Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XII (1950)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1950)
- Date
- 1950-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 BOLETIN INFORMATIVO Eichmann - der Judenmoeraer DIE SARONA-LEGENDE Die Schilderung Poliakovs beginnt mit der Widerlegung einer allgemein umlaufenden Legende, naemlich dass Eichmann in Sarona als Sohn eines deutschen Templers geboren sei. Dies stimmt nicht. Sein Geburtsort war vielmehr eine kleine Stadt in Westfalen, doch siedelte die elterliche Familie bald nach Linz in Oesterreich ueber, wo der Sohn u. a. bei demselben Geschichtslehrer wie Adolf Hitler lernte. Infolge geschaeftlicher Schwierigkeiten des Vaters konnte Eichmann seinen Plan nicht ausfuehren, an der technischen Schule in Linz zu studieren. Er wurde im Jahre 1931 Reisender fuer eine Oelgesellschaft und trat zur gleichen Zeit der oesterreichischen nationalsozialistischen Partei bei, wo er Kaltenbrunner kennen lernte. Im Jahre 1934 musste er nach Deutschland fliehen und wurde dort Mitglied der in Bayern aufgestellten Oesterreichischen Legion. Sehr bald trat er in den SD ein, den Sicherheitsdienst der Nazis. In diesem Rahmen war er zunaechst in der Abteilung zur Beobachtung der Freimaurer beschaeftigt, zeichnete sich bei dieser Arbeit aus und erhielt ein Jahr spaeter von Himmler den Auftrag, ein Polizeimuseum beim Hauptquartier des SD zu organisieren. Bei dieser Gelegenheit kam er anscheinend zum ersten Mal in naehere Beruehrung mit juedischen Dingen. Das Museum enthielt eine Sammlung alter hebraeischer Muenzen, juedische Ritualgegenstaende und Buecher. Dies erweckte Eichmanns Interesse, und er begann, hebraeisch zu lernen, das er spaeter fliessend las, aber niemals sprechen konnte. Er lernte auch jiddisch lesen. Diese Tatsachen waren wohl der Anlass dazu, dass das Geruecht von seiner Herkunft aus Sarona entstand. Als bei der SD eine besondere Abteilung fuer juedische Angelegenheiten geschaffen wurde, wurde Eichmann ihr zugeteilt. Insbesondere spezialisierte er sich auf die Frage des Zionismus. Es scheint, dass er persoenlich den Zionisten einen gewissen Respekt entgegengebracht hat, wie aus einem Bericht des deutschen Botschafters in Ungarn, Vesenmeyer hervorgeht. Im Jahre 1937 kam Eichmann nach Palaestina, wurde aber nach 2 Tagen durch die Mandatsregierung ausgewiesen. Er blieb dann 4 Wochen in Kairo, wo er Beziehungen zu einem Vertreter des Mufti aufnahm. Nach dem “Anschluss” Oesterreichs 1938 uebergab Eichmann einen Plan fuer ein “Zentralbuero fuer juedische Auswanderung” an Heydrich. In Wien machte er rasch Karriere und wurde zum Hauptsturmfuehrer befoerdert. Seine ruecksichtslose Taetigkeit dort ist bekannt. Dasselbe geschah 1939 in Prag. Alsdann wurde er Leiter einer Abteilung im Reichssicherheitshauptamt. die sich mit juedischen und kirchlichen Angelegenheiten befasste. DER MADAGASKAR-PLAN Der Krieg setzte der juedischen Auswanderung ein Ende. Jetzt trat der Gedanke in den Vordergrund, nach Hit¬ Adolf Eichmann ist fuer die Juden der Welt zu I einem Begriff des Schreckens geworden. Er war zwar nicht der eigentliche Erfinder jenes teuflischen Planes, die Juden im Bereich der Naziherrschaft auszu- | rotten, wohl aber sein oberster Administrator. Sein! Schicksal nach dem Ende des Nazireiches ist in Dun- , kel gehuellt. Hin und wieder schien es, als sei er ir.! gendwo aufgetaucht, doch haben sich diese Nachrich- I ten in keinem Falle bestaetigt. — Der Direktor des I! “Centre de Documentation Juive Contemporaine” in I Paris, L. Poliakov veroeffentlichte in der amerikanisch-juedischen Zeitschrift “Commentary” einen ' I Aufsatz ueber Adolf Eichmann, der auf Grund der i Archive dieser Organisation und der Aussagen eines j | der Spiessgesellen Eichmanns, des in Bratislava exekutierten SS Obersturmfuehrers Dieter Wisliceny abi; gefasst ist. Wir geben nachstehend eine Zusammen. I fassung des Inhalts dieses Berichtes, der ein fuer die I Geschichte der deutschen und der europaeischen Ju. i i den so verhaengnisvolles Kapitel behandelt.! u lers Vorschlag Europa “judenrein” zu machen, indem man alle Juden nach Madagaskar sandte. Eichmann griff diese Idee auf und verfasste ein Memorandum fuer Himmler. Er sammelte mit einigen Helfern Material ueber Madagaskar, schlug die Bildung eines Pools seitens des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie fuer den Transport der Juden vor und sandte Agenten in alle okkupierten Laender, um die Zahl der dortigen Juden festzustellen. Dieser Plan nahm im Sommer 1941 konkrete Formen an. Das Gesetz ueber die endgueltige Beschlagnahme des Vermoegens der deutschen Juden enthielt die Klausel, dass dieses Vermoegen fuer Aufgaben verwendet werden solle, die mit der Loesung der Judenfrage zusammenhaengen. Inzwischen hatten die Deutschen Russland angegriffen, und bald merkte man. dass der Krieg sich lange hinziehen wuerde. Der Madagaskar-Plan wurde zurueckgestellt, und im Juli jenes Jahres erhielt Heydrich von Goering den Auftrag, vorbereitende Massnahmen zur Loe. sung der Judenfrage im Einflussgebiet der Nazis zu treffen. Dies war die Grundlage fuer Eichmanns Arbeit. Der von ihm ausgearbeitete Plan wurde bei einer interministeriellen Konferenz am 20. Januar 1942 von Heydrich vorgetragen, bei der Vertreter aller Ministerien anwesend waren. Ueber diese Konferenz liegt ein genaues Protokoll vor, das von Poliakov ausführlich zitiert wird. Der Plan schlug die Evakuierung der Juden nach dem Osten vor. Dies sollte jedoch nur eine Palliativ-Massnahme sein, die praktische Erfahrungen vermitteln koenne, um dann eine definitive Loesung des Judenproblems zu finden. Diese definitive Loesung sollte auf 14 Millionen Juden angewandt werden, d.h. auf die Juden ganz Europas von Spanien und Portugal bis nach Sowjet-Russland, einschliesslich Englands. Die Juden sollten nach dem Osten transportiert und dort im Arbeitsdienst verwandt werden Maenner und Frauen, die dafuer geeignet waren, sollten beim Strassenbau beschaeftigt werden, wobei der Plan betonte, dass nach Lage der Dinge ein hoher Prozentsatz von ihnen durch natuerlichen Tod ausgeschaltet wuerde. Die Ueberlebenden, d. h. die Kraeftigsten, wuerden “in Uebereinstimmung mit der Logik der Lage” behandelt werden. Die Geschichte habe gezeigt, dass nach einer Be-' freiung diese natuerliche Elite den Keim einer neuen juedischen Wiederbelebung darstellen wuerde. j Der Plan wurde 3 Monate spaeter durch eine Order Himmlers an Eichmann bestaetigt. Er erhielt darin unbegrenzte Machtvollkommenheiten zu seiner Ausfuehrung. Vor allem organisierte Eichmann nunmehr die Deportationen aus den besetzten Gebieten nach Polen und veranlasste persoenlich in diesem Rahmen den Abtransport von 1,3 Mill. Juden. Zur Ausfuehrung seiner Aufgabe umgab er sich mit einer Gruppe entsprechend ruecksichtsloser Mitarbeiter, fast alles Oesterreicher. Diese durften nicht zur Front gehen und es gab fuer sie, wie er selbst einmal sagte, “keine Rueckkehr”. DAS ENDE? Eichmann war in seinem privaten Leben frueher ein guter Familienvater gewesen. Jetzt begann er auf diesem Gebiet sich zu aendern und knuepfte im Jahre 1944 ein Liebesverhaeltnis mit der Aristokratin Ingrid von Ihume in Budapest an. Er begann auch unmaessig zu trinken. Seine Furcht vor Mord wuchs, er benuetzte nicht mehr Flugzeuge, hielt sich ei- „ne Leibwache und fuhr nur schwer bewaffnet in seinem Auto. Damals sah er bereits den alliierten Sieg voraus und sprach in diesem Zusammenhang von Selbstmord. Er bereitete auch fuer sich und seine Familie Gift vor. Zum letzten Mal wurde er Anfang Mai 1945 in Alt-Aussee in Oesterreich gesehen, wo Kaltenbrunner sein letztes Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Eichmann kam mit seinen Spiessgesellen dort an, wohl in der Absicht, sich Kaltenbrunner fuer eine Fortsetzung des Kampfes anzuschliessen. Eichmann erhielt jedoch den Befehl, den Ort zu verlassen. Er teilte einem seiner Freunde mit, dass er seine Familie mit falschen Papieren ausgeruestet habe und selbst mit seinen Leuten in die Berge gehe. Diesen Plan hatte Eichmann schon im September 1944 bei einem Gespraech angedeutet. Er hatte damals gesagt, er wolle im Falle einer Niederlage mit eine Gruppe von Partisanen in die oesterreichischen Berge gehen und “auf den endgültigen Konflikt zwischen Ost und West warten”. Dort besass er ein kleines Gut und hielt sich wohl unter den Bauern fuer sicher. Poliakov meint, es gebe keinen konkreten Grund dafuer anzunehmen, dass er diesen Plan ausgefuehrt hat. Eine andere Moeglichkeit sei, dass er mit Hilfe seiner Kenntnis des Hebraeischen und des juedischen Lebens im allgemeinen sich als Jude maskiert habe, in einem DP-Lager gelebt habe oder ausgewandert sei, selbst nach Palaestina. Eichmann habe die Moeglichkeit besessen, seine Identitaet grundlegend zu aendern. Schliesslich bestehe auch die Moeglichkeit, dass er die Identitaet irgend eines harmlosen Deutschen angenommen habe. Von seinen Spiessgesellen lieferten sich zwei den Alliierten aus und einer wurde von den Russen gefangen genommen. Ueber das Schicksal aller anderen ist nichts bekannt. NEUE GEMEINDEN... (von Seite 1) dische Gemeinden in Deutsch-! dert sind und jetzt nach land wieder aufzubauen.; Deutschland zurueckkommen, | und D.P.’s, die nach dem _ „„ „ _ Kriege ausgewandert sind, EIN JUEDISCHER REST IST j afrer anderswo nicht Fuss j fassen konnten. GEBLIEBEN Woraus setzt sich der Rest der Juden in Deutschland zusammen? Erstens sind da die Ueberbleibsel der ehemaligen deutschen Juden, d. h. Menschen, die aus den KZ-Laegern zurueckkamen, die versteckt waren, oder die durch arische Ehepartner gerettet wurden. Die zweite Gruppe sind die ehemaligen Displa: ced Persons, die aus den Lagern ausgeschieden sind und sich einen Platz innerhalb des deutschen Wirtschaftslebens gesucht haben und langsam in die bestehenden Gemeinden einsickern. Zu ihnen ge. hoeren auch Zuwanderer, die erst nach dem Kriege gekommen sind und daher im technischen Sinne nicht “D.P.’s" sind, aber den voruebergehenden Aufenthalt zu einem staendigen machen wollen. Die dritte Gruppe bilden Rueckwanderer. Unter diesen sind wieder zwei Arten zu un. terscheiden: deutsche Juden, die zur Hitler-Zeit ausgewan- Von der ersten Gruppe sind ein Teil in ihre alten Vorkriegsstellungen, oder in noch bessere Stellungen zurueckgekehrt, ein anderer, sehr betraechtlicher Teil, besteht aus “sozialen Faellen”, besonders aus sehr alten Leuten, denn die jungen Menschen' sind ausgewandert. Altersheime spielen in den juedischen Gemeinden jetzt eine viel groessere Rolle als zuvor. Die meisten der geretteten deutschen Juden spielten frueher im Gemeindeleben kaum eine Rolle, viele waren von allen juedischen Dingen weit entfernt (Mischehen mit christlichen Kindern), aber viele von diesen Entfremdeten sitzen jetzt in den Vorstaenden der Gemeinden und arbeiten ehrlich mit, denn es ist ein neues Interesse an juedischen Angelegenheiten entstanden. Soziale und juristische Fragen, Fragen der materiellen Existenz der Juden, beanspruchen einen weit groesseren Teil der Gemeindetaetigkeit als religioese und geistige Dinge. “PLATONISCHE” AUSWANDERER Viel interessanter sind die D.P.’s, die in Deutschland bleiben wollen. Die meisten von diesen sagen auch heute, ihr Aufenthalt sei nur begrenzt, sie wollen auswandern, die meisten sprechen auch von Jisrael als ihrem Ziel, aber all das ist mehr platonisch. Sie erklaeren, sie muessten auf die Gelegenheit zur Auswanderung warten, und dieses Warten auf eine unbestimmte Zeit zwingt sie, inzwischen eine Existenz aufzubauen. Manche warten auf ein Visum fuer USA, aber ich habe auch von Faellen gehoert, wo Auswanderungskandidaten das Visum verfallen Hessen, weil sie inzwischen Informationen erhielten,' wie schwer das Leben auch in USA fuer Immigranten sei, und lieber die sich ihnen in Deutschland bietenden Gelegenheiten ausnuetzen. Was Israel betrifft, sind viele durch die Nachrichten ueber die Wohnungsnot und ueber die unguenstige wirtschaftliche Lage im Lande abgeschreckt und wollen zunaechst abwarten. Sie sind zum Teil entruestet darueber. dass man ihnen vorschreiben will, sofort nach Israel auszuwandern, bei Androhung einer Verfemung. Warum sind wir schlechter als Zionisten anderer Laender, die auch ihre freie Entscheidung haben und nicht auf Kommando auswandern muessen? — Diese oft gehoerte Phrase zeigt deutlich den Wandel der Zeiten seit 1946, wo ein Einwandererzertifikat nach Palaestina ein meistbegehrter Schatz war. DAS PROBLEM DER D.P.’S Das Problem der D.P.’s ist sehr kompliziert, denn es gibt , eine grosse Mannigfaltigkeit der Faelle und der Motive. Die D.P.-Lager sind im Laufe ■ der Zeit Zentren einer ver-! zweigten, meist irregulaeren, wirtschaftlichen Taetigkeit geworden, und es haben sich “vested interests” gebildet, die eine Liquidation der Lager wenigstens so lange wie moeglich hinausziehen moechten. Eine grosse Rolle spielt der Anspruch auf Haftentschaedigung und andere Entschaedigungsforderungen, deren Abgeltung man abwarten will, ehe man Deutschland verlaesst (oder nicht verlaesst). Die vollstaendige Aufloesung der Lager ist aber nur eine Frage der Zeit, da die IRO nicht mehr lange bestehen wird, und da es der Poi litik der Westmachte ent-! spricht, allmaehlich auch die der alliierten High Commission vorbehaltenen Gegenstaende (wozu die Refugees