Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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mählich, was sie durchzusetzen beabsichtigten, und die Ordnung triumphiert! Außer den Exzellenzen, der Urbevölkerung und den Juden — letztere zur Ablenkung der Leidenschaften — gab es in dem Lande auch gute Menschen, und diese, sechzehn an der Zahl, versammelten sich nach jedem Pogrom und wendeten sich mit einem) schriftlichen Protest an die Welt: „Obwohl auch die Juden russische Bürger sind, sind^ wir trotzdem überzeugt, daß es nicht in Ordnung ist, sie vollständig auszurotten, und wir rügen hiermit das schrankenlose Töten lebendiger Menschen." Hierauf folgten d;e Unterschriften, darunter auch die des Grischa Budustschew, eines siebenjährigen Kindes. Und so war es nach jedem Pogrom, mit dem ^inen Unterschied, daß Grischa immer älter wurde. Manchmal reagierte auch die Provinz auf diese Proteste und es schlössen sich ihm einzelne Personen an. Dann hieß es: „Ich fühle mit und schließe mich an. Samogrisoff u. A." — wobei einem jeden klar war, daß er dieses „u. A." bloß aus Wichtigtuerei erdacht hatte, denn in seinem Orte gab es keine „Anderen". Als die Juden die Proteste lasen, weinten sie noch bitterlicher, bis einmal einer von ihnen, ein ganz Schlauer, folgenden Vorschlag machte: „Wißt ihr was? Vor dem nächsten Pogrom verstecken wir alles Papier, alle Federn und alle Tinte, und dann werden wir sehen, was sie anfangen werden, diese sechzehn Mann mit dem Grischa!" Die Juden halten bekanntlich zusammen. Gesagt — getan, sie kauften alles Papier auf, verbargen alle Federn, schütteten alle Tinte ins Schwarze Meer und warteten. Milenko Jakovljevic (Jakobini) Der ausgezeichnete jugoslavische Tenor Milenko Jakovljevic (Jakobini) veranstaltete jüngst mit großem Erfolg einen Lieder- und Arienabend im Wissenschaftlichen Klub. Der junge, überaus talentierte Künstler fand großen Beifall bei Publikum und Presse und hat bereits verschiedene Anträge für Konzerte und Operngastspiele in der Tschechoslovakischen Republik erhalten. Nun, allzulange brauchten sie nicht zu warten: die Erlaubnis wurde eingeholt, der Pogrom veranstaltet, die Juden füllten die Spitäler und die Menschenfreunde liefen in ganz Petersburg herum und suchten vergeblich Papier und Federn — es war nirgends zu haben; es sei denn in den Kanzleien der Exzellenzen, die es aber nicht hergaben. „Sehet nur," sagten sie, „wir wissen schon, wozu ihr das Papier benötigt! Nein, es wird auch ohne Papier gehen!" Grischa — er ist bereits 43 Jahre alt — weint: „Ich will plotestielen!" Und man fand nichts, worauf man hätte schreiben können. Einer von ihnen meinte finster: „Vielleicht auf den Planken?" Ja, in Petersburg gibt es aber keine Planken, bloß Gitter. Schließlich fanden sie einen verfaulten Zaun, ganz draußen außerhalb der Stadt. Kaum begann der eine von ihnen mit Kreide den ersten Buchstaben zu schreiben, erschien, wie vom Himmel gefallen, ein Schutzmann, und er sprach 'zu ihnen: „Was soll das heißen? Wenn Schuljungen so etwas tun, werden sie übers Knie gelegt — und Sie sind doch schon erwachsen, sozusagen Herren — schämen Sie sich nicht?" Er hatte ihr Tun natürlich nicht begriffen, siq aber fühlten sich doch blamiert und gingen nachhause. Und so gab es diesmal nach einem Pogrom keinen Protest und die Menschenfreunde blieben ohne Genugtuung. Aber die Menschen, die sich auf Rassenpsychologic verstehen, haben verteufelt recht: die Juden sind ein schlaues Volk. Zum Todestage Herzls Soeben erschienen Theodor Herzl Des Schöpfers erstes Wollen Von Josef Fränkel Hier wird an Hand bisher unbekannter Briefe und Dokumente Herzls Leidensweg als Dramatiker geschildert, ein Weg, der den ehemaligen Couleurstudenten der deutschen Burschenschaft »ALBIA« zwangsläufig zum Schöpfer des Judenstaates werden ließ. ELEGANTER LEINENBAND MIT REICHEM BILDERSCHMUCK...........S 5-25 CID A VERSANDBUCHHANDLUNG I^J^^Wien, VI., Gumpendorferstr. 10 Telephon B 24-9-78 24