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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-11-01 · 11 (Noviembre, 1950) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
11 (Noviembre, 1950)
Date
1950-11-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 9 Wir sind uns des Fragmentarischen und vor allem Zwie.' spaeltigen und Fragwuerdi- \ gen bewusst, wenn wir in die-! sen Zeilen von Buechern (und Zeitschriften) sprechen, die im Deutschland der Nachkriegszeit erschienen sind. Des Fragmentarischen, weil es nur ein geringer und wohl auch sehr zufaelliger Ausschnitt ist, der uns zu Gesicht kommt, und des Zwiespaeltigen, weil unsere Beziehung zu all dem, was heute in Deutschland geschieht, gesagt, geschaffen und geschrieben wird, in aller und jeder Beziehung fragwuerdig ist. Weder koennen wir ohne schwere Vorbehalte zustimmen, noch kann es uns verargt werden, in allem und jedem nach dem echten, dem aufrechten Ton und Wort der Reue, der Selbstanklage, der Wiedergutmachung zu forschen. Wir betonen noch einmal, dass unsere Auswahl sehr zufaellig und keineswegs repraesentativ sein mag, aber ganz allgemein kann man wohl doch feststellen, dass die Zahl neuer schoepferischer, bisher unbekannter Talente ungemein gering zu sein scheint. Wenn ueberhaupt Namen genannt werden sollen, so haben wir bisher ausser bei Stefan Andres (“Hochzeit der Feinde”), Guenther Weisenborn (“M emoria 1”) und vielleicht dem Lyriker Karl Krolow keine Aufhorchen machenden neuen Toene vernommen. Die Verlagsanzeigen fuehren ueberhaupt wenig nennenswerte neue Originalwerke an, abgesehen natuerlich von den beruehmtgewordenen Kriegswerken wie Pliviers “Stalingrad”, Bechers “Abschied” u. a. m„ dagegen sehr viel, ungewcehnlich viel Uebersetzungen und Neuausgaben der Standardwerke (Hesse, Mann, Zweig etc.). Interessieren wird, dass der Suhrkamp—Verlag vormals S, Fischer, Berlin und der Bermann-Fischer Verlag, die beide durch die gewaltsame Aufloesung des S. Fischer Verlages im Jahre 1936 entstanden you Buecherm Aus Deutschland i sind, nunmehr gemeinsam ei- | ne Buchreihe herausgeben, l die im Gedenken an den | Gruender des Stammhauses “S. Fischer Bibliothek” genannt Wirt. In dieser Reihe erscheint u.a. Hemingway, Hesse (Nafziss und Goldmund), Thomas Mann (Erzaehlungen), S a r o y a n j (Menschliche Komoedie), St. Zweig (Sternstunden). Ich . bin durch Zufall in den Be. : sitz der in dieser Serie neu herausgekommen Ausgabe der i entzueckenden Familienzoolo-; gie von Ernst Penzoldt “Die : Powenzbande” (1949) gelangt. Dieses Buch aus dem Jahre 1930, das ein humorvolles Gei misch von Kraftmeierei, Naj turmenschentum, Vagabun- I denleben, Kriegspersiflage und | Schildbuergertum darstellt, erscheint nun als “Ausgabe 1 letzter Hand unter Zugrundei legung der neuesten For-! schungsergebnisse und der; nachgelassenen Dokumente” und hat in dem angeschlos- , .senen “Kartoffelroman” einen j Nachtrag erhalten, der von! der Warte der Penzoldtschen Schildbuergerstadt Moessel! aus gesehen, die Ergebnisse j der Zeit von 1933 bis 1945 zusammenfasst. Die Revolutionsparole der Stadt Moessel I hiess: “Die Kartoffeln sind [schuld!”. “Schlagartig hatte i der wohlvorbereitete grosse i Propagandafeldzug gegen die [ Kartoffel eingesetzt”, man veranstaltete Aufmaersche, I was bei dem “politischen Weit- , blick, der eine unausrottbare : Eigentuemlichkeit aller Deutschen ist”, zur Folge hatte, , “dass1 mancher Moesseler an diesem Tage das aufgetragene Nationalgericht zurueckwies, “Man kann nicht wissen”, sagten sie, “vielleicht ist doch etwas Wahres dar-! an!”. “Heimliche Kartoffel- | esser getrauten sich nicht j mehr, die Schalen in die Abj falltonne ' zu werfen, aus Angst vor Denunziation”. Und die wissenschaftliche Unter. j bauung des Ganzen lieferte I “die Powenzistential-Philoso- I phie Professor Hoellmuellers! (auch Nonsensualismus genannt), die besonders die Kunst entscheidend beein-! flusste”. , Aus Deutschland kommt 1 auch ein stattlicher Gedichtband des jungen, auch frue-; her schon ruehmlich bekannten Lyrikers Werner Bukofzer 1 (Wedding-Verlag, Berlin, 1949). “Der Wanderer Nameni los” ueberschreibt Bukofzer diese Auswahl seiner Gedichte ■ aus den Jahren 1940-1948. Es ist reine Lyrik mit vielen guj ten, einpraegsamen Wortbildungen, aus denen' sehr viel Ehrfurcht, viel Trauer ueber die Mordwelt und viel Einsam- | keit spricht. Hier ist ein. Musiker am Werk, der die Spra-! che zum Instrument hat, aber es ist die gute, die gekonnte 1 Lyrik — eines Emigranten. ' Im Grunde ist es ein (vom Dichter ehrlich eingestande-; nes) Versagen vor der Wirk-! lichkeit. Das herrliche Wort , “mehr Mut aus Schwermut i keltern” hat er an sich nur; sehr zaghaft erprobt. j Voll religioeser Inbrunst ist! die kleine Schrift von Gertrud von Le Fort “Unser Weg durch : die Nacht. Worte an meine [ Schweizer Freunde”, die 1949 j im Insel-Verlag erschienen ist. | Es sind ehrliche Worte einer j deutschen Katholikin, die sich mit dem Einfluss des Boesen j und der Kraft des Gottvertrauens unter den letzten As-J pekten der Vergaenglichkeit > und des Gerichts auseinanJ dersetzt. “Geordnete Zustaende geben nicht die Masstaebe ab fuer die letzten Moeglichkeiten, die im Untergrund der j Dinge schlummern”, sagt sie: und fuehrt zu der Frage hin, was bleibt, wenn alles ver-[ sinkt. Fuer sie bleibt Gott und die Kirche — allerdings: muessen wir hinzufuegen: ei-: ne Kirche, die nicht mehr, versagen darf. | Im Oktober 1945 hatte sich von Amerika aus Sigrid Und-1 set ueber “Die Umerziehung der Deutschen” geaeussert., Der letzte Satz dieses Aufsat-j zes lautete: “Das groesste Hindernis auf dem Wege der i Umerziehung Deutschlands ist ’ Von HANS TRAMER nicht die deutsche GedankenJ weit, sondern die Taten sind es, die infolge des deutschen Denkens begangen worden sind”. Darauf laesst 1947 im Suedverlag Karl Jaspers eine Schrift erscheinen “Antwort an Sigrid Undset”, in der er bei uneingeschraenkter Aner. ■ kennung der “Empoerung deri Norwegerin Sigrid Undset”, I “die Freiheit, die Moeglichkeit. zur Umkehr” predigt und j “Richtlinien fuer die so uner-; laessliche Umerziehung, in I deren Gelingen all unsere j Hoffnung liegt”, aufzustellen1 versucht. . Die rueckhaltlose | Auffassung der Tatsachen so-1 wohl des Naziregimes als auch j der gegenwaertigen Lage, ler-1 nen wieder miteinander zu rej den, in eine ehrliche Auseinanderstezung miteinander zu! kommen, in geschichtlicher1 Selbstbesinnung, in der Neu-: gewinnung des abendlaendischen Bodens in Bibel und i Antike, in der Erweckung der Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen sieht Jaspers die 5 1 Hauptthesen seiner Umerziehung. In einer groesseren Schrift “Europa der Gegen-; wart” (Amandus - Edition, Wien 1947) baut Karl Jaspers im Grunde die gleichen dort nur angedeuteten Thesen zu europaeischer Sicht aus. In! einem neuen grossen Werk- “Vom Ursprung und Ziel der Geschichte” (Artemis Verlag,; Zuerich, 1949), ueber das noch auffuehrlich zu sprechen sein: wird, gibt Karl Jaspers diesen Gedankengaengen ihre wisj senschaftliche Grundlage.; Jaspers hat im uebrigen erstj im vorigen Jahre zwei bedeutende Werke “Der philosophische Glaube” und -das 1102 S. starke “Von der Wahrheit”. herausgegeben! Karl Jaspers, der seit einundeinemhalben Jahr in Basel lehrt, ist ueberhaupt heute der anerkannteste Geisteswissenschaftler Deutschlands. Vor uns liegt das Augustheft! 1949 der wohl gegenwaertig i repraesentativsten 1 i t e r a ri-1 sehen Zeitschrift Deutschj lands “Der Monat”. In ihr kommt zu Goethes 200. Geburtstag Jaspers mit einem grossen Aufsatz “Goethes Menschlichkeit” und Thomas Mann mit “Goethe, das deutsche Wunder” zu Wort. Ais literarisches Hauptstueck findet sich in dieser Nummer die kostbare und ausgezeichnet uebersetzte Novelle des grossen amerikanischen Romanciers Henry James “Die Lehre des Meisters”. Und daneben aus der Feder des Vor. kaempfers des amerikanischen Pragmatismus, Joachim G. Leithaeuser, ein Aufsatz ueber “William James und der Barwert der Philosophie”, den Bruder des Romanciers. Die Studie“Bewaehrungsprobe des Sozialismus” von Geoffrey Crowther, dem Chefredakteur des Londoner “Economist”, verdient auch bei uns staerkste Beachtung. Wir koennen hier nur ganz knappe Auswahl aus allem geben, wollen (Schluss auf Seite 11) gehoeren) der deutschen Jurisdiktion zu uebertragen. Derjenige Teil der noch in Lagern lebenden D.P.’s, der dann nicht ausgewandert, oder —wie der technische Ausdruck der IRO lautet — re-settled (umgesiedelt) sein wird, wird sich der deutschen Wirtschaft eingliedern muessen und dann automatisch ein Teil der bestehenden juedischen Gemeinden werden. Gegenwaertig stehen die der[ IRO unterstellten D.P.’s aus-j serhalb der Gemeinden und haben eigene Verbaende, vor[ allem in dem wichtigsten Lande, in Bayern, wo noch das, sogenannte “Zentralkomitee der befreiten Juden” als ober-! ste juedische Instanz amtiert' und von den amerikanischen, Besatzungsbehoerden anerkannt ist. Auch in der britischen Zone bilden die D.P.’s, deren Zentrum dort das “La-; ger” Belsen ist (ein sozusagen autonomes juedisches Staedtchen, nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Na-; zi-KZ. Belsen), einen eigenen' Verband. Alle diese DP-Organisationen sind sehr zusammengeschmolzen; in Bayern wurden 67 Lager aufgeloest, und es blieben noch vier. Nach den Schaetzungen des dortigen “Zentralkomitees”, werden etwa 10.000 dieser Juden in Deutschland bleiben. Leider gibt es darunter auch unerfreuliche Elemente. Besonders konzentrieren sie sich in der Moehlstrasse in Muenchen, einst eine elegante Villenstrasse, heute ein gespenstisches Ghetto, wo sich nicht nur der Schwarzhandel breitmacht, sondern auch kriminelle Banden ihr Unwesen treiben. Von weitem wachen dort Gruppen deutscher Polizisten mit Polizeihunden, aber die Quartiere duerfen sie nicht betreten, weil die D.P.’s, unter internationalem Schutz stehen, ausserhalb des Zugriffs deutscher Behoerden. DIE RUECKKEHRER Die dritte Kategorie von Juden in Deutschland, die Rueckkehrer, ist numerisch klein, aber prinzipiell wichtig; denn angesichts der geringen Zahl und der Ueberalterung der heute in Deutschland lebenden Juden werden die juedischen Gemeinden nur dann eine Zukunft habend wenn sie sich durch Zuwanderung vergroessern. Dieser Gedanke scheint uns absurd, aber die Wege der juedischen Geschichte sind seltsam. Der Vorsitzende einer grossen juedischen Gemeinde, einer der wenigen Repraesentanten des Typs des vorhitlerischen deutschen Judentums, sagte mir, man solle nicht vergessen, dass die Juden in Deutschland schon oft ausgerottet oder vertrieben wurden und immer zurueckkehrten. In Speyer —so sagte er— hat man im 13. Jahrhundert alle Juden verbrannt, und zehn Jahre spaeter berichten die Chroniken wieder von 80 Juden in der Stadt. Was die “deutschen” Juden betrifft, so besteht die Attraktion einer Rueckkehr vor allem in der Hoffnung auf Rueckerlangung von Vermoegen und Geschaeften, oft auch von Stellungen. Ausserdem gibt es gewisse Kategorien, die nach Deutschland zurueckkehren, weil sie keine andere Wahl haben, z.B. aus Schanghai. Es gibt vereinzelte Rückwanderer aus allen Laendern, aus USA, England, Israel und vor allem aus Deutschlands Nachbariaendern (Frankreich, Belgien, Holland). Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach der Waehrungsreform und die Entschaedigungszahlungen a n Hitler-Opfer foerdern diese Tendenzen bei Leuten, die sich in den 10 oder 15 Jahren nicht anderswo einordnen konnten. Ueberraschender ist die Rueckkehr von D.P.s, die vor Hitler nicht in Deutschland gelebt haben und nur als Ver- [ schleppte dort leiden mussten, bei denen man also nicht annimmt, dass sie irgend etwas in dieses Land zurueckzieht. Aber anscheinend hatte das Leben in den Camps und innerhalb der Nachkriegs-Anar- I chie, wo die ehemaligen Hit- [ ler-Opfer sozusagen einen ‘ privilegierten Status hatten, [ viel Verlockendes, und gemesj 1 sen an diesen Vorteilen er-! [ schien den Ausgewanderten!! das Leben in den neuen! Wohnorten, wo sie auf sich selbst angewiesen waren und unter harten Bedingungen oft schwer arbeiten sollten, un-, ertraeglich. Es ist schwer, die: Zahl dieser Enttaeuschten festzustellen. In Muenchen sagte man mir von autoritativer Stelle, aus USA seien' bisher 450 Menschen nach Deutschland zurueckgekehrt,! aus Jisrael 800, Aber in vielen Orten in ganz Westdeutsch-; land findet man solche Ruek-' kehrer. In Berlin annoncierte ein Jude, dass er in die Leitung des Nachtklubs “Femi-j na” eingetreten ist und um den Besuch juedischen Publi-1 kums bittet, und als ich mir den Mann ansehen wollte, stellte sich zu meiner Ueberraschung heraus, dass er ein1 Rueckkehrer aus Jisrael ist,; , der zwei Jahre in Tel-Aviv vergeblich Arbeit gesucht hat [ (nach seiner Behauptung, die' ich nicht nachprUefen kann), jedenfalls ein alter “Zionist” aus Bialystok, der in den D.P... Lagern aktive zionistische Ar-1 beit geleistet hatte. Die Er. zaehlungen dieser Rueckkehrer tragen natuerlich dazu bei, dass andere Juden ihre Auswanderung “aufschieben” DIE GEMEINDEN Aus solchen heterogenen Elementen setzen sich die juedischen Gemeinden jetzt zusammen. Sie bilden keine organischen Einheiten. Auch gibt es keine einheitliche Organisation der Juden, und viele interne Rivalitaeten. Sehr kompliziert wird die Sache noch durch die widerstreitenden Interessen in bezug auf die Restitution des erheblichen Gemeindeeigentums, auf das die “neuen” Gemeinden Anspruch erheben, waehrend die juedischen Weltorganisationen auf dem Standpunkt stehen, dass diese Vermoegenswerte, deren Begruender ausgewandert oder tot sind, dem Gesamt Judentum (manche sagen: vor allem Jisrael) gehoeren. Aber diese Auseinandersetzungen und die sich aus der Restitutionsforderung ergebenden Beziehungen zu den deutschen Behoerden bilden ein kompliziertes Problem fuer sich, das hier nicht eroertert werden kann. Ueber die Gesamtzahl der noch in Deutschland lebenden Juden gibt es nur Schaetzungen. Wegen der Fluktuation und auch wegen der statistischen Unklarheiten der DP-Lager lassen sich die Zahlen nicht genau feststellen. Die zuverlaessigsten Schaetzungen, die ich erlangen konnte, bewegen sich zwischen 40.000 bis 45.000. Davon leben etwa 25.000 in der amerikanischen Zone (vor allem Bayern), etwa 7000—8000 in Berlin (davon 1200 in der Sowjetzone), etwa 6000—7000 in der britischen Zone. Berlin ist die bei weitem groesste Gemeinde, dann folgen Muenchen, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Koeln. Diese Gemeinden haben ihre Institutionen und einen Lebenswillen, sie weisen die Anschauung, dass sie sozusagen per nefas existieren, entschieden zurueck. Sie haben fast nichts gemein mit dem ehemaligen deutschen Judentum, koennen kaum als dessen Fortsetzer betrachtet werden. Aber sie sind da, und mit dieser Tatsache muss man rechnen. Im Augenblick besteht auch keine Moeglichkeit, sie anderswohin zu transferieren. Das Gesamtjudentum kann die Verantwortung fuer diese juedischen Ueberreste nicht von sich abwaelzen. Es ist gewiss ein delikates und vielen von uns nicht sympathisches Problem, aber mit moralisierenden Resolutionen ist es nicht zu loesen. <“M. B”)

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