Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1951)
- Date
- 1951-12-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8554211-9192736--0810-8554436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Diciembre, 1951 BOLETIN INFORMATIVO 13 C. Z. KLOETZEL Au» Jerusalem erreicht uns die traurige Nachricht vom Ableben des bekannten Journalisten C. Z. Kloet/.el. Als Vorkaempfer des Zionismus in Deutschland zu einer Zeit, als der Zionismus absolut noch nicht “hoffaehig” war, als Mitarbeiter der unvergesslichen ‘■luetischen Rundschau” erst und nach seiner Ali ah, der “Palestine-Post” (heute "Jerusalem-Post”), des ‘‘M. B.” und des “Aufbau”, Immer hat Kloetzel es verstanden, durch seine originelle, geistreiche, oft humorvolle Art sich Gehoer zu verschaffen. Da wir uns leider im "B. I.” seit langem das Vergnuegen versagt hatten, Produkte von Kloetzels Feder abzudrucken, so wollen wir ihn heute noch, wenn auch post mortem, unseren Lesern vorstellen. Wir haben dazu «Inen Nachruf fuer Joseph Roth ausgewaehlt, sowohl weil dieser allem Anschein nach eine seiner letzten Arbeiten darstellt. wie auch am der ahnungs,ollen Stimmung wegen, die ihn schliessen iaesst: “Ich moechte an das Jenseits glauben koennen, nur um hoffen zu duerfen, Joseph Roth einmal wiederzusehen, “ln jener Abteilung des Paradieses, die fuer Dichter reserviert Ist” ...” Moegen diese Spalten Beiden zur Ehrung dienen. ERINNERUNGEN Die Stadt Skutari in Albanien spielt in meinem Leben eine Ralle, die ich nie vergessen werde: dort habe ich Joseph Rsth kennen gelernt. Es war 1924 oder 1925; Albanien hatte grade mit Italien jenen "Buendnisvertrag” abgeschlossen, der sich im Laufe der Zeit folgenrichtig zur Annexion des kleineren Landes durch das groessere entwickelte, und Yugoslavien drohte mit einem Praeventiv. krieg. Da sonst In der Welt grade nichts los war, schickten die grossen Zeitungen ihre Berichterstatter nach Tirana. So kam es, dass ich. der ich damals fuer das “Berliner Tageblatt” reiste, in Albanien Joseph Roth traf, der fuer die “Frankfurter Zeitung” schrieb. Wir fuhren zusammen von Skutari nach Tirana. Ich war erst vor ein paar Tagen in Al banien eingetroffen, wusste aber, dass Roth schon seit Wochen auf dem Balkan herumfuhr. “Wieviel Artikel haben Sie schon geschrieben. Roth?” —“Keinen!”— “Aber Sie sind doch schon wochenlang unterwegs?” —“Ja.”— “Und was sagen Ihre Leser dazu?” Roth setzte jenes ueberaus hochmuetlge Gesicht auf, das er machte, wenn er jemanden gruendlich verkohlen wollte, und sagte: “Merken Sie sich. Kloetzel: bei der “Frankfurter Zeitung” schreibt man nicht fuer den Leser, sondern fuer die Nachwelt!” Ich schwieg hochachtungsvoll; nach ein paar Stunden Bekanntschaft kannte ich ihn noch nicht gut genug, um zu wissen, wie das gemeint war. Wir kamen nach Tirana und gingen zusammen auf die Post, wo unsere Briefe lagerten. Auf Roth’s Stapel lag zu oberst ein Telegramm. Er riss es auf, wurde beim Lesensehr erregt, zerknuellte es und warf es zu Boden. “Mahnt die Nachwelt?” frart“ ich nicht ohne etwas Bosheit. Roth hob das Papier auf. glaettete es und reichte es mir. Es war in der Tat ein Teleeramm der Redaktion, die Roth’s Schweigen “unver. staendlich” fand. “Diese Dummkoepfe!” rief er”. Ich bin doch kein Reporter! Aber Sie werden seh’n, ich werde mich an ihnen rae. chen”. In der Tat: ich sah. wie er sich “raechte”. Er setzte sich in das kleine Gaertchen vor der Herberge, in der er sich einciuartiert hatte und mit deren Wirt er sich auf raetselhafte Weise verstaendigte. Es war nachmittags gegen vier Uhr, als Roth zu schreiben und Raki zu trinken begann. Er schrieb mit einer, winzig kleinen, aber gestochen scharfen Schrift auf JOSEPH ROTH Von C. Z. KLOETZEL Blaettern eines besonders guten Papisres, das er zu einem ungewcehnlichen Format schneiden liess. Bei Sonnenaufgang hoerte er auf zu trinken und zu schreiben. Sein Wirt betrachtete ihn, der aufrecht und ohne zu schwanken in sein Zimmer und zu Bett ging, mit fast abergläubischer Verehrung; er hatte waehrend der Nacht einen riesigen Krug Raki aus. getrunken. Ich las mit gleicher Verehrung die drei wun. dervoll geschliffenen Feuilletons. die er auf einem Sitz geschrieben hatte, um sich an seiner Zeitung zu “raechen”. Dann brachte ich sie fuer ihn zur Post. ...Spaet in der Nacht dieses Tages kam sein Wirt zu mir ins Hotel, zerrte mich aus dem Bett und machte mir begreiflich, ich muesse sofort mit ihm kommen. Roth hatt Fieber, einen Malaria.Anfall. Ich gab ihm Chinin und pflegte ihn, so gut es ging, waehrend der Wirt die ganze Nacht auf den Knieen lag und fuer diesen Fremden, der erst ein paar Tage unter seinem Dache wohnte, betete. Am naechsten Morgen zog ich unter dasselbe Dach. So begann meine Freundschaft mit Joseph Roth... In den vielen, zum Teil aus. sergewoehnlich schoenen Nachrufen, die bei seinem Tode veroeffentlicht wurden, wurden seine sehr starken Beziehungen zum Judentum kaum gestreift. Als ich seinen Tod in Gegenwart eines unserer bedeutendsten hebraei. schen Schriftsteller erwaehnte, reagierte dieser mit der Frage: “Nicht war, Roth war doch ein Meschummect?” Es Ist eine traurige Zelt, in der selbst hochstehende Menschen nicht mehr spueren. wie sinnlos derartige Fragen einer einmaligen Erscheinung wie Joseph Roth gegenueber sind. Er war der Sohn einer luedischen Mutter und eines nichtjuedischen Vaters, geboren in einem deutschen Schwabendorf in unmittplba. rer Naehe des juedischen Brody, als Christ aufgewachsen in einer fast rein juedischen Umgebung. In seiner aeusseren Erscheinung wie in seinem Auftreten war nicht ein einziger juedischer Zug — in seiner aristokratischen Zierlichkeit, in der Leisheit seines Benehmens, in dem bezau. bernden Takt seiner Herzens, hoeflichkelt glich er am meisten dem spaetsn Nachkoemmling eines alten, in die letzte kulturelle Vollendung gezuechteten oesterreichi. sehen Adelsgeschlechts. Ohne diese tiefe Wahlverwandschaf c zwischen ihm und dem Besten des alten Oesterreich haette er diesem nicht im “Radetzky Marsch” den Sehwanengesang singen koennen. Aber die g'eiche Tiefe der inneren Beziehungen ver. knuepfte ihn mit dem Judentum. Er selbst empfand sich als Jude. Er hat mich mehr als einmal gefragt, um sich dessen zu versichern, dass nach juedischem Recht Jude ist wer, wie er salbst, eine juedische Mutter hat. Aber noch sein Christ; nt um empfand er als den hoechsteu Ausdruck seines Judentums, er glaubte in tiefster Ueberzeugung daran, dass durch den Juden Christus das Heil in die Welt gekommen sei. Es gibt nicht ein einziges Buch Roths, das nicht entweder ein juedisches Schicksal zum Hauptthema hat, — wie “Hiob”, “Rechts und Links”, oder in dem nicht Juden als Haupt, und Nebenfiguren auf tauchen, wie jener juedische Fuhrmann in der “Kapuzinergruft”. Selbst zu einer Zeit, zu der schwere persoen. liche Schieksalsschlaege dir religioese Anlage in ihm noch nicht zu katholischer Glaeubigkeit entwickelt hatte, war ihm ein grosser Respekt eigen und eine fast zarte Zuneigung fuer die erdgebundene Froem. migkeit der juedischen Fuhr, leute, Haendler und Halbbauern Galiziens, die er aus seiner Jugend so gut kannte, und die kaum ein anderer Schriftsteller mit solch einfuehlender Praezision geschil. dert hat, wie er. Fuer jenen anderen Pol des europaeischen Judentums, das hochassimilierte Grossstadtjudentum, das kein heeheres Ziel kannte, als um jeden Preis “modern” zu sein, hatte er nichts als tiefe Verachtung. Ich ging einmal mit ihm auf dem Kurfuerstendamm spazieren, und wir ka. men an einem soeben eroeffneten juedischen Geschaeft vorbei, dessen hypermoderne Fassade aus blitzenden Me. tallflaechen bestand. Roth blieb stehen und sagte: “Das wird Gott sei Dank bald rosten”. — “Nein”, sagte ich, “das wird nicht rosten, das ist verchromt”. Roth hatte das Wort noch nie gehoert. “Verchromt? Aber das hoert sich ja an, wie ein juedischer Fluch!” Und, indem er seine Faust gegen die aufdringliche Fassade schuettelte, rief er laut, zum grossen Erstaunen der Spaziergaenger: “Verchromt sollt Ihr werden!” Seitdem wir beide im Jahre 1933 etwa um die gleiche Zeit Deutschland verlassen hatten, hatte ich ihn nicht wiedergesehen, bis ich im Dezember 1938 auf der Durchreise nach Paris kam. Er wohnte in einem winzigen Hotel in der Rue Tournon, gegenueber dem Senat, und wenn er einst von einem anderen Hotel geschrieben hatte, “er liebe es, wie ein Vaterland”, so sass er in dem kleinen “Cafe de la Poste” im Erdgeschoss seines letzten Hotels wie auf einer rettenden, aeussersten Thule. Ich sah ihn schon durch die Fenster. FILM ÜBER DEN K.K.K. Das Teatro Rex bringt diese Woche den Film “ACUSA- RIA USTED?” Dieser Film ist insofern bemerkenswert als er das erste Mal das Wirken des KU KLUX KLAN darstellt, dieser amerikanischen Geheimbruederschaft, die be. sonders im Sueden des Landes gegen Neger, Juden und Katholiken zu Felde zieht und in den kleinen Orten eine absolute Terrorherrschaft aufrichtet. Uns muss ein solcher Film, der die Auswuechse einer Vereinigung darstellt,, die RASSEN.Vorurteile hat,; besonders interessieren. Der Film ist im Grossen ] und Ganzen gut, sehr aufregend, mit ausgezeichneten, Schauspielern und nur gegen Schluss etwas leicht ins Kitschig — Melodramatische ab-! steigend. Das mindert aber ' nicht die Gasamtwirkung, die j von dem Film ausgeht. Man kann nun leicht sagen, “Na ja, die Amerikaner, i Wenn es sowas sogar in Ame. | rika gibt, dann wundert es mich garnicht, dass...” und dann kommen die jeweils im 1 eigenen Lande herrschenden I Zustaende dran. Die Ameri-! kaner sind schliesslich auch nur Menschen und - keine l menschgewordenen Engel und haben die gleichen V,rzu ge' und Fehler wie wir alle. Und, sie haben sogar einen ganzen > Haufen Fehler, wie z. B. re-1 stricted Hotels, restricted. Wohngegenden, KU KLUX KLAN und Knights of Columbia und wie die Dinger al-, le heissen. Aber sie haben auch die Brotherhoods, in de. nen Juden und Christen ge-1 meinsam gegen Rassenvorur. I teile kaempfen und denen so gegensaetzliche Persoenlich. keiten wie etwa Truman und Frank Sinatra angehoeren. Sie haben Filmstudios, die es wagen. Filme gegen Antisemitismus, gegen Lynchjustiz, gegen Terror herauszubringen und sie haben Publikum, das sich diese Filme ansieht. Sie haben eine grosse und freie Presse. Wir Juden wissen was Terror, Unterdruekkung der Pressefreiheit, Knebelung der persoenlichen Freiheit und Diskrimination bedeutet. Und wir Juden haben die Pflicht, als Hueter der verschiedenen Freiheiten aufzutreten, die ueoerhaupt erst das Leben der Voelker unter und nebeneinander ermoegli. chen, dieser Freiheiten, die von den United Nations und vor allen von den Praesidenten der Vereinigten Staaten Roosevelt und seinem Nachfolger Truman immer wieder betont und gefordert und doch nur in einer verschwindend kleinen Anzahl von Laendern gewaehrt werd n. Dieser Film hat etwas gemeinsam mit dem kuerzlich aufgefuehrten Stuecke Priestleys “Der Inspektor”. Die Ver. antwortung eines jeden einzelnen fuer alle anderen. Jeder von uns muss schreien, jeder von uns muss anklagen, jeder von uns hat nicht nur das Recnt, sondern die verdammte Pflicht, in einem jeden Falle, in denen eine der 5 Freiheiten bedroht ist, einzuschreiten, anzuklagen und aufzubegehren durch Wort, durch Schrift, durch Taten und mit allen seinen Mitteln, nicht nur geistigen und koerperlichen, sondern vor allem auch finanziellen, dort zu helfen, wo der Kampf gegen Terror, Klassen und Rassenhass, Unterdrueckung der Glaubens, Rede und Versammlungsfreiheit gefoerdert wird. Und jeder sollte sich diesen Film an sehen und sich dann fragen: Was habe ich in den letzten Jahren nach dem Kriege dazu beigetragen, dass die PSfet der Diktaturen, des Terrors und der Unterdrueckung ausgerottet wird? Es gibt in jedem Land der Erde, auch in Chile, Moeglichkeiten, sein Scherf.'ein dazu beizutragen. A. R. scheibe am Tisch sitzen und erschrak ueber die Veraende, rung, die die Zeit und der Alkohol — aber sicher mehr jene als dieser — in seinen Zue. gen angerichtet hatte. Als ich durch die Tuer trat, blickte er auf: “Servus, Kloetzel, das ist lieb, dass Du zu mir kommst!” Fuenf Jahre, in denen wir uns wed.r gesehen noch geschrieben hatten, waren wie weggewischt. Es lebt in Jerusalem ein sehr guter Freund von ihm, und wir hatten oft davon ge. sprochen, dass man Roth unbedingt einmal nach Palaestina bringen muesse, und allerlei Plaene dafuer gemacht. An diesem Abend unseres letzten Wiedersehens lud ich ihn kurzerhand ein, zu mir nach Jerusalem zu kommen. “Nein”, sagte er, “jetzt kann ich nicht zu Euch kommen. Ich weiss, dass ich viel drueben kritisieren muesste, und ich will jetzt an Juden keine Kritik ueben. Sie haben es ohnehin schwer genug”. Nachdem die anderen Besu. eher gegangen waren, sassen Roth, Walther Mehring und ich noch eine Stunde zusam. men. Die Rede kam auf Deutschland, den Nationalso. zialismus, Hitler. Fuer Roth war Hitler der Antichrist, ei. ne Art Gottesgeissei. “Was heute in Deustchland geschieht”, sagte Mehring, “ist eine Revolte gegen die Zehn Gebote. Da die Zehn Gebote von den Juden erfunden worden sind, moechten die Nazis sie gerne abschaffen”. “Ja”, sagte Roth, “und weil man sie nicht abschaffen kann, raechen die Nazis sich so furchtbar an den Juden. Denn solange die Zehn Gebo. te nicht aus dem Gedaechtnis der Menschheit ausgetilgt sind, kann nicht einmal ein Nazi eine Bestie sein, ohne wenigstens ein schlechtes Ge. wissen dabei zu haben”. In einer Sammlung kleinerer Arbeiten Roth’s steht ein Feuilleton: “Auf das Antlitz eines alten Dichters”. Ter alte Dichter starb an dem Tage, da der Aufsatz veroeffentlicht wurde, und Roth fuegte diesem einen kurzen Nekrolog hinzu. Er schliesst mit den Worten: “Nun bedarft es... meiner Wuensche nicht mehr. Echte Veilchen werden aus seinem toten Gebein spriessen — und in jener Abteilung des Paradieses” die fuer Dichter reser. viert ist, hat er ein ewiges Leben. Sein wunderbares irdisches Antlitz hat er abgelegt und uns zum Andenken hinterlassen. Ehre seiner schoenen Erbschaft". Ich moechte an das Jenseits glauben koennen, nur um hoffen zu duerfen, Joseph Roth einmal wiederzusehen, “in jener Abteilung des Para, dieses, die fuer Dichter reserviert ist...”. (“M. B”)