Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXIII (1971)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1971)
- Date
- 1971-09-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8554971-9195266--6032-8555102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SEPTIEMBRE 1971 BOLETIN INFORMATIVO 15 Deutschsprachiger Teil des Dar Fall Frauenknecht: FUER ISRAEL INS ZUCHTHAUS FOBMATIVO v ZEITNAHE JOM KIPPUR GEDANKEN Arthur Brvks "Versoehnungstag". Eines der wichtigsten Momente in der Religion ueberhaupi ist die Frage des Ausgleiches zwischen Vergehen und Suehne. Ist das erstere eine Tat fuer rieh, ein Unterliegen der Pflicht vor der Leidenschaft, eine Entfernung vom Goelllichen, wenn man so sagen will, zeigt sich also, dass ein jeder Mensch ebenso zum Guten wie zum Boesen neigen kann, dann bleibt die Frage offen, wie ueberwindet er die Schuldhaftigkeit; wie gelangt er zu Gott zurueck? Christentum und Judentum beantworten diese Frage verschieden: Das Christentum lehrt, dass die Erloesung von der Erbauende und der eigenen Suendhaftigkeit nur erreichbar sei durch Glauben an den Erloeser und dessen Maertyrertod. Das Judentum hingegen spricht von der Versoehnung, die der Mensch durch "Umkehr, Gebet und gute Taten" von Gott unmittelbar erlangen koenne; es beduerfe keines Mittlers. Diese juediische Auffassung entspricht dem seelischen Zustand des sich seiner Schuld durchaus bewussten Menschen, der seine geistige Verblendung erkennt. Und die Erkenntnis bildet die Voraussetzung zur Aussoehnung. Hier setzt die Aufgabe der Religion ein: Sie will dem Menschen zeigen, wie der Weg zur Entsuehnung beschritlen werden kann. Der Versoehnungstag bietet die Moeglichkeil hierzu. Durch die alljaehrliehe Wiederkehr dieses "Schabat der Schabalol" durch die Heiligkeit, die ihm anhaftet, soll sich der religioes-denkende und —empfindende Jude als auf einem Boden befindlich betrachten, auf welchem der innere Zusammenhang mit dem Goelllichen als Voraussetzung fuer ein friedliches und zufriedenes Leben erscheint. Doch hat man sich bei uns stets dagegen verwahrt, dass Arbeitsenthaltung, Fasten und Ritualbeobachtung allein ausreichen koennten, die Verzeihung, die Entsuehnung zu erlangen. Der Talmud bringt dies klar zum Ausdruck durch die Vorschrift der Lekluere von Jesaja 57,14 etc. als Haftara, worin es heisst, dass dem Fasten alle Kraft abzusprechen sei, wenn nicht die Unterlassung jeglichen Unrechtes und die Uebung wahrer Menschenliebe hiermit verbunden waeren. Der Jom Kippur will bezwecken, dass der Jud» zur echten Umkehr komme, weil nur diese zu Vergebung und Versoehnung fuehre. Zu diesem Gedanken tritt ein zweiter, wie er nur auf dem Boden des Judentums erwachsen konnte: Der Mensch Der 44 jaehrige Schweizer Ingen i e u r Alfred Frauenknecht ist zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil er die Originalplaene fuer die Triebwerke der von Israel verwendeten franzoesischen Mirage-Flugzeuge dem israelischen Geheimdienst zugespielt hatte. Die Untersuchungshaft von 578 Tagen wird auf die Strafe angerechnet. Es handelt sich um einen besonderen Fall “des Verrats militaerischer Geheimnisse”. Der Fall Frauenknecht beweist, dass Israel ueberall in der westlichen Welt Freunde hat, denn der Verurteilte hat die Plaene fuer die Triebwerke der Mirage-Flugzeuge, die von der Schweizer Firma Sulzer (Winterthur) in Lizenz fuer die Schweizer Luftwaffe hergestellt wurden, wo er als Prokurist taetig war, aus Sympathie zu Israel dem Geheimdienst dieses Landes ausgeliefert. Bei einem Besuch im ehemaligen KZ Dachau war es, so erzaehlte Frauenknecht dem Gericht, wo er den Beschluss fasste. “So etwas darf nie mehr geschehen”. Und vollends gewonnen wurde er fuer die israelische Sache, als er am 6. Mai 1968 mit dem damaligen israelischen Militaerattache in der Schweiz, Tat- AlUf Kain, im Hotel Ambasallein traegl die Verantwortung fuer die Verwirklichung des Guten auf Erden und kann diese nicht auf Gott abzuwaelzen versuchen. Die Frage, z.b., seil dem ersten Weltkrieg immer wieder gestellt, wie ein barmherziger Gott solch furchtbare Dinge zulassen koenne, wie sie seit rund sechs Jahrzehnten in der Welt geschehen, diese Fragestellung isf falsch und unjuedisch. Es darf nach juedischem Gefuehl nicht heissen: "Wo war oder wo ist Gott"? Es muss vielmehr heissen: Wo war und wo ist der Mensch, wo blieb die Menschlichkeit?" Nicht Gott traegl, menschlich ausgedrueckt, die Verantwortung fuer unvorstellbare Greuel, die geschahen, sondern eine entartete Menschheit. Gott nahm, menschlich ausgedrueckt, eine Selbstbeschraenkung vor, "als Er die Erde den Menschenkindern uebergab", die das Gute verwirklichen sollten dank der ihnen verliehenen Willensfreiheit, "im Ebenbilde Gottes". Es war kein Geringerer als der grosse Maimonides, der die Verantwortlichkeit des Menschen als "Saeule des Gesetzes und der Lehre" festgestellt hat. Es ist eines der schoensten Worte der Bibel voll tiefster Symbolik, jenes Wort von der Stadt, die nicht untergehen soll um der "Zehn Gerechten willen, die in ihr leben". Es ist dies die uralte juedische Erkenntnis, dass die Welt auf dem Gerechten ruht, und Israel, das juedische Volk ist der Sendbote Gottes an die Menschheit, der Knecht Gottes, nach dem Prophetenworte, "der die Suenden der Vielen zu tragen hat". Diese Versoehnungsgedanken durchziehen das gesamte juedische Schrifttum. In ihrer Totalitaet stellen sie ein Gedankenwerk dar, im welchem die Begriffe des Verstandes sich mit den Empfindungen des Herzens in voller Uebereinstimmung befinden. In Leo Baecks "Wesen des Judentums" wird hierzu gesagt: "Zum grossen Verüoehnungstage sollen alle Wege h'infuehren. Rosch Haschana und Jom Hakippurim stellen die Gemeinde Israels immer wieder auf den sicheren Boden des Mesriasbegriffes, des Glaubens an den ewigen Gott, der richtend und zugleich liebend; heilig und voller Guete, auch in der Weltgeschichte, in der Menschheitsgeschichte, waltet". CURT WILK ' _V Die Fabrikanten Ein glueckliches Neues Jahr /IX j /VN der allerbesten I Tm Jrtsfl S Bembones wüenschen Ihnen das usuenscht allen Mitgliedern jJ^mcastuio^Cj. Allerbeste zum Neuen Jahr der Gemeinde Dos Castillos Jenny Vogel. Pasaje Agustín Edwards — Local 388 Teléfono 61405 sador in Zuerich zusammentraf, und dieser ihn bedeutete: “Israel hat den Krieggewonnen, aber der Feind wird auferstehen. Die Russen werden noch staerker eingreifen. Wenn Israel seine Luftwaffe nicht sofort wieder aufbaut, so ist das Land in groesster Gefahr. Nach dem franzoesischen Waffenembargo und den Verlusten im Sechstagekrieg steht die israelische Luftwaffe praktisch vor dem Nichts”. Diesen Argumenten konnte sich Frauenknecht nicht entziehen. “Wir Schweizer — so bekannte er nun vor seinen Richtern — haetten helfen koennen. "Die Israelis brauchten keine Sympathien, sie brauchten Flugzeuge. Ich hatte Skrupel, dachte an meine Familie. Aber ich habe mir auch gesagt, dass ich die letzte Hoffnung fuer die Israelis bin. Und ich habe mir die Frage gestellt: Wenn ich diese Hilfe verweigere — bin ich dann nicht wie ein Deutscher, der damals einem Juden haelte helfen koennen, es aber nicht getan hat, weil es verboten war?" Frauenknecht betonte auch, dass er in seinem Verhalten keine nachteiligen Folgen fuer die Schweiz erblickte, da “Israel fuer die Schweiz kein potentieller Gegner sei”. Peinlich sei ihm die ganze Angelegenheit nur seinem Arbeitgeber, der Filma Sulzer, gegenueber gewesen. Erschwerend fuer den Angeklagten spielte die Tatsache eine Rolle, dass Frauenknecht vom israelischen Geheimdienst 860.000 Franken erhielt. Der Angeklagte begruendete die Annahme dieses Betrages als eine Art Risikopraemie fuer den Fall eines Aufdeckens seines Vorgehens. Er haette Israel einen unschaetzbaren Dienst erwiesen und haette. wenn er an einen Profit gedacht haette, mit Leichtigkeit mehrere Millionen Franken erhalten koennen. Das Gericht scheint die Lauterkeit seiner Motive anerkannt zu haben und verurteilte den Angeklagten um zwei und einhalb Jahre unter dem Strafantrag des Staatsanwalts; da ausserdem Frauenknecht 19 Monate Untersuchungshaft angerechnet wurde und wahrscheinlich vorzeitig aus der Strafanstalt entlassen wird, so nimmt man in der Schweiz an, dass er kaum mehr als zwei Jahre im Gefaengnis bleiben duerfte. Und was wird mit Frauenknecht nach seiner Freilassung werden? Darauf gibt die Tel Aviver Zeitung “Jedioth Chadashoth” folgende Antwort: “Es waere unfair und undankbar, wollten wir die Erinnerung an sein rechtlich alz strafbar qualifiziertes, moralisch aber fuer uns einwandfreies und loebliches Verhalten nicht wachhalten und ihm ueber seine Familie nicht schon jetzt zu verstehen geben, dass er in Israel immer und jederzeit willkommen sein wird. Und unsere Behoerden sollten sich nicht mit blossen Hoeflichkeilsgesien und Ausdruecken des Bedauerns begnuegen, sondern alles tun, um den seelischen und materiellen Schaden, den Frauenknecht und seine Familie durch den Prozess erlitten haben, wieder gutzumacben.