Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1971-06-01 · 6 (Junio, 1971) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXXIII (1971)
Issue
6 (Junio, 1971)
Date
1971-06-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8553624-8554971-9195258--5971-8555052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

JUNIO 1971 BOLETIN INFORMATIVO 17 ZU EINEM "JUBILAEUM”: HUNDERT JAHRE DEUSTCHE JUDENEMANZIPATION Das vierzehnte Jahrbuch des Leo Baeck Imtituts In diesen Wochen hat man der vor 100 Jahren erfolgten Gruendung des Deutschen Reiches, des Werkes Bismarcks, gedacht. Die Kommentare, die in der deutschen und in der internationalen Oeffentlichkeit aus diesem Anlass erschienen, waren sehr zwiespaeltiger Natur, ist doch bis heute die Frage nicht beantwortet, ob jener Vorgang im Schlosse von Versailles fuer das deutsche Volk, fuer Europa und die Welt notwendig und segensvoll war, oder eine Quelle des Unheils, das nicht unbedingt in der Linie der geschichtlichen Entwicklung lag. Ein Vorlaeufer der Reichsgruendung war das Gesetz ueber die Judenemanzipation von Jahre 1869, das fuer den Norddeutschen Bund galt und vom neu entstandenen Reiche uebernommen wurde. Daher ist es nur logisch, dass das Year Book XIV des Leo Baeck Instituts, das als Erscheinungsdatum das Jahr 1969 traegt (East and West Library, London) in das Zentrum seiner Betrachtungen das Thema der Judenemanzipation in Deutschland gestellt hat. Die ausserordentliche Leistung, die die Herausgabe und Gestaltung des Jahrbuches zeigt, liegt vor allen darin, dass in seiner Themenstellung und Durchführung Geschichte zu etwas Lebendigen wird. Gewiss, gerade das Ereignis, um welches es diesmal geht, zeigt in besonders markanter Form, wie wenig von dem uebrig geblieben ist, was einst als deutsches Judentum “emanzipiert” wurde. Aber die Darstellung des geschichtlichen Vorganges und seine Bewertung in einem Rahmen wie diesem macht doch deutlich, dass die geistige Kraft nicht voellig ausgeloescht worden ist, die sich in dieser unserer juedischen Gruppe konzentriert hatte, auch wenn die Ueberlebenden in die Welt zerstreut wurden. Es ist das grosse Verdienst von Robert Weltschden Faden des Verbindenden in der Zusammenstellung des Jahrbuches zu einem starken Band gemacht zu haben, zu einem Mittel des Selbstverstaendnisses, in dieser Art verwandt seinem eigenen Wirken in der schwersten Stunde der deutschen Judenheit, als er wie kaum ein anderer den Weg zum Selbstverstaendnis und Selbstbewusstsein zu oeffnen wusste. PROBLEME DER EMANZIPATION Die Einleitung auch zu diesem Bande des Jahrbuches, in der der Herausgeber den Hintergrund zum Inhalt der wichtigsten Beitraege zeichnet, macht dies erneut deutlich. Weltsch eroertert u.a. die Problematik, von der sich die Emanzipatoren leiten Hessen, schon in der Zeit Moses Mendelssohns. Es ging ja den Meisten derer, die fuer die Gleichstellung der Juden eintraten, im Grunde nicht um die Erhaltung des Judentums, sondern eher um seine Aufloesung in einem Staate, der auf Gleichheit im Sinne der Forderungen des Aufklaerungszeitalters abgestellt war. Dabei aber stellte Gleichheit mehr einen formalen denn einen inhaltlichen Begriff dar, sodass, nicht mit Unrecht, gerade der am staerksten unter dem Einfluss des Zeitgeistes lebende Teil des deutschen Judentums bereit war, die Rechnung zu bezahlen. Der Preis bestand in einer Entjudaisierung des Judentums bis zu seiner voelligen Aufgabe hin. Es ist interessant, dass noch im Jahre 1907 die Vorstellung von der Notwendigkeit der “Europaeisierung” der Juden im deutschen Bereich von einer geistigen Gestalt wie Thomas Mann vertreten wurde, als er zum juedischen Problem in einem Sammelbuch des spaeteren sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Julius Moses Stellung nahm. Nicht weniger bedeutsam bleibt die Tatsache, dass auch im franzoesischen Bezirk der Gedanke der Emanzipation nicht unbedingt mit Judenfreundlichkeit zu identifizieren war, wie es vor allem das Beispiel Voltaires deutlich macht. GESETZ UND WIRKLICHKEIT Dieses Thema wird in drei Beitraegen des Jahrbuches behandelt. Ernest Hamburger, dessen als Veroeffentlichung des Leo Baeck Instituts erschienenes Werk “Juden im oeffentlichen Leben Deutschland. Regierungsmitglieder, Beamte und Parlamentarier in der monarchistischen Zeit 1848—1918” sich bereits mit vielen Problemen beschaeftigte, die damit im Zusammenhang stehen, hat den grundle- (/¡oje por 1S Paisa» de EUROPA con un boleto al* Ia cl«ie sin recargo pera trenes expreso* o reserva de asientos con duración de l Sis meses EURAILPASS «p \ —ti--- DIRIJASE A SU AGENTE DE VIAJES o a la oficina de emisión en Santiago BANDERA 75 OF. 111 Cas. 3938 FONO 85700 genden Aufsatz unter dem Titel “One Hundred Years of Emancipation” beigesteuert. Er befasst sich in ihm mit vier Ereignissen bzw. Dokumenten: Dem Emanzipationsparagraphen in der deutschen Bundesakte von 1815, die auf dem Wiener Kongress zustande kam, der Frankfurter Verfassung von 1849, dem Akt von 1869 und schliesslich der Weimarer Verfassung von 1919. Im Zentrum dieser wichtigen Arbeit steht die Differenz von Gesetz und Wirklichkeit. Das hatte bereits seine Wurzeln in dem Hin und Her der Verhandlungen, die dem ersten Emanzipationsdokument von 1815 vorangingen, das in Wirklichkeit ein Rueckschlag gegenueber den Hoffnungen und auch manchen Massnahmen der vorangegangenen Periode darstellte. Dennoch kam es in der nachfolgenden Zeit trotz der politischen Reaktion mit ihren Folgen fuer die Rechtsstellung der Juden zu einem sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung in einer weitgehend noch agrarischen Gesellschaft. Hamburger gibt im Anschluss an die Vorgaenge der Revolution von 1848/49 eine lebendige Darstellung der Auseinandersetzungen zwischen der erneut stark gewordenen Reaktion und den liberalen Kraeften, wobei zwar das Ergebnis fuer die wirtschaftliche Position der Juden in wichtigen Berufsgruppen bemerkenswert positiv war, ihre Stellung im oeffentlichen Leben jedoch weiterhin schwach blieb. VORDRINGEN DES ANTISEMITISMUS Der Emanzipationsakt von 1869 bzw. seine Uebernahme durch das Deutsche Reich setzte im Grunde nur das Siegel unter einen bereits bestehenden Zustand. Aber auch er wurde nur mangelhaft durchgefuehrt, ja es kam sehr bald unter dem Einfluss der sozialen Wandlungen zu einer neuen Erstarkung der antisemitischen Bewegung, die mit Schwankungen nicht mehr abbrach, bis sie dann im Ersten Weltkrieg wiederum einen Hoehepunkt erreichte. Hamburger kommt zu einem nicht sehr positiven Ergebnis in bezug auf die Stellung der Juden im Kaiserreich. Als dann das Reich zusammenbrach, eroeffnete sich den Juden in der Weimarer Republik vor allem der Zugang zu Positionen des politischen und oeffentlichen Lebens. Es ist naturgemaess dem Autor besonders angemessen, diese Periode zu schildern, hatte er doch selbst als Mitglied des Preussischen Landtages die Moeglichkeit der unmittelbaren Beobachtung. Von erheblichen Interesse ist u.a. die Schilderung der Auseinandersetzungen ueber die Verfassung von 1919 und die Stellung der Juden in der neuen Republik. Er inner ungswuerdig ist dabei, dass es der Unabhaengige Sozialdemokrat — und Poale Zionist — Oscar Cohn war, der den Gedanken juedischer Minderheitenrechte in die Debatte warf. Die Darstellung der Entwicklungen in der Weimarer Republik mit dem Vordringen des Antisemitismus bildet fuer uns eine ebenso triste wie allerdings auch zum Nachdenken anregende Lektuere, wenn wir auf die Vorgaenge in unserer heutigen Welt, in West und in Ost, blicken. Ausfuehrlich behandelt ist die Beteiligung am parlamentarischen und staatlichen Leben und auf der anderen Seite der allmaehlich immer staerker fuehlbar werdende Rueckgang des juedischen Einflusses in wirtchaftlicher und sozialer Hinsicht. Hamburgers Untersuchung wird durch die Arbeit eines juengeren deutschen Historikers, Reinhard Ruerup, ergaenzt, die unter dem Titel “Jewish Emancipation and Bourgeois Society” die enge Verknuepfung der Emanzipation mit den sozialen Vorgaengen und Vorstellungen erweist. Ruerup legt mit grosser Klarheit die Probleme dar, die fuer die Emanzipatoren zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestanden. Sie gingen von der Vorstellung einer allmaehlichen, gestuften Emanzipation aus, wobei noch die Verschiedenheit der Wege in den einzelnen deutschen Staaten zu beruecksichtigen war, und unternahmen schliesslich den Versuch, die Juden in einer Gesellschaft zu emanzipieren, die selber noch nicht oder nur teilweise emanzipiert war. Dieser Gedanke scheint uns von besonderer Bedeutung fuer den Gesamtablauf des Vorganges; denn im Grunde ist es selbst in der Weimarer Republik nur unvollkommen gelungen, das deutsche Volk von den sozialen und geistigen Fesseln zu loesen, die seine Entwicklung als Erbe vergangener Jahrhunderte weitgehend hemmten. Die Konzeption der Judenemanzipation und ihre Durchfuehrung bildeten eine Art von “Fremdkoerper” in einer geistigen Sphaere, die derart durch Bindungen bestimmt war. SCHWIERIGKEITEN DER EMANZIPATION Zu diesen beiden Essays steht in einer direkten Beziehung der Beitrag des amerikanischen Historikers Robert A. Kann, der “Assimilation and Antisemitism in the German-French Orbit” ueberschrieben ist. Hier wird ein Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich im 19. und fruehen 20. Jahrhundert gezogen, der in seinen verschiedenartigen Aspekten von besonderem Wert ist. Kann analysiert vor allem die Ursachen, warum die Emanzipation in den beiden Gebieten auf so ausserorden 11 i c h e Schwierigkeiten stiess, und erlaeutert seine Thesen sodann durch eine lehrreiche statistische Uebersicht. Das Jahrbuch wendet sich in seiner zweiten Haelfte Themen zu, die den Grundgedanken ebenfalls umkreisen, ueber die aber hier nur kursorisch berichtet werden kann. Kurt Grunwald, bekannt als Darsteller fuehrender juedischer Wirtschafts - Gestalten, widmet einen interessanten biographischen Versuch dem englisch-juedischen Geldmagnaten Dr. Ernest Cassel, dem Freunde Koenig Eduard VII., wobei der Autor Cassel als “den letzten Hofjuden” bezeichnet. Besonders reizvoll ist gerade heute die Schilderung der wirtschaftlichen Unternehmungen in Aegypten, die u.a. im Jahre 1898 zu einem Vertrage ueber die Errichtung des — ersten — Assuandammes fuehrten, und zwar unter entscheidender Einflussnahme Cassels. Auch seine Beteiligung an der urspruenglich aus Frankfurt stammenden Londoner Bankfirma B. S. Japhet & Co. sei erwaehnt, ebenso wie seine Bemuehungen um den Bau der Bagdad-Bahn durch englische Finanzkraefte, die allerdings zu keinem Ergebnis fuehrten, so dass Deutschland in diese Luecke eindringen konnte. Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass Cassels Enkelin Edwina die Gattin von Lord Louis Mountbatten wurde, der selber ein Grossneffe von Koenig Eduard war. Einige weitere Beitraege des Buches sind den Versuchen zur Berufsumschichtung im deutschen Judentum gewidmet, und zwar schreibt E. G. Lowenthal ueber die Juedische Gartenbauschule in Ahlem, und Gerlrude van Tijn schildert das in der Nazizeit in Holland gegruendete Werkdorp Nieuwesluis. Dieses Thema beruehrt bereits ein anderes Problem, mit dem sich ein historisch wichtiger _ Aufsatz von Perez Lehem (Fritz Lichtenstein) beschaeftigt. Leshem legt eingehend die Bemuehungen dar, die die Rettung juedischer Fluechtlinge aus Spanien und Portugal nach Palaestina in den Jahren des Weltkrieges zum Ziele hatten. Dieser reiche Inhalt des Jahrbuchs wird aber noch erweitert durch kleinere Beitraege von H. G. Reissner (“Daniel Lessmann in Vienna and Verona”), A. W. Binder (“Isaac Offenbach”) und Rahel Liebeschuetz (“August Beimont and the House of Rothschild”). So bildet auch dieses Jahrbuch, wie seine Vorgaenger, eine bewundernswert vielseitige Quelle der Information und ist vor allem in seinem zentralen Teil, der Darstellung der Probleme der Emanzipation, geeignet, zu neuem Durchdenken der Vergangenheit zu fuehren und damit zugleich auch dazu, die uns Juden betreffenden Vorgaenge unserer heutigen Zeit in ihrer Problematik tiefer und vielleicht auch mit mehr Sorge, als es vielfach ueblich ist, zu verstehen. KURT LOEWENSTEIN (Jued. Wochenzeitung, Duesseldorf) ELRY-FAJAS Hopa interior £ina Moneda 858 — Fono 716163

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.