Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Die „KoscheivEinrichtung" auf den Amerika ~ Dampfern der „Cunard Line Wir haben gerade einen interessanten Bericht über eine Reise nach Amerika von einem Vertreter des „Jewilsh Chronicle" erhalten, der mit den Cunard-Dampfern „Berengaria" und „Aquitania" gefahren ist und sein spezielles Augenmerk auf die Durchführung der Kaschrut an Bord dieser Dampfer richtete. Er schreibt folgendes: Bei meiner Ankunft in Southampton (dem englischen Einschiffungshafen) wurde ich von dem Rev. M.L.Oordon, dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Southampton erwartet, dem Vorkämpfer für die Durchführung der Kaschrut an Bord der Ozeandampfer. Da die „Berengaria" am Samstag auslaufen sollte, wurde mir von der Cunard Line gestattet, mich schon am Freitag an Bord zu begeben, und dort fand ich bereits einige Juden vor, von denen mehrere das rituelle Bad nahmen. Bevor ich mich zum Freitags-Gottesdienst in die Southamptoner Synagoge begab, besuchte ich das Schlachthaus und die jüdischen Nahrungsmittellager des Herrn G r e y, dessen Unternehmen alles koschere Fleisch für die Cunard- Expreßdampfer liefert. Bloß untadeliges Fleisch darf verwendet werden. Dann ging ich in den Raum, in welchem altes Fleisch koscher eingesalzen und gewaschen wird. Mr. Gordon ist während all dieser Vorgänge anwesend und seine beständige Ueberwachung sichert die Vorsorge in vollkommener Uebereinstimmung mit unserem alten Gesetz. Ich war sofort überzeugt, daß das Fleisch und Geflügel von bester Qualität, in einer Weise getötet und zubereitet wird, die die anspruchsvollsten Anhänger der Tradition vollkommen zufriedenstellen muß. Ich sah eine Wagenladung koscheres Fleisch zur „Berengaria" transportieren und Mr. Gordon war dabei, es dem jüdischen Küchenchef auszufolgen, fertig hergerichtet zur Bereitung der Mahlzeit. An Bord hatte ich eine Unterredung mit dem Kapitän der ,,Berengaria", Capt. Sir Edgar Britten RNR., über die ewige Judenfrage. Ob Sir Edgar Antisemitismus bemerkte? Er hörte niemals etwas davon! Es geh >rt dieses Wort nicht in den Sprachschatz des Seemannes. Meiner Meinung nach ist der Jude gerade so viel wert wie sein Nachbar, was sein Bürgertum und seinen unleugbaren Patriotismus angelangt. Dieselbe Meinung fand ich bei allen Schiffsoffizieren und es brauchte nicht lange, um herauszufinden, daß auch die Mannschaft den jüdischen Passagieren freundlich gesinnt ist. Am Sonntag ging ich, begleitet von dem jüdischen Aufsichtsorgan, dem Sohn eines wohlbekannten Rabbi, die ko- €€ Eine jüdische Rundreise in die Neue Welt schere Küche besichtigen, wo der jüdische Koch, Charles Levy, seines Amtes waltet. Ich beobachtete die gewissenhafte Art, in der das Fleisch vollkommen von der Milch ferngehalten wird — getrennte Abteile für die Küchenwäsche, die Tischwäsche, Tonwaren, Bestecke für alles, was mit dem Servieren der Mahlzeiten im Zusammenhang steht —, so daß keine Vermischung mit unreinen Dingen stattfinden kann. Die Ueberwachung der Kaschrut auf den Expreßschiffen der Cunard Line liegt ausschließlich in den Händen der Londoner Ecclesiastical Authorities (Kultusgemeinde) Beth D i n, die von Dr. I. H. Hertz geleitet wird, die treibende Kraft jedoch ist in all diesen Belangen Dr. Asher Feldmann, sein Stellvertreter. Um allen Wünschen Dr. Feldmanns vollkommen zu entsprechen, hat die Cunard Line auf eigene Kosten auf ihren Schiffen eine jüdische Aufsichtsperson angestellt, einen Schomer, der vom „Beth Din" ernannt wird. Der Schomer hat vollkommene Macht über alle Angestellten, die mit der jüdischen Verpflegung zu tun haben. Laßt uns den Schomer bei seiner Arbeit betrachten: Der Chefkoch reicht ihm die vorgeschlagene Menükarte für das Mittagmahl, um zu konstatieren, daß keine ungeeignete Nahrung serviert würde. Der jüdische Koch bereitet darauf die Mahlzeit, wobei der Schomer zusieht. Jüdische Kellner decken die Tische. Der Schomer ist dabei, um zu* sehen, daß, wenn es sich um eine Fleischmahlzeit handelt, auf jedem Messer, jeder Gabel, jedem Löffel» auf den Schüsseln, Tellern und Tassen sich der Aufdruck „Koscher für Fleischspeisen" befindet. Alle Geräte, die an der jüdischen Tafel verwendet werden, gelangen zu keiner anderen Bestimmung, und wenn unbenützt, werden sie unter Verschluß gehalten. Wenn die Mahlzeit serviert werden soll, begibt sich der Schomer in die koschere Küche und inspiziert jede Speiseplatte, die in den Speisesaal getragen wird. Keine Mahlzeiten werden am Sabbath gekocht, die Speisen warm erhalten mittels aller wohlbekannten jüdischen Methoden. Ich fand es selbst möglich, daß volle koschere Mahlzeiten auch in dem Speisesaal der ersten Klasse serviert werden. Als ich in der „Aquitania" die Rückreise antrat, fand ich dort dieselbe sorgfältige Vorsorge in bezug auf koschere Kost. Ihre koschere Küche ist in ihrer Art ein Modell. Der Leiter ist der jüdische Küchenchef Max Frceman, der alles weiß, was über jüdische Küche zu wissen ist. Der Schomer an Bord ist ein gewiegter Talmudist, namens Max Erblick. Er ist das, was ein jüdischer Kontrollor sein muß: er ist sehr streng und genau in seinen Forderungen und daher ist Kaschrut ein hundertprozentiger Erfolg. Am Sonntag, dem ersten Tag Schabuoth, feierten wir Juden einen Gottesdienst in der improvisierten Synagoge, der eine große Gemeinde fand und großen Erfolg hatte. Rabbi Erblick leitete den Gottesdienst. Danach gaben die Schiffsoffiziere den jüdischen Passagieren ein Festdjier und das Schiffsorchester spielte speziell für diese Gelegenheit ein Programm mit jüdischer Musik. Ich möchte schließen, indem ich sage: Wenn du ein strenggläubiger Jude bist, dann wird dich Kaschrut an Bord der Cunard-Expreßdampfer vollauf befriedigen. Ich nenne es das vollkommenste System der Kaschrut, das es jemals auf hoher See gab! 28