Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIX (1957)
- Issue
- 5 (Mayo, 1957)
- Date
- 1957-05-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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12 B O LE TIN IK F O R M ATI V O Moro 1957 GENERAL MIT DOKTORHUT Von Iehude Gottheimer Zum Amts-Antritt Dr. Hans Speidels als Obetkommandierenden der NATO— Streitkraeite Mitunter tritt der tiefe Wandel, der sich in den letzten zehn Jahren auf der politischen Bühne vollzogen hat, in Einzelschicksalen mit aller Schärfe in Erscheinung. Wer hätte es am Ende des letzten Weltkrieges für möglich gehalten, dass ein deutscher General das Oberkommando über Streitkräfte übernehmen wird, zu denen französische, britische, belgische, niederländische, luxemburgische und deutsche Kontingente gehören? Alle Beteuerungen, dass die internationale Lage mit ihren schweren Spannungen zwischen den beiden Weltmächten Amerika und Russland auch die Ursache für die schnelle Rückgliederung und Wiederbewaffnung Westdeutschlands sei, reichen nicht aus, um diesen Sprung über Abgründe zu erklären, die im Jahre 1945 die Welt der Alliierten von den Trümmern des hitleristischen Reiches getrennt haben. Der General, der an die Stel le des zurückgetretenen französischen Oberkommandierenden der NATO-Streitkräfte getreten ist, dürfte vielen kein Unbekannter sein: es ist Dr. Hans Speidel, dessen Laufbahn zwischen Glanz und Abgrund, zwischen Tod und Leben damit in eine neue Phase eingetreten ist. Speidel, typischer deutscher Berufssoldat, begann seine Laufbahn mit 17 Jahren, diente im ersten Kriege, studierte dann in Tübingen und Berlin Geschichte und Volkswirtschaft, nach anderen Versionen Philosophie, wurde Generalstabsoffizier, Militärattache in Paris und schliesslich Chef der Abteilung Fremde Heere (West) im Oberkommando des deutschen Heeres. Speidel ist nicht der einzige General der deutschen Armee gewesen, der einen akademischen Titel trug. Immerhin wird ihm Schärfe des j^fcstandes und logisches Denkver mögen nachgerühmt. Juni 1940 begleitete Speidel' seinen Führer Adolf Hitler in Paris an das Grabmal Napoleons im Invalidendom, nachdem er seinen Anteil bei der kampflosen Uebergabe der französischen Hauptstadt geleistet hatte, wofür ihn Hitler zum Obersten beförderte. Speidel war dann weiter ein getreuer Diener seines Herrn, zog gen Osten, avanzierte sowohl in Russland wie auf der Leiter der militärischen Ehren und Ränge, bis auch er den Rückzug mit den geschlagenen deutschen Heeren aus dem Kaukasus antreten musste. Bevor er nach Russland abkommandiert wurc(e, sei Speidel nach der Deutschen Volkszeitung an den Geisel-Erschiessungen in Frank reich ebenso wie an anderen Repressalien gegen die Zivilbevölkerung beteiligt gewesen. Allerdings soll er klug genug gewesen sein, niemals seinen Namen unter die entsprechenden Befehle gesetzt zu haben. Er sei dadurch dem Schicksal entgangen, das seinen Bruder, den General der Flieger Wilhelm Speidel, erreicht hat, der wegen Kriegsverbrechen zu zwamzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde, inzwischen aber längst amnestiert worden ist. Speidels Weg führte aus Russland zu Rommel, dessen Generalstabschef er wurde, Nach dem Krieg veröffentlichte Dr. Speidel ein interessantes Buch über die Invasion, die er miterlebte. In diesem Buch ging Speidel, der nach dem Kriege Vorlesungen über Philosophie an der Universität Tübingen gehalten hat, auf die Frage der Beteiligung Rommels an der Wiederstandsbewegung ein, für die er selbst im engen Zusammenhang und Einvernehmen mit dem Generalfeldmarschall Rommel gearbeitet habe. Nach Speidels Darstellung ging von ihm die Initiative aus. Speidels Argumenten gelang es, den von ihm über den grünen Klee gelobten Rommel davon zu überzeugen, dass er, Rommel, dazu berufen sei, Hitler abzusetzen und das Reich vor dem endgültigen Sturz in das Chaos zu bewahren, nachdem die militärische Niederlage nicht abzuwenden sei. Speidels Gegner erklären heute, dass er die Kämpfer des Widerstandes schwer enttäuscht habe, weil er in der entscheidenden Stunde nicht diejenigen Schritte unternahm, die man von ihm erwarten musste. Damals hatte bereits der Generalfeldmarsohall von Kluge das Oberkommando übernommen, der zu denen gehörte, die Hitler gegenüber sehr skeptisch eingestellt waren. Die Gegner Speidels meinen, es hätte “nur eines Wortes von Speidel bedurft, um den schwankenden Marschall von Kluge zur befreienden Tat zu bringen.” — Wie weit diese Vorwürfe zutreffen, sei dahingestellt, denn hierüber dürften sich letztlich nur diejenigen ein Urteil bilden können, die damals im Trubel dieser Ereignisse standen und an jeden Verhandlungen und endlosen Diskussionen teilgenommen haben. Die Debatten der Widerstandskämpfer aus den militärischen Kreisen zeigen, wenn man sich jetzt mit ihnen beschäftigt, ein trostloses Bild der Unentschlossenheit, das mit dem üblichen Bild nicht in Einklang gebracht werden kann, das die Welt von den deutschen Generalstäblern hat. Ob man den Anhängern oder den Gegnern des deutschen Widerstandes Glauben schenken will, immer begegnet man der gleichen Einstellung, weitester militärischer Kreise gegen die Politik und Art der Kriegführung durch Hitler, aber nirgends wird davon gesprochen, dass einer der Orden beladenen Paladine des Obersten Kriegsherrn den Mut gehabt hätte, mit der erforderlichen Klarheit dem Gefreiten des 1. Weltkrieges entgegenzutreten. Sicher ist, dass es nur gezählte höhere Offiziere gewesen sind, die wirklich entschiedene Feinde des Führers und seines Mordsystems waren. Die meisten waren Mitläufer, die sich willig befördern liessen und in der Sonne Hitlers standen, solange dieser siegreich war. Es dürfte keine müssige Frage sein, sich einmal über die Haltung Speidels im Rahinen der deutschen Widerstandsbewegung zu informieren, nachdem dieser General-Philosoph auf einen so hohen internationalen Posten berufen worden ist, der für das Schicksal Europas oder der ganzen Menschheit von höchster Bedeutung HANS SPEIDEL General mit Doktorhut (Foto "TIME") m&Sr. itiSi mm sein kann, wenn es zu einem internationalen Konflikt kommen sollte. Bei dem Versuch der Orientierung stösst man deswegen auf erhebliche Schwierigkeiten, weil in der Literatur des Widerstandes, die sehr umfangreich ist, über Speidel sehr wenig gesagt wird. In den Schilderungen der sozusagen klassischen Vertreter des Widerstandes findet sich kein Wort über Speidel, der immerhin bereits damals eine Schlüsselstellung eingenommen hat und für die siegreiche Abwicklung des Widerstandes nicht ohne Bedeutung gewesen sein dürfte. Die Tatsache, dass Speidel nicht erwaehnt wird, dürfte allein noch nicht zu dem Schluss berechtigen, dass er eben nicht zu dem Kreis der ernsten Widersacher Hitlers gerechnet werden darf. Man ist im wesentlichen darauf angewiesen, was Speidel selbst zu diesem Thema erklärt. Und Dr. Speidel hat mit vielen Worten wenig gesagt. Der Schlüssel zum Verständnis seiner eigenen damaligen Situation liegt nicht bei ihm, sondern bei Rommel, den er offensichtlich ausserordentlich verehrte. Auch Rommels Tod ist nicht in allen Phasen geklärt. Sicher ist, dass er sich umbringen musste, da er seinem Führer zu unbequem gewerden war. Ob Rommel ernstlich danach getrachtet hat, an die Stelle Hitlers zu treten, ist nicht erwiesen. Die bekannten Tatsachen sprechen gegen eine solche Vermutung. Dafür, dass Rommel mit den Widerstandskämpfern des 20. Juli Verbindung gehabt hat, liegen keine Beweise vor. Er gehörte weder zur Führung des Widerstandes noch zu den Eingeweihten. Wahrscheinlich wurde er davon unterrichtet, dass eine Bewegung gegen Hitler im Gange sei, um dem verlorenen Krieg ein Ende zu bereiten. Dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte, war auch Rommels Ueberzeugung. Wie weit er aber daran Interesse zeigte, Hitler durch ein Attentat zu beseitigen, ist nirgends belegt. Rommel wurde auf Befehl Hitlers ermordet. Hierüber gibt es eine ausführliche Darstellung in dem Buch des von Rommel in der afrikanischen Wüste gefangenen englischen Generals Desmond Young, der offensichtlich in Ermangelung eines besseren Objekts und Themas zu einem kindlichen Anbeter und Verehrer Rommels wurde. Young berichtet viel über Rommel uhd Speidel. Alle diese Informationen aber, die er gibt, hat er ausschliesslich von Speidel, wie er selbst mitteilt. Irgendwelche klarere Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Rommel und dem Widerstand gegen Hitler sind nicht vorhanden. Speidel war bei seinen Angaben allerorts äusserst vorsichtig. Jedes Wort wurde abgewogen. Young rühmt den Scharfsinn dieses Generals mit dem Doktorhut, der sein Examen mit summa cum laude, immerhin der höchsten Auszeichnung gemacht hat, die eine Universität vergeben kann. Speidel sagt nirgends ein Wort zu viel. Wenn man will, ist die Betonung des Widerstandswillens bei Rommel eine Interpretation derjenigen, die Speidels Berichte niederschrieben. Selbstverständlich ist er, Speidel, nicht verantwortlich für das, was ein General Young aus seinen Erzählungen gemacht hat. Die Schilderungen der eigenen Verhaftung Speidels nach diesen Ereignissen, seine Vernehmung durch die Gestapo, seine Haft in einem Lager oder Gefängnis, aus dem er entweicht, all das klingt in der etwas unbeholfenen Erzählung des Engländers Young abenteuerlich und heroisch. Wer aber nur ein wenig die wirkli- Wir verausgabten im vorigen Monat fuer Barunterstuetzungen, Barzahlungen, Arzt, - Arznei - und Krankenhauskosten, Schul - und Berufsausbildungsbeihilfen, sowie fuer die Unterhaltung unseres Altersheims, ausschliesslich der laufenden Buerounkosten $ 1.527.290. Santiago, 15. April 1957. CISROCO Comité Israelita de Socorros. chen Verhältnisse kannte, die damals in Deutschland herrschten, wer weiss, wie Gestapo und Volksgerichtshof unter der deutschen Generalität gewütet haben, der wird eher zu der Ueberzeugung neigen, dass es mit dem Speidelschen Widerstand gegen Hitler nicht so weit hergewesen sein kann. Denn wäre auch nur die Spur eines Verdachtes auf Speidel gefallen, man hätte ihm den Prozess gemacht und erhängt. Dass er so viel intelligenter als andere gewesen ist und sich deswegen retten konnte, wie er selbst durch den Mund Youngs berichtet, ist nicht glaubwürdig. Dass er von der Gestapo aus der Schlinge gelassen wurde, dürfte eher ein Indiz dafür sein, dass er tatsächlich nichts mit dieser Sache zu tun gehabt hat. Diese Vorgänge wurden nicht zur Darstellung gebracht, um mit einem deutschen Philosophen-General zu rechten. Hierzu haben wir keine Veranlassung. Es soll uns selbst nur jener ungeheure Wandel zum Bewusstsein gebracht werden, in dem sich unsere eigene Welt befindet. Die Schnelligkeit dieses evolutionären Prozesses ist an der Tatsache feststellbar, dass ein Mann wie Speidel heute Oberbefehlshaber französischer Kontingente ist. Das ist heute! Was wird uns der Morgen bringen? HAUSSAMMLUNG Die naechsfe monatliche Haussammlung zu Gunsten des “Hilfswerks fuer die Judennot in der Welt” findet am Sonntag, den 26. Mai statt. ADRESSEN AENDERUNGEN Wir bitten unsere Gemeindemitglieder bei Wohnungswechsel ihre neue Anschrift unserem Sekretariat mitzuteilen, damit die puenktliche Zustellung des Gemeindeblattes gewaehrleistet ist. ANZEIGENSCHLUSS Wir verausgabten im vorigen Monat fuer Kinderfuersorge und Betreuung alter und kranker Frauen und Maedchen, ausschliesslich derlaufenden Buerounkosten $ 125.310. Santiago, 15. April 1957. Liga de Damas Israelltas “Caridad”.