Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Journal
- Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Volume
- I (1838)
- Issue
- 7 (17.3.1838)
- Date
- 1838-03-17
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 wollen hiermit nur behaupten, daß uns Herr Bert hold Auerbach den ersten jüdischen Roman gegeben. Denn alle übrige, die-sich dafür auSgeben, sind nichts, als widerwärtig aufgesteifte Unwahrheiten. Alle wiffen nicht, auf welche^Weife die Worte der Bibel und die Uebung des Glaubens den innern Gehalt des jüdischen Lebens ausmachen, weil sie alle von außen daran gehen, und nicht selbst innerhalb des jüdischen Lebens steben. Ja ich möchte noch mehr behaupten: man muß auf dem Lande geboren und erzogen sein, um das jüdischreligiöse Leben so naturgetreu zu fassen und darzustellen, wie es im vorliegenden Romone geschehen ist. In der Stadt findet man dies nicht mehr in seiner ursprünglichen Gestalt, weil die 'verschiedene Umstände, namentlich der höhere Grad socialer und wiffenschaftlicher Bildung, das markirt Charakteristische deffelben abgestreift haben. Daher kömmt es denn, daß alle sogenannten jüdischen Romane, die wir bisher hatten, unnatürliche Phantastereien sind, deren Typus sich im Leben nicht findet. Die eben so geistreiche als wahre Persiflage des Juden von Sprudler in der Vorrede des genannten Buches wäre mit gleichem Rechte auf alle übrigen Erzeugnisse dieser Art anzuwenden. Da glaubt «in Romantiker der Himmel weiß was gelhan zu haben, wenn er uns einen Juden schildert, Namens Jonathan Frank, bis über die Ohren verliebt in ein Christenmädchcn, das Judenthum verachtend, ja sich sogar zum Christenthum binneigend, und dennoch alle möglichen Qualen erduldend, um nur seiner Religion nicht untreu zu werden, sodann mit blutendem und zugleich frohem'Herzen resignirend, endlich aber sich dennoch zufriedengebend, als ein Mönch in einem Kloster die Trauung vollzieht. Woher soll aber auch Zschokke, der in einem Lande wohnt, das für Alle frei ist, nur nicht für Juden, diese kennen? Wie ist hingegen unser Verfasser in die innersten Fugen des jüdischen Lebens eingedrungcn, wie psychologisch wahr faßt er es, und weiß er es in einem Bilde zu gestalten? Da ist Wahrheit, die dann auch ihren Eindruck nicht verfehlt. Eine' Chaje rc. könnt Ihr noch jeden Tag finden. Wir gehen zur nähern Betrachtung des RomanS selbst über. Spinoza, Held eines Romans? Welche Momente bietet der Größte der Denker als Gestalt der Phantasie? Wol hat er sich keine Lorbeern gepflückt an der Spitze eines mächtigen Heeres, wol gehört der Denker als solcher nicht in das Gebiet der Poesie; wol aber der Denker als — Jude, strenggläubig erzogen, selbst anfänglich vom Herzen Jude, allmälig aber zum denkenden Zweifler an der Heiligkeit der angeerbten Religion geworden. Tritt nun noch die Liebe zu einem Christenmädchen, keine phantastische, sondern auS Philosophie entsprungene, eine intellectuelle Liebe, wie sie unser Verfasser nennt, hinzu, 'so ist der Knoten für einen großartigen Roman, aber nicht im gewöhnlichen Gebrauche des Wortes, gegeben. ES galt daher hier vor Allem eine psychologisch wahre Schilderung des Kampfes, den ein so großer Geist, in dem die Speculation allmälig erwacht, gegen sich selbst, gegen eigne, so wie der Aeltern religiöse Angewöhnung, kämpfet. Es ist wahr, wer durch manche Erscheinungen des Tages nicht gar zu anspruchslos geworden ist, muß an einen solchen Gegenstand mehr als gewöhnliche Prätensionen machen. So groß aber auch die unsrigen waren, so wurden sie dennoch mehr als befriedigt. Den Kern deS Romans bildet die Liebe Spinoza'S zur Olympia, der gelehrten, tief fühlenden Tochter des Lucianisten van der Enden. Diese „intellectuelle" Liebe ist durch das Ganze hindurch meisterhaft gezeichnet, ob eS gleich auffallen möchte, daß Spinoza sein tiefsinniges System einem Frauenzimmer entwickelt, ein Amüsement, daS weniger unseren Damen, mindestens in diefer» wissenschaftlichen Schärfe, erwünscht sein möchte; und obgleich sich ein Citat, wie „vergleichen Sie Johannis Cap. 4 V. 12 im Munde eines Frauenzimmers fast komisch nimmt. Jene Darstellung der Quintessenz deö spiNoz'stischen Systems indessen, wie sie siS im Anfänge des 2ten Bandes befindet, kann für einen Roman für gelungen gehalten wxrden. Spinoza selbst stellt sich wie ein junger Phaeton dar, der sich in der Fülle seines Innern nach dem Sonnenlichte hinaufsehnt, und nicht ruht und nicht rastet, bis er es erschaut; und bei jedem Zuge, den der Verfasser entwirft, sieht man, daß er nur mit Beben die Feder führte, weil er fürchtete, seine Propheten zu menschlich zu zeichnen. ES ist weit leichter,,einem Kkiegshelden seine Schlachten auf dem Papiere nachzuschlagen, als dem Größten aller Denker im Werden nachzuschleichen. Spinoza ist so ruhig mathematischen Verstandes, daß er nirgends extravagiren durfte. Allerdings wäre ein äußerliches Leben voll Sturm poetisch grandioser und dem Verfasser auch leichter geworden; aber es wäre Blasphemie an diesem göttlichen Charakter, ihn zu zeichnen, wie einen gewöhnlichen Jüngling. — In Chisdai ist ein Stockjude gegeben, wie. ihn in allen Religionen, nur krasser, durch dogmatische Ausschließlichkeit hervorgerufener Fanatismus zu geben vermag, und wir preisen uns glücklich, daß die Originalien zu solchen Charakteren frühern Jahrhunderten angehören. Viele dürften sich gottlob bei dem Fortschritte der Zeit unter den Juden nicht mehr finden. Sehr geschickt sind in den 3 alten Frauen (Cbaje, Laure, Gertrui) gewissermaßen Typen der 3 verschiedenen Glaubensbekenntnisse des bürgerlichen Lebens gegeben. Die geschmackvolle Einschaltung jüdischer Cerenionialgebtäuche trägt, namentlich für den jüdischen Lehrer, nicht wen g zur Verschönerung des Ganzen bei, und der Fleiß, womit der Verf. zu den ersten Gründen derselben zurücksteigt, verdient Lob; so wie man überhaupt dem Ganzen anmerkt, daß der Verf. tüchtige vorbereitende Studien gemacht hat. Es .würde unS zu weit führen, wollten wir auf alle die Schönheiten des Buches, oder auch nur auf einzelne gelungene Situationen, wie z. B. die Bannscene, oder die derselbe vorhergehenden tiefgedachten Versuchungen, ihn zum Abfall zu bringen, aufmerksam machen. Wir beschränken uns vielmehr darauf, wo möglich eine Ansicht über den Geist, der den Roman durchdringt, zu gewinnen. Wir bemerken aber zuvörderst im Allgemeinen Jdeenreichthum, gesunde Lebensansicht, genaue Kenntniß der philosophischen Systeme, und einen tiefen psychologischen Blick. Die Darstellung trägt durchgehendS den Charakter jugendlicher Frische, und was besonders zu bemerken ist, der Verf. versteht, was in unserer Zeit so ftlten ist, statt ermüdenden Wortgeklingels Gestalten vorzuführen. Jedoch vermißt man ungern jene flüssige Leichtigkeit, die uns auf sanften Flügeln mit sich fortbewegt, wie wir diese bei Göthe in ihrer höchsten Blüthe finden. t Wir möchten dieses aber nicht sowol Mangel, als vielmehr Fülle nennen, welche ihren Träger gewissermaßen übernimmt; und es gehört nur Uebung dazu, um des reichen Stoffes Meister zu werden. Zum Schluffe.mochten wir nur noch ein Wort über die Katastrophe sagen, ohne darauf besonders Gewicht legen zu wollen. Der unbedeutende Kerkering heirathet das Mädchen, das der Liebe Spinozas würdig ist, und dieser? muß resigniren. Wenn ich aber resigniren muß, so refignire ich eben gar nichts und doch erwartet man von einem Charakter und Geiste, wie Spinoza', daß er bei der Lösung des Knotens eigenwillig handle — und siege, sei's über sich, fei's über die Verhältnisse. Und Olympia und Kerkering? gibt es für die Liebe 2 größere Gegensätze, wenn man nicht die Prosa der täglichen Geldheirathen zu Hilfe nehmen will? Diese aber gehören doch wohl nicht in einen Roman. Das wirkliche Leben muß immer, vorzüglich in seiner verzerrten Gestalt, eine gewisse Idealität annehmen, wenn eS für die Poesie tauglich fein soll. Freilich ist eS historisch so, aber es fragt sich, ob eS, aus dem eben genannten Grunde, hier nicht wohl gethan gewesen wäre, der Geschichte untreu zu werden. Wir machen zugleich auf 2 sinnentstellende Druckfehler aufmerksam. Bd. 2, S. 56, Z. 5 v. u. ist er zu streichen, und S. 88, Z. 5 v. u. Westen statt Norden zu setzen. Wir scheiden in Hochachtung von dem Verf. mit dem Wunsche, daß er sein Vorhaben, von dem wir hören, den Roman unter dem Titel: Spinoza'S Tod, fortzusetzen, recht bald auSführen möge. Rcdacteur: vr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. - Druck von I. B. Hirfckfeld.