Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXI (1969)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1969)
- Date
- 1969-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8554659-9195184--5623-8554714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NOVIEMBRE 1969 BOLETIN INFORMATIVO 21 "Denk ich an Deutschland in der Nacht...' Deutsche Jugend am vergifteten Brunnen Das Informations-Blatt der "Association of Jewish Refugees in Great Briiain" Brachte kürzlich eine Buchkritik mit einer Fussnoie, in der der Autor EGON LAR- SEN der "Wiener Library" in London für die Unterstützung beim Zusammenstellen der entsprechenden Daten seinen Dank ausspricht. Es handelt sich demnach um ein gut fundiertes Dokument, das den Leser zum Nachdenken über die unergründliche Tiefe des Problems Deutschland verleiten muss. Die nachstehende (etwas gekürzte) deutsche Uebertragung wurde von Egon Rosenfeld verfasst. Vor mir liegt ein Buch von etwa tausend Seiten. Es liest auch in der Bundesrepublik auf den Schultischen der Schueler sowohl wie der Lehrer. Man findet es in den Buecherregalen der gebildeten Buerger und der Studenten, in den oeffentlichen und Univ°rsitaetsbuechereien und wahrscheinlich auch in den Bibliotheken der Bundeswehr. Tm Ausland —so wie in England— benuetzen es Lehrer und Schueler zum Studium deutscher Literatur: denn es ist das Standard-Werk deutscher Poesie, eine Anthologie poetischer Schoepfungen aus neun Jahrhunderten. Das Buch wurde im Jahre 1955 von dem angesehenen Verlag C. H. Beck in Muenchen herausgegeben und die Neu-Auflage von 1966 -hoffentlich die letzte - bestand aus 184.000 Exemplaren. Sein Titel ist "Der Ewige Brunnen" und der Herausgeber Ludwig Reiners sagt in seinem Vorwort: “Ein Buch wie dieses hat den Ehrgeiz, irgendwie mehr zu sein als nur ein Buch, naemlich ein Teil des Lebens, so wie es gelebt werden soll...” Das klingt ganz lobenswert, denn die 350 Dichter, die darin zu Worte kommen, sollen uns ein treues und echtes Bild deutschen Lebens bieten, so wie es war und wie es gelebt werden soll, und natuerlich auch eine allgemeine Idee vom Geist und literarischen Schaffen des Volkes der Dichter und Denker. Das Werk beginnt mit zwei lobenden Einfuehrungen, eine von Friedrich Sieburg und die andere von Ina Seidel, die hervorhebt, dass es “ein Leitfaden durch die deutsche Poesie fuer junge und uneingefuehrte Leser sein und ihren Kunstgeschmack erzieherisch beeinflussen soll...”. VERGESSENE VERGANGENHEIT Es ist nicht zu verwundern, dass das Buch Frau Seidel gefaellt, denn es bringt elf ihrer eigenen Gedichte. Aber es gibt da eine Erinnerung, die einem durch den Kopf geht: War diese Frau Seidel nicht eine von jenen 88 deutschen Autoren, die im Oktober 1933 eine feierliches Bekenntnis der Ergebenheit an Adolf Hitler unterschrieben? Und sie hatte anscheinend am Dritten Reich wenig zu bemaengeln, denn im April 1939 •— fuenf Monate nach der Kristallnacht —wuenschte sie dem Fuehrer viel Glueck zu seinem 50. Geburtstag und nannte ihn “den Auserwaehlten dieser Generation”. Ich habe den Text dieser Geburtstagsnote vor mir, aber halte es fuer unter meiner Wuerde, sie hier wiedergeben. Sie ist natuerlich in dem Buch nicht zu finden. Die Liste der Autoren, deren Werke von Herrn Reiners auserlesen wurden, enthaelt aber auch andere interessante Namen. Sehr viele von ihnen haben seinerzeit die Nazifuehrer und ihre Taten gelobt und gepriesen. Da ist z.B. Frau Agnes Miedel in Reiners’ Bluetenlese mit elf Gedichten vertreten. Ihre Ode an Hitler, in der sie sagte: “Lass in Deine Hand, Fuehrer, uns vor aller Welt bekennen: Du und wir — nie mehr zu trennen!” ist von Herrn Reiners zweckmaessigerweise doch lieber nicht mit aufgenommen oder vergessen worden. Nicht aber vergessen haben es die Kinder des Staedtchens Bad Nenndorf in Niedersachsen, die sich kuerzlich energisch dagegen gewehrt haben, dass ihre Schule nach ihr benannt werde (sie starb dort im Jahre 1964). Ausserdem befinden sich unter den Autoren des Werkes noch andere Namen derer, die zu den 88 Hitler-Ergebenen gehoeren, und zwar Rudolf Presber, Lulu von Strauss und Torney, Herrman Claudius, Heinrich Lersch, Friedrich Schnack, Arthur Rehbein, Boerris Freiherr von Muenchhausen (mit 18 Gedichten) und einige weniger bekannte Namen. Andere wiederum brauchten ihre Bewunderung fuer die Nazis durch kein spezielles Treuegeloebnis auszudruecken, wie z.B. der SS- Obersturmfuehrer Edwin Erich Dwinger oder Herr Georg Schmueckle, NS - Parteimitglied seit 1931, oder Max Mell, der nach der “Reichsschrifttumskammer” in seiner oesterreichischen Heimat den “Bund deutscher Schriftsteller” bis 1938 als getarnte Nazi -Organisation geleitet hatte. Ferner finden wir Josef Weinheber, mit zehn Gedichten vertreten, allerdings nicht mit dem, das er dem Fuehrer zum 50. Geburtstag gewidmet hat: ebensowenig finden wir unter Richard Billingers Beitraegen sein Gedicht mit dem einfachen Titel “Adolf Hitler” aus dem Jahre 1938, in dem er den Geist des Fuehrers ruehmt, der “dem Feuer entsprungen” sei. LOB VON KAMPF UND TOD Unter den 2000 Beitraegen finden wir viele Gedichts der Klassiker und eine Reihe von einwandfreien Kapiteln, wie z.B. “Das Buch der Natur”, “Die Kunst zu leben” und aehnliche. Dann wieder stossen wir auf die offene Verherrlichung von Kampf und Tod. Gegen hundert Gedichte beschaeftigen sich mit dem Versuch, den jungen Lesern den Tod in krankhaft abstossender Weise attraktiv zu machen. Den Gipfelpunkt erreicht hierbei Anton Ulrich, Graf von Braunschweig, mit dem kategorischen Ausruf” Es ist genug! Es sei gestorben!” Und dann erscheint wieder ein Kriegsgedicht aus dem Jahre 1944 von Wilhelm Lehmann, dessen Friedhofstimmung mit den Worten ausklingt: “Der Eisenhut blitzt blaues Licht. Komm, wisch den Schweiss mir vom Gesicht”. In den Kapiteln “Aus der Geschichte” und “Buch vom Vaterland” gibt es auf 190 Seiten eine reichliche Lobpreisung des reinsten Chauvinismus, so wie wenn das Dritte Reich nie bestanden haette. Es ist auch kein Mangel an dem uebelsten Hurrahpatriotismus, an Schlachten und Schlachtfeldern, Krieg und Kriegsgeschrei, en Sterben und Graebern, untermischt mit Lobliedern auf die Schoenheit des Landknechtslebens. Die letzten 50 Jahre deutscher Geschichte sind voellig vergessen: wir lesen Arndt’s “Der Gott, der Eisen wachsen liess... ”, wir lesen ‘Die Wacht am Rhein”, “Luetzovs wilde Jagd” und drei Gedichte ueber Bismarck, den “Eisernen Kanzler”. Und wir stossen auf Bruno Frank, der in Jubelstimmung, ausruft, dass der “alte Feind” in jener “groessten aller Zeiten“ in jenem “stolzen Jahr”, naemlich 1914, zerschmettert werden wuerde. Dieses offene Heinweh nach den Zeiten der alten Krieger muss enorm erzieherisch auf die heutige Jugend wirken. ZACKIGER HUMOR Aber Herr Reiners beweist auch, dass er Sinn fuer Humor hat und widmet ihm gegen hundert Seiten. Sein Humor ist gemuetlich und naturstaemmig, man koennte sagen amuesant. Schrecklich lustig ist z.B. die Schilderung einer Hinrichtung von Friedrich Haug, in der das Opfer sich beklagt, dass der Henker so langsam vorgehe, worauf dieser ihm erklaert: “Sie sind ja laengst gekoepft, mein Herr — wenn guetigst Sie nur schuetteln wollen!” Natuerlich kann Herr Reiners die Froehlichkeit des Krieges in seinem humoristischen Kapitel nicht weglassen. Ein Dichter namens W o 1 a n d Kreusler spricht, im Jahre 1870, von Deutschlands “Millionen von Faeusten”, die einhaemmern auf die “fraenkischen Kujonen, das ganze Lumpenpack, dass die Lappen fliegen, dass sie all die Kraenke kriegen in das klappernde Gebein”. Das waren die Zeiten lang vor der Nato und der Europaeischen Wirtschaftsgemeinschaft, nicht wahr? Wo Gelaechter ist, kann selbstverstaendlich der Witz ueber die Juden nicht fehlen. BIBLISCHE BEWUENDERUNG Ein Ludwig Eichrodt nimmt sich dabei die Bibel vor und in seinem zwei Seiten langen Gedicht ueber die Firma Jakob & Soehne erklaert er sei- Von EGON LARSEN nen Lesern, dass die Juden schon in jenen Tagen Geschaeftsleute waren und jiddisch sprachen: “Wozu sein wir Handelsleut?” ruft er aus. Alsdann faehrt unser Eichrodt' fort mit diesem unwiderstehlich lustigen Vers: “Es verdiente aber viel Geld da — Gottes Volk in diesem Nildelta”, und der Pharao ist “voll Bewuenderung ueber diese Volksauspluenderung”, d.h. durch die Juden natuerlich. Der Goebbels haette es auch nicht besser machen koennen. Ebenso reimt der alte Johannes Trojan in seiner so harmlos - humoristischen Stimmung: “Isidor, genannt der Schoene, geht auf dem Produktenmarkte” und am Ende eines gescheiterten Liebesabenteuers werden wir belehrt: “Innerlich ist er zerschmettert, aber sonst ganz beim Geschaefte”. Auf diese Weise garantiert Herr Reiners, dass die junge deutsche Generation genau lerne, was die Juden eingentlich sind, naemlich Volksausbeuter und ruecksichtslose Spekulanten... Er haette auch einige von diesen Meisterstuecken deutscher Poesie weglassen sollen, um fuer Autoren Platz zu lassen, die ein anderer Herausgeber vielleicht fuer wichtiger gehalten haette. Denn es gibt da nur ein einziges Gedicht von jedem der drei fuehrenden deutschen Schriftsteller Bertholt Brecht, Erich Kaestner und Klabund (von letzterem nur 6 Zeilen). Und nicht ein einziges von Tucholsky oder Nelly Sachs, Guenther Eich oder Karl Krolow, Piontek oder Enze nsberger. Schliesslich vermissen wir auch ein gewisses Gedicht von Heine, dessen erste Zeile einem so lebhaft in den Sinn kommt, wenn man hineinstarrt in diesen vergifteten Brunnen: “Denk ich an Deutschland in der Nacht...”. STATISTIK Kriegsfreudige Menschheit? Im ersten Weltkrieg mussten ueber 10 Millionen Menschen ihr Leben lassen. Der zweite Weltkrieg forderte in Europa 39,6 Millionen Opfer (einschliesslich der sechs Millionen ermordeten Juden), in Asien und im Pazifik 15,7 Millionen Tote. Die groessten Verluste erlitt die Sowjetunion: 13,6 Millionen Soldaten, 6 Millionen Ziviltote. Deutschland verlor 3,25 Millionen Soldaten und 3,65 Millionen Zivilisten. Der Publizist Wolfram von Raven hat in seinem Buch “Strategie im Weltraum” (Seewald-Verlag) weitere Zahlen zusammengetragen: “Nach einer Berechnung des Aberikaners Quincy Wright wurden in der Zeit zwischen 1480 und 1942 insgesamt 278 Kriege auf unserer Erde ausgetragen, und zwar 135 zwischen Staaten der gleichen Voelkergemeinschaften, 65 zwischen Staaten verschiedener Kulturkreise und 78 zwischen Buergern desselben Staates. Der Soziologe Jacques Novicow ermittelte im Jahre 1911, dass in den 3358 Jahren zwischen 1496 vor Christi und 1861 nach Christi nur 227 Jahre Frieden herrschte, waehrend in 3131 Jahren die Waffen sprachen; allein in Europa seien in 300 Jahren nicht weniger als 268 Kriege ausgetragen worden; von den ueber 8000 Friedens vertraegen, die in 3000 Jahren geschlossen wurden, habe im Durchschnitt jeder nur zehn Jahre gewirkt. Ein Genfer Amateur - so berichtet Wolf Schneider in seinem ‘Buch vom Soldaten’ — will errechnet haben, dass es in den letzten 5600 Jahren insgesamt 14513 Kriege gegeben habe, bei denen dreieinhalb Milliarden Menschen den Tod gefunden haetten”. ("Jüdische Wochenzeitung" - Duesseldorf)