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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 30

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 30 (sequence 32)
Language
German
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VON MONAT ZU MONAT Eine psychiatrische Lehrkanzel wird an der Universität zu Jerusalem errichtet werden. Die Leitung derselben soll der Wiener Universitätsprofessor Dr. Martin Pappenheim erhalten. Der „Gesetzgebende Rat" („Legislative Council") in Palästina wird noch im Jahre 1934 geschaffen werden. Die Juden Palästinas lehnen eine Beteiligung ab. Japan beabsichtigt, 50.000 Juden aus Deutschland in Mandschukuo anzusiedeln. Die Ueberschwemmungskatastrophe in Galizien erforderte 50 jüdische Todesopfer. Der alte jüdische Friedhof Roms wird aufgelassen. Mussolini besuchte vor einigen Tagen diese ehrwürdige historische Stätte. In Estland und Lettland schreiten die Behörden gegen die antisemitische Preßkampagne ein. In Genf tagte die III. jüdische Weltkonferenz, deren Verhandlungen angesichts der schwierigen Lage der Juden in vielen Ländern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden. Unter den zahlreichen Begrüßungsschreiben ist jenes des französischen Außenministers B a r t h o u durch seine Herzlichkeit besonders beachtenswert. Aus Oesterreich nahmen die Herren Ing. Robert Stricker, Dr. Israel W a 1 d m a n n und Theodor Grubner an der Konferenz teil. Die Verfolgung der illegalen Einwanderer in Palästina wird mit unverminderter Schärfe fortgesetzt. Auf dem Kongreß des „Internationalen Institutes für intellektuelle Zusammenarbeit beim Völkerbund" in Venedig, waren über 20 Länder vertreten. Von bekannten jüdischen Persönlichkeiten nahmen teil: Emanuel Löwy (Oesterreich), George Waldemar (Frankreich), Prof. Husarski (Polen) und Bela Bartok (Ungarn). Leontine Sagan, die bekannte jüdische Regisseurin aus Berlin, ist nach Amerika berufen worden. Der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in Palästina machte am 1. Juli 1934 23.8«'o der Gesamfbevölkerung des Landes aus. (265.000 Seelen.) Eine neue Misrachi-Organisation wurde in Palästina unter dem Namen „Hamisrachi Ha'Watik" gegründet. Das Kuratorium der Hebräischen Universität tagte in Zürich. Die Universität zählte im letzten Semester 545 Studenten und Hörer. Die bekannte zahnheilkundliche Büchersammlung des ehemaligen Professors an der Rostocker Universität, Doktor Hans Moral, wurde der „Jüdischen National- und Universitätsbibliothek" zu Jerusalem einverleibt. Die Bauarbeiten für das neue Theatergebäude der hebräischen Bühne „Habimah" in Tel-Aviv haben schon begonnen. Das Theater, dessen Baukosten auf pal. L 30.000.- veranschlagt sind, wird 1100 Zuschauern Platz bieten. Hagibor - Prag ging zum viertenmal als Staatsmeister im Schwimmen hervor. Anläßlich des Todes des Reichspräsidenten von Hindenburg veranstalteten die jüdischen Organisationen Deutschlands Trauerversammlungen. Vladimir Jabotinsky forderte in einem Brief die Zionisten-Sozialisten zu Friedensverhandlungen auf. Die türkische Regierung hat die vor kurzem gegründete antisemitische Zeitung „Milli Inkilap" verboten. Das Schächtverbof in Oberschlesien ist auf Grund des Genfer Abkommens aufgehoben worden. In der New-Yorker Synagoge haben unbekannte Täter über hundert Gebetbücher vernichtet. Major H. L. Nathan, das bekannte jüdische Unferhausmitglied, wurde zum stellvertretenden Grafschaftsstatthalter von London ernannt. Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, vollendete sein 50. Lebensjahr. In Polen wurden viele „Sabbafhschulen", das heißt Volksschulen, in denen an jüdischen Feiertagen kein Unterricht erteilt wird, von den Behörden geschlossen. Der rumänische Ministerpräsident Tatarescu erklärte, daß seine Regierung die Interessen aller Minderheiten schützen werde. In Oslo fand der Kongreß der jüdischen Jugendorganisationen der nordischen Länder (Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland) statt. Der Weltverband der Allgemeinen Zionisten hielt in Krakau eine außerordentliche Konferenz ab, auf welcher gegen den Radikalismus von rechts und links Stellung genommen wurde. Die vier jüdischen Stadträte von Haifa wurden wieder gewählt. ft£ Der Bericht der Mandat-Kommission an den Völkerbund ist allen Mitgliedsstaaten des Völkerbundes zugestellt worden. In Biro - Bidschan wurde ein provisorisches Organisationskomitee (sechs Juden und ein Russe) eingesetzt. Dr. Hugo Spitzer, Ehrenpräsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden und des Zionistenverbandes in Jugoslawien, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Kardinal Faulhaber predigte in München neuerlich gegen den Judenhaß. Der Sekretär der „Alliance Israelite Universelle", Jacques Bigarf, ist in Paris gestorben. In Jerusalem wurde eine neue Werkschule für Kunst und Handwerk „Bezalel Hechadasch" gegründet. Als Leiter wurde der Maler und Graphiker Josef B u d k o berufen. Salman Schocken hat einen Bialikpreis von 300 Pfund jährlich für hebräische Schriftsteller gestiftet. Der Wunderrabbi von Radzimno ist gestorben. In Constantine (Algier) wurde das Judenviertel von Arabern überfallen. Mehrere Todesopfer sind zu beklagen, die Zahl der Verletzten ist sehr erheblich. Die jüdischen Geschäftsläden und Wohnungen wurden geplündert und zerstört. Der Progrom wütete mehrere Tage. Da Constantine als Garnisonstadt über entsprechende Militär- und Polizeikräfte verfügt, wird wegen des untätigen Verhaltens der Behörden Untersuchung gefordert. Die Juden Böhmens im Rückgang. Im letzten Heft der Zeitschrift „Statisticky Obzor" beschäftigt sich Dozent Dr. Bokac mit der beruflichen Schichtung der jüdischen Bevölkerung Böhmens, die bei der Volkszählung im Jahre 1930 76.301 Köpfe zählte, d. i. um 3476 Köpfe oder 4.36«o weniger als 1921, wobei der Anteil des Judentums an der Gesamtbevölkerung des Landes von 1.2 auf 1.07 °,'o zurückging. 30

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