Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695766--527-8245991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
VON MONAT ZU MONAT Dr. Desider Friedmann, Präsident der Israelitischen j Kultusgemeinde Wien, wurde in den Staatsrat berufen. | Zum Vertreter der israelitischen Religionsgemeinschaft - im Bundeskulturrat wurde Hofrat Dr. S. Frankfurter i ernannt. Baron Edinond de Rothschild, der Senior der Familie, I starb in Paris im Alter von 90 Jahren Seine großzügige, vornehme Unterstützung aller kulturellen und philantropisdien Bestrebungen ins* j besondere seine Pionierarbeit für Palästina machen seinen Namen in der j Geschichte der Menschheit und des Judentums unvergänglich. Ein Palästinafilm „Heiliges Land-' ist vom Re-j gissetir J. M. Daniel hergestellt worden. Rabindranath Tagore weilte in Palästina. In Mexiko wurde ein jüdisches Theater gegründet. Max Reinhardt traf in Amerika ein und wird in Newyork Franz Werf eis Bibelspiel „Der Weg der Ver-' heißung" inszenieren. i Eine neue Bibelübersetzung ins Deutsche, die, nach zehnjähriger Arbeit nun vollendet ist, wurde in Frankfurt a. M. herausgebracht. \ In Dubno starb Rabbiner Mendel Rosenfeld im Alteri von 109 Jahren. In Holland wurde eine jüdische Arbeitssiedlung zurj Ausbildung jüdischer junger Leute aus Deutschland zwecks! späterer Ansiedlung in Palästina eröffnet. i Der Oberrabbiner von Tunis, Yisser Guez, ist! gestorben. 115 neue Industrieunternehmungen wurden in den ersten sieben Monaten des Jahres 1934 in Palästina gegründet. J 167 illegal ei gewanderte Juden werden In i den palästinensischen Gefängnissen festgehalten. jj Ein Reichsausschuß jüdischer Sportver-fJ bände wurde in Deutschland gegründet. Der erste Weltkongreß für jüdische Wissenschaft wurde für den Sommer 1935 nach Wilna einberufen. Die Oelleitung Mossul—Haifa wurde in Betrieb gesetzt. Der jüdische Volksbund hat der österreichischen Regierung den Antrag auf Errichtung eines öffentlichen jüdischen Schulwerkes gestellt. Die zionistische Exekutive in London verhandelt mit den Vertretern der zionistischen Parteien, um einen Burgfrieden in der zionistischen Weltorganisation herzustellen. 7200 Juden haben seit 1933 Bayern verlassen. In Jerusalem wurden auf der gemeinsamen jüdischen Liste sechs jüdische Stadträte gewählt. In Kairo wurde eine hakenkreuzlerische Organisation „Grünhemden" gegründet. Der Kunstmaler I s a k Israel, der Sohn des Malers Josef Israel, ist in Holland gestorben. Im Tempel dersephardischen Juden in Wien fand ein feierlicher Trauer-Gottesdienst für den ermordeten König Alexander I. von Jugoslawien statt. In Palästina wurde eine Möbel- und Holzbearbeitungsfabrik mit einem Aktienkapital von 18.000 Pfund gegründet, die unter anderem Möbel nach Wiener Muster herstellen wird. Die W i n t e r h i 1 f s a k t i o n in Deutschland wird Juden keine Unterstützung gewähren. Die Synagoge in Herford (Westfalen) wurde von S. A.-Leuten in Brand gesteckt. Das Berliner Jüdische Schul werk weist in diesem Jahre einen Zuwachs von 1800 Schülern auf. Die Juden Polens weisen die niedrigste Geburtenzahl auf; auf 1000 Juden kommen 20.9 Geburten. | Rosa M e 1 z e r, die ehemalige einzige jüdische Abgeordnete im polnischen Sejm, starb in Lemberg im Alter von 54 Jahren. Dizengoff, der Bürgermeister Tel Avivs, erließ einen Aufruf zur Einigung des Jischuws, der mit den Worten schließt: „Verflucht sei der, der die Hand erhebt wider seinen Nächsten!" Johann Kremenezky, Bürger der Stadt Wien und Ehrenbürger der Stadt Tel Aviv, Freund und Helfer Theodor Herzls, starb im Alter von 85 Jahren. Mit ihm verliert das österreichische Judentum einen seiner bedeutendsten Männer. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Polens ist auf Unterstützungen angewiesen. Professor Einstein erklärte, daß er nicht mehr nach Europa zurückkehren werde. Er lehrt jetzt an der Universität in Princetown. In der Türkei fanden Untersuchungen gegen jüdische Persönlichkeiten wegen Verdachtes zionistischer Tätigkeit statt. Seit dem Jahre 1923 ist die zionistische Partei in der Türkei verboten. Das „King D a v i d"-H o t e I in Jerusalem hat die jüdischen Angestellten entlassen. Am 24. Oktober 1934 jährte sich der 150. Geburtstag des großen jüdischen Politikers und Philantropen Moses Montefiore. Die feierliche Grundsteinlegung der Rothschild-Hadassah-Universitätsklinik fand in Jerusalem in Anwesenheit der Vertreter der Palästina-Regierung statt. I n allen Ländern ist ein Rückgang des jüdischen Hochschulstudiums an den Universitäten zu verzeichnen. Die Judentaufen in Wien werden — nach einer Veröffentlichung des Pater G, Bichlmair — zahlreicher, vorn Jahre 1928 bis Juli 1934 betrug die Zahl 447. In den letzten Jahren: 193 I — 27 Judentaufen; 1931 — 43; 1932 — 42; 1933 '—102; die erste Hälfte 1934 152. In Haifa kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Revisionisten und Poale-Zionisten. 23 Personen wurden verletzt. Das P r ä s i d i u m der Wi euer Kultusgemeinde wurde vom Bundeskanzler Dr. Schuschnigg empfangen. Der Bundeskanzler erklärte, daß die Regierung nach wie vor an dem Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsbürger festhalte. Dr. Max Soloweitschik, einst Minister für jüdische Angelegenheiten Litauens, wurde zum Generalkonsul Litauens für Palästina ernannt. Goethes „Faust" wurde in zehnjähriger Arbeit von D. Pininberg ins Jiddische übersetzt. Der „Antisemitische Weltkongreß" tagte in der Schweiz hinter geschlossenen Türen. Es wurde eine antijüdische Weltunion gegründet, die einen antisemitischen Aufruf an alle Völker erließ. Maurice Maeterlinck, der berühmte belgische Dichter und Nobelpreisträger, trat in energischen Worten gegen die Diffamierung der Juden auf. Die Lublincr Jeschiwah ist vom Unterrichtsminister Polens als Hochschule anerkannt worden. Der bekannte Verleger Samuel Fischer starb im Alter von 75 Jahren. Ignatz Goldman n, Oberkantor der israelitischen Kultusgemeinde von Bielitz, der Entdecker der Sängerin Selma Kurz, feierte den 80. Geburtstag. In Aserbejdschan erscheint eine jüdische Zeitung in tatarischer Sprache. Präsident Roosevelt wurde ins Goldene Buch des Keren Kajemeth eingetragen. Zum Generalgouverneur der italienischen Kolonie Somaliland wurde der Jude Ravas ernannt. 30