Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Journal
- Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Volume
- I (1838)
- Issue
- 22 (11.8.1838)
- Date
- 1838-08-11
- Page
- Seite 85 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1. Jahrgang. No. SS. homiletisches Beiblatt. Leipzig, den 11. August 1838. Archäologie. Ueber Musik und Poesie der alten Hebräer von Joseph LevLn Saalschütz, vr. ph,, öffentl. Lehrer der Rel. und Theol. an der israel. Gemeinde zu Königsberg, ordentl. Mitgl. t>cr historisch - theolog. Gesellschaft zu Leipzig. I. Der Standpunkt, welchen die Hebräer gegen andere Völker des Alterthums in Hinsicht' der Kunst einnehmen, ist zuweilen falsch beurtheilt worden. Es läßt sich nämlich nicht läugnen, daß sie in manchen Künsten allerdings hinter gleichzeitigen Nationen zurückblieben, daß wir bei ihnen vergebens jene Werke der Malerei und Bildhauerei suchen, daß sich nicht bei ihnen, jene wunderbare Leichtigkeit und vollendete Harmonie architektonischer Verhältnisie entwickelte, in welchen Griechenland ein Vorbild aller Zeiten wurde. Hierauf gestützt, hat man mitunter keinen Anstand genommen, den alten Hebräern im Allgemeinen Sinn für Kunst abzusprechen, ihnen Unbildung und Roheit vorzuwerfen und ihnen namentlich keine bessere Musik (wenn sie überhaupt eine solche, die sich über blose Cantillation erhob, besaßen") zuzutrauen, als man etwa jetzt bei den Wilden findet. Ja, man würde ihnen unfehlbar, nach solchen Voraussetzungen, auch jede Anlage zur Dichtkunst abgespcochen haben, wenn die glücklicherweise noch vorhandenen Werke selbst ein solches Urtheil nicht von vorn herein zurückwiesen. Man hat indeß nicht gefühlt, daß die bezeichneten Werke zu jener ganzen Ansicht, die die Hebräer grrn zu wahren Wilden machen möchte, den lebendigsten Contrast bilden. Von der alten Bibliothek der Hebräer ist uns nur ein Band übrig geblieben. Dieser ist zwar der heiligste und wichtigste, aber eben deshalb, eben seiner eigentlich religiö- ") Dieses selbst bestreitet Forkel (allgemeine Geschichte der Musik Bd. 1. S. 170.), besten sonst schätzbares Werk in Bezug auf die Geschichte der hebräischen Musik von Fehlern und falschen Ansichten voll ist. sen Tendenz wegen, konnten wol manche Gattungen der Poesie oder Redekunst, die mehr dem häuslichen Leben, den ländlichen Vergnügungen angehörten, in demselben keinen Raum finden. Me viele Denkmale der Kunst, des Wissens der Hebräer gingen uns hier verloren! Salomo allein verfasste, nach 1 Kön. 4, 12. 13., 3000 Sprüche und 1005 Lieder und redete über alle Thiere und Pflanzen. Von andern Büchern, namentlich einigen größern geschichtlichen Werken, sind uns 4 Mos. 21, 14. Jos. 10, 13. (vergl. 2 Sam. 1,18.) 1 Kön. 11, 41. 14, 19. 15, 7. 2 Chron. 12, 15. 13, 22. 20, 34. 24, 27. 27, 7. 32, 32. 33, 19. noch die Titel übrig geblieben. Und doch liefert schon jener einzige Band genügsame Beweise, daß die Hebräer in keiner der bedeutendsten Formen sprachlicher Darstellung auf der Stufe der Mittelmäßigkeit stehen geblieben. Denn wiewol die ausführlichen historischen Werke verloren gingen, so wird man doch in den Büchern, welche wir noch besitzen,, und namentlich auch in den Büchern Mosis, mitunter Proben eines höchst gelungenen historischen Styls finden. Für andere Formen der Erzählung können die ergreifende, lebensvolle Schilderung der Verluste Hiobs, so wie die ganze einleitende Erzählung dieses Buches und die vortreffliche Fabel Jotams als Beispiele gelten. Selbst eine kleine Probe diplomatischen Stiles findet sich in dem Buche der Richter (11, 12—27). Um die Beredsamkeit, namentlich der religiösen, dürfen wol die erhabenen hinreißenden Ermahnungen der Propheten als Muster gelten, wenn sie auch die Regeln heutiger Rhetorik zum Theil verschmähen; ferner die Vortragsweise, in welcher die göttlichen Lehren und Mahnungen in dem fünften Buche Mosis wiederholend an einander gereiht sind, welche wie der letzte Ruf eines scheidenden Freundes der Menschheit durch alle Jahrtausende hindurch Hallen und, so oft man dies Buch liest, einen stets neuen und tief ergreifenden Eindruck auf das Gemüth Hervorbringen. Gewissermaßen.gehört hieher auch das schöne Weihgebet Salomons. Und was sollen wir nun von der religiösen Poesie der Hebräer sagen, die in erhabenen Betrachtungen über Gott und seine Werke, in dem Gebete des Preisenden oder des Dankenden, des Reuigen und des Bittenden, kurz in-jeder Form, in welcher sich der Mensch zum Uebersinnlichen erhebt, für alle