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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-03-01 · 16 (März-April 1935) · p. Seite 28

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
16 (März-April 1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 28 (sequence 30)
Language
German
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BP€Hii§IPBi€HPN©IEM Ordnung des Ichs Wir werden von Kind an dazu angehalten, unsre Sachen in Ordnung zu bringen. Sorgsam wacht Mutter darüber, daß wir unsern Körper und unsre Sachen sauber halten. Auch in der Schule müssen wir unsre Hefte und Bücher nett und sauber haben, sonst setzt es Strafen, zumindest Strafpredigten. Und so bleibt's unser ganzes Leben lang. Wir halten, sofern wir sogenannte ordentliche Menschen sind, unsere Sachen in Ordnung. Wie aber steht es mit der inneren Ordnung? Dabei soll nicht an die Ordnung des körperlichen Haushaltes in physiologischer Hinsicht gedacht werden, sondern an das Ordnen unserer Erlebnisse, Gedanken, unsres ganzen geistigen Gutes, zu dem auch alle psychischen Auswirkungen, wie sie Berufsleben und gesellschaftliche Verpflichtungen mit sich bringen, gehören. Uns, der Nachkriegsgeneration, die in den entscheidenden Jahren unserer Jugend und Reifung ein Chaos, eine grauenvolle Wirnis erlebt haben, gerade uns hat ein im Wiener Saturn-Verlag erschienenes überaus kluges und feines Buch „Kartothek des Ich" von Victor Esdorp sehr viel zu sagen. Das Buch ruft von der ersten bis zur letzten Seite zur Besinnung auf, aber nicht in rein philosophischer Art, nein, durchaus nicht! Es ist vielmehr ein praktischer Leitfaden der Lebenskunst. Mehrere Kapitel sind dem Tagebuch gewidmet. Wenn wir das Wort „Tagebuch" hören, denken wir unwillkürlich an süße Jungmädchengeheimnisse. Nein, ein Tagebuch soll, um mit dem Verfasser zu sprechen, ein Film des Tages sein. Das Tagebuch soll eine Aufzeichnung von Anregungen, Ideen und Betrachtungen sein. Unter allen Umständen muß man wahr sein gegenüber sich selbst. Und so wird mit der Zeit das Tagebuch ein wichtiger Behelf bei der Selbstrechnung und Selbstzensur, der jeder Mensch sich unterwerfen soll. In jedem Betrieb wird ein- oder zweimal im Jahr Bilanz gemacht. Warum unterwerfen wir nicht unsern innern Betrieb, unser Wichtigstes, unser Ich, einer scharfen Kontrolle? Nur so können wir wahrhaft beurteilen, ob unser Handeln mit unserm Wollen im Einklang stand, ob wir mit uns zufrieden sein dürfen oder nicht. Man verfahre mit kaufmännischer Genauigkeit auch bei der Prüfung der verschiedenen gesellschaftlichen Bindungen. Man lege sich einen Bekanntenkataster an und prüfe, ob Freunde und Bekannte Aktiv- oder Passivposten sind. Man konzentriere sich auch dabei auf das Wichtige, scheide Unwichtiges aus und trachte, sich vor Verflachung und Zersplitterung zu bewahren. Man muß sich auf jeden Menschen, mit dem man zu tun hat, richtig einstellen, muß sein Wissen und Interessengebiet berücksichtigen. Dann hat man persönlichen Nutzen und Gewinn davon. Rationalisierung der Wirtschaft wird uns allmählich ein vertrauter Begriff, Rationalisierung des Ichs, dazu gibt uns das Buch von Esdorp eine Fülle von Anregungen. Ich würde besonders wünschen, daß es viele Frauen und junge Menschen lesen. Frauen, weil sie sich meistens nur vom Gefühl im Leben leiten lassen und eine Erziehung zur „Ratio" viel Segen stiften könnte, — Jugendliche werden sich in ihrer Ueberfülle an Kraft, in der sie vermeinen, die ganze Welt erobern zu können, gewiß mit diesem Buch, das zum konzentrierten Ordnen und weisen Ausscheiden mahnt, auseinandersetzen. Aber gerade diese Auseinandersetzung und eingehendes Lesen von Esdorps Buch kann selten wertvolle Erziehungsarbeit leisten. Dr. Anna Koffler-Harth. Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam Herbert Reichner Verlag, Wien. Seinen geistvollen Essays hat Stefan Zweig einen neuen hinzugefügt, der sich mit Leben und Wirken des Erasmus von Rotterdam, dieses großen, jedoch fast vergessenen deutschen Humanisten befaßt. Erasmus war der erste Kosmopolit, der erste „uomo universale" auf deutschem Boden, ein Denker, dessen Gedankenweit den kampferfüllten Raum einnimmt, der sich zwischen Mittelalter und Neuzeit einschiebt. Seine Polemik wider Orthodoxie und Aberglauben, sein Eintreten für die Abschaffung des Krieges, dieses „Schiffbruchs aller guten Ding", seine seelische Unabhängigkeit („Die ganze Welt ist ein gemeinsames Vaterland") erwecken linsere Anteilnahme in einer Zeit, die sich solchen Idealen leider wieder abgewendet hat. Aber Stefan Zweig, weit entfernt, eine „Rettung" zu unternehmen, verschweigt auch nicht die unschönen Züge im Charakter dieses geistarislokratischen Einzelgängers, der jegliche Parteinahme ängstlich vermeidet (er läßt den hochherzigen Reuchlin im Talmudstreite im Stich) und zwangsläufig seinem Gegenspieler, dem zwar minder gelehrten, aber tapferen und robusten Martin Luther unterliegen muß. Renaissance und Reformation, der Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus, werden in diesem glänzend geschriebene,! Buche lebendig, aber auch die Grenzen des Humanismus mit seiner hochmütigen Verachtung der Masse sowie die Ueberschätzung des Zivilisatorischen sichtbar. Mag auch Stefan Zweig manches unerwähnt lassen, das diesen erlauchten überzeitlichen Menschen mit dem Vorurteil seiner Zeit verbindet (Erasmus war Judenfeind, anders als Reuchlin und Hutten) — so hat er doch ein im Großen und Ganzen richtiges und auf jeden Fall interessantes Bild dieser eigenartigen Figur europäischer üeistesgeschichte geliefert. A. W. 28

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