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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-01-01 · 3 (Jänner 1934) · p. Seite 22

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
3 (Jänner 1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 22 (sequence 24)
Language
German
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ScUdem Ak^cUem JVVl'&U Ihr sagt, daß die Juden überall Feinde haben, daß sie gejagt, getrieben und verfolgt werden? [ch sage euch aber, es ist gerade umgekehrt: Der -luden nimmt sich jeder an. Zum Beweis will ich euch eine Geschichte von zwei Brüdern erzählen, und wir wollen hören, wie ihr nachher darüber denkt. Es gab zwei Brüder, der eine hieß .. . was liegt daran, wie er hieß? Stellt euch vor, der eine hieß Meier, der andere Sehneier. Zugetragen hat es sieh irgendwo in Samogytien, oder in Polen, in Wolhynien oder in Litauen, gleich am Anfang der Revolution und der großen Greueltaten, die sie mit sieh brachte. Es verbreitete sieh das Gerücht vön einem .Pogrom', einem ganz gewöhnlichen Judenpogrom, der in kurzem ausbrechen sollte... Obgleich unsere zwei Prüder außer ihrem nackten Leben nichts zu verlieren hatten, gar nichts, denn sie besaßen weder ein eigenes Haus noch ein Geschält, noch Vermögen, nicht einmal Weib und Kindel' fürchteten sie dennoch, ihr Leben einzubüßen. Lines schönen Morgens standen sie Früh auf und machten sieh auf den Weg, in der Richtung, wohin die Augen sie führten. Der Aulbruch geschah in größter Eile. Warum eilten sie so?... \\ eil sieh das Gerücht von einem Pogrom verbreitete, mußte man gleich davonrennen? Die Antwort könnte lauten: Wahrscheinlich hätte sich im Städtchen bereits ein unruhiges Treiben bemerkbar gemacht, vielleicht ritten gar die Kosaken mit den ,Nagajki' umher... Was hatten Kosaken in einem stillen Städtehen zu lim, in einem .jüdischen Städtchen, zweitausend Meilen von der Mandschurei entfernt?... Stellt euch aber vor, daß wirklich ein Pogrom ausgebrochen war! Unsere beiden Riesen, Meier und Schneier,. 1 logen, wie ein Pleil aus dem Bogen. In der großen Eile hatten sie wahrscheinlich vergessen, ein /.weites Hemd, einen /.weiten Anzug, ein Kissen und allerlei andere Sachen, die ein Mensch auf der Heise haben muß, für den Weg mitzunehmen, /um Beispiel auch Brot. Ich rede gar nicht erst von anderen Lebensmitteln, wie Wurst, geräucherte Zunge, eine Büchse .Sardellen, nein, ich rede nur von einem einfachen Stückchen Brot, ,dcm täglichen Brot', über das wir den Segensspruch machen, das kein Mensch entbehren kann, und wenn er bis ans Ende der Welt liefe. Naht der Augenblick, da der Magen nach Speise verlangt ihr mögt ein Gelehrter oder ein Philosoph sein - , so lÜC UM werdet ihr nicht eher ruhen, bis ihr, mit \ erlaub zu sagen, euch den Bauch vollgestopft habt. So hat (iott den Menschen einmal geschaffen dagegen läßt sieh nichts tun. Ist es nicht so? Sag! selbst! Aber wo waren wir in unserer Geschichte stehengeblieben? Bei den beiden Brüdern. Also Meier und Schneier wanderten unermüdlich, keuchend, seit dem frühen Morgen; nur manchmal blieben sie stehen, schöpften Atem und setzten ihren Weg wieder fort, rasteten von Zeit zu Zeil einen Augenblick und Helen mit rasender Eile weiter, als ob sie von Räubern verfolgt würden oder den Jahrmarkt versäumen könnten. .So ging es den ganzen Tag; erst, als der Abend nahte, mäßig ten sie ihre Schritte und hielten endlich in ihrer Wanderung an. Da sagte der ältere zum jüngeren: „Weißt du, was ich dir sagen werde. Schneier?" „Was denn, Meier?" „Was?... Ich fühle nicht so sehr Müdigkeit wie Her/weh. Ich habe Hunger." „Ich auch/' Nachdem die beiden Brüder diese Worte getauscht hatten, bemerkten sie etwas in der Ferne. Was, glaubt ihr, war es? Vielleicht eine Quelle mit kaltem, kristallreinem Wasser? Oder einen soeben aus dem Backofen herausgenommenen, wohlriechenden Striezel? Oder warme, in Butter gebratene fische'-1 Oder etwa Suppenfleisch mit Kartoffeln und roten Rüben, mit Knoblauch zubereitet, dessen Dult in die Nase stieg? Nichts von alledem. .Sie bemerkten mitten auf dem Feld zwei Kosaken, auf der Erde sitzend, richtige Kosaken mit langen Piken und kurzen Peitschen, den „Nagajkis', und mit rot gehaspelten Beinkleidern. Sie saßen in halbliegender Stellung, auf die Ellenbogen gestützt, die Mütze auf einem Ohr, das glänzende Haar auf eine .Seite herunterfallend. In einem Ohr trugen sie einen silbernen Hing. Ihre Gesichter waren von der Sonne rotgebrannt, ihre Zähne weiß wie Milch. Im Mund hielten sie eine Pfeile. In ihrer Nähe hielten sich ihre Pferde auf und zupften Gras; über dem Leuer, das sie angelegt hatten, hing ein kleiner, dreiiüßiger, eiserner Kessel. Was mochte wohl darin kochen? f ische, Fleisch, Wurst oder Grütze? Etwas Schlechtes war es keinesfalls, das verriet der Geruch. Aber ob es wohl rituell war? „Weißt du, was ich dir sagen werde. Schneier?" 22

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