Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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\ ersöhn ungsfestes. Bald stund er unbeachtet unter der Menge der Gebete Murmelnden, den Tallis um die Schultern, und .starrte mit glühenden Vugen gegen den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem Raum. Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen entstand ein unbestimmter Lärm, in dem sieh eine schreiende oder keilende Stimme abhob. Ein dumpfer llöhlengeruch erfüllte das Gotteshaus; es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach Rauch und faulem Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger Andacht in Bücher mit gebräunten Blättern. Der Raum glich einem unterirdischen Gemach für \ erschwörer, einer Büßerklause für Vsketen; nichts von Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu linden. Die Lichter qualmten und wer aus freier Luft hereinkam, glaubte alsbald in eine sehwül-qualmende Schlucht zu versinken. Das letzte Kaddisch war beendet; alle rüsteten sich zum Aulbruch. Da schritt Zacharias Naar (lern Altar zu und erhob die Hand: ein /eichen, daß er zu reden wünsche. Ks wurde still und aller Augen wandten sich dem Fremdling zu. Der begann. nicht laut und scheinbar mehr für sich selbst. Kisprach zuerst in hastig hingeworfenen Worten von der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen \olkes; von der Unterdrückung, die es erlitten, und von der Zerstreuung in alle Teile der Weh. Dann, als er gewiß war, daß alle aufmerksiim lauschten, wurde seine Stimme lauter, sie verlor den belanglosen Ton und seine Augen begannen zu blitzen. Kr rief den allen Gott der -luden an, der \ erheißung auf Verheißung gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet habe und die Qualen der Heimsuchung, .ärger als zur /eil der ägyptischen Plagen. Ks wurde totenstill. Selbst die Mauern schienen zu lauschen und die \\ orte mit Begierde einzusaugen. Der Redner fuhr fort: „Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er streckt seine Hand aus und er schlägt es. so daß die Berge erzittern und ihre Leichen wie Kehricht auf den Straßen liegen. Haben sie uns nicht beschuldigt: ihr vergiftet unsere Brunnen0 haben sie nicht unsere Brüder hingeschlachtet zu lausenden0 Ilaben sie nicht geschrien: ihr nehmt das Blut unserer Kinder zum Opler beim Passahleste? Ihr nehmt das Blut und braucht es für euere schwangeren Weiber0 haben sie uns nicht ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser verbrannt? und unsere Güter geraubt? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und viele linden keine Hütte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns nicht aufs Rad gellochten und den Henkern im Kand preisgegeben wie krankes Vieh? nicht unsere Kinder \ erbrannt, nicht unsere Weiber geschändet und als die Pest kam, nicht schlimmer unter uns gewütet, denn die Pest? Bei alledem hat sich der Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt wird er ein Panier aulrichten dem Heidenvolk aus der lerne und wird ihm pfeifen vom Lude der Ende und siehe, eilends, flugs kommt es. Kein Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht gibt es sieh dem Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt seiner Lenden, noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse sind wie Kiesel zu achten und seine Räder kreischten wie die jungen Löwen und knurrt, und packt den Raub und trägt ihn davon und niemand vermag zu retten. Lud es wird über -Inda dröhnen wie Meeresdröhnen und blickt er auf das band hin, siehe da ist angsterregende Finsternis und das Licht ward dunkel in dem Gewölbe darüber. Nahet euch, ihr Heiden, um zu hören, und ihr Völker, merket auf! Es höret die Erde, was sie erfüllet, der Weltkreis, und alles, was ihm entsproßt. Denn einen Groll hat der Herr auf alle Heiden, er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre Erschlagenen werden hingeworfen, und ihre Leichen, aufsteigen soll ihr Gestank, und es sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut. Die Sterne sollen zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt werden. Aber unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere Steppe und blühen wie die Narzisse. Sie soll blühen, ja blühen und frohlocken und jubeln! Dil' Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt und die Pracht des Karmel. Stärkt die erschlafften Glieder und die wankenden Knie macht lest! Sagt zu denen, die bekümmerten Herzens sind: seid stark! Aulgetan werden die Augen der Blinden und die Ohren der Tauben geöffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Kahme springen und jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aulgestanden in der kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wäre Messias und das Himmelreich ist nah! da, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände beben! Habt ihr ihn nicht rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers? Ein neues Erlösungswerk geht ihm voran und Olam ha Tikkun wird erstehn. Das göttliche Wesen hat er allein erkannt, er, Sabbatai Zew i! Sammelt euch, Brüder, richtet euch empor, richtet eure Weiber empor, lehrt eine Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort! Im Jahre fünftausendvierhundertundacht der Welt begann die Erlösungszeit zu t agen, und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart. Wunder über Wunder hat er verrichtet und die -luden des .Morgenlandes jauchzen ihm zu." Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Red- 26