Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Journal
- Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Volume
- I (1838)
- Issue
- 36 (27.12.1838)
- Date
- 1838-12-27
- Page
- Seite 163 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Jahrgang. Ro. 36 Literarisches und homt letifches Beiblatt. ' Leipzig, den 27. Decembrr 1838. Literatur. Beiträge zur Literatur der jüdischen Religi on sphilosophie, mitgetheilt 'von. »r. I. Goldenthal. (Fortsetzung.) Das Charakteristische eines reproduktiven Zeitabschnittes ist, daß bei der größten Gewalt, die man anwendet, um originellzusein, man doch auf dem alten Standpunkt verharrt und im glücklichsten Falle, dem gewonnenen Gute der Erkenntnisse eine ausgebrektetere Wirksamkeit gibt. Ja das Letztere findet nur da Statt, wo das Ringen nach Originalität sich kundthut, d. h. nach Fortschritt vermittelst Anerkennung des Erworbenen. Der Geist entwickelt sich, ist stetig, hat Uebergänge. Jede seiner Lebensperioden ist ein für sich geschlossenes Ganze, in dem Anfang, Ende und vermittelnde Mitte. Nach der Empfängniß kommt das Weh, nicht Weh auf welches Geburt folgt, sondern das Weh der Verarbeitung, der mühevollen Beschäftigung mit fremdem Stoffe.- Um das Empfangene zu fördern, muß ein Trieb vorhanden sein, der Verarbeitungstrieb, der nichts anderes ist, als die Sehnsucht nach selbsteigener Produktion. So oft der Geist nach der anstrengsamen Thätigkeit des Gebarens, das zugleich Empfängniß wird, auszuruhen scheint, erwacht dieser Trieb, der ihn stachelt und quält und zur Bewegsamkeit anregt, indem er ihm die schöne Aussicht auf neuen Gewinn eröffnet, aber nur die Consumtion, und zwar die für jetzt nothwendige Consumtion erfolgt. Das ist der ungeheure Schmerz einer solchen Zeit, der ewige unerbittliche Schmerz des Eklektizismus. Aber auch dieses Weh hat sein Gutes, bleibt nicht ganz ohne Folgen, kann auch gewissermaßen Fortschritt genannt werden -, weil es den Fortschritt beschleunigt. Hat einmal die Zeit in dieser Mitte iüU minirt, geschieht die Deklination von nun an in um so rascheren Schritten vorwärts, und der Befreier aus der qualvollen Pein des wiederkäuenden Eklektizismus, der spekulative Geist, ist nicht mehr fern. Eine solche Mitte hat nun unsere Zeit erreicht, und zwar in unserm würdigen Herrn Reggio. Auf die originelle spekulative Thätigkeit Mendelssohns und Wessely's, folgte eine traurige widerwärtige Abspannung, in Deutschland siel man von ihnen ab, in Italien kannte man sie nicht; da kam Herr Reggio und führte auf sie zurück, er wollte weiter gehen, sie ergänzen, fortentwickeln, und dafür ward ihm auch Großes zu Theil — er ward ihr Herold, ihr Anhänger und Vertheidiger. Die äußere Seite zunächst auffassend, und abspiegelnd,, sing er mit der Uebersetzung des Pentateuchs in.ein präcises, bibelangeMessenes Italienisch und mit der wortft'nngemäßen Commentirung desselben an, zu welcher sich später die anmuthig versisi'cirte italienische Paraphrase des Jesaja und der Psalmen, welche Letztere noch nicht erschienen ist, gesellte. Schon hierin hat er seine Stellung unwillkürlich bezeichnet, er förderte nämlich durch diese Arbeiten die Exegese und Sprachkunde an sich, nicht um ein Haar weiter, sondern kompilirte buchstäblich die Werke Wessely's, und hatte Mendelssohn zum Muster. Es lag hierin aber auch ein Verdienst; die unheimlichen Gespenster einer wilddurchtosten Nacht, welche damals über Italien ihre lichthindernden Schwingen ausgebreitet hatte, schwanden erschreckt und zusammenzitternd, als er die zwei großen Fackeln angezündet und die heilverkündenden Namen Mendelssohn und Wessely in diese leere öde Finsterniß hineingerufen hatte. Alles, was Leben, Kraft und heilige Gesinnung athmete, stellte sich unter seine hohe Fahne, deren Flagge das wahre Judenthum versinnbildete, und auf der in goldgestickten Buchstaben die Namen Mendelssohn und Wessely prangten. Ein neuer Frühling überhauchte das vertrocknete Erdreich, und die schönsten Blumen wanden sich empor unter der eisigen Decke, und die duftigsten Würze erfüllten die Atmosphäre. Dieselbe Morgenröthe, nämlich die jenes literarischen Cyklus brach ihnen an, der den Hof um jene Sonnen bildete und mit nicht geringem Nutzen in Deutschland seinen Lauf vollendete. Es ist die Biuristenperiode, welche jetzt Italien durchzumachen hat, während Deutschland, in unserer Zeit der Focus des Judenthums, schon