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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1949-09-01 · 9 (Septiembre, 1949) · p. Seite 3

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XI (1949)
Issue
9 (Septiembre, 1949)
Date
1949-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 3 Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Die Bedeutung des Schofars in der juedisehen Geschichte Unter den verschiedenen Musikinstrumenten, die schon im alten Israel ihre ausgiebige Verwendung gefunden haben, nimmt der Schofar eine bevorzugte Stellung ein. Zum ersten Mai begegnen wir diesem Instrument in unserem Schrifttum aus Anlass der Gesetzgebung am Borge Sinai und geht schon aus der dortigen Mitteilung klar hervor, dass es sich um ein Signalinstrument handelt. Auch aus anderen Stellen der Bibel erfahren wir, dass der Schofar bei ernsten und froehlichen Ereignissen benutzt wird. Jedes Mal z. B., wenn der juedische Koenig den Thron besteigt, wird dieser feierliche Staatsakt mittels des Schofars dem Volk bekannt gegeben. Andererseits, wenn von irgend einer Seite dem Volke Gefahr droht, so wird es durch die Schofartoene gewarnt. Hauptsaechlich aber spielt im alten Israel der Schofar —ein aus dem Horn des Widders gefertigtes Blasinstrument— eine grosse Rolle in Zeiten des Krieges. Hier dient er dazu, um die notwendigen Laermsignale zu geben, sei es zum Angriff, sei es zur Einstellung der Verfolgung. Auch die Aufloesung des Heeres und die Heimkehr der Krieger zu ihren Wohnstaetten wird durch dieses Instrument signalisiert. Ferner wird am 1. Tischri, dem Jahresanfang, und bei Anbruch des Jobeljahres der Schofar geblasen. In all den aufgezaehlten Faellen handelt es sich aber in der Hauptsache um Anlaesse, die einwandfrei einen weltlichen Charakter tragen. Wenn der Schofar neben anderen Musikinstrumenten auch beim Gottesdienst im Tempel zu Jerusalem verwandt wird, so ist damit schon der Anfang fuer seine Verwendung bei religioesen Anlaessen gemacht, Seine dauernde religioese Bedeutung in der Geschichte unseres Volkes hat er jedoch erst im Zusammenhang mit dem Neujahrsfest erhalten. Aus dem Jom teruah, wie er uns noch in der Thora ueberliefert wird, ist im Laufe unserer Geschichte in der talmudischen Zeit der Jom Hadin, Tag des Gerichts, geworden. Und die Schofartoene, die anfangs nichts anderes bezwecken sollten, als den Beginn des neuen Jahres zu kuendigen, werden in der nachbiblischen Zeit als goettlicher Ruf zur Busse und Besserung empfunden. Die tiefe religioese Note, die der Neujahrstag damit erfaehrt, ist dadurch bedingt, dass er im engsten Zusammenhang mit dem Jaum Kippur gebracht und gleichsam als Auftakt der 10 Busstage aufgefasst wird. Zwei Ereignisse unserer aeltesten Geschichte, in denen dem Schofar eine besondere Rolle zukommt, werden nunmehr im engsten Zusammenhang mit dem Schofarblasen am Rosch Haschanah gebracht. Zum ersten die Erinnerung an die Offenbarung des goettlichen Willens am Berge Sinai, bei dem die starken i'ifruettelnden Toene die Herzen des Volkes erbeben liessen und die nunmehr in einem jeden Jahr aufs Neue das juedische Volk an seine Verantwortung als Traeger des Zehnwortes gemahnen sollen. Zum anderen die Akedat Jizchak (die Opferung Isaacs), die aus diesem Grunde auch von der Tradition als Vortrag beim Gottesdienst in den Synagogen bestimmt wurde. Hier soll der Einzelne wie das Volk beim Erklingen der Schofartoene an die vorbildliche Haltung unseres Stammvaters -Abraham erinnert werden. Ein seltenes Beispiel menschlicher Seelengroesse wird uns in der Gestalt dieses Patriarchen vor Augen gefuehrt, die er durch die Bereitschaft, seinen geliebten Sohn zu opfern, vor aller Welt unter Beweis stellte. Der unbedingte menschliche Gehorsam der goettlichen Forderung gegenueber und die unendliche goettliche Gnade, die in der Ablehnung des Menschenopfers ihre grosse Barmherzigkeit beweist, beide Gedanken werden mit dem Horn des Widders in Verbindung gebracht, jenes Widders, den Abraham einst an Stelle Isaacs geopfert hat. Es sind nicht die einzigen, wohl aber die wesentlichsten Gedankeninhalte, die die talmudische Zeit mit dem Schofarblasen verknuepft hat. Der geistreiche Denker Saadia weist ausser diesen erwaehnten Gedanken noch einige andere auf, die beim Erklingen der Schofartoene uns ins Gedaechtnis zurueckgerufen werden sollen, unter anderem seien hier erwaehnt das Gotteskoenigtum, das am Beginn eines jeden neuen Jahres der Welt gekuendet werden soll, und schliesslich die alte juedische Sehnsucht, die sich in unseren Tagen erfuellt hat; die Heimkehr der Zerstreuten nach Israel soll einem Jeden durch den Schofar als heiligste Pflicht bewusst gemacht werden. So sehen wir also, dass im Verlauf unserer Geschichte dieses Musikinstrument wie kein zweites in unserem religioesen Leben eine besonders Die Judenheit der ganzen Welt bereitet sich vor, um in ein neues Jahr einzutreten. Nach der biblischen Zeitrechnung, nach der wir als Juden und als das Volk der Bibel zaehlen, beginnt damit fuer uns das Jahr 5710. Wenn die Sonne des letzten Tages des Jahres 5709 untergeht, wenn die Kerzen in den Haeusern des ganzen Hauses Israels entzuendet werden, wenn in allen Gotteshaeusern und Gebetstaetten die Lichter entflammen, dann ueberkommt einen jeden Juden — ob re ligioes oder freidenkend — ein merkwuerdiges Gefuehl. Die Tradition des Rosch Haschanah hat sich in die Gefuehlswelt eines jeden Juden, in dem noch ein Funken des Lichtes der Tradition unseres Volkes leuchtet, tief eingegraben. Mannigfaltige Empfindungen durchziehen uns in diesen Tagen. Aber die Jamim Noraim des Jahres 5710 unterscheiden sich von den “ehrfurchtsgebietenden Tagen” aller vergangenen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte. Hinter uns liegt das erste Jahr der wiedererkaempften Freiheit des juedischen Volkes, das erste runde Jahr der Existenz unserer Medinat Israel. Wo immer Juden wohnen, ob in den Laendern, in denen sie sich einer relativen Ruhe erfreuen oder ob sie sich noch immer in Not und Elend befinden, sie blicken hinueber, dorthin, woher ein neues Licht aufleuchtet fuer unser Volk — nach Israel. So wie — nach einem Worte unserer Weisen — ganz Israel Anteil hat am Olam Haba — an der kommenden Welt—, so hat heute ein jeder Jude Anteil an Erez Israel. Wir Juden treten in das Neue Jahr ein in nachdenklicher Feierlichkeit. Wir suchen uns immer wieder aufs Neue ueber die Grundlagen unseres Lebens Rechenschaft abzugeben. Erhaben sind die Gedanken, die auf den, der das Machsor versteht, in diesen Tagen einstuermen. Aber vor allem wiederholt sich immer wieder ein Wort: Chajim — Leben. Wir stehen vor dem “lebendigen Gott” der uns die Torah als “Weg des Lebens” gegeben hat. Wir flehen darum, dass er uns einschreibe in das Buch des Lebens als das Leitmotiv dieser Festtage. Wenn aber schon die Stunde kommt, in der wir hinweg muessen von dieser Erde, dann moege unser Leben “eingebunden sein in den Lebensbund” des Ewigen und wir im Bet-Hach'i.iim. im Hause d^s Lebens, unsere letzte Ruhestaette finden. Das juedische Volk, das immer aufs Neue vor dem Abgrund der hohe Bedeutung gewonnen hat. Wir werden daher auch verstehen, dass aus diesem Grunde das talmudische Judentum ueber den Schofar, seine Beschaffenheit, seine Gebrauchsfaehigkeit und ueber das Schofarblasen selbst, genaueste Bestimmungen und Anweisungen ausgegeben hat, die im Schulchan Aruch ihre letzte gueltige Kodifizierung erhalten haben. Da der Schofar zu religioesen Zwecken verwandt wird, so wird das Schofarblasen mit einem Lobspruch eingeleitet. Es ist von Interesse, darauf hinzuweisen, dass bei der Fixierung dieser Berachah unter den Rabbinen eine Meinungsverschiedenheit geherrscht hat. Waehrend eine Richtung sich fuer eine Formulierung einsetzte, die “das Blasen des Schofars” als das Wesentlichste ansah und dies auch im Segensspruch zum Ausdruck gebracht wissen wollte, legt die andere den ganzen Nachdruck auf das “Hoeren”. Letztere Ansicht hat sich durchgesetzt. Und wir duerfen sagen, mit vollem Recht. Denn nicht auf das Blasen des Schofars — mag es in noch so virtuosenhafter Form geschehen, kommt es im Letzten an, sondern der Akt des Schofarblasens ist allein auf das Hoeren abgestellt. Hoeren im Sinne von Insichaufnehmen, verarbeiten, Vernichtung stand, hat sich geweigert, den Tod zur Kenntnis zu nehmen. Darum vermochte niemals der *od mit seinem verzerrten Antiitz unser Volk zu erschrecken. Weil das juedische Volk sich dem Leben weiht, setzte es die Gesetze der Geschichte ausser Kraft und entging der nationalen Zerstoerung. Darum vermochte es auch in den tragischen Momenten seiner Geschichte seine Hoffnung auf die Rueckkehr nach Zion wachzuhalten. In ihm blieb der Wille lebendig, unsere Tage wie ehedem zu erneuern. Denn fuer uns ist uie Vergangenheit nicht nur vergangenes, das nicht mehr wiederkehrt. Das, was einst in unserer Geschichte war, galt nie abgeschlossen. Morgen kann es wieder sein; sie ist lebende Vergangenheit, die in unsere Gegenwart nineinreicht und die Zukunft formt. Nur darum vermochten sich immer wieder die Kraefte der Erneuerung den Weg zu bahnen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sie vereinen sich im Leben des Individuums in dem unfassbaren Moment, wenn ein Jahr zu Ende geht und in ein neues Jahr hinuebergleitet. Auch in der Geschichte eines Volkes gibt es solche Augenblicke. Gezaehlte sind es nur. Man muss jedoch um sie wissen und ihnen gewachsen sein. Wir erleben ihn — diesen historischen Augenblick in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen. Zwei Jahrtausende unserer Geschichte sind zu einem Abschluss gekommen und gehen in eine neue Zukunft ueber. Alle Hoffnungen, Traeume der Vergangenheit sind reale Gegenwart geworden und gestalten eine neue I Zukunft. Diesen Augenblick erlebt I zu haben ist eine Gnade Gottes. Sie ist nur Gezaelilten zuteil geworden, dem “gesegneten Rest”, von dem neues Leben ausgehen soll. Wir duerfen zu diesem Rest gehoeren und wir stehen in den Jamim Noraim vor dem Aiimaecnugen, um vor ihm und unserem Gewissen darueber Rechenschaft abzulegen, ob wir, jeder Einzelne als Individuum und das juedische Volk als Ganzes, uns dieses grossen Momentes gewachsen zeigen. Wir sehen mit unseren eigenen Augen, wie neues Leben aus der Vergangenheit sich formt. Israel existiert und mit ihm unser Volk. Wir alle moegen eingeschrieben werden zu einem neuen Leben, in Frieden und Segen fuer uns und die gesamte Menschheit. Rabbiner Egon I. Loewenstein um schliesslich zu verstehen, wer wir sind und was wir sein sollen. Uns ist es aufgegeben, dem Einzelnen wie dem Volk, Nachfahren des Patriarchen Abraham zu sein und unsere Lebensfuehrung an seiner Lebenshaltung auszurichten; gleichzeitig Traeger einer schweren Verantwortung zu sein, die unsere Vorfahren am Sinai mit einem “wir sind bereit” auf ihre Schultern genommen haben. Wer die Stimme des Schofars so versteht, darf fuer sich in Anspruch nehmen, die Mizwah in ihrem urspruenglichsten Sinn erfuellt zu haben. Abschliessend duerfte es noch von Interesse sein, zu erwaehnen, dass bereits ein Monat vor dem Neujahrsfest, d. h. vom 1. Elul ab am Schluss des Morgengottesdienstes und in manchen Gemeinden auch zu Minchah die Stimme des Schofars ertoent. Es ist dies gleichsam eine innere Vorbereitung auf die grossen Tage, die mit Rosch Haschonoh einsetzen und mit Jaum Kippur enden, dem Tag, an dem beim Ausgang der Andacht zum letzten Mal ein langgezogener Schofarton erklingt und uns damit das Zeichen fuer die Tage der Arbeit und des Schaffens gibt. Rabbiner Lubliner

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