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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1949-12-01 · 12 (Diciembre, 1949) · p. Seite 19

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XI (1949)
Issue
12 (Diciembre, 1949)
Date
1949-12-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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BOLETIN INFORMATI VO 19 Oesterreich wieder Im Nazi - Netz Das Loch in einer Pariser Mietskaserne verdient kaum den Namen Zimmer, genau wie der Vierzigjaehrige mit dem Aussehen eines Greises, dessen Haende zittern, kaum den Namen Mensch fuehren kann. Ein ausgemergeltes und zusammengeschrumpftes Wesen mit tief in den Hoehlen liegenden Augen, aus denen die Furcht zu lesen ist. Furcht im freien Paris 1949? Ja, die Furcht die man mit der Atlantfkcharter ausmerzen wollte, geht wieder um. Der Mann ist vor einigen Tagen aus Oesterreich angekommen. Er ist vor den Neonazis gefluechtet, die immer maechtiger werden, den Liebkindern des amerikanischen und russischen Intelligence Services. Der Mann fluecht.ete, weil er fuerchtete; er fuerchtete, weil er zuviel wusste. Wenn man ihm sagt, dass Hitler eigenlich tot sei, bricht er in ein grelles Lachen aus. Er weiss besser Bescheid. EIN RECHENFEHLER Mit vielen Tausenden anderer Juden glaubte er bei Kriegsende, dass mit Hitler nicht allein der Antisemitismus untergangen ist, sondern das Regime des Schreckens und des Grauens. Als Halbjude hatte er eine Zeitlang Gelegenheit, Einblick in die Maschinerie des Teufels zu nehmen, und er wollte sein Wissen nun den Befreiern zur Verfuegung stellen, um ihnen zu helfen, fuer alle Zeiten das Erbuebel auszumerzen. Er wurde freundlich aufgenommen und trug Dokument um Dokument herbei, um ein lueckenloses Bild ueber das Wirken des Nazismus und seine Ueberbleibsel in Oesterreich herzustellen. Seine Rechnung hatte einen Fehler. Er hatte den unvermeidlichen Riss zwischen dem Westen und Osten nicht einkalkuliert und mit dem Augenblick, wo sowohl Amerikaner als auch Russen das Liebeswerben uro die Nazis begannen, war er ein erledigter Mann. Anfangs war es nur eine Entlassung aus dem alliierten Dienst, dann begann man ihn zu schikanieren und vor einigen Monaten bekam er die Gewissheit, dass die in der Zwischenzeit frische Morgenluft witternden Neonazis nichts unversucht lassen werden, um sich seiner zu entledigen. Dieses Datum fiel mit jenem Zeitpunkt zusammen, der nur einige Monate alt ist, wo die oesterreichische Regierung durch ein weitreichendes Amnestiegesetz den Nazis ermoeglichte, unter sehr durchsichtiger Tarnung sich bei den Parlamentswahlen, am 9. Oktober, zu beteiligen. RAUB, BETRUG UND INTRIGEN Der Mann kramt in seinem abgerissenen Notizbuch und die Ziffern und Fakten, sind grauenhaft. Die oesterreichischen Nazis die unter dem Namen “Verband der TJnabhaengigen” in den Wahlkampf zogen, finanzierten ihre Kampagne mit juedisehem geraubten Gnt. Als die Nazis den Plan fassten, sich in das sogenannte Alpenreduit zurueckzuziehen und dort bis zum letzten Mann zu kaempfen, wurde das an der bayrisch-oesterreichischen Grenze gelegene Ausseerland zum Stapelplatz der Gelder, Werte und Aktien der Nazis bestimmt. Auch die geraubten juedischen Vermoegenswerte wurden hingebracht. Aus einwandfreien Zeugenaussagen und Vorgefundenen Papieren hat unser Gewaehrsmann, der Fluechtling in Paris seinerzeit folgend“ Aufstellung dem amerikanischen Intelligence Offizieren uebergeben. Gbergiuppenfuehrer Kaltenbrun- Von HERMAN FEHLER (Paris) ner, dessen Amtsitz zuletzt Wien war, hat dem Wiener SS Hauptsturmfuehrer Froehlich, der Leiter der Parteikasse des Amtes VI (Polen und Suedosten) der SS war,' den Auftrag gegeben, nach Aussee in die Villa Kerl folgende Bestaende geraubten juedischen Vermoegens zu bringen: 16.700 Napoleon d’Or, 300.000 Dollar, 360.000 schweizer Franken, 2.000 Kg. Goldgegenstaende, einige hundert Kg. reinstes Barrengold, 5 Kästchen mit Brillanten unschaêtzbaren Wertes, ferner mehrere hunderttausende englische Pfunde. Schoidler, der persoenlichs Adjuntant Kaltenbrunners, begleitete die Transporte, von denen nur ein minimaler Bruchteil von den Amerikanern gefunden wurde. Als der Zusammenbruch unvermeidlich erschien, wurden einzelne SS-Fuehrer, die sich als Senner und Hirten tarnten, mit dem Verstecken der geraubten Gelder und Werte betraut. Nun beginnen sie langsam aus den Verstecken herauszukommen. Sie haben sich in dem “Verband der Unabhaengigen” ein politisches Instrument geschaffen, in dessen Rumpf sie Unterkunft finden, und nicht mit Unrecht haben s’e sich Oesterreich als das Versuchsfeld gewaehlt, denn das ist der historische Boden aller grossdeutschen Ideen gewesen, und die engere Heimat Hitlers ist den Gedanken und Ideen des Fuehrers treu geblieben. Die oesterreichische Regierung, deren staerkste Partei, die Katholische Volkspartei selbst versucht hat, die “kleinen Nazis” einzufangen, sieht diesem Treiben ziemlich ohnmaechtig zu. Sie hat nicht die Kraft und auch nicht die Moeglichkeit, denn die Querverbindungen der Hinterm aenner der Nazis zu den amerikanischen und russischen Geheimdiensten sind so stark und maechtig, dass selbst die Exekutive oft nicht so zugreifen kann, wie sie moechte. Der Gruender des zu den Parlamentswa.hlen angetretenen “Verbandes der Unabhaeneisen” Dr Herbst Kraus, war ein “Sonderfuehrer der deutschen Wehrmacht” und viele Monate lang Leiter der Wirtschaftsabteilung des deutschen Heeres, Grupne Ost. Da er perfekt russisch snrach, wurde er »in Verbindungsoffizier in der Armée Vlassov. Nach dem Zusammenbruch kehrte er nach Oesterreich zurueck und gebaerdete sich als wilder Antinazi. Er hatte seine Verbindungen auch zu den Russen, denen er wertvolle Aufklaerungen ueber die Vlassovarmee gab. Er gruendete einen Verlag “Institut fuer Wirtschaft und Politik” und gab regelmaessig eine Zeitschrift “Berichte und Informationen” heraus. Unter dem Deckmantel der Menschlichkeit und im Kampfe fuer “Gerechtigkeit” begann er sich fuer die “armen, verfolgten Nazis”, die in den Lagern “schmachten”, einzusetzen. Er fand in einem Redakteur der “Salzburger Nachrichten”, Dr. Viktor Reiman, einen wackeren Mitstreiter. Die in den Lagern internierten Nazis, die mit der Zeit entlassen wurden, wurden auf die beiden aufmerksam und unterstuetzten sie in ihrem Bemuehen eine neue politische Partei, den “Verband der Unabhängigen” zu schaffen. DIE SPINNE In dem Hintergrund steht aber ein maechtiger Orden ehemaliger Nazis, die heute noch das oeffentliche Rampenlicht scheuen und deshalb “Untergrund” wirken. Sie haben sich eine Organisation gezimmert, die den Namen “Die Spinne” traegt und deren Nahziel es ist in alle wichtige Schlüsselpositionen des Landes, seien es verwaltungsmaessige, politische, kulturelle oder wirtschaftliche ihr ergebene Maenner, Nazis, geprueft und geeicht, zu schleusen. Beide waren einst Kommunisten und sind Spezialisten im Aufbau von illegalen Kampforganisationen. In der nazistischen Bewegung Oesterreichs haben sie ihre Vervollkommung erfahren. Als ehemalige Kommunisten gelang es ihnen, mit den Russen verschiedene Verbindungen aufzunehmen und durch kleinere Dienste die erste Zeit zu ueberbruecken. Zu ihren Protektoren gehoeren die dem russischen Hochkommissaer Svirdov nahestehenden Bordakievici und General Prof. Leo Stern, der als Mitglied der russischen Kommission die Erdoeifragen zu bearbeiten hat. Sie haben einen Teil ihnen ergebener Maenner in die Partei von Kraus, den “Verband der Unabhaengigen” hineindirigiert, waehrend sie auch zu der Regierungspartei ihre Verbindungen haben. Einer ihrer Hauptakteure ist der erst kuerzlich aus Deutschland zurueckgekehrte Dr. Friedrich Heiss, einer der hoechsten Propagandaleiter der SS. Er war im Stabe des Reichsprotektors Neurath. Es verstand es ebenfalls, zu gleicher Zeit den Amerikanern und den Russen seine Dienste anzubieten, waehrend ein anderer, der SS Fuehrer Ponz offiziell in die kommunistische Jugendbewegung eingetreten ist. Die “Spinne” ist im Besitze ausreichender Geldmittel, die aus dem Versteck im Ausseerland kommen und kann eine ganze Reihe “unparteiischer” Presseorgane finanzieren. Sie verfuegen ueber eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften mit einer Auflage von einer knappen Million Exemplaren und betreiben den “kalten Krieg” auf beiden Seiten. Von seiner Verwandlung in einen “heissen Krieg” versprechen sie sich den Anschluss an Deutschland und den Wiederaufstieg ihrer Idee. Die Salzburger Festspiele im Monat Juli-August wurden von ihnen zu einem Treffen mit Gleichdenkenden benutzt. Auch aus Muenehen kamen “Delegierte”, unter ihnen der fruehere Obergebietsfuehrer der Hitlerjugend Guenther Kaufman, der unter der Maske eines biederen Handlungsreisenden die Verbindungen aufrecht erhaelt und fuer die “geistige Ausrichtung und Taktik” der verschiedenen Nazigeheimbuende verantwortlich ist. “DEMOKRATISIERUNG” Wie frech und zuversichtlich die Nazis heute sind, erweist am besten die Aufstellung des ehemaligen oesterreichischen Nazigenerals Gollob zum Spitzenkandidaten der “Unabhaengigen” in Tirol. Das ist der Mann, der einen Teil der Jagdwaffe befehligte und sie Himmler zur Verfuegung stellte, als er daran dachte, den zu “schlappen Goering” zu ersetzen. Er ist ein Traeger einer der hoechsten Auszeichnungen der Nazis, des Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Brillanten und tritt frisch und froehlich in verschiedenen Versammlungen auf, um jubelt von der Jugend, die wehmuetig an die Zeiten der “Hitlerjugend” zurueck denkt. Wie hiess es nur in der Durch fuehrungsverordnung der Postdamer Abmachung: “die militaerischen Kontrollkommissionen muessen die jungen Demokratien ueberwachen und sie vor militaerischen und faschistischen Tendenzen freihalten...” ...Aber das gilt offenbar nicht fuer die Geheimdienste. (“Jedioth Chadaschoth”) “WIEDERGUTMACHUNG”... selbst eine Bestimmung wegen der Frage der Waehrungsumstellung enthaelt, Indem es in § 3 bestimmt: “Geldansprueche fuer die Zeit vor dem 21.6.48 werden, soweit das Gesetz nichts Abweichendes bestimmt, in Reichsmark berechnet und im Verhaeltnis 10:2 in Deutsche Mark umgerechnet”. Ferner bestimmt das Gesetz erfreulicherweise in § 5 Abs. 1, dass die einem Wiedergutmachungsberechtigten nach dem bürgerlichen Recht zustehenden Ansprueche gegen den Pflichtigen unberuehrt bleiben. Als Schuldner der Entschaedigungsansprueche nach dem Gesetz wird das deutsche “Land” z. B. Hessen, bestimmt. Die weiteren fuer unsere Zwecke wichtigsten generellen Bestimmungen sind folgende: 1. ) Auf Erben gehen die Ansprueche nur bis zu solchen der 2. Ordnung ueber, d.h. nur auf Abkoemmlinge, Ehegatten, Eltern. Geschwister und deren Abkoemmllnge, also nicht auf Grosseltern usw. 2. ) Abtretungen von Anspruechen sind nur mit Genehmigung der Wiedergutmachungsbehoerde zulaessig, ebenso Verpfaendungen und Pfaendungen. Diese Bestimmung soll den Berechtigten vor Ausbeutung schuetzen. 3.) Die Anmeldefrist laeuft bis 31.3.50. Ueber den Inhalt im Einzelnen sei folgendes bemerkt: a) Entschaedigung wegen Schadens an Leben, Koerper, Gesundheit und Freiheit. Wenn der Verfolgte ln der Zeit vom 30.1.33 bis 8.5.45 in unmittelbarem Zusammenhang niit der Verfolgung auf Veranlassung oder mit Billigung einer deutschen Dienststelle, Parteistelle oder dergl. vorsaetzlich oder leichtfertig getoetet oder in den Tod getrieben, wurde, haben seine Witwe bis zu ihrer Wiederverheiratung oder bis zu ihrem Tode, seine Kinder und gewisse Enkel bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres, Grc-sselteDi etc., dm von Ihm ganz oder ueberwiegend abhaengig waren, auf die Dauer der Bedürftigkeit, Anspruch auf eine Geldrente. Fuer die Hoehe dieser W’erden die entsprechenden Vori Schriften dSr Beamtengesetze ange- 1 wendet werden. Fuer die zurueckliegende Zeit wird eine Kapitalentschaedigung gewaehrt. Schaeden an Koerper oder Gesundheit werden durch ein Heilverfahren nach Massgabe der beamtenrechtlichen Vorschriften ueber Unfallfuersorge, bei Erwerbsunfaehigkeit durch Rentengewaehrung wieder gut gemacht. Fuer Freiheitsentziehungen (Konzentrationslagerhaft, Ghettohaft etc.) werden Geldentschaedigungen in Hoehe von DM 150.— fuer jeden Monat gewaehrt. b) Schaeden an Eigentum und an Vermoegen. Bei Schaeden an Eigentum ist im Prinzip der fruehere Zustand wiederherzustellen. Soweit dies nicht moeglich ist, besteht ein Geldanspruch, der aber im Einzelfall DM 75.000,— nicht uebersteigen darf. Zu den Schaeden am Vermoegen rechnen auch die unzulaessigen Sonderabgaben und Steuern. Das sind in erster Reihe die Sor.derabgaöen. die nationalsozialistische Dienststellen oder Amtstraeger, die Gestapo. einzelne Polizeipraesidenten zwangsweise erhoben haben. (Schluss folgt.)

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