Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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den Bogen herum machten, als dar} sie gegen die tausendjährige Vorschrift gesündigt hätten. Diese aufreizende Intoleranz der Römer gegenüber den Juden dauerte bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die Ära der Befreiung brach erst mit der französischen Revolution an. Jedenfalls war das Drama Israels auf der italienischen Halbinsel immer nur religiöser Natur; es hatte nie, wie heute in Deutschland, den Charakter einer völkischen Tragödie. Denn in Italien verdienen die Juden, als autochthon angesehen zu werden. Keine italienische soziale Gruppe kann sich rühmen, sich durch die Jahrhunderte hindurch so rein erhalten zu haben. Übrigens gehören die italienischen Juden dem sephardischen Zweig des Mittelmeerbeckens an. Das heißt, sie haben keinerlei Ähnlichkeit mit den deutschen, russischen oder polnischen Juden der Aschkenasi- Gruppe. Weder äußerlich, noch in der Wesensart haben sie etwas Gemeinsames. Die Sephardim gehören jenen stolzen und hochmütigen Mittelmeerjuden an, welche Gobineau und Gomez Carillo so vornehm gezeichnet haben. Und noch mehr: ihre somatischen Charakteristika unterscheiden sich kaum von denen der anderen Bewohner der Halbinsel. Im ganzen Süden zum Beispiel, das durch die arabischen und sarazenischen Einfälle semitisiert wurde, ist ein jüdischer Italiener von einem christlichen nicht zu unterscheiden. Weit mehr von den reichen, entfaltungsfähigen und in materiellem Aufschwung befindlichen Ländern, wie Deutschland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten angezogen, haben die Ostjuden die Halbinsel keineswegs als Land ihrer Wahl angesehen. Auch sind die italienischen Juden nie sehr zahlreich gewesen. Augenblicklich beträgt ihre Zahl gegen 50.000, und davon sind 14.000 in Rom. Beinahe alle sind übrigens den Berufen ihrer Väter treu geblieben, und nicht wie in Deutschland auf kommerziellen Gebieten, im Bankfach, Theater, Presse usw. besonders hervorgetreten. In keinem Beruf haben sie sich als hervorragende Führer bemerkbar gemacht. Was nicht hindert, daß die Teilnahme der Juden am Geistesleben Italiens immer eine ganz hervorragende war und ist, besonders wenn man ihre geringe Zahl in Betracht zieht. Es genügt hervorzuheben, dar} eine der repräsentativsten Erscheinungen des dritten Italien ein berühmter Politiker und Redner, L. Luzzatti gewesen ist, einer der glänzendsten Vertreter hebräischen Geistes. Wenn auch Protestant, war Sonnino doch jüdischer Abstammung. Und auch Cesare L o mbr o s o, der berühmte Kriminalist, war Jude, und V. P o I a c o, der den Kronprinzen in die Jurisprudenz einweihte; und auch der Senator Romanin J a c u r, der persönliche Freund Pius X. Man kann sogar sagen, dar) das moderne Italien nicht aufgehört hat, über eine hochwertige, von tatkräftigstem und wachsamstem Patriotismus beseelte Judenschaft zu verfügen. Denn jedes Land hat die Juden, die es verdient. Und es ist Daniel M a n i n gewesen, der Präsident der Republik Venedig im Jahre 1848, welcher einer der aktivsten Gegner der Fremdherrschaft war. Isaac Artom ist einer der besten Mitarbeiter C avours gewesen, und S. Barzilai war es, der bis zum Weltkrieg in Triest die Flamme des Irredentismus wach hielt. Solche Beispiele beweisen, bis zu welchem Grade die Juden der Halbinsel Italiener geblieben sind. In bösen wie in guten Tagen haben sie treu zu ihrem Lande gehalten. Und das ist gewiß auch einer der Gründe, weshalb der Antisemitismus in Italien keine tiefen Wurzeln schlug. Auf eine Frage Emil Ludwigs, das jüdische Problem betreffend, gab Mussolini zur Antwort: ,,In Italien gibt es keinen Antisemitismus. Die italienischen Juden haben sich immer als brave Bürger bewährt und als Soldaten tapfer geschlagen. Sie haben an den Universitäten, Banken und in der Armee hervorragende Stellungen inne. Viele sind sogar Generäle." Aber bemerkt muh. werden, daß seit Gründung der italienischen Akademie kein einziger Jude in dieselbe berufen wurde. Gelehrte von Weltruf, wie die Professoren E. da Seta, der die italienische prähistorische Wissenschaft schuf, der Professor der Rechtsphilosophie und einstige Rektor der römischen Universität, del Vecchio, und eine ganze Anzahl anderer schienen, wenn schon nicht verfemt, so doch systematisch gemieden. Alle italienischen Juden haben gleichermaßen hervorgehoben, daß in der letzten Zeit die faschistische Presse dazu neige, den Weltrückschlag des deutschen Antisemitismus als Frucht einer richtigen Verleumdungskampagne anzusehen, deren Ziel nichts anderes sei, als eine Anschwärzung der hitlerischen, nationalen Wiedergeburtsbewegung. Nichtsdestoweniger bleibt die Idee des reinen Rassismus in national-sozialistischer Art dem faschistischen Gedanken vollkommen fremd. Niemals, wir glauben es wenigstens, haben die Verfechter des Faschismus über die lateinische oder auch nur die italienische Rasse ähnliche Dummheiten verbreitet, wie die nordischen Professoren über die „edle blonde Rasse". Der italienische Faschismus kennt gewiß auch nationalen Stolz. Aber Rassenhaß ist ihm fremd. Er hat sogar dem italienischen Judentum, gleich nach dem Lateranabkommen, eines der großzügigsten Statute bewilligt, welches sein Bestehen und seine Manifestationen nach außen hin juristisch festlegt. Dieses Dokument spricht von der hebräischen Religion nicht mehr als von einem geduldeten Kult, sondern von einer Religion, die der Staat anerkennt. Außerdem erkennt es offiziell alle jüdischen Vereinigungen und Gesellschaften an; das heißt, die jüdischen Gemeinschaften sind nicht mehr, was sie früher waren: simple Vereinigungen, sondern sie haben von nun an eine juristische Berechtigung und werden vom Staate anerkannt. Sie bilden geistliche Körperschaften, deren Aufgabe es ist, „für die religiösen Bedürfnisse der Israeliten nach hebräischem Gesetz und Tradition" zu sorgen. Der Erlaß räumt ihnen als Funktion nicht nur die Ausübung der Religion ein, und die Sorge für religiösen Unterricht und Ausbildung, sondern auch die Wahrung des ganzen jüdischen Erbes in geistiger, künstlerischer und kultureller Beziehung. Und was besonders hervorgehoben werden muß, der Staat hat darauf Wert gelegt, daß für alle Israeliten die Zugehörigkeit zu diesen Gemeinden obligat sein muß, so daß jeder Jude zu der Gemeinde des Ortes oder der Provinz gehört, die er bewohnt. Noch mehr: er kann nur austreten, wenn er formell und ausdrücklich zu einer anderen Religion übertritt. Dann verliert er alle seine Rechte. Aber bis dahin sanktioniert der Staat die Verpflichtungen, die er gegenüber seiner Brüderschaft hat. Endlich behält sich der Minister des Innern vor, die Liste der bewilligten Vereinigungen und Brüderschaften zu veröffentlichen und hat das Recht, die Wahl der Rabbiner zu begutachten, welche vorzugsweise Italiener sein sollen, und bei den 8