Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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ßUMD r7 f 1 Li 7 1 BTUj) Das schreckliche Geheimnis Um ihre zwölf Netfen und Nichten zu zerstreuen, die für die Ferien zur Großmutter aufs Land gekommen waren, brachte Tante Mitzi sie auf die Idee, Theater zu spielen. Sie las ihnen mehrere Stücke vor und nach reiflicher Ueberlegung entschied sich die kleine Gesellschaft für „Anita, das Zigeunermädchen". Es war die Geschichte eines armen Kindes, das von Zigeunern geraubt worden war, mit denen es schließlich in das Reich der Königin Caritas gelangte, deren Güte in der ganzen Welt bekannt war. Die unglückliche Anita versuchte, Zutritt zu der Herrscherin zu erlangen, um sie um ihren Schutz anzuflehen. Aber die Wächter stießen sie barsch zurück. Deshalb schlich sie sich eines Abends in ihrer Verzweiflung unter die Fenster des königlichen Schlosses, ohne daß ihre Peiniger es merkten, und spielte Laute, um die Aufmerksamkeit der Königin auf sich zu lenken. Diese erschien auch wirklich auf dem Balkon, hatte Mitleid mit ihr und half ihr aus ihrer Not. Im zweiten Akt stellte sich heraus, daß Anita die vor langer Zeit auf geheimnisvolle Weise verschwundene Tochter der Königin war und der Vorhang fiel nach einem Fest zu Ehren der Prinzessin, die auf einem Thron neben ihrer Mutter saß. Die Rollenverteilung führte zu Widerspruch und ernstlicher Verstimmung. Besonders Martha, der die Rolle Anitas zugefallen war, wurde sehr beneidet. „Ich verstehe wirklich nicht, warum Tante Mitzi gerade dich ausgesucht hat", rief Emmy, die nur ein kleines, von den Tönen der Laute angelocktes Bauernmädchen zu spielen hatte. „Ich weiß es schon!" erwiderte Martha und hob den Kopf wie ein Pfau, der ein Rad schlägt. „So? Dann sag' es uns doch!" „Weil ich ein reines Deutsch spreche. Ich bin aus Döbling, wo man ein tadelloses Deutsch spricht, nicht wie bei dir in Hernais. Wenn du zu sprechen anfängst, muß man sich ja die Ohren zuhalten. Emmy zog sich todböse über diese Beleidigung in einen Winkel der Gartenlaube zurück. Am übernächsten Tag, nachdem die Rollen abgeschrieben worden waren, begannen die Proben und gleichzeitig wurden die Kulissen gemalt und die Kostüme angefertigt. Emmys Kleid war natürlich außerordentlich einfach: e:n blau-weiß gestreifter Rock, ein Samtleibchen, eine Bat:stschürze und ein kleines Häubchen. Was waren ihre schäbigen Lumpen gegen Marthas Gewänder! Kein Wunder, daß das hochmütige Benehmen ihrer Cous'ine Emmys Eifersucht nur noch mehr anstachelte... Sie wollte sich an ihr rächen und beschloß, den Tag der Theatervorstellung zur Ausführung ihrer dunklen Pläne zu benützen. Alle Freunde und Verwandten aus der Uingejbung waren herbeigeeilt. Ein stattliches Publikum wartete auf das Aufgehen des Vorhangs. Am Anfang des ersten Aktes kam Emmy mit unschuldigem Gesicht herein und zog den Strick, mit dem sie ihre Ziege festzubinden pflegte, hinter sich her. Nachdem sie ihre kurze Rolle hergesagt hatte, ließ sie, bevor sie hinter die Kulissen ging, ihren Strick unter dem Balkon der Königin liegen, statt ihn mit hinauszunehmen. Niemand merkte es, Tante Mitzi stand hinter einer Türe, um an Stelle von Anita, die nur die entsprechenden Bewegungen machen sollte, Laute zu spielen. Außerdem hatte man auf der Bühne und im Saal alle Lichter ausgedreht, bis auf eine blaue, hoch oben angebrachte Ampel, die das Mondlicht darstellen sollte, das auf Anita herunterschien. Als das Lied zu Ende war, wollte Anita ahnungslos unter den Balkon treten, auf dem die Königin soeben erschienen war. Was kommen mußte, kam. Die arme Martha verwickelte sich in den Strick und fiel mit einem gellenden Schrei zu Boden. Sofort wurde es licht und Tante Mitzi eilte herbei. Die Kleine weinte, schrie und konnte nicht aufstehen. Tante Mitzi trug sie gemeinsam mit ihrer Schwester — Marthas Mutler —, die auf die Bühne gestürzt war, und einem Arzt, der sich unter den Zuschauern befunden hatte, unendlich vorsichtig auf einen Diwan. „Ich fürchte einen mehrfachen Bruch", flüsterte der Doktor, der schnell eine Schiene improvisierte. Am besten wäre es, sie sofort in eine Klinik zu bringen. Im Auto war der Weg bald zurückgelegt. Die Röntgenaufnahme ergab einen bösen, doppelten Bruch. Das arme zerschmetterte Glied mußte wochenlang geschient bleiben. Man war sich sofort über die Ursache des Unfalls klar geworden, als man den vergessenen Strick am Boden liegen sah. „Ich hatte dir doch ausdrücklich gesagt, daß du ihn wieder mitnehmen sollst, sagte Tante Mitzi nach ihrer Rückkehr von der Stadt zu Emmy; du bist wirklich gar zu schlampig; durch deine Schuld hat sich deine Cousine das Bein gebrochen!" 39