Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIX (1957)
- Issue
- 8 (Agosto, 1957)
- Date
- 1957-08-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8553624-8554444-9194302--2067-8554557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Agosto 1957 BOLETIN INFORMATIVO 7 EIN KÖNIGLICHER KAUFMANN (Zum 100. Geburtstag Albert Ballins) CURT WILK ZUM 60. GEBURTSTAG Wie oft schon hat Herr Curt Wilk, langjaehriger treuer Mitarbeiter unseres “Boletín Informativo” aus Argentinien, mit seiner beredten Feder Persoenlichkeiten des juedischen Lebens zu ihren Geburtstagen gratulieren koennen und dabei unseren Lesern Leben und Wirken der Jubilare gezeichnet. Heute ist es an uns, ihm zu seinem 60. Geburtstag, den er am 5. Juli begangen hat, unsere herzlichsten Glueckwuensche zum Ausdruck zu bringen. Unsere Wuensche fuer ihn sind verbunden mit dem Dank vieler juedischer Menschen, denen er in seiner jahrelangen journalistischen Taetigkeit juedisches Wissen und juedische Weltanschauung vermittelt hat. Mit seiner tiefen Kenntnis juedischer Wissenschaft und des modernen juedischen Lebens und seiner Persoenlichkeit hat er es stets verstanden, juedische Tradition mit dei Dynamik der juedischen Renaissancebewegung des Zionismus zu verbinden. Damit gehoert er zu den wenigen Wegbereitern des historischen Judentums in unsere neue Zukunft. Und dafuer sei ihm anlaesslich seines Ehrentages der Dank aller derer ausgesprochen, die sei es als seine Leser, sei es als seine Freunde stets mit Freude auf das gewartet haben, was er uns zu sagen hat. Moege er auch in der Zukunft in noch vielen Jahren zur Ehre des Judentums wirken und am Wiederaufbau juedischen Lebens auf diesem Kontinent anteilnehmen. DIE REDAKTION DES “BOLETIN INFORMATIVO” Die 100. Wiederkehr des Geburtstages von Albert Ballin am 15. August verdient im juedischen Kreise gewuerdigt zu werden, einmal wegen seiner Zugehoerigkeit zum Judentum, zum anderen in Anbetracht der weltumspannenden Bedeutung seines Lebenswerkes, der “HAPAG”, jener “Hamburg-Amerika-Linie”, deren Generaldirektor Ballin durch fast zwei Jahrzehnte gewesen ist Wer war dieser Mann und woher kam er? Seine Vorfahren waren Sueddeutsche, und, nach einer missglueckten Auswanderung nach Skandinavien, hatte der Vater in Hamburg seinen staendigen Wohnsitz gefunden, wo er seine zahlreiche Familie als Schiffsagent unter schwierigen 'Bedingungen durchzubringen versuchte. Albert war das dreizehnte Kind und 17 Jahre alt, als der Vater ploetzlich starb, und nun, ein sehr junger Mensch, die Sorge fuer die Mutter gemeinsam mit einem der Brueder zu tragen hatte. Es war die Zeit, da die russischen Judenverfolgungen und die damit im Zusammenhang stehende Uebervoelkerung der Ansiedlungrayons eine Massenauswanderung hervorriefen. Allein im Jahre 1879 setzten 25.000 russische Juden als “Zwischendecker” ueber den Ozean. Die Pogrome von 1881 erhoehten diese Zahl auf 125.000, um nach den Judenmorden von Kischinew einen weiteren Anstieg zu erfahren. Diese Reisegaeste waren damals in Hamburg nicht gern gesehen, nicht nur wegen ihrer Armut, sondern auch, weil sie die Gefahr von Epidemieen groesser werden liessen. Diese mittellosen Ostjuden suchten sich deshalb zu jener Zeit eine verbilligte Passage ueber England, soweit sie nicht den “Norddeutschen Lloyd” in Bremen in Anspruch nahmen. Es war die Idee des jungen Albert Ballin, den immer mehr anschwellenden Strom der juedischen Auswanderer in geordnete Bahnen zu lenken und seine Heimatstadt Hamburg zum bedeutendsten Auswanderungshafen zu machen, indem er, ein 23-jaehriger, einen grundlegenden Geschaeftsvertrag abschloss. Er verband sich mit dem englischen Reeder Carr und verpflichtete sich dieser Reederei gegenueber, das Zwischendeck ihrer Frachtschiffe mit den Aermsten der Armen anzufuellen. Bald ergab sich die Notwendigkeit, das Ganze auf breiterer Basis zu organisieren. Jetzt wurde die “Hapag” auf Ballin aufmerksam und ernannte ihn 1884 zu einem ihrer Direktoren, der selbst in die Zentren der juedischen Auswanderung, nach Russland, Ungarn, Rumaenien reiste, um zu erreichen, dass sich der Strom der Fluechtenden nach Hamburg ergiesse. Er schuf Agenturen in allen Brennpunkten der Emigrationslaender, wo sich die Auswanderer bereits ihren festen Schiffsplatz sichern konnten. Ueberdies verbesserte Ballin Jahr um Jahr die Von CURT WILK Unterbringung und Verpflegung, die sogar rituell wurde, und er erkaempfte auch eine menschenwuerdige Unterkunft fuer den Aufenthalt in Hamburg - vor Abfahrt des Dampfers. Die “Hamburg-Amerika- Linie”, deren Generaldirektor er im Jahre 1899 geworden war, hatte nunmehr einen Loewenanteil an der juedischen Ueber seewanderung. Es waere falsch, zu behaupten, dass Albert Ballin, dessen juedische Interessen ganz oberflaechliche gewesen sind, tieferes Mitgefuehl fuer die Opfer der Progrome gehabt haette. Dazu fehlten ihm alle Voraussetzungen. Gewiss hat er sein Judentum niemals verleugnet und die Taufe entschieden abgelehnt, aber er empfand nicht als Sohn des juedischen Volkes irgendeine Verbundenheit mit den ungluecklichen Juden Osteuropas. In erster Linie galten seine rastlosen Bestrebungen dem deutschen Hermatlande und der internationalen Schiffahrt, zu deren allerbedeutendsten Unternehmungen die “HAPAG” gehoeren sollte. Dieses weitgesteckte Ziel hat er erreicht: Er setz te neuartige Ideen durch, wie z.B. die Organisierung von Welt-Vergnuegungsreisen, und sein Unternehmen, das im Augenblicke seines Eintrittes in das Direktorium 22 Dampfer mit 60.000 Tons zaehlte, stieg in etwa 25 Jahren auf das 200 fache mit rund 1.400.000 Tons. Die “HAPAG” wurde damit zur groessten Reederei mit den schnellsten und komfortabelsten Schiffen, welche die Weltmeere befuhren. Einer seiner Biographen, Huldermann, nennt ihn “den genialsten Anreger und schoepferischen Meister in der Geschichte der Schiffahrt”. Im Jahre 1901 war Ballin zum ersten Male zum deutschen Kaiser geladen worden, und seither verband Wilhelm II, mit dem juedischen Reeder eine wirkliche Freundschaft, zumindest fuer eine laengere Epoche- Ballin ist einer der ganz wenigen “Buergerlichen” gewesen, mit denen der Kaiser Konnex hatte, und es gelang ihm, das Interesse seines hohen Goenners besonders fuer sein Schiffahrtsunternehmen zu gewinnen. Wohl entgingen ihm nicht die herausforderden Kaiserreden, das Saebelgerassel Wilhelm II, doch fuehlte er sich geschmeichelt, mehrmals im Jahr Gast der Hoftafel zu sein oder Kaiser zu sich einladen zu duerfen. Beide Maenner standen auch durch Jahre im brieflichen Kontakt; ueber das Judentum seines Freundes sah der hohe Herr geflissentlich hinweg. Adererseits konnte Ballin auf Grund seiner engen Beziehungen zu Grossbritanien nicht entgehen, dass die Verstimmung in England wegen der starken deut sehen Aufruestung zur See zunahm, und es war zweifellos seinem Einflüsse zuzuschreiben, dass der Kaiser und sein Kanzler, Fuerst Buelow, im Jahre 1908 prinzipiell einer Flottenverstaendigung mit den Briten zugeneigt waren. Spae ter sind alle Bemuehungen durch die Quertreibereien der deutschen Militaerkreise durchkreuzt worden. Von jenem Augenblick an sah Ballin der Gefahr eines deutsch ■? englischen Krieges mit tiefster Besorgnis entgegen, und bei Kriegsausbruch im Jahre 1914 war er weit entfernt von der damals ueblichen billigen Hurrastimmung. Er ist weiterhin ein Mahner zur rechtzeitigen Verstaendigung gewesen und ein Warner vor der Unterschaetzung der Englaender und spaeterhin der Amerikaner; doch er predigte tauben Ohren. Die kaiserliche Gnadensonne wich von ihm im Verhaeltnis zur Laenge des Krieges, und erst, als dieser von der “Obersten Heeresleitung” als verloren angesehen werden musste, im August 1918, bat man Ballin nach Wilhelmshoehe bei Kassel zu fahren, um dem kaiserlichen Freunde einige bittere Wahrheiten zu unterbreiten. Doch dieses Gespraech blieb wirkungslos, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Deutschlands militaerischen Zusammenbruch, die wuerdelose Flucht des Kaisers nach Holland und den Verlust der deutschen Flotte mochte er nicht ueberleben. In der Nacht zum 9. November 1918 nahm er eine uebergrosse Dosis Veronal, die seinen Tod herbeifuehrte. Er war von dem Bewusstsein durchdrungen, ein Leben nicht weiterleben zu ISRAEL koennen dessen Rechnung— im letzten Sinne—■ nicht auf gegangen war. Albert Ballin ’s Einsatz fuer Deutschland und dessen Groesse ist deshalb ein vergebliches Opfertum gewesen. Am 100. Geburtstage dieses schoepferischen Menschen, dieses “Koeniglichen Kaufmann’s”, wie man ihn genannt hat, sei diese Erkenntnis festgehalten . wie es PATER SILVESTER sieht. Von Dr. Edith Goldschmidt Der Vortrag des Pater Silvester Stengel ueber Israel war meiner Ansicht nach, mit eines der erfreuendsten Ereignisse unseres Wizolebens. Mir kam die Idee, den Pater zu bitten, auch bei uns ueber seine Israelreise zu spre chen, als ich ihn in christlichen Kreisen mit einer niemals vorher bei Vortragenden empfundenen Begeisterung ueber unser Land berichten hoerte. Es war die Begeisterung eines Mannes, der im Lande der Bibel zu Hause ist, der die Geschichte Israels in seinen Tief- und Hoehepunkten miterlebt und mitgedacht hat. und der unser aktuelles Leben nicht nur mit der ganzen Tiefe seines menschlichen Verstehens, sondern es auch mit der ihm natuerlichen ,tiefen Religioesitaet verfolgt. Wer seinen Vortrag gehoert hat, wird das gefuehlt haben. Denn sein Werk bestand nicht in dem, was, sondern wie es gesagt wurde. Alle Tatsachen waren zum groessten Teil bekannt . Wir kennen unser Land durch eigenen Besuch oder muendliche und schriftliche Berichte anderer. Wir wollen es nicht nur durch unsere eigenen, von allzugrosser Liebe beeinflussten Augen sehen, sondern auch durch die Fernerstehenden und deshalb Objektiveren. Wie sieht nun Pater Silvester, der Wissenschaftler, der Mensch und der Geistliche unser Land? Es ist, so fuehrt er aus, in jeder Hinsicht das interessanteste Land der Welt. So wie man archaelogisch hier Schicht ueber Schicht die ganze Erdgeschichte vor sich sieht, so stellt sich uns in seiner gemischten Bevoelkerung, die sich hier zu einem homogenen Volksganzen zusammenschliesst, ein Schnittpunkt der Kulturen der Menschheit dar. Es ist heute wie in biblischer Zeit ein Land der Begegnung der Kulturen- Dasselbe Volk, das Volk der Bibel, lebt dort aufs Neue. Man spuert das Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart besonders in Jerusalem, die aelteste der heute bestehenden Staedte. Das Leben Leiden und Beten vergangener Jahrhunderte ist irgendwie in die alten Steine Jerusalems eingegangen und man spuert die Gegenwart dieses vergangenen Lebens auf Schritt und Tritt. Dieses sein geschichtliches Leben, das jedes Stueckchen Erde, jeden Stein durchpulst, macht die Begegnung mit Israel so erregend. Denn es ist immer wieder “dieses Volk”, “haam haseh”, wie Beeck es nennt. Und dann spricht Pater Silvester von dem, was “dieses Volk” aus Sumpf und Wueste gemacht hat. Er spricht von den Entwaesserungsanlagen und der Umwandlung des Emek in einen bluehenden Garten; von Aufforstungen und einer entstehenden, bedeutenden Industrie. Und er spricht - und alle unsere jahrhundertlang gedemuetigten Herzen schlugen hoeher-von dem neuen Volk, das in Israel entsteht. Rein aeusserlich sehen die Leute gar nicht juedisch aus. Es ist ein laendlicher Typ, gesund, gross, kraeftig, gebildet. Die Echtheit die Legitimitaet des Lebens schafft einen freien, selbstsicheren stolzen Menschen. Das Volk ist eine grosse Familie mit ausgeglichenem Lebensstandard. Es hat den Wert der Koerperlichen Arbeit entdeckt, und diese Entdekkung ist das Geheimnis des sozialen Erfolges, eines Erfolges, der einzig und allein das Werk der Kibbuzim ist. Pater Silvester vergleicht das Leben im Kibbuz mit dem Leben im Kloster: das Leben des Individuums ist dem der Gemeinschaft untergeordnet. Die Kibbuzim sind die eigentliche Kraft des Landes, eine Kraft, die Wuesten in bluehende Gaerten und Suempfe in schattenspendende Waelder verwandelt, eine Kraft, die aus einer Gebetssprache das lebendige Instrument eines um seine Existenz kaempfenden, arbeitenden leidenden und lebendigen Volkes macht. Das Phenomen Israel, so schliesst der Vortragende, ist ein geistiges Problem. Seine Zukunft haengt von seiner geistigen Entwicklung ab. Seine geistigen Kraefte sind durch seine Volkswerdung so in Anspruch genommen, dass fuer das Religioese noch keine Zeit da ist. Aber auch diese Zeit wird kommen, Mit dem Zitat aus dem Tnach “Von Jerusalem wird das Heil kommen” erschliesst uns Pater Silvester seinen ganzen Optimismus ueber die Zukunft eines Landes, das nicht nur unseres sondern im gestigen und religioesen Sinne auch das Seine ist.