Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1951)
- Date
- 1951-11-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Noviembres 1951 f BOLETIN INFORMATIVO 11 DR. NAHUM GOLDMANNS BESUCH IN SANTIAGO (VON SEITE 6) In der Gemeinde: Galuth und Israel Ist es schon schwer, in kurzen Worten die Quintessenz eines solch gross angelegten politischen Vortrags wiederzu. geben, so ist es gewiss fast unmoeglich, auch nur eine, blasse Idee von den Gedan-| kenfluegen des philosophi-! sehen Referats zu geben, zui dem Dr. Goldmann das Thema “Galuth und Israel” ge-, staltete; es sei denn, man verfuege ueber den komplet-! ten Text, was aufgrund des Verzichts des Redners auf jegliche praekonzipierte Version leider nicht der Fall ist. Trotzdem soll zum mindesten oberflaechlich gestreift werden, was er buchstaeblich erschoepfend behandelte: Dass die juedische Situation heute “komplizierter” sei als vor der Gruendung des, Staates Israel, worin er denj Preis sieht, den die Geschichte fuer diese ungeheure Errungenschaft fordert. Dass die Frage, ob auch Amerika Galuth sei, in den Vereinigten Staaten aufs heftigste die Gemueter errege und erst Jetzt eine ebenso empoerte wie empoerende Stellungnah. me der Notabein des “American Jewish Committee” zur Folge gehabt haette. Dahinter stehe das Gespenst deri “doppelten Loyalitaet”, Ausgeburt juedischer Minder-! Wertigkeitsvorstellungen, die kein normaler Nichtjude ueberhaupt verstehen koenne Je entwickelter eine Zivilisation und das Leben sei, desto mehr Loyalitaeten berge es in seinem Schosse, Loyalitaeten zu Familie, Rasse, Klasse, Re. ligion, auf die niemand vom vornherein verzichte, weil sie' die Moeglichkelt eines etwaigen Konfliktes bergen. Eine einzige und exklusive Loyali-I taet zu fordern, habe nur die j totalitaere Barbarei fertig gebracht. Was ist heute ein Zio-I nist?, fragte er sodann. . Es! haenge nicht von der Hoehel des Schecks ab, den man fuer [ Israel alljaehrlich ausschrei-' be, sondern von dem Gefuehll der Mitverantwortlichkeit, von der Definition; nicht zu sagen: “ich gebe dir”, sondern! “ich helfe mir”. Israel mues-! se da sein fuer die Alijah al-i ler, die sie aus objektiven oder' aus subjektiven Notwendig-- keiten antreten. Er nahm gegen jeden engen Nationalis-| mus Stellung und gab zu, dass. auch wir Zionisten von einer Welt traeumen, in der Natio-! nalstaaten ein barbarischer | Anachronismus sind.nur brauj chen wir unseren National-' Staat, solange dieser die ein-1 zige Organisationsform aller | Voelker sei, ebenso wie ihn1 eben die anderen Voeiker I brauchen. Nicht ein enger Na- ] tionalismus habe uns zur I Gruendung eines juedischen | Staates gefuehrt, denn wir! verabscheuen die Vergoettej rung der Staatsidee, sondern —wie es von Hess bis Buber I die Konzeption aller grossen i zionistischen Denker war und I ist— um unseren geschichtli.1 chen Idealen eine kongeniale I Existenzform zu schaffen,um! den Nicht juden, wenn sie nach dem Wesen des Judentums fragen, nicht zu antworten, sie moegen Spinoza lesen oder Heines Lieder singen, sondern um sagen zu koennen: “Geht nach Israel und seht, wje Juden leben”. Um einem solchen geschichtlichen Ideal zu entsprechen, brauche Israel die Galuth, die Unterstuetzung des juedischen Volkes, das ein Weltvolk sei und durch seine Zerstreuung weit mehr Gravitation habe, als dies die reinen Ziffern aufzeigen. Andernfalls waere Israel dazu verurteilt, ein kleiner unbedeutender Staat zu werden, abhaengig zum Ueberfluss von den Wellen des arabischen Ozeans, in dessen Mitte es liegt. Aber ebenso brauche die Galuth Israel, das einzige juedische Zentrum, in dem juedisches Leben Zukunft habe, auch wenn man von der uebrigen juedischen Welt abstrahiere. Die Galuth sei zu Tode geschwaecht, nicht nur weil Hitler 6 Millionen Juden ermordet habe, sondern weil er die 6 Millionen dort ermordet habe, wo das Zentrum des juedischen Lebens lag. Israel koenne juedisch leben auch ohne die Galuth, die Galuth jedoch ohne Israel sei in zwei bis drei Generationen zur Aufloesung verurteilt, denn z. B. einer Jeschiwa am Broadway fehle das Wesentliche: die Umgebung des juedischen “Staedtel”. Ohne deshalb auch auf das erhoehte Ansehen, hinzuweisen, das die Juden der Galuth dank der Leistungen des Jischuw gemessen, denn die Siege der Hagana wiegen in den Waagen der Umwelt schwerer als die Buecher Spinozas, brauche die Galuth Israel als volkserhaltenden Faktor. Auch auf die Gefahr, dass die Schaffung des Staates zwei juedische Welten erstehen lasse, die sich auseinanderentwickeln, kam er im Zusammenhang mit einem Hinweis auf Diskussionen mit Klatzkin zu sprechen, der dieses Problem bereits vor 25 Jahren behandelt hatte. Heute wie damals begruendete er sein Vertrauen in die Ueberwindung dieser Gefahr, die sogar absolut der “natuerlichen” Entwicklung entspreche, im Hinblick auf die einmalige geschichtliche Leistung des juedischen Volkes, durch zwei Jahrtausende hindurch den seelischen Kontakt mit der verlorenen Heimat aufrechtzuerhalten und sie, der “natuerlichen” Entwicklung zum Trotz, wiederzuerobern und in die Gewissheit, dass ein solches Volk auch diese Gefahr der Entzweiung vermeiden werde. Das zerstoerte Gleichgewicht i Gewiss ist diese Wiedergabe einiger der wichtigsten Gedanken des Vortrags kaum mehr als eine Anregung fuer alle diejenigen, die den nie wieder gutzumachenden Fehler begingen, ihm nicht persoenlich beizuwohnen. Fuer alle diejenigen aber, die das Glueck hatten, ihn zu gemessen, kann sie aber noch nicht einmal als Leitfaden dienen. Und das aus einem einfachen Grunde: weder dieses Referat noch das des Vorabends noch keine der Reden, die Dr. Nahum Goldmann waehrend seines allzu kurzen Besuchs in Chile hielt, hatte rein belehrende Absichten. Er schickte es selbst voraus am Abend der Proklamation der “Acción Unida”: “Ich bin gekommen, um Eure seelische und geistige Ruhe zu stoeren”. In welch grossem Masse ihm das gelungen ist, laesst i sich nicht wiedergeben, wie man die Gé danken eines eingHAUSSAMMLUNG: 18. November stuendigen Vortrags wiedergibt: mehr als die Gedanken den Verstand, erfasste er die Menschen; mehr als eine Stunde, wirkt er noch heute und morgen, mehr als die Dinge vorgetragen, hat er sie eingebrannt. Jeder Mensch fusst auf einem gewissen mehr oder weniger stabilen Gleichgewicht zwischen den kollektiven Forderungen dieses Massen- und Gruppenjahrhunderts und der egoistischen Erbmasse, deren biologische Wurzeln tief in die Vergangenheit reichen. Nahum Goldmann personifizierte unter uns die kollektive Forderung, sein tiefer Ernst weckte nicht etwa die Gewissen, sondern liess ihn zum Gewissen werden — wir identifizierten ihn damit — und so gelang es ihm, nicht etwa von aussen, sondern von innen, aus der Seele jedes einzelnen heraus, der miterlebte, diese geistige Ruhe zu stoeren, zu erschuettern, zu zerstoeren. WIR SCHLAGEN UNS AN DIE BRUST! Nun sind die Hohen Feiertage vorueber, — wir haben gefastet, — wir haben uns an die Brust geschlagen, — wir haben uns ausgesoehnt. — Wir haben die ewigen Worte gesprochen, waehrend wir uns an die Brust schlugen, — die Worte und Geluebde, die man dazu spricht, sind uralt und heilig. Sie sind nicht nur heilig, sondern auch sehr mystisch und allgemein gehalten. Sie sind symbolisch. Ebenso symbolisch ist das Schlagen an die Brust. Jeder hat da seinen eigenen Ritus, von fruehster Jugend an. Wahrscheinlich hat er gesehen, wie der Vater es macht, und als er groesser wurde und nicht mehr auf der Kinderbank sass, sondern neben dem Vater sitzen und stehen durfte, hat er genau zugesehen, wie der Altees macht. Kein Wunder, dass er es genau so machte. Es gibt da verschiedene Abstufungen. Manche beruehren ihre linke Brust in der Herzgegend nur ganz leicht, es ist ein sanftes Klopfen gegen das Herz. — Es M")t welche, die schlagen erter. Ich persoenlich liebe es, meine Faust hart gegen mein Herz schlagen zu fuehlen. — denn mein Herz erwidert den Schlag,— es schlaegt schnell und laut zurueck. Es ist unnoetig, hier die mystischen Formeln zu wiederholen, mit denen wir das Klopfen begleiten. Wir kennen sie von Kindheit an, wir sind mit ihnen gross und alt geworden. Aber, — darf ich heute fragen, — was steckt hinter den Formeln? Wie heis. sen die mystisch-gleichartigen Wortbilder, wenn man sie in unser Leben, in den Tag, in das Heute uebersetzt? Die Luegen meines Mundes, — die schlechten Blicke, — die ungerechten Taten, — der Mangel an Wahrhaftigkeit. — der Mangel an Glaeubigkeit, — was bedeutet es den Herren X., Y. und Z., wenn sie, nach vollendetem Fasten und nach angenehmen Anbeissen, —- kurz, nach Hering, Bruehe, Huhn und Apfelmus, einen guten Schluck Wein nicht zu vergessen, — sich zu Bette legen mit dem Gefuehle, sie haetten sich mit sich und ih. rem Gotte ausgesoehnt...? Ist es zu viel von Ihnen verlangt, wenn ich Sie bitte, mich auf dem Wege zu begleiten, der vom ¡Lichfcerschein und Daemmerglanz der Syna goge in die scharfe Helligkeit | des Tages fuehrt? Der Tallis und der Mantel sind ausgezogen, — darunter kommt der gutsitzende Sakko wieder zum Vorschein. Was tut der Sakko, respektive der Mann, der in dem Sakko steckt, um das zu verwirklichen, wovon er so innig fluesterte, waehrend er sich an die Brust schlug...? “...Was ist los...? Was wollen Sie? Zulage...? Hoeren Sie mal! Ich glaube, Sie sind nicht gescheit...? Wissen Sie nicht, wie miserabel die Geschaeftslage ist? Ich verdiene ja knapp die Unkosten! Ich entlasse mein Personal nicht, aus reiner Menschenfreundlichkeit! Was? Sie koennen von 800 Pesos die Ue H.StKlOj! Woche nicht leben...? Well Sie nicht verstehen, das Geld einzuteilen! Ich verbrauche ja nicht so viel! Nein, mein Kind, das schlagen Sie sich mal aus dem Sinn! Seien Sie froh, dass Sie eine gute Stellung haben! in 3-4 Monaten koennen wir mal wieder drue. ber sprechen...!” “...Nein, fuer den Preis kann ich es Ihnen einfach nicht geben! Es kostet mich selbst mehr...! Sie koennen es zahlen, wann Sie wollen! Das ist mir ganz egal! Aber Sie werden verstehen, ich verschenke die Ware einfach unter dem Herstellungspreis! ...Wovon ich lebe? Von der Differenz, natuerlich, dass wissen Sie doch!” “Was sagen Sie, der Z. ist doch ganz ploetzlich gestorjben! Ja, ja, Herzschlag, natuerlich! Also, ich sage Ih- | nen, eine Erloesung! Eine Eri loesung fuer ihn und fuer die Familie! Uebrigens, ich beineide den Mann! Einen schoe. | neren Tod kann ich mir nicht vorstellen! (N. B. woher wis- I sen Sie, dass der Tod so schoen war? Ich empf ehle Ih. nen, mal Huxley nachzulesen, “Time must have a stop...!” Kriegen Sie sicher in der englischen Bibliothek! Dann wer. den Sie vielleicht anders drueber denken!) Was? Hinterlas. sen...? Gott, wissen Sie, der Mann hat so ueber seine Ver. haeltnisse gelebt! Ich glaube nicht, dass da auch nur ein Peso bleibt...!” “...Also hoeren Sie..., nicht einen Peso mehr! Sie wissen, dass ich mich bei allen Campanas immer sehr anstaendlg benehme! Aber das ist mein letztes Wort! Erstens gehen die Geschaefte miserabel, zweitens muss ich Verwandte in Europa unterstuetzen, und drittens... also drittens lasse ich mir ueberhaupt nichts vorschreiben! Von Ihnen am allerwenigsten! Hier haben Sie den Scheck und ich sage Ihnen, es ist weit mehr, als ich eigentlich geben duerfte!” “...Mein Lieber, ich kann nicht! Du weisst, ich wuerde Dir helfen, wenn ich koennte! Ich habe einfach keinen Pfennig auf der Bank! Ich bin selbst in Schulden...! Was...? So schlimm ist es? Ja, da bist Du einfach leichtsinnig gewesen! Das sind jetzt die Konsequenzen! Nein, es tut mir sehr, sehr leid, aber selbst wenn ich Dir helfen koennten, — was ich nicht kann, — ich wuerde mich moralisch verpflichtet sehen, Dir zu sagen... Hallo, hallo, warum laeufst Du denn einfach weg...?” “.. .Was hat er gemacht? In einen Kibbuz gegangen? Ein erwachsener Mensch! Haben Sie schon mal so was Bloedsinniges gehoert? Hatte ein j ganz ordentliches Geschaeft! Ich moechte wissen, was das I nun wieder heissen soll! Was? Ueberzeugung? Hoeren Sie mal, dass ich nicht lache! Ueberzeugung? Ein erwachsener Mensch mit einem gut gehenden en-gros -Geschaeft? Ich sage Ihnen, pure Angeberei! Wollen .uns mal in einem! Jahr wieder sprechen...!” j Wie...? Das Tageslicht Ist; Ihnen zu grell? Gut, treten ¡wir zurueck in den Kerzenschein und in das Daemmer- I dunkel. Schlagen wir uns an die Brust! Aber hart! Dass wir es fuehlen und dass das Herz uns klopft...! N. SERIO