Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 34 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695755--085-8245682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eines soeben in der Nähe vorüberrollenden Güterzuges einer Schmalspurigen Feldbahn schwingen. In diesem von einein Oefchen angenehm durchwärmten Wagen saßen auf langen Bänken einige Leute und so konnte ich, nachdem ich noch nachträglich bei dem im Wagen anwesenden Beamten der Zuckerfabrik, der diese Liliputbahn gehört, die Erlaubnis /ur Mitfahrt eingeholt hatte, Vergleiche zwischen dieser und einer ähnlichen Feldbahn auf ähnlichem Terrain anstellen, die ich während des Weltkrieges im galizischwolhynischen Grenzgebiet gesehen und befahren hatte. Auch hier befinde ich mich förmlich in einer Art von Kriegsgebiel, wenn dies auch nur für die paar .luden zu gelten scheint, die noch auf schwierigem 'Posten ausharren. Schon in Spacz.a hatte ich von einem Gutsvervvalter TN gehört, der in den Umsturz tagen bei Nacht, bloß mit einem Hemde bekleidet, hatte Iiiehen müssen, und in Kroupa sollte ich noch mehr von dem Martyrium dieser Landjuclen erfahren, von dem in die große Welt kaum flüchtige Kunde drang. Nach kurzer fahrt hat die Feldbahn ihr Ziel an einem im weiten Felde allein dastehenden Häuschen erreicht. Fs beginnt bereits zu dunkeln und ich muß, da alle anderen Leute an Ort und Stelle bleiben, um Zuckerrüben zu verladen, allein in der mir angegebenen Richtung weilermarschieren. Bald ist weder Mensch noch Haus mehr zu erblicken, von den Bergen im Westen ist nur mehr ein schwache.-'Dunslschiinmer sichtbar und in dieser Einsamkeit winterlicher Dämmerstunde schleichen bange Gedanken herauf, ein Gefühl von der Art, wie es der Erzvater Abraham in der Stunde der Berufung und Verheißung empfunden halte. Ging ja auch ich Schicksalen nach und fühlte die ungew isser /iukunfl gleich dem Stamm- Alleinsein mit dem Zwiesprache eines als in ersten 11 ich mich einer iiuser mit /eilenwende in diesen Geburtsstunden darum vielleicht umso lebhafter. Lud vater drängle es auch mich in diesem ewigen Lenker des Hebräerschicksals zur Gebets. Die Nach! war bereits herabgesunken, Vertiefung des Bodens fast unvermittelt die von Dolni-Kroupa auftauchten. Bald befand echt jüdischer Gastfreundschaft aufgenommen, im Hause des Dorfkrämers Diamant. Noch im Laufe des Abends erfuhr ich von ihm, einem Angehörigen der uns schon bekannten weitverzweigten Familie, die auch hier einen ihrer Stammsitze gehabt hatte, so manches aus der jüngeren und auch aus der älteren Geschichte von Familie und Gemeinde. Noch jetzt hatte er sich gleich den übrigen noch im Orte verbliebenen .luden nicht von den Plünderungen des Winters 1918 Ü erholt. Ich hörte manches Detail über diese Schrekkenstage, die einen Abgrund der Vertiertheit offenbarl und die den ganzen Zorn des unterjochten Slövaken gegen wehrlose .luden gekehrt hatten. Als wären diese paar Dorfkrämer, Schankwirte und Fleischhauer schuld — oder auch nur mitschuldig — an den Fehlern der einstigen Regierung, am Weltkrieg und an seinen entsetzlichen Folgen, fiel die von gewissenlosen Agitatoren aufgehetzte Menge über Menschen her, mit denen sie bis dahin oft in ehrlicher Freundschaft und in Frieden gelebt hatte, und vernichtete mein an Gütern, als sie für den Moment sich überhaupt aneignen konnte. Und in einem benachbarten Orte wurde ein Angehöriger der Familie Diamant, der sich zur Wehr gesetzt halte, einlach erschossen. Eigentümliches Geschick des jungen Judenvolks! W ährend der daß eine Sehadensgutmachung aus ewit alten und doch Vater noch davon sprach, erschiedenen Gründen, hauptsächlich aber auch aus solchen der Opportunität fast unmöglich gewesen sei. nimmt der jüngste Sprößling des Hauses ein slovakisches Schulbuch zur Hand und beginnt seine Aufgabe zu schreiben. Und da erfahre ich, daß auch hier die einst bestandene jüdische Volksschule längst geschlossen werden mußte und die wenigen jüdischen Kinder bereits so weit durch die slovakische Schule beeinflußt sind, daß sie auch im Elternhause kaum mehr ein deutsches Wort sprechen. Noch vor zehn Jahren war es wenn auch nur zum Schaden für die slovakische Judenschalt anders, denn damals nahm die Stelle des Slovakischen in den Judenhäusern bis zu einem gewissen Grade noch das Ungarische ein und zum Teil konnten wirklich die Juden in diesen Dörfern als Vorposten der Magyarisierung gelten. Den Dank dafür haben 1918 die slovakischen ebenso wie ein Jahr später die ungarischen Juden geerntet und es ist daher zu begrüßen, wenn böse Erfahrung die .luden lehrt, Vcrbo St. Georgen 34