Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XII (1950)
- Issue
- 7 (Julio, 1950)
- Date
- 1950-07-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO EIN BUCHERFÖtCi “DIE MAUER” VON Englische Reaktion auf Koestlers Palaestina-Buch DER HELDENKAMPF IM WARSCHAUER GHETTO Vor wenigen Monaten wurde “The Wall” in den U.S.A. veroeffentlieht und. erzielte sofort einen so riesigen Erfolg, dass dieses Buch noch jetzt Monat fuer Monat die groessten Verkaufsziffern erreicht und jetzt in alle Kultursprachen uebersetzt wird. Veroeffent lichungen in deutsch und in hebraeisch werden in Kuerze erscheinen. Der Verfasser John Hersey ist ein junger Journalist der den Krieg als Berichterstatter miterlebte und bereits 1944 durch sein Buch “Eine Glocke fuer Adano” weltbekannt wurde. Wer oder was mag diesem jungen Menschen, der kein Jude ist, nahe gelegt haben, sich gerade diesen so besonderen und schwierigen Stoff nahegebracht zu haben? Obwohl Hersey waerend des Krieges nicht in Warschau war, sondern nur spaeter die Ruinen gesehen hat, ist sein Roman so wirklichkeitsnah, so lebendig, so greifbar, dass der Leser glaubt, die Ereignisse selbst mitzuerleben. Der Roman kleidet sich aeusserlich in eine Art Tagebuch, das sog. “Lewinsohn- Archiv”, welches in Einzelheiten Erfindung, im ganzen aber Geschichte verarbeitet. “Die Mauer” ist die Geschichte der stueckweisen Vernichtung der Juden im Warschauer Ghetto von November 1939 bis Mai 1943. Im einzelnen handelt es sich aber um das Zusammenfinden einer Gruppe von Freunden und ihr tapferes Eingreifen gegen groessten Widerstand bis hin zu ihrem endgueltigen Triumph. Hauptsaechlich sind es polnische Juden und Fluechtlinge aus Deutschland und Russland, die sich in einem orthodoxen Haushalt zusammenfinden und Glied fuer Glied in die Untergrundbewegung hineinfinden. Es be. ruehrt den Leser tragisch, zu verfolgen, wie schwer sich die Einheit zwischen den einzelnen Gruppen Haschomer Hazair, Dror, Bund, usw. trotz der allgemeinen drohenden Gefahr bilden laesst. Erst der Ausfall der so fest erwarteten Hilfe seitens der polnischen Arbeiter bringt den Zusammenschluss. Ebenso tragisch erscheint die unselige Taetigkeit des “Judenrates”, der so gen^ helfen moechte, aber doch immer nur zum Werkzeug der Verfolger wird Mit grösster Sachkenntnis der Eigenheiten juedischer Feste und juedischer Eigenart verfolgt Hersey das Leben von einer halben Million Juden die nach und nach zur Gewissheit kommen, in einem Ghetto der Neuzeit ¿tag“ schlossen zu sein, aus dem es kein Entrinnen mehr geben soll, wie ihnen dann allmaehlich aufgeht, was die Abtrans. porte in entfernte “Arbeitslae. ger bedeuten, ist meisterhaft aufgezeigt, ebenso, wie di° yerfolgungsmassnahmen auf die einzelnen juedischen Cha. raktere wirken. Da ist -der juedische Hilfspolizist, welcher der Gestapo zum Abtransport zwei Opfer bringen rpU”d der’ um &o selbst dem Tode zu entgehen, seine eigenen Eltern abliefern will. (Fortsetzung auf Seite 11) Ai'imur Koestlers neues Buch “Promise and Fulfilment” Palestine 1917-1949 — London, MacMillan 1949—, das die Geschichte der Entstehung des juedischen Staates 1917-1949 darzustellen verspricht, musste notwendiger Weise scharfe Kontroversen hervorrufen. Denn der Gegenstand, um den es sich handelt, ist noch keineswegs so ferne Vergangenheit, dass nicht viele Leidenschaften mitsprechen wuerden; ausserdem ist die Generation der Mit-erlebenden geneigt, ihre eigene Interpretation der Ereignisse zu geben und keine andere gelten zu lassen. Vor allem aber hat das Buch, trotz seiner scharfen Beobachtung und Intelligenz, nicht jene Ueberlegenheit und jenes moralische Gewicht, das imstande waere. ueberzeugend auch dort zu wirken, wo der Leser selbst eine andere Meinung hat. KOESTLERS KRITIK AN ENGLAND I Es ist von einem gewissen’ Interesse zu verfolgen, welche Aufnahme das Buch bei der englischen Kritik gefunden hat. Koestler beansprucht zwar fuer sich den Titel der vollen Objektivitaet, aber sein Buch ist in seinem Hauptteil doch ein scharfer Angriff auf die englische Politik der letzten 10 Jahre. Er ist insofern nicht ganz konsequent, als er zwar an einigen Stellen die verschiedenen Anschauungen der um Palaestina kaempfenden Gruppen gegeneinander stellt, aber spaeter diese Feststellungen nicht weiter beruecksichtigt. Er beleuchtet das verblueffende Paradox dieses einzigartigen Kapitels der Weltgeschichte unserer Tage, wo das Unglaubhafteste Ereignis wird. Und er ist ueberzeugt. dass bei der Schuerung der Konflikte und bei den katastrophalen Irrtue m e r n oft menschliche Dummheit eine viel groessere Rolle spielt als menschliche Bosheit. “FALSCHE GLEICHUNGEN” Nach seiner vernichtenden Kritik der englischen Politik, der gegenueber Koestler sogar den Terrorismus zu rechtfertigen sucht, stellt er freilich fest, dass die Briten fuer die Juden ein bequemer Gegner waren, weil ihre demokratische Gesinnung sie verhinderte, mit der Schaerfe vorzugehen, die man von anderen Nationen zu gewaertigen gehabt haette. “Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was das Schicksal der Juden gewesen waere. wenn infolge einer anderen Wendung des Schicksals eine internationale Koerperschaft im Jahre 1917 das Mandat ueber Palaestina Deutschland oder Russland uebertragen haette”. Er warnt jene, die Englands Politik in Palaestina auf eine Stufe stellen mit Deutschlands Politik in Polen oder Russlands in den Satellitenstaaten. “Solche falsche Gleichungen werden meist angestellt von Leuten, die selbst keine Erfahrungen mit der einen oder andern Seite haben und daher ausserstande sind, den Gradunterschied zwischen dem i Schicksal von 10.000 illegal in Zypern festgehaltenen Juden und dem von ebenso vielen oder doppelt so vielen Millionen lebender Toter in den arktischen' Arbeitlagern abzuschaetzen”. JUEDISCHE REAKTION Im juedischen Lager haben an Koestlers Buch vor allem zwei Dinge Anstoss erregt: Erstens seine Verteidigung der Terroristen, verbunden mit der Behauptung, dass die Hagana offen oder stillschweigend mit den Terroristen kooperiert hat, und zweitens seine Verurteilung der juedischen Isolation von der westlichen Kultur, des Festhaltens an dem, was er Atavismen nennt, und seine Prognose fuer das Weltjudentum, dem er schleunige Assimilation empfiehlt, mit Ausnahme derer, die nach Israel auswandern. Das zeigt, dass genug explosiver kontroverser Stoff in dem Buch vorhanden ist. j WOHLWOLLENDE ] ENGLISCHE KRITIK Interessanter Weise haben’ die englischen Zeitungen das Buch eher wohlwollend als feindlich aufgenommen. Die fuehrende englische Buecher- Zeitschrift, “The Times Literary Supplement”, bezeichnet es als “eines der besten Buecher, die bisher ueber Palaestina geschrieben worden sind”. Die scharfe Verurteilung des englischen Verhaltens findet nur sehr schwachen Widerspruch; ,sie gibt vielmehr Anlass zu Aeusserungen von Scham und Reue. Auf mehr Skepsis stoesst Koestlers juedische Prognose. Aber in diesem Fall sind haeufig die Rezensenten Juden, wie dies z.Bin der sozialistischen Wochenschrift “Tribüne” der Fall zu sein kannten Schriftstellerin Virginia Woolf) ist das Buch der Anlass zu einer Art Verzweiflungsausbruch ueber die Irrwege der englischen Politik. Er schreibt: “Die Vergangenheit ist vergangen auch in Palaestina- Der Rueckblick auf unsere Aktionen in Verfolg der Politik Mr. Bevins ist ein solcher auf einen schimpflichen Misserfolg und voller Scham. Unter gewissen Umstaenden mag Halsstarrigkeit sehr verdienstvoll sein, und jemand mag das Missgeschick haben, einfaeltig auf das falsche Pferd zu setzen. Aber es kann kein Verdienst in einer Hartnaeckigkeit liegen, die fortdauernd auf das falsche Pferd setzt, auch wenn man weiss, dass es beim letzten Rennen, in welchem man sein Geld mit ihm verlor, tot umfiel... Unser erster Schritt muss sein, durch unsere Handlungen zu beweisen, dass wir Freundschaft und Kooperation mit dem neuen Staate wuenschen. Ungluecklicherweise sind diejenigen, die fuer die alte verderbliche Politik verantwortlich waren, weiter an der Spitze, und nichts deutet darauf hin, dass sie etwas aus der Erfahrung gelernt haben”. Auch Patrick O’Donovan, der selbst waehrend der kritischen Zeit als Reporter in Palaestina war, bekennt, dass viele Englaender ein schweres Schuldgefuehl in dieser Sache haben. Donovans Artikel im “Observer”, der auf die Katastrophen der Fluechtlingsschiffe, Struma. Salvador, Patria, Bezug nahm, hat uebrigens eine Entgegnung von Christopher Holme nach sich gezogen, der waehrend des Weltkrieges Public Information Officer in Palaestina war. Holme bestreitet, dass der Palaestina- Regierung die Schuld an dem Unglueck der Fluechtslings- Á y scheint, wo ein gewisser Henry Adler das Buch besprochen hat. Die “Tribüne” war stets eine scharfe Gegnerin von Bevins Palaestina-Politik. In diesem Punkt stimmt sie also mit Koestler ueberein. Dagegen ist der Rezensent, Adler sehr entruestet ueber die Kritik, die Koestler an gewissen Erscheinungen in Israel uebt- Er wirft dem Autor vor, was wir vor 30 Jahren im Zionismus “assimilatoris che Gesinnung” genannt haben. Auch Koestlers Zukunfts.- Prognose wird von diesem Rezensenten ironisch und hoehnisch behandelt, ohne ernstes Eingehen auf das Problem, das zweifellos fuer das Judentum besteht. Charakteristisch ist der “Manchester Guardian” in seinem Bemuehen, gerecht zu sein: “Dies ist kein unparteiisches Buch, und es waere weniger wertvoll. wann es das waere. Es ist ein redlicher und mutiger Tatsachenbericht ueber den zionistischen Kampf ,um den Status einer Nation...” Dem Kritiker des “New Statesman”, Leonard Woolf (bekanntem Mitglied der Fabian Society und Witwer der be* schiffe. die in tuerkischen Gewaessern gescheitert sind, zugeschrieben werden kann, und besonders im Falle Patria sei diese Beschuldigung, ungerecht. > EINE SKEPTISCHE STIMME | Skeptischer als andere Zeitschriften tritt der “Economist” an die Sache heran. Seine Meinung wird durch folgendes illustriert: “Jedermann wird manchen Teilen der Geschichte zustimmen, wie sie hier erzaehlt wird — dass die Bestimmungen des Mandates unmoeglich waren und als staendiges Reizmittel wirkten; dass die Mandatsmacht... die rueckstaendigen Araber gegen die vordringenden Juden verteidigte: dass die Juden durch den Mangel an Verstaendnis der Englaender fuer die Nachrichten aus Deutschland anges t a c h e 11 wurden, wenn sie zum Terror griffen: dass die Englaender... ihr Gebaeude zerstoerten und ein Vakuum zurueckliessen, das den Krieg unvermeidlich machte. Aber der Bericht ist verdorben durch handgreifliche Uebertreibungen und Unwahrheiten”, Von ROBERT WELTSCH. Eine ziemlich negative AnabHnSt. die Monatsschrift The Nineteenth Century” in einem langen Artikel von G U Arnold, der, wie die Redak- J-°L,be™erkt> viele Jahre im Middle East zugebracht hat. Autor Lst besonders kritisch gegenueber Koestlers EinsteHung zum Judentum Times Literary Supplement nimmt das Buch zum Anlass einer Betrachtung ueber den Ursprung des Zionismus im zaristischen Russland, wie Dr. Weizmanns Autobiographie ihn dem englischen Lesepublikum interpret i e r t hat, und glaubt, dass die îaeengeschichtliche Entwicklung, die der Zionismus in Europa und dann in Palaestina durchgemacht hat, dazu fuehren muesste, dass Jisrael e i n “sozial-demokratischer” Staat wird. Auch dieser Kritiker hat trotz seiner positiven Bewertung von Koestlers Buch eine Anzahl Einwendungen zu machen, kommt aber zu folgender Wuerdigung, die der Kunositaet halber zitiert sei: “Ueber Terrorismus schreibt Mr. Koestler ausgezeichnet — und sein Bericht ueber die Terroristenfuehrer Menachem Beigin und David Friedmann-Yellin, uebßr den ersten Ministerpraesidenten des Staates? Ben Gurion und ueber Jabotinsky (eine Art von vordatiertem D’Annunzio des israelitischen Risorgimento) und seine Analyse der Entstehung und der Wandlung der Hagana, der Verteidigungsmacht der palaestinensischen Juden (abwechselnd offiziell, halboffiziell und voellig illegal) sind Beispiele der besten Art eines serioesen, analytischen Journalismus”. Viele englische Kritiker finden es hoechst merkwuerdig, dass nach Koestlers Behauptung die Juden Israels immer “unjuedischer” werden. Andererseits haben viele aus; seinem Buch den Eindruck ’ gewonnen, dass Israels Volk unter der Diktatur einer üebermaechtigen klerikalen Orthodoxie schmachtet. An vielen englischen Reaktionen *an,n man dle schaedliche Wirkung ueberspitzter Berichterstattung beobachten, die um der intellektuellen Pointe willen das Gesetz der Proportion verletzt. I* SCHLECHTE HASSER Die englische Kritik, gerade in den repraesentativen Zeitungen, ist vorurteilsfrei genug. Sogar an Koestlers Verherrlichung des Terrorismus wird nicht viel Anstoss genommen. Wie bei anderen politischen Themen, so ist auch bei diesem ein rein historisches Interesse an die Stelle jener Leidenschaften getreten, die noch vor zwei Jahren die Atmosphaere hier voellig beherrschten. Die Englaender. wie man auch in ihren Beziehungen zu Deutschland nach zwei Weltkriegen beobachten konnte, sind schlechte Hasser. Staerker als der Wunsch, in Konflikten, die vergangen sind. Recht gehabt zu haben, ist bei ihnen aas Bestreben, die Objektivitaet wieder zu finden und der geschichtlichen Wahrheit so nahe zu kommen, wie es in den unvollkommenen mensch liehen Dingen moeglich ist. (“M, H.*')