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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. [Seite]

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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WDIMI® üUPDSCIHIiS IFA MO IL öl M ilÄTT Redaktion und Verlag: Wien I., Petersplatz 7 Telephon U-21 0-17 2. Jahrgang_Tham. Ab 5694 - Juli 1934_Nummer 9 Trauer oder Erlösung Betrachtungen ZUm 9. Ab von Prof. Michael Irrgang (Wien) Alle Festtage sind uns ein Mahnzeichen für die Zerstörung unseres Heiligsten, in allen Gebeten klingt das Erinnern an die Vertreibung aus dem Lande unserer Väter durch. Zweitausend ]ahre des Fernseins und ebensoviele Jahre trolzigen Glaubens an die Wiederkehr geben unserer Geschichte den einzig-jüdischen Charakter. Unser Kalender weist auf all diese Leiden und Opfer und Hoffnungen hin. Er will uns aber nicht glauben machen, dal! die Zerstreuung, die Heimat^ losigkeit — die sdiicksalsgewollte Form unserer Existenz ist. Der 9. Ab will mehr sein als ein Anlaß, an historische Dinge anzuknüpfen. Mit ihm begann die jüdische Verbannung und mit ihr wiederum die judenfrage. Die Gesdiichte des jüdisdien Volkes bezieht einen ihrer Impulse aus den Sdirecknissen der wilden Straßenkämpfe im brennenden Jerusalem, um beim Ieizten Rest des Tempels, der Klagemauer, ein wenig rückblickend zu verweilen. Rings um denTisdia b'aw spinnt sich das unergründlidie Verlangen der jüdisdien Seele nadi religiöser Ekstase. Auf wieviel Wegen versudite man, die judenfrage einer „Lösung" zuzuführen? Auf wieviel Wegen die Unzerstörbarkeit des jüdisdien Wesens in der Welt zu untergraben? Politisdie Ent^ rechtung, wirtschaftlidier Boykott, religiöse Taufbewegung, moralische Ächtung waren die Mittel, das zerstreute jüdisdie Volk die Vergänglidikeit seiner traditionellen Werte fühlen zu lassen. Umsonst. Uber alle Leiden und Leidenschaften, über alle zeitweilige Verfehlungen und Gebresten triumphierte der Gedanke, daß das Leben in der Zerstreuung nur ein bedingtes sei und von einem reicheren, seelisch und volkhaft tieferen abgelöst würde — dort rings um die Klagemauer, die der 9. Ab alljährlich uns zum Bewußtsein bringt. Seit dem ersten Tischa b'aw zogen viele Völkerstämme durch das Land: Römer, Byzantiner, Araber, Ägypter, Türken, Kreuzritter. Und alle waren bloßDurdiwanderer, Unseßhafte, Nomaden... Das Land blieb hebräisch. Die Fremden hatten keinen Sinn für eine seelisdwölkische Verwurzelung. Die palästinensisdie Sdiolle versagte sidi ihnen, als hätte sie den Wunsdi, sidi den späteren jüdisdien Pionieren aufzubewahren, jenen Generationen, die den jüdisdien Volksgedanken, den palästinensischen Staatsgedanken zur Reife bringen. Trauer durchzieht die jüdische Welt. Der 9. Ab ist ein düsteres Mahnzeichen für uns alle, die im Chaos dieser Zeit als aufredete, traditionsstolze, volksbewußte Juden leben wollen. Noch nie war die Zeit so reif zur Entsdieidung wie heute. Das Gedenken des 9. Ab führt uns alle zu einem Kristallisationspunkt zusammen. Der Sinn der Geschidite wird uns lebendig. Wir fühlen die große Aufgabe, die uns überantwortet ist, wir stehen vor der Schicksals frage: Wird die Klagemauer in Jerusalem Ruine bleiben oder der Grundstein zu einem neuen Tempel werden? Wird der Tischa b'aw immer als Tag der Trauer bleiben oder der Beginn neuen Erlösungswillens werden?

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