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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 26

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 26 (sequence 28)
Language
German
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„Avodath Hakodesch'' Wenn Menschen in Not sind, so wenden sie sich an Gott. Es muß nicht materielle Not sein, die seelische ist ein größerer, ausschlaggebender Faktor. Wie Beethoven in seiner Missa all seinen Schmerz dem höheren Wesen, das über uns herrscht, anvertraute, so hat Ernest Bloch, der Schweizer Komponist, sein Genie als Lautsprecher des jüdischen Volkes erfolgreich angewandt. Sein „Ävodath Hakodesch" ist der alte, immer wiederkehrende Schrei Israels zu seinem Gott. Gerade in einer Zeit, wo es den Juden schwer gemacht wird, sich zu ihrer Religion, zu ihrem Gott zu bekennen, erstand ihnen ein Werk, daß sie leicht zu einer einzigen homogenen Masse verschmilzt. Das Werk Blochs ist nicht eine durchdachte Komposition, aufgebaut auf Kontrapunkt, es ist nichts anderes, als die Enthüllung von Blochs tiefem, religiösem Suchen, der natürliche Ausbruch seiner Kunst. Es ist das überzeugend beredte, bedrängte, unselige und ergreifende Lied Judas. Weil es so edel den Glauben eines Volkes ausruft, ist es durch seine Ernsthaftigkeit zwingend überzeugend. Bloch schrieb sein Werk in fünf Teilen mit nur sehr kurzen Pausen zwischen den einzelnen Teilen. Der Text stammt aus mehreren jüdischen Büchern und die bekannte Wechselrede zwischen Kantor und Gemeinde wurde angewendet. Die Besonderheit der Rede und Gegenrede erwächst natürlich aus dem hebräischen Stil, der ein charakteristisches Merkmal antithesischer Phrasen ist. Die musikalische Beschaffenheit des Werkes unterscheidet sich nicht viel von den zeitgenössischen, hebräischen Liedern. Manchmal gibt es die gregorianischen Lieder wieder, genau so wie alle jüdische Musik der nachambrosianischen Zeit, da alle jüdischen Kompositionen viel von der Musik der Länder, in denen Juden wohnen, beeinflußt wurden und werden. Manche Teile dieses Werkes erinnern an den russischen Gottesdienst, doch der gesamte Eindruck ist der eines durchaus hebräischen Werkes. Die Musik hat teils den Triumph, teils die Melancholie Judas. Der Chor ist mit häufigem Wechsel im Tempo und dadurch mit Elastizität des Rhythmus ausgestattet, während der kantorale Teil an die von altersher angewandte Weise des Tempels angelehnt ist. Die Stimmen sind meisterhaft verteilt und der zeitweise hinzutretende Sopran und Alt verleihen eine größere Vielfältigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Obwohl man es mit einem Werk zu tun hat, das seinen Ursprung im Tempel hat, kann man nicht umhin, zu bemerken, daß es doch nicht ein solches für den ausschließlichen Gebrauch des Gottesdienstes ist. Man kann es nicht schlechthin auf seine ursprüngliche Stelle zurückweisen, es fordert vielmehr von selbst, kraft seiner Treue und Ueberzeugung alle jene zur Anerkennung auf, die an ein höheres Wesen glauben. Und ohne Zweifel wird dieses Werk von den Musikkennern und Liebhabern aller Völker, ohne Rücksicht auf Religion, als das aufgenommen werden, was es ist: Eines der größten Chorwerke unserer Zeit. New York, im August 1934. Hertha Deutsch. Rabbiner Prof. Dr. Karl Kupfer Leiter des Volksbildungsreferates für das Judentum in Wien Der Volksbildungsreferent des Bürgermeisters von Wien, Prof. Dr. Karl L u g m a y e r, hat den Rabbiner Professor Dr. Karl Kupfer zum Leiter des Volksbildungsreferates für das Judentum in Wien ernannt. Mit Professor Kupfer wurde zweifellos eine tief im Judentum wurzelnde, von ungeheurem Schaffensdrang beseelte Persönlichkeit herangezogen. Ein hervorragender Pädagoge und Jugendbildner, hat er in den letzten Jahren seine Arbeit in den Dienst der Sträflingsseelsorge gestellt und übt dieses Amt mit Liebe und Selbstaufopferung aus. Er gilt als der maßgebendste jüdische Fachmann auf diesem Gebiet. Wir dürfen mit Stolz Professor Dr. Kupfer unseren Mitarbeiter und Freund nennen und wir ergreifen umso freudiger die Gelegenheit, ihm anläßlich seiner Ernennung die herzlichsten Wünsche aller Gutgesinnten öffentlich zu überbringen, daß er auch in seinem neuen Wirkungskreis, getragen von dem Vertrauen und Verständnis des Wiener Judentums, so erfolgreich schaffen möge wie bisher. 26

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