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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-01-01 · 14 (Jänner 1935) · p. Seite 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
14 (Jänner 1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 34 (sequence 36)
Language
German
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2)<£>t Housah/zt Was macht unsere Kinder nervös? Von Dr. Oskar Loewy, Facharzt für Kinderkrankheiten Wir müssen einmal unsere traditionelle Ansicht von der „Sorgenlosi^keit" unserer Kinder revidieren. Noch bevor sie zum Verständnis, zur Vernunft kommen, klingt in ihnen ein anderes, viel feineres Instrument: das Gefühl, der Instinkt; es klingt nicht nur, es wird durch die Schwingungen, die von den anderen, den Erwachsenen, seiner Umwelt ausgehen, zum Mitschwingen gebracht, es klingt Dur oder Moll, je nachdem sein Milieu auf Dur oder Moll gestimmt ist. Ein freundliches Gesicht, und das Kind lacht, ein strenges oder zorniges, auch wenn es ihm gar nicht gilt, und es weint. Ruhe und Ausgegiichenheit ringsum, und es ist ruhig und ausgeglichen. Jähzorn und Fahrigkeit in seinem Gesichtskreis, und es schreit und wird unstet. Nicht es is t unstet, es wjrd es und kann es bleiben. - - Sprach ich vorhin vom 2 jährigen Kind? Viel früher noch, in der Säugiingszeit, werden die Regungen und Erregungen der Umwelt aufgenommen, also gerade in einer Zeit, in der es durch die lange Ruhe im Mutterleibe noch gar nicht recht seelisch abgehärtet ist, wo es noch viel Ruhe braucht. Und doch, wieviele Tanten, Onkeln und Freundinnen, mindestens eine, manchmal auch zwei Großmütter, die es ständig bewundernd umstehen, hier mit einem Wurstel, dort mit einer Trompete; jetzt wird es auf den Arm genommen, an sich gedrückt und dann wieder geschüttelt wie ein Luleff und ins Bett gelegt. Haben Sie einmal daran gedacht, werte Tanten, Onkeln, Freundinnen und Großmütter, wie Ihnen zumute wäre und was Sie dazu sagen würden, wenn man Sie auf diese liebevolle Weise massakrieren würde? Sie würben schreien! Und das Kind? Schreit auch! Schreit — und da geht der Tanz mit Klappern, Blasen, Singen etc. von neuem los. Woher nur werden unsere Kinder nervös? Nun, merkwürdigerweise, trotzdem werden sie größer, wenn auch schon mit einem leichten Klaps ihres Nervensystems, und fangen an zu sprechen, zu laufen; und sprechen zu viel und laufen zu viel. Und man spricht mit ihnen zu viel, man läßt sie zu viel laufen. Die Kinder fragen, man antwortet ihnen, man muß ja ihre Wißbegier befriedigen. Gut und schön! Aber man muß auch ein Ende zu finden wissen und sagen können: „Genug für heute, morgen mehr!" Sonst fragen sie nicht, um Antwort zu erhalten, sondern um sich sprechen zu hören, um keinen Moment sich außer dem Mittelpunkt der Familie zu sehen; und dann werden sie zu Tyrannen. Und sie laufen zu zu viel, sie ermüden auch körperlich. Eine Stunde Ruhe für jedes Kind, auch für das junge Schulkind, sei es selbst ohne Schlaf mit einer leichten Beschäftigung, wie Vorlesen, Erzählen usw. „Ja", höre ich da den Chor der Mütter, „es will sich nicht niederlegen!" Meine Damen, muß man ein 2- bis 8 jähriges Kind um seinen Willen fragen? Glauben Sie, sein Lehrer, sein Chef wird einige Jahre später um seinen Willen fragen? Und sollte es nicht rechtzeitig an Unterordnung gewöhn: werden? „Nun ', sagen Sie darauf, „dann schreit und tobt es!'4 „Da aber", antworte ich Ihnen, „kommt es nur darauf an, was es damit erzielt: setzt es seinen Willen durch, dann wird es immer schreien, wenn nicht, werden Sie die Schlacht gewonnen haben, für das Kind, nicht nur für sich! Denn diese Ermüdung durch Laufen, durch Fragen und ständig neues Lernen überreizt das Kind auf dieDauer,madites — nervös. Viel zu spät wird auch schlafen gegangen. Kein Kind bis zum 10. Lebensjahr gehört nach i/gS Uhr anderswohin als ins Bett; und da darf nicht mehr getollt werden (dies vor allem den spät heimkehrenden Vätern!), sondern geschlafen werden. Hut ab vor der Elternliebe, aber nicht vor der blinden, sondern vor der scharfsichtigen, die auch gesundheitlich an des Kincts Zulauf: denkt Und dann das Essen der Kinder Welch e'n unnötiger Aufwand an Sorgen wird da getrieben, weil das Kii>J weniger ißt! Dabei spielt es wirklich keine Rolle, ob größere oder kleinere Quanten vertilgt werden; wohl aber spielt es eine Rolle, ob es durch ständige Drohungen, Klagen etc. immer znin Essen gezwungen wird, wobei sich das ganze Hauswesen nur tun diesen Punkt konzentriert. Man erzieht dem Kind dadurch einen oft dauernden Abscheu vor Essen an, und erreicht nur das eine, daß das Kleinste im Hause von seiner Wichtigkeit durchdrungen wird. Nicht auf das Was und Wieviel, sondern auf das Wann und Wie kommt es an: Pünktlichkeit und Verbot jeden Spielens und jeden Aufstehens bei Tisch erzieht am besten zum Essen. Ein weiterer Schaden für die Nerven liegt auch in der Überladung an Vergnügungen, an Reizen für das Kind- Es gibt Schüler und Sdiülerinnen, die allwödientlidi ins Kino geschickt werden, wobei man vergißt, daß man sie dadurch zu blasierten, übersättigten, ständig neue Lustmomente suchenden Mensdien macht, die es nie lernen, ihren eigenen inneren Eindrücken zu lausdien und sie zu verarbeiten. Und dieses Kein-Genüge-finden inadit sie unzufrieden mit sidi selbst, läßt sie ständig neue Ansprüdie stellen, so daß es schließlich kein Wunder ist, wenn aus den nettesten Kindern die ekelhaftesten Erwadisenen werden; und dies ist vielfach audi zu be* denken, wenn wir uns fragen, warum es soviele uiv glückliche Ehen gibt und — wenn diese Art der Eiv Ziehung fortgesetzt werden wird — noch mehr geben wird: weil beide Ehepartner in der Zeit ihrer Charakteiv und Gemütsbildung überreizt, überlastet, kurz nervös gemacht werden und dies später als Ballast durch das Leben zu tragen haben, So können wir auf die Frage: Was macht unsere Kinder nervös? kurz antworten: Wir selbst! 34

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