mitzuübemehmen. R.V. DDR-Parlamentsbeschluss: Entscheidung über Schwangerschaft liegt bei der Frau Berlin (ADN) — Mit absoluter Stimmenmehrheit bei 14 Gegenstimmen und 8 Stimmenthaltungen hat das Parlament der DDR (Volkskammer) am 9. März das Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft angenommen. Gesundheitsminister Professor Dr. Mecklinger begründete den Gesetzentwurf, der künftig die kostenfreie Schwangerschaftsunterbrechung bis zur 12. Woche freigibt. Das Gesetz sieht ferner die unentgeltliche Abgabe ärztlich verordneter empfängnisverhütender Mittel vor. Der Minister betonte, die Frau solle die Möglichkeit erhalten, über die Empfängnisverhütung hinaus dem biologischen Zufall einer Schwangerschaft entgegenzuwirken und in freier Entscheidung die gewünschte Mutterschaft anzustreben”. Besonderer Schutz für Ehe, Familie und Mutterschaft Die sozialistische Gesellschaftsordnung könne für sich in Anspruch nehmen, “dass keine Frau, keine Ehe und Familie mit ihren Problemen auf sich selbst angewiesen ist und damit allein fertig werden muss”. Minister Mecklinger verwies auf die vielfältige Hilfe und Fürsorge, die Staat und Gesellschaft auch bei der Lösung solcher Fragen leisten. “Aber wir würden das Leben verkennen, wollten wir glauben, dass damit in jedem einzelnen Falle die Beseitigung solcher mit der unerwünschten Schwangerschaft oft einhergehender Konflikte verbunden wäre”. Prof. Dr. Mecklinger verwies auf den besonderen Schutz, den Ehe, Familie und Mutterschaft im sozialistischen Staat gemessen. “Es sei daran erinnert, dass unsere Republik bereits im ersten Jahr ihres Bestehens, im September 1950, mit dem Gesetz zum Schutze für Mutter und Kind und über die Rechte der Frau ein klares Bekenntnis zum allseitigen Schutz der Frau, der Mutter und des Kindes sowie zur Gleichberechtigung der Frau abgelegt hat”. Aus-diesem Grunde werden auch staatlicherseits umfangreiche Geburtenhilfen für alle Frauen gewährt. Abgesehen von den kostenfreien Entbindungen in den staatlichen oder konfessionellen Krankenhäusern erhalten sie bei der Geburt des ersten Kindes den einmaligen Betrag von 500 Mark, bei der des zweiten 600, bei der des dritten 700 und bei der des vierten 850 und jedes weiteren Kindes 1 000 Mark. Kindergarten- und Kinderkrippenplätze — obwohl noch nicht ausreichend vorhanden — sind ausgesprochen billig (nicht mehr als 20 Mark im Monat als Kostenzuschuss für das Essen). Kinderreiche Familien erhalten grosszügige Unterstützungen. 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