Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 35 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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©ßi w Pt a@i L@©l ISCI III ECKI 1 Geleitet von Alfred Kanfer Was ist Schicksal? Läßt es sich erkennen? Seit der Mensch zu denken begann, galt sein Suchen und Forschen den dunklen Zusammenhängen seines Schicksales, von Glück und Unglück, Aufstieg und Erfolglosigkeit. Mit banger Sorge blicken Eltern in die Zukunft ihrer Kinder. Wird sich mein Kind durchsetzen können, wenn wir einmal nicht mehr da sind? Diese Frage quält so manchen Vater und mancher Mutter macht sie schlaflose Nächte. Da ist ein Mensch, der sich redlich und fleißig gemüht hat, um etwas zu erreichen und dann tritt plötzlich irgend ein un* glücklicher Zufall, ein sinnloser Zufall ein und raubt ihm mrt einem Schlage die Früchte seiner Arbeit, zerstört ihm sein Leben. Fassungslos steht er dann vor den Trümmern seiner Lebensarbeit und begreift es nicht, daß das geschehen konnte, sucht einen Sinn, eine Erklärung: Kann das wirklich nur Zufall sein oder ist es Schicksal, dem man wehrlos ausgeliefert ist? Ein Beispiel: Ein junger Anwalt bestieg im heurigen Sommer den Großglockner und stürzte tödlich ab. Ein kleiner Fehltritt vernichtet eine Unsumme von Hoffnungen, Plänen und Zielen, Wünschen und Sehnsüchten. Ein sinnloser Zufall zerstört den Lebensinhalt der Eltern, deren einziges Kind, er war und die ihr ganzes Fühlen, Trachten und Streben auf ihn konzentrierten. Kann dieser Schlag von so furchtbarer Tragweite wirklich nur ein sinnloser Zufall sein oder steckt nicht doch auch hierin, so unfaßbar es auch scheinen mag, eine zwangsläufige Entwicklung? Gibt es ein Schicksal, einen vorgezeichneten Weg? Verschiedenartig ist die Einstellung zu dieser Frage, verschieden nach Individualität, Lebenskraft und auch durch die Zeit. Der energische, tatkräftige Mensch wird eher geneigt sein, ein vorher bestimmtes Schicksal abzulehnen, als der willensschwache, der mehr ein Spielball der von außen kommenden Einflüsse ist. Mannigfach sind auch die Wege und Systeme, die das Dunkel schicksalsmäßiger Zusammenhänge zu durchdringen suchen. Einen dieser . Wege bildet die Graphologie, die Charaktererkennung aus den Zügen der Handschrift. Sie ist jedoch nur berufen, das innere Schicksal cUs Menschen zu zeigen, das heißt, den Weg aufzuzeigen, den der Mensch zwangsläufig durch seine angeborenen und erworbenen Eigenschaften und Anlagen beschreiten muß, durch seine Willenskraft, durch seine Intelligenz, durch seine Gewandtheit, seine Art, den Aufgaben des Lebens und den Menschen seiner Umgebung gegenüberzutreten. Sie vermag auch seine konstitutionelle Anlage, seine Neigung und Empfänglichkeit für bestimmte Krankheiten aus der Schrift zu folgern. Die Graphologie ist logisch kritisch erklärbar und damit aus dem Dunkel anderer ähnlicher Wissenszweige, die noch mit mystischen Geheimnissen umgeben sind, hervorgehoben, als exakte Wissenschaft zu bezeichnen. Einen anderen Weg bildet die Lehre der Astrologie. Nach den Gesetzen der Astrologie ist der Mensch ein Teil des Kosmos, des gesamten Weltalls und unterliegt den gleichen Gesetzen, die das Weltall beherrschen. Sie bringt das Schicksal des Menschen in Zusammenhang mit dem Stand der Gestirne zur Stunde seiner Geburt. Sie folgert aus einer bestimmten Gestirnkonstellation auf bestimmte Charaktergrundtypen und damit verbunden ein diesen Charaktertypen entsprechendes Schicksal. Die Gesetze der Astrologie sind uns heute zum Teil noch unerklärlich, wir können es mit unserem logischen Verstand nicht begründen, warum z. B. dem Planeten Saturn ein zerstörender, Unglück bringender Einfluß zugeschrieben wird und dem Planeten Jupiter ein günstiger, Glück bringender. Aber die Astrologie ist eine Erfahrungswissenschaft. Die alten Völker, die die Astrologie aufbauten, waren weit mehr naturverbunden als wir. Sie haben durch viele Jahrhunderte hindurch beobachtet, daß Menschen, die unter einer bestimmten Gestirnkonstellation geboren wurden, ganz bestimmte Charaktere und Schicksale hatten. So entstand die Regelsammlung der Astrologie; Sie ist bis heute unerklärlich geblieben, aber in ihrer praktischen Anwendung unwiderlegbar-, sie haben durch Jahrtausende hindurch ihre Richtigkeit bewiesen. Kommen wir zu unserem Beispiel über den jungen, tödlich verunglückten Anwalt zurück. Verfasser hatte Gelegenheit, seine Schrift und sein Horoskop zu untersuchen. Die Schrift zeigt einen übertriebenen Ehrgeiz, dabei Herzschwäche, krankhafte Nervosität, Unbesonnenheit. Wir sehen also, daß die Katastrophe nicht ganz zufällig entstanden ist. Sie war körperlich und charakterologisch ursächlich bedingt. Noch klareren Aufschluß gibt das Horoskop. Es zeigt in körperlicher und charakterologischer Hinsicht die gleichen Momente wie die Handschriftdeutung. Aber es sagt außerdem noch sehr klar und präzise durch eine sehr eindeutige und nicht anders auslegbare Gestirnkonstellation: Unfallgefahr durch Tollkühnheit. Wir dürfen nun nicht glauben, die Astrologie oder die Graphologie lehre ein starres unabänderliches Schicksal. Sie zeigen nur gewisse Schicksalsdispositionen, die wohl durch ihre Erkenntnis nicht aufgehoben werden, denen man sich aber anpassen kann. Man stelle sich etwa vor, es erkennt einer, daß er von Geburt auf zur Tuberkulose disponiert sei. Mit dieser Erkenntnis wird seine Tuberkulosegeneigtheit nicht aufgehoben. Aber er kann sein Leben so einrichten, daß der Ausbruch der Krankheit vermieden wird. Die Sterne zwingen nicht, sie machen nur geneigt, sagt Astrologie. Ein anderer Grundsatz lautet: Die Sterne regieren den Menschen, aber der Weise regiert seine Sterne. Jeder unserer Leser kann sich des graphologischen Fragekastens bedienen. Dieser wird von dem bekannten Wienet' Graphologen Alfred Kanfer geleitet. Zur Erlangung einer Analyse sind mindestens zehn Zeilen Tinfenschrift sowie Angabe von Geschlecht und Älter erforderlich. Wir berechnen unseren Lesern für eine Analyse nur einen Druckkostenbeifrag von S 1.20, der in Marken beizulegen ist. Es ist ferner ein Kennwort anzugeben, unter dem die Veröffentlichung erfolgt. Einsender, die auf besonders rasche Erledigung ihrer Anfrage Wert legen, legen frankiertes Retourkuverf bei, und erhalfen brieflichen Bescheid. Ausführlichere Analysen gegen Einsendung von Schriftproben und genauen Geburtsdaten sowie S 3.50 in Marken und frankiertem Refourkuverf. Großes Charakterbild S 10.—. Für Ausland internationaler Änfworfkupon. Beantwortung der Anfragen „F i d e 1 i t a S." Schrift wirkt, als hätte mau einem Bären eine Feder in die Pfote gedrückt. Es ist etwas Schwei' -,, Unbeholfenes da, und doch auch wieder Kindliches. Sie werden sich nicht leicht aus der Ruhe bringen lassen, werden sich nicht leicht zu etwas Neuem entschließen und sieh von Ihren Gewohnheiten abbringen lassen, und sind dennoch nicht stumpf und unempfänglich für neue Eindrücke und Anregungen. Eine Maschine, die schwer in Bewegung zu setzen ist, aber dann starke Kräfte entfalten kann. Ihre Schwerfälligkeit macht Sie im Unigang oft unsicher und mißtrauisch, manchmal beeinflußbar, manchmal wieder hart und eigensinnig. Sie sehen im Leben weit größere Schwierigkeiten als tatsächlich vorhanden sind, das wirkt hemmend. Bei all Ihrem äußeren Gleichmut innerlich empfindsamer als man annehmen mag. „B e 11 e v U e." Sparsame, berechnende Natur von gle'chmäßig bedächtigem Wesen. Intelligenzniveau ist hier verhältnismäßig ziemlich gut. Klares, nüchternes Urteil über Menschen und Dinge, keine Illusionen, sachlich. Tatkraft und Streben sind nicht groß, doch ist immerhin ein beharrlicher Wille da. Er ist im allgemeinen vorsichtig, mißtrauisch, auf seine Interessen bedacht, doch wird er, wenn man ihm Wärme und Gefühl entgegenbringt, dafür dankbar sein, eine gewisse Anhänglichkeit bewahren. Ruhiges, freundliches Temperament, doch ist innerlich auch Neid und Verbitterung da. Aerztliches Attest wäre ratsam. 35