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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. Seite 30

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 30 (sequence 32)
Language
German
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<£eo pXtiskeh Der Leichnam Pinskers wurde vor einigen Wochen heimlich vom Odessaer Friedhof ausgegraben, aus Rußland hinausgeschmuggelt und mit großen Feierlichkeiten in Palästina begraben. Die intensive Beschäftigung mit dem Judentum hat zwangsläufig zum Problem der nationalen Lösung der Judenfrage geführt ein schlagendes Beispiel hiefür ist die Haskalah-Bewegung, die die Juden auf „zivilisatorischem Wege" dem Russentum näherbringen und sie in den Strom der damaligen allgemeinen Kulturbewegungen einbetten wollte. Je mehr Boden diese Bewegung im jüdischen Volke gewann, desto nationaler wirkte sie. Die hebräische Sprache, anfangs dazu bestimmt, als Verständigungsmittel mit der Masse zu dienen, fand allmählich Liebe und Verständnis. Die Haskalah löste bei den russischen Juden die Wirkung aus, daß die Chowewe-Zion ihre Ideen mit umso größerer Durchschlagskraft verbreiten konnte. So kann man die Haskalah als Vorboten der Chowewe-Zion und damit als Einleitung zum modernen Zionismus bezeichnen. Leo Pinsker, als geistiger Führer der Chowewe-Zion, leitet also zum modernen Zionismus über. Eine besondere Erscheinung! Moses, Pinsker, Herzl zeigen eine gleichartige Entwicklung, sobald sie in die Geschichte ihres Volkes eintraten. Alle drei waren in assimilatorischem Sinn erzogen: Moses von ägyptischen Priestern, Pinsker von russischen Lehrern, Herzl an einer deutschliberalen Universität. Und alle drei empfingen die gleichen Impulse die jüdische Not, das tragische Schicksal der Juden, den tiefen Haß gegen sie. Moses sah, wie ein vYegypter einen sklavisch arbeitenden Juden schlug. Pinsker war Zeuge der Judenpogrome des Jahres 1891. Herzl erlebte den Dreyfusprozeß. Moses verkündete die „Zehn Gebote", Pinsker schrieb die „Äutoemanzipation" und Herzl dichtete den „Judenstaat". Leo Pinskers Vater war ein angesehener Odessaer Haskalah-Schriftsteller, der zahlreiche Werke in hebräischer Sprache verfaßte. D,er Sohn (geb. 1821) studierte anfangs Jus, wendete sich später in Moskau dem medizinischen Studium zu. Hier in Moskau tauchte er in den Kreis jener, die die Russifizierung der Juden propagierten und wurde selbst ein Anhänger dieser Bewegung. Während des Krimkrieges leistete er ärztliche Dienste, für die er, ein Jude in Rußland, mit einem hohen Orden ausgezeichnet wurde. Die Judenprogrome von 1871 machten ihn in seiner Äufklärungsgesinnung schwankend und als nach der Ermordung des Zaren Nikolaus wieder allenthalben Pogromwolken über Rußland hingen, fand er, unter dem Eindruck der ungeheuren seelischen und physischen Judennot, sich selbst. Die Frucht seiner Einkehr ist die „Äutoemanzipation" vom Jahre 1882. Ruhig und ernst, wie ein Arzt die Symptome einer Krankheit feststellt und deren Heilmittel vorschreibt, so analysierte er die Ursachen der Judennot, um zur einzig möglichen Lösung der Judenfrage, der Selbstbefreiung, zu gelangen. Die Größe des Gedankens fand die Größe der Sprache: „Das auserwählte und heilige Volk für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Eingesessenen ein Landstreicher, für die Besitzenden ein Bettler, für die Armen ein Ausbeuter und Millionär, für die Vaterlandstreuen ein Vaterlandsloser, für alle Klassen ein verhaßter Konkurrent." „Unser Vaterland die Fremde, unsere Einheit die Zerstreuung, unsere Solidarität der allgemeine Haß, unsere Waffe die Demut, unsere Wehr die Flucht, unsere Originalität die Anpassung, unsere Zuflucht der nächste Tag." Es gibt nur ein Mittel: Selbstbefreiung. Wieder eine Nation werden, auf eigener Heimaterde! Die zerstreute Chowewe-Organisation faßte Pinsker zusammen und schuf damit ein geistiges Zentrum für das zum nationalen Bewußtsein erwachte russische Judentum. Mitten in der Arbeit wurde er vom Tode ereilt. Aber sein Wirken brachte jene Kräfte in Bewegung, die aus seiner Botschaft „Selbstbefreiung" die große Parole „Zionismus" schufen. Josef ben Mosche. Ring der Altherren-Verbände der Zionistischen Verbindungen. Gesellige Zusammenkünfte: Es wurde beschlossen, an jedem zweiten Montag im Monat, erstmalig am 10. September 1954, gesellige Zusammenkünfte samtlicher A.-H. aller Verbindungen zu veranstalten. Näheres wird noch rechtzeitig bekanntgegeben werden. Ä.-H.-Tagung und Makkabäerfeier: Es wurde beschlossen, im Dezember des heurigen Jahres eine Makkabäerfeier als große repräsentative Veranstaltung des Ringes, verbunden mit einer A.-H.-Tagung durchzuführen. Näheres wird noch verlautbart. Organisationsreferat: Dieses Referat hat Bb. Dr. Otto Lifczis (Kadimah) übernommen. Sporfreferaf: Der Referent, Bb. Dr. M. Harnik (Robur), ersucht alle Bb., die sich für einen der Sportzweige: Leichtathletik (Gymnastik), Schwimmen, Fechten, Ringen und Boxen interessieren, ihre genauen Anmeldungen (auch von den Angehörigen) dem Sekretariat des Ringes bekanntzugeben. Der Sportklub Hakoah hat sich bereit erklärt, uns die Trainingsmöglichkeiten zu geben. Bb. Dr. Max Kiewe (Unitas) wurde eine hohe rumänische, staatliche Auszeichnung verliehen. Das Präsidium hat ihm hiezu die herzlichsten Glückwünsche übermittelt. Paläsfinareferaf: Bb. Charmatz (Makkabäa) erfeilt allen Interessenten jeden Dienstag während der Sekrefariafsstunde von 16 bis 17 Uhr in unserem Sekretariat I, Biberstraße 17 (F. C. Hakoah) bereitwilligst Auskünfte. 30

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