Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-01-01 · 3 (Jänner 1934) · p. Seite 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
3 (Jänner 1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 34 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695754--044-8245642
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein Chamisdha Assar- Fs lebten einst zwei Brüder. Beide hatte das Schicksal lieh gehabt und zu reichen Mensehen gemaeht. Der eine der beiden Brüder hatte ein gutes Herz, war wohltätig gegen Arme und liebte Kinder über alle Maßen. Vor allem die klugen, kleinen \\ esen hatten es ihm angetan. Er seharte sie um sich, fragte nach ihren Wünschen, Träumen und Sorgen und beschenkte sie alle, aus Freude an dem Glück reiner Kinderseelen. Wenn er Kinder glücklich machen konnte, wenn ihr Herz erstrahlte, dann war er selbst wunschlos glücklich und immer, wenn sieh ein Kindergesicht zu froher Laune erhellte, dann war es ihm, als ob er aus einer dunklen Höhle zur plötzlich sichtbar werdenden leuchtenden Sonne aufsehen durfte. Denn wie ein Geschenk von oben dünkte ihm ein herzhaftes Kinderlachen und alle Kinder, die ihn kannten, hatten ihn auch wirklich lieb. Aber er schenkte, und schenkte zur Freude der Kinder und sein \ ermögen zerrann und er war arm geworden. Sein Bruder war herzlos und glich ihm wie die Hölle dem Himmel. -Jedem Menschen mißtraute er. niemanden beschenkte er, niemanden machte er froh und glücklich. Fr blieb reich, ja sein Reichtum mehrte sich; er selbst aber konnte nie herzhaft lachen, weil er anderen Menschen keine Freude gönnte. An einem schönen Wintertag trieb ein eisiger Wind kleine Schneeflocken wie dichte Rauchwölkchen über das Fand. Der verarmte Bruder ging einsam auf der Straße mit last ganz leerer Tasche. Dämmerung brach langsam herein. Fr war in Gedanken versunken. „Chamischa Assar ist heute", dachte er, „da soll ich den Kindern Früchte bringen, Südfrüchte, wie sie in unserem Lande gedeihen, 15 Arten, wie die Vorschrift lautet. Die Kinder sollen belohnt werden für ihren Fleiß und sie sollen sich beim Genuß der Früchte an das Fand ihrer Väter erinnern, an die jüdische Heimat, an Erez Israel." Der Gedanke, den Kindern Freude zu bringen und sie an ihre Heimat zu mahnen, lenkte seine Schritte zum nächsten Kaufmannsladen, um die Früchte einzukaufen. Da begegnetem ihm Almosensammler, die nicht wußten, daß der reiche Mann bereits verarmt war. Sie kannten ihn als Wohltäter und baten, wie sie es bei ihm immer mit Frfolg getan hatten, um Spenden für die Armen. Und er sagte auch diesmal nicht Nein und gab ihnen die paar Alünzen, die noch sein Figen waren. Von einem 13 jährigen Knaben Fiel in Gedanken ging er weiter und wußte nicht, ob er recht getan hatte. Plötzlich kamen, wie er geahnt hatte, Kinder aus dem Bethaus. Fs war dort Chamischa-Assar gefeiert worden und alle Kinder hatten Geschenke in Händen, wie sie zum Festtage gehörten. Es waren Südfrüchte, die in der Heimat gedeihen, Orangen, Mandeln, Rosinen. Datteln, Feigen. Fangsam wurde in der schneeverwehten Dämmerung der Mond sichtbar und ließ die Gasse -traumhaft aufleuchten. Da sahen die Kinder ihren Freund. „Seht, da kommt unser Wohltäter." Kaum merkten sie, wie traurig er war „Hast du heute keine Früchte für uns.-"' fragten sie ihn, einer, der andere, alle im Chore der frohen Kinderschar. Der Wohltäter schwieg, Tränen quollen aus seinen trüben Augen, er blieb stehen, sah die Kinder an, sprach kein Wort und wollte weiter wandern. Die Kinder wußten nicht, was das Gehaben des Mannes zu bedeuten habe. Einer von ihnen mochte etwas geahnt haben. Fr nahm einen Sack, gab seine Früchte hinein und die anderen hallen ihm, mit ihren Geschenken den Sack anzufüllen, ja, sie drängten sich dazu, auch ihre Früchte noch in den Sack zu bringen. Dann umringten sie den .Mann, drückten ihm stürmisch den Sack in die Arme und liefen eilends davon. Man hat ihn lange nicht mehr gesehen. Nach einiger Zeit aber erzählten sieh die Kinder eine seltsame Geschichte. Der Mann, der Wohltäter der Kinder, hatte mit dem Sack voll »Früfchten die Stadt verlassen und war weit weg gewandert. Er kam in fremdes Fand, dessen König an einem schweren Magenübel erkrankt war. Kein Arzt konnte dem König hellen. Sie meinten, nur der Genuß von Obst aus dem Fände der Juden könnte den König von seinem Leiden befreien. .Man suchte im ganzen Lande nach einem Juden, der jüdische Früchte bringen könnte und fand den verarmten Kinderfreund, der müde und hungrig mit seinem Sack im Freien nächtigte. ,,Du bist ein Jude; was hast du in deinem Sack?" fragte man ihn. „Es sind Südfrüchte aus dem Lande der Juden, die mir armen Manne von Kindern am Lage des Baumfestes geschenkt wurden, weil ich ihnen selbst keine schenken konnte." Man brachte den Mann zum König, und er gab dem Leidenden die Früchte* damit sie ihm Gesundheit bringen. Der König wurde geheilt und ließ dem Juden den Sack mit Gold anfüllen. Der Jude kehrte mit dem Sack in sein Städtchen zurück. Alle, die er als Kinder zur Freude 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.