Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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P. GENTIGON 2)xe Juden JtaiteM Zwischen dem Tiber und den Hängen des Janiculus breitete sich in den Urzeiten Roms ein weites, sumpfiges und ungesundes Gebiet. Während der Republik pflegte der Senat die bannbrüchigen Sklaven und jene Bürger, die sich gegen seinen Willen aufzubäumen wagten, dorthin zu verbannen. Es war gewissermaßen das „confino" jener Zeit. Ein rechtes Elendsvolk vegetierte dort und das Stadtviertel, welches langsam entstand, blieb den niedrigsten und verachtetsten Klassen vorbehalten. Alle römischen Parias hausten dort. Er war so arg, dafj die übrigen Bewohner der Stadt sich nur ängstlich hinwagten und sogar die kaiserliche Polizei möglichst vermied, dort einzudringen. Die meisten von Titus nach der Einnahme von Jerusalem als Gefangene nach Rom gebrachten und mit den Christen verwechselten und verfolgten Juden suchten ganz selbstverständlich hier ihre Zuflucht. Und in diesem selben Viertel, dem ärgsten Pfuhl, der sich denken läßt, versammelten sich die ersten Apostel der neuen Lehre. Selbst Petrus war, ebenso wie die anderen Israeliten seiner Nation, Gast dieses schmutzigen Viertels von Transtevere. Seit jener Zeit haben die Juden stets an den Ufern des Tiber eine scharf umrissene Ansiedlung gebildet und so manche jüdische Familie Roms leitet ihre Ahnen von den vom Sohne Vespasians vertriebenen Soldaten ihrer Heimat her. Doch im Mittelalter, nach den Bürgerkriegen, konzentrierte sich das römische Leben beinahe ausschließlich auf das Viertel um das Kapitol. Auch die Juden des Trastevere folgten dieser Strömung und ließen sich am linken Tiberufer nieder, innerhalb des Quadrates zwischen der Fabricio-Brücke und dem heutigen Ponte Garibaldi, vom Porticus der Octavia bis zum Palazzo Cenci. Und als sich später dann der Begriff des Ghettos deutlicher herauskristallisierte, war es dieses Viertel, um welches herum die Basteien und Trennungsmauern sich erhoben. In seiner „Römischen Frage" schreibt Edmond A b o u t, daß im Laufe der Zeiten von allen Juden die römischen die unglücklichsten waren. Der geistvolle Schriftsteller trägt mit dieser Bemerkung den politischen Leidenschaften seiner Zeit Rechnung. Er übertreibt. Die römischen Juden waren, zum Unterschied von den Juden aller anderen Länder Europas, niemals heftigen, persönlichen Verfolgungen ausgesetzt. Mehrere Päpste, wie Martin V., Innozenz VII. und Clemens IX. waren sogar, was sie betrifft, mehr als tolerbnt. Aber heftiger als überall sonst hielt sich vielfach in der Ewigen Stadt, dem Brennpunkt der Christenheit, die Tradition aufrecht, die Juden als Zielscheibe des Spottes zu betrachten, sie zu erniedrigen und zu verhöhnen. Um es ihnen unmöglich zu machen, sich unbemerkt unter die Gläubigen zu mischen, mußten sie, wie überall, ein Merkzeichen tragen, und zwar einen Hut, der ursprünglich rot vorgeschrieben war. Aber einmal hielt ein kurzsichtiger Kardinal einen Sohn Israels für einen Kirchenfürsten und grüßte ihn ehrerbietig. Um die Wiederholung eines derartigen Skandals zu vermeiden, kam ein Edikt heraus, welches den Juden für die Folge befahl, innerhalb des Kirchenstaates eine gelbe Kopfbedeckung zu tragen. Nicht die kleinsten Rechte wurden ihnen eingeräumt, weder auf politischem Gebiet, noch als Bürger. Freie Berufe, bis auf den ärztlichen, waren ihnen untersagt. Jedes Jahr mußten die Vertreter der hebräischen Gemeinde dem Papst ihre Huldigung darbringen, indem sie ihm eine Gesetzesrolle überreichten. Und die Tradition erheischte, daß der Stellvertreter Christi, nachdem er so getan hatte, als hätte er in ihr gelesen, sie verächtlich hinter die linke Schulter warf. Während des Karnevals veranstaltete der Rat von Rom als Volksbelustigung auf dem Korso ein Judenrennen. In regelmäßigen Zeitabständen berief man sie zwecks Bekehrung in die St. Gregorius-Kirche, die heute noch auf ihrer Fassade eine teils lateinische, teils hebräische Inschrift trägt, welche von der Hartnäckigkeit der Söhne Israels kündet. Und die Predigt, so heißt es, begann nie, ohne daß die Ohren der Zuhörer vorher sorgfältig untersucht worden wären, ob sie nicht mit irgend welchen Bäuschchen verstopft waren; ja, noch mehr; eigens hiefür bestellte Aufseher bedrohten jene, die schläfrig, ja selbst nur zerstreut schienen, mit dem Stock. Alljährlich empfing der Senator der Stadt ihre Abgesandten am Kapitol; nachdem er sie daran erinnert hatte, daß sie in Rom nur geduldet waren, machte er offiziell bei ihrem Abgehen die Geste eines Fußtrittes in einen gewissen Körperteil. Bei bestimmten Anlässen erhöhte man das Raffinement noch, indem man die Juden den Titusbogen mit Blumen schmücken ließ, jenen Titusbogen, der am höchsten Punkt der Via Sacra zum Andenken an ihre schwerste Niederlage errichtet worden war. Ain Frontispiz ist die interessanteste Figur die des Jordans, welche durch einen auf eine Urne gestützten, im Triumph getragenen Greis symbolisiert wird. Ein Bas- Relief im Innern stellt waffenlose, lorbeerbekrönte römische Soldaten dar, welche die im Tempel erbeuteten Schätze tragen; den siebenarmigen Leuchter, den goldenen Tisch, auf dem die heiligen Bücher ausgebreitet wurden, und zwei Vasen für Räucherwerk. Die Tradition berichtet, daß seit der Zerstörung des Tempels kein Jude diesen Bogen passiert hat. Und es heißt sogar, daß, als im Jahre 1870 einzelne Detachements italienischer Truppen das Forum durch die Via Sacra überschritten, die jüdischen Soldaten die Reihen, welcha den Bogen zu durchschreiten im Begriffe waren, verließen, und lieber den Umweg um 7