Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695763--401-8245912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
K D IM P1 Ig g Ii B TTHJIM © Der Judenfels im Mittelmeer Nach einer sage Frau Sage hat ihren geheimnisvollen Mantel um den Judenfels im Tyrrhenischen Meer gewoben. Dort, nicht weitab von der italienischen Küste, ragt ein Fels aus den Wassern. Es war um das Jahr 1300. In Frankreich regierte Philipp der Schöne. In Marseille lebte ein junger Arzt namens Nathan. An einem Freitagabend geschah es nun, dali seine junge, schöne Frau vergeblich auf ihn wartete. Die gewohnte Zeit seiner Heimkehr war längst verstrichen. Unruhig spähte sie aus dem Fenster in den sinkenden Tag. Es waren unruhige Zeiten und die Sorge der jungen Frau war wohlbegründet. Plötzlich wurde die Türe hastig aufgerissen und ihr Gatte stürzte mit allen Anzeichen des Schreckens in das Zimmer. „Was ist geschehen?" rief sie zitternd. „Wir müssen fliehen!" sagte er leise. „Morgen früh geht ein Schiff nach Neapel, das müssen wir erreichen. Ein hoher Würdenträger der Kirche, den ich behandelte, ist unter allen Anzeichen einer Vergiftung gestorben. Man wird das zum Vorwand nehmen, um mich zu verderben. Mache dich auf der Stelle fertig. Ich will sehen, was von unserem Besitz zu retten ist." „Aber die Kinder!" schrie sein Weib. „Sie sind zu klein und können nicht bei Nacht und Nebel fliehen!" Daran hatte der junge Arzt nicht gedacht. Schreck erfaßte ihn. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und herein kam Abraham, der alte, treue Diener. Sie fragten ihn um Rat. „Ich sehe nur einen Ausweg" sprach dieser; „das ist die Flucht noch heute Nacht. Flieht mit eurer jungen Frau. Die Kinder aber überlaßt mir. Wenn etwas Zeit verstrichen ist, dann bringe ich sie euch nach Neapel." Die Mutter weinte bitterlich, aber sie erkannte, daß das der einzige Ausweg war und darum fügte sie sich in das Unvermeidliche. Im Dunkel der Nacht verließ zuerst der alte Abraham mit den zwei Kindern das Haus. Als sich die Türe hinter ihnen schloß, war es der Mutter, als müßte sie zusammenbrechen. Mit sanfter Gewalt hob sie ihr Mann hoch und eilte mit ihr auf Umwegen zum Hafen. —-- Kaum ein Jahr war vergangen, da schritt eines Abends ein alter Mann durch die Straßen von Marseille. Auf seinem Arm, eng an ihn geschmiegt, saß ein liebliches kleines Mädchen und an der Hand führte er einen kleinen Jungen von vielleicht fünf Jahren. Mit schnellen Schritten ging der Alte durch die Straßen, manchmal scheue Blicke um sich weilend. „Onkel Abraham," fragte der Knabe, „müssen wir noch weit gehen?" „Wir sind gleich am Hafen, mein Kind" entgegnete der Alte. „Und in unser liebes Dorf kommen wir gar nicht mehr?" „Nein. Aber dafür gehen wir morgen auf ein großes, schönes Schiff, das uns zu den Eltern trägt." Endlich betrat der Alte mit den Kindern ein Haus in der Nähe des Strandes. Fr fragte nach dem Kapitän Rodrigue. (deich darauf trat dieser ein und fragte den Fremden nach seinem Begehr. Abraham stand einer. Moment unbeweglich, dann zog er mit einer raschen Bewegung die Kapuze vom Kopf des Knaben, so daß sein Gesicht frei von der schräg durchs Fenster fallenden Sonne beschienen wurde. „Sähet ihr jemals ein ähnliches Gesicht?" Da erkannte der Kapitän in den Zügen des Kindes das Gesicht seines Lebensretters, der ihn einst von schwerer Krankheit befreit hatte, w ieder. Und er fragte nach seinem Schicksal. Als er dieses erfuhr, versprach er, sich der Flüchtlinge anzunehmen. I )as Schiff stach in See. Es waren nicht viele Passagiere an Bord. Abends zogen schwere Wolken am Himmel herauf. Es begann in den Lüften zu heulen und zu brausen. In der Nacht brach das Ungewitter los. Das Schiff wurde von den Wellen emporgerissen und wieder in die Tiefe geschleudert wie ein Spielball. Die Taue rissen, der Mast zerschellte, die Mannschaft kämpfte vergebens gegen den Sturm. Die Menschen begannen zu schreien und warfen sich wehklagend auf den Boden. Ein junger Mönch aber rief: „Tut Buße, bereut eure Sünden, denn euer Ende ist nah. Gewiß ist einer unter uns, der eine schwere Schuld auf sich geladen hat, um seinetwillen müssen wir untergehen." Rodrigue, der Kapitän, sah ihn starr an und ging dann zur Seite. Da trat ihm ein Matrose in den Weg Uttd fragte ihn nach jener einen verschlossenen Kajüte, die niemand betreten durfte, aus der fremde Laute kamen. „Welches Geheimnis verbergt ihr dort? Sagt es oder wir sprengen die Türe!" Alle drangen in den Kapitän, der sich lange wehrte, aber getrieben von den rasenden Leuten rief er endlich: „So sollt ihr es denn hören: Drei Juden birgt die Kajüte, die Kinder des Arztes Nathan, der den Bischof vergiftet haben soll. Sie sind in der Kajüte mit ihrem Diener." 39