Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXI (1969)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1969)
- Date
- 1969-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DICIEMBRE 1969 BOLETIN INFORMATIVO 21 Die Ausnahme und Die Re^el My Lai Was da vor anderthalb Jahren, am 16. Maerz 1968, in dem suedvietnamesischen Dorf My Lai geschah, ist grausig. Eine Kompagnie amerikanischer Soldaten hatte die Ortschaft am Morgen erobert und am Abend war praktisch die gesamte Zivilbevoelkerung —M a e n n e r, Frauen, Kinder— ausgerottet. Die vereinzelten Nachrichten, die in der Zwischenzeit auf das Massaker anspielten, vermochten irgendwie nicht in das Bewusstsein der Oeffentlichkeit zu dringen. Warum? Weil es unglaubhaft war, dass Amerikaner, die angeblich im Namen der Demokratie und Humanitaet dort kaempfen, sich solcher Vergehen schuldig machten? Weil maechtige Interessengruppen, vornean die militaerische Fuehrung selbst, an der Unterdrueckung der Wahrheit interessiert war? Weil die Quelle der Nachrichten, die tagtaeglich bei Propagandaluegen ertappte Gegenseite, nicht glaübwuerdig war? Weil man fuerchtete und, wie es jetzt scheint, mit Recht, dass die Aufdeckung der schrecklichen Wahrheit einen deprimierenden Effekt auf die ohnehin angeschlagene Moral der Truppen und des Hinterlands ausueben wuerde? Wer weiss? Vielleicht das eine, vielleicht das andere, wahrscheinlich etwas von allem. Aber nun ist sie ausgebreitet vor den Augen der entsetzten Amerikaner und der entsetzten Welt, die Wahrheit in Form von Aussagen und Fotos, auf denen man Menschen sieht, die nicht waehrend, sondern nach einer Kampfhandlung getoetet wurden. Es hat also keinen Sinn mehr, dieser Tatsache auszuweichen, so wie es nie Sinn hatte, da Tatsachen bekanntlich sehr hartnaeckig sind. Man muss sich mit ihr auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung ist keineswege einfach und wird eine lange Zeit beanspruchen. Das kommt einerseits daher, dass sie an den Fundamenten der westlichen politischen und moralischen und damit der gesamten weltanschaulichen Struktur selbst ruettelt. Ueberzeugungen, die gestern noch in Form von Axiomen in unserem Bewusstsein verankert schienen, muessen neugeprueft werden. Andererseits ist die Angelegenheit selbst insofern noch garnicht abgeschlossen, als in diesen Tagen das Militaertribunal Zusammentritt und der Komplex Schuld und Suehne erst nach dem Urteilsspruch vervo'llstaendigt sein wird. Abgesehen von sehr allgemeinen philosophischen Betrachtungen ueber die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges, das Boese in der Natur des Menschen oder dem Bekenntnis zu einem leider weltfremden Pazifismus scheint sich nur ein Engpass zwischen hemmungslosen Verallgemeinerungen und einer an Komplizitaet grenz enden Beschoenigung oder Schweigen zu bieten MONATSSPIEGEL Lidice Nie um Verallgemeinerungen verlegen, war fuer die Advokaten des Tausend jaehrigen Reichs das Stichwort My Lai natuerlich ein gefundenes Fressen. My Lai! Lidice! Draengt sich der Vergleich nicht foermlich auf? Haben sie es nicht schon immer gesagt, dass im Krieg solche Dinge eben einfach Vorkommen? Und werden jene jetzt endlich einsehen, dass es eine AnmasSung war, in Nuernberg zu Gericht zu sitzen? Dass dort Siegerjustiz geuebt wurde, aber nicht Gerechtigkeit? Es waere falsch, My Lai zu beschoenigen und es waere feige, diese Argumente mit Schweigen zu uebergehen. Wenn schon nicht in direkter Konfrontierung mit den Unverbesserlichen selbst, da weder sie noch wir sie suchen oder glauben, dass es eine gemeinsame Sprache geben kann, so ist es doch wichtig, der oeffentlichen Meinung gegenueber Stellung zu beziehen. Denn es ist wahr, vielleicht zum ersten Mal seit mehr als dreissig Jahren wahr, dass sich auf dieser Seite etwas abgespielt hat, was man mit dem Grauen auf der Gegenseite vergleichen kann. Jawohl, man kann My Lai mit Lidice vergleichen. Mehr, noch, man Soll, man muss es tun, will man trotz des Suedasiatischen Dschungels einen klaren Blick bewahren. Konzedieren wir also: da und dort wurden unschuldige Menschen sinnlos und brutal ermordet, nur weil sie irgendwie, mehr passiv als aktiv, in die Kriegshandlungen vestrickt worden waren. Worin besteht dann, sofern es ihn gibt, der Unterschied? Er besteht darin: # Die Untat von My Lai wurde nicht aufgrund der amerikanischen Kriegsziele und Kriegsfuehrung begangen, sondern trotz dieser, # Verantwortlich dafuer waren in die Hitze der Gefechte verstrickte Kommandanten von Leutnantsrang, '# Es war die freie Presse und freie oeffentliche Meinung Amerikas, welche die Tatsachen ans Licht brachte, # Regierung, Kongress, Justiz und Volk werden nichts ungetan lassen, um die Schuldigen zu bestrafen und nichts tun, um die Wahrheit zu verschleiern. Ist es nach dieser summarischen und unvollstaendigen Aufzaehlung ueberhaupt noch notwendig, den Gegenbeweis anzutreten? Wie war Lidice moeglich geworden? # Als ein Beispiel unter' vielen von der erklaerten Politik der Ausrottung ganzer Voelker, # Auf Befehl der hoechsten Kommandostellen und in Uebereinstimmung m i|t allgemeinen Richtlinien (“Nacht -und Nebel- Befehl”) ueber Geiseler- Schiessungen, # Die gleichgeschaltete Presse log, leugnete, beschoenigte, rechtfertigte und verniedlichte Tatsachen und Zahlen damals wie heute, # Die fuer die “Operation Reinhard” direkt verantwortliche Regierung sowie ihre ausfuehrenden Organe konnten bestraft werden, weil sie besiegt wurden; haetten sie gesiegt, so waeren die Moerder von Lidice und Auschwitz, von Treblinka und Majdanek und den tausend anderen Orten des Grauens nicht als Schuldige verurteilt, sondern als Helden gefeiert worden. Dass diese Gegenueberstellung ins Endlose verlaengert werden kann, quantitativ sowohl wie qualitativ, ist klar, ist doch noch nichts gesagt ueber den Sadismus, die wissenschaftliche Organisation, die verschrobene Ideologie oder die raffinierten Methoden der Nazis und verkleinert doch der Vergleich einer scheinbaren Ausnahme mit einem riesigen System die Bedeutung des letzteren. Wenn wir trotzdem an diesem Punkt darauf verzichten, ihn weiterzufuehren, so geschieht dies erstens, weil es in diesem Rahmen mit dem bereits Angedeuteten genuegen mag, und zweitens, weil man ueber die Auseinandersetzung mit dem Feind von gestern nicht die mit dem Feind von heute vergessen darf. Kalyn Denn: wie werfen sie sich erst in die Brust, die “Befreier” vom Kolonialismus, die “Beschuetzer” der unterdrückten Voelker, die “Konstrukteure” der sozialistischen Gesellschaft, die “Anti-Imperialisten” aller Schattierungen! Haben sie es nicht schon immer gesagt, dass der amerikanische Imperialismus der Feind aller Voelker ist, der neue Nazismus, Bannertraeger der Reaktion, der Rassen-Unterdrueckung und dass er bei der Verfolgung seiner kriminellen Ziele vor keiner Brutalitaet zurueckscheuen wird? Ja, sie haben es schon immer gesagt und sie Sagen es, nach erprobten Methoden so oft und so immer wieder, dass immer mehr Zeitungsleser Radiohoerer Fernsehschauer es nachplappern. Und sie gemessen den Vorteil, sich in der eigenen bluetenweissen Unschuld dick zu tun. Dass die nordvietnamesischen Kommunisten in der waehrend der Tet-Offensive besetzten Stadt Hue noch viel mehr Menschen ebenso grausam umgebracht haben? Eine Propagandaluege der Amerikaner! Dass sie im Zweiten Weltkrieg in den Waeldern von Katyn das gesamte polnische Offizierskorps massakrierten? Eine Propagandaluege der Nazis! Dass sie im Spanischen Buergerkrieg die Anarcho - Syndikalisten von Barcelona in den Gefaengnissen dezimierten? Eine Propagandaluege der Franquisten! Dass der Stalinismus Millionen von Opfern gekostet hat? Eine Propagandaluege der KhruSchev - Literaten! Dass sie noch heute Hunderttausende von Menschen in den Konzentrationslaegern von Sibirien und am Arktischen Polarkreis zugrunde richten?, die Juden unterdrueeken?, die Wolgadeutschen ausgerottet haben?, die Kirgisen und Tschetschenen vertrieben?, die Tartaren “ungesiedelt”?, die Tchechen “normalisiert”?, politische Haeftlinge ohne Prozess jahrelang eingesperrt halteni? Propagandaluegen der Imperialisten, der Reaktionaere, der Zionisten, der Kosmopoliten, der Trotzkisten, der CIA, der Pekinesen, irgendwelcher Urheber je nach Bedarf, je nach der Mode, aber jedenfalls Luegen. Und da sie, im Gegensatz zu den Nazis, nicht besiegt wurden, kann man ihnen die Wahrheit nicht so stichhaltig nachweisen. Darin liegt der Unterschied. Und darin liegt auch der andere Unterschied, der zwischen Amerika und der Sowjet-Union: dass hier eine freie Gesellschaft die Auswuechse in ihrer Mitte bekaempft und selbst richtet und dass dort eine geknebelte Gesellschaft sie schweigend erduldet, waehrend ihre Regierung sie nicht nur deckt, sondern fuer sie verantwortlich ist. Zusammenfassend soll also gesagt werden: niemand soll das Verbrechen von My Lai beschönigen Aber den Fuersprechern von Systemen, die solche Verbrechen zur Staatsraeson gemacht haben, muss das moralische Recht abgesprochen werden, die blutigen Finger aiiklagend zu erheben. Deir Yassein Dies und noch mehr gilt in gleichem Maasse fuer die arabische Propaganda, die bekanntlich seit mehr als 20 Jahren einen aehnlichen Vorgang aüsschlachtet: den Ueberfall auf das arabische Dorf Deir Yassein am 9.4. 1948, bei dem 254 Zivilisten getoetet wurden. Es ist gut, in diesem Zusammenhang an die Umstaeude zu erinnern, unter denen dieser entsetzliche Vorfall geschah. Die NU hatte ein halbes Jahr vorher, am 29.11.47, den Teilungsbeschluss angenommen und wenige Tage spaeter hatte das Hohe Arabische Comité zum bewaffneten Kampf aufgerufen. Im Laufe des Monats Dezember schlossen sich nach und nach alle arabischen Nachbarstaaten dem Banditenkrieg in der einen oder anderen Form an und im Januar 1948 fuehrten bewaffnete Einheiten unter Fuehrung des Kommandanten Fawzi-el-Kawkji einen regelrechten Buergerkrieg gegen die juedische Bevoelkerung in Form von Bombenattentaten, Ueberfaellen und Morden an Zivilpersonen. Die britische Polizei leistete dabei bekanntlich den arabischen Angreifern alle erdenkliche Hilfe und bemuehte sich, die juedischen Selbstschutzorganisationen zu entwaffnen. Den Hoehepunkt erreichte der arabische Terror kurz vor der Staatsgruendung mit dem Ueberfall auf einen Sanitaetskonvoi in Jerusalem, bei dem 66 Aerzte und Krankenschwestern ermordet wurden, uebrigens in der gleichen Woche, in der das Unglueck von Deir Yessein passierte. Was hat es mit letzterem auf sich? Es war nicht mehr und nicht weniger als eine Repressalie gegen einen Ort, von dem aus erwiesenermassen wiederholt Attentate ausgegangen waren. Mit dieser Feststellung soll nichts gerechtfertigt werden. Das juedische Palestina vor der Staaetsgruendung und der Staat Israel seitdem haben solche Repressalien immer zu vermeiden gesucht und davor gewarnt. Am Tage nach Deir Yassein distanzierte sich die Jewish Agency und ihr militaerisches Organ, die Haganah, von der Schreckenstat: Autoritaet, die Verantwortlichen zu bestrafen, besass sie damals noch nicht. Seit es einen Staat gibt und Gesetze und Justiz, ist so etwas nie wieder vorgekommen und kleinere Ueber griffe wie Haerten bei Durchfuehrung der Sperrstunde sind exemplarisch geahndet worden. Waere es nicht so tragisch, wuerde es natuerlich auch in diesem Fall einfach laecherlich anmuten, dass die intellektuellen und materiellen Autoren unzaehliger Bombenattentate auf Zivilisten, auf Omnibusse mit Kindern, auf Kinos, auf Maerkte, auf Flugzeuge, auf Reisebueros und aehnliche “militaerische” Ziele, dass die Henker von Baghdad und die Scharfrichter von Damaskus, die Schergen von Kairo und die Piraten von Algier sich in der Pose der Anklaeger gefallen. Es ist aber nicht nur tragikomisch, was in unserer von tragikomischen Verirrungen nur so strotzenden Welt nicht wert waere, verzeichnet zu werden, sondern es ist bezeichnend fuer ihre Strategie von damals und von heute. Weder ist naemlich der Fattach und die anderen Banditenorganisationen eine Neuigkeit —das erste Bombenattentat auf dem Markt von Jaffa fand 1922 statt, vor (Schluss auf Seite 23)